Die y-nachten Redaktion gönnt sich wie immer eine kleine Sommerpause. Bis zum 16.9. gibt es zwar vereinzelte Artikel, aber nicht den regelmäßigen Montagstext. Damit Euch nicht langweilig wird, schlagen die Redaktionsmitglieder ein paar Bücher und Serien für das Sommerloch vor. Aloha!


Claudia empfiehlt: „Tyll“ von Daniel Kehlmann

Warum man „Tyll“ lesen sollte? Weil es wirklich großen Spaß macht! Obwohl es im düsteren Szenario des Dreißigjährigen Krieges spielt. Ich habe es im Urlaub am Strand regelrecht verschlungen, so sehr hat mich Kehlmanns Sprache in den Bann gezogen und mitten in den Glaubenskrieg des 17. Jahrhunderts versetzt. Man lernt nicht nur Tyll Ulenspiegels Perspektive kennen, sondern auch die seiner Zeitgenoss*innen. Es geht nicht nur um den rebellischen Gaukler, sondern auch um verarmte König*innen, natürlich um die Liebe, aber auch um den Streit zwischen Zauberei und Wissenschaft und, als sei es nicht genug, um inquisitorische Jesuiten. Durch die Perspektivwechsel wird auf wunderbare Art und Weise vorgeführt, wie unterschiedlich Wirklichkeitswahrnehmungen sein können. Dadurch vermischen sich Fiktion und Realität immer mehr.


Hannah empfiehlt: „Tales of the city – Barbary Lane“

28 Barbary Lane – eine Holztreppe führt zu einer Stadtvilla mitten in einem von Lampions beleuchteten Garten. Bewohnt wurde und wird das Haus von einer bunten Gruppe Menschen, die alle im Laufe der Zeit in San Francisco gestrandet sind und in der Barbary Lane ein Zuhause gefunden haben. Das ist das Setting für die aktuelle Miniserie „Tales of the city – Barbary Lane“, die seit Juni (sauber getimed im Pride Month) auf Netflix zu sehen ist. Sie ist die vierte Adaption einer Serie, deren vorangegangene Staffeln – erstmals 1993 ausgestrahlt – auf den gleichnamigen Geschichten des Schriftstellers Armistead Maupin beruhen. In den aktuellen Geschichten aus der Barbary Lane geht es um „logische“ und biologische Familien, um Menschen aus verschiedenen Generationen der queeren Geschichte San Franciscos, um Konflikte und Geheimnisse, ums Feiern und Versöhnen. Und ja, manchmal brennen ein paar Lampionketten zu viel in diesem wunderschönen Setting – aber wo, wenn nicht in einer Sommergeschichte in San Francisco?


Annika empfiehlt: „Swing Time“ von Zadie Smith

Zadie Smith ist alles andere als ein Geheimtipp, sondern gehört längst zu den bedeutendsten Schriftsteller*innen der Gegenwart. Der 2016 erschienene Roman „Swing Time“ zeigt eindrücklich, warum das so ist: Anhand der ineinander verwobenen Lebensgeschichten zweier junger Mädchen aus dem Nordwesten Londons, die gemeinsam zum Ballettunterricht gehen, eröffnet Smith das Feld von Herkunft, Hautfarbe, familiären Verhältnissen, Geschlecht, Bildung und Diskriminierung und zeigt auf, welche Prägungen hierdurch für den weiteren Lebensweg gelegt werden. Die in feinen Schattierungen gezeichneten Charaktere ringen in explorierenden Erzählungen um ihre je eigene Identität und müssen – gleich den Leser*innen – die Erfahrung machen, dass es fluide Prozesse sind, die ebenjene ausmacht und beeinflusst. Wem das als Lesetipp noch nicht reicht, der*die lässt sich vielleicht vom Titel überzeugen: Swing Time, das erinnert an Schaukeln im Sommer. Gibt es etwas Schöneres?


Florian empfiehlt: „Please like me“

Diese Serie versetzt uns an Augustregentagen ins sonnige Australien, wo Josh Thomas seine autobiographische Geschichte erzählt. Ihr könnt Euch auf sehr gelungene Comedy einstellen, in der auch häufig die realness durchbricht und mental health und queere Themen ihren Platz finden. Das Ganze ist auch noch verpackt in sehr schöne Ästhetik und stellt liebenswerte Charaktere vor.


Jonatan empfiehlt: „Wo ist Norden“ von Barbara Handke

Noch dieses Jahr sind die Bürger*innen in Sachsen, Brandenburg und Thüringen zur Landtagswahl aufgerufen. Zuvor stehen nun wohl einige heiße Wahlkampfwochen an. Viel wird dort von den Erfahrungen die Rede sein, die nach der Friedlichen Revolution 1989 gemacht wurden und Biographien bis heute prägen. Auch die wachsende Kluft zwischen Großstädten und ländlichen Räumen ist – nicht zuletzt wegen des dort stärkeren Rechtspopulismus – Wahlkampfthema. Einen Roman, der jene verworrenen Lebenswege in der Transformationsphase der 1990er-Jahre beschreibt, hat die Leipziger Autorin Barbara Handke vorgelegt. Ich-Erzähler Nikita berichtet in „Wo ist Norden“ von dem Versuch einer Familie, auf einem alten Gutshof ein neues Zuhause zu finden, romantischen Verwicklungen und nicht zuletzt von der Skepsis der Einheimischen gegenüber den Neuankömmlingen. Wer ein Lesevergnügen sucht und gleichzeitig Ostdeutschland besser verstehen will, sollte das Buch deshalb mit in die Sommerfrische nehmen.


Franca empfiehlt: „Chernobyl“

Zugegeben: Die Miniserie „Chernobyl“ ist nach ihrem kometenhaften Aufstieg im IMDb-Rating weder ein Insidertipp, noch bietet sie wirklich den Stoff, aus dem leichte Sommertage gemacht sind. Dennoch lädt sie zu einem fesselnden, wenngleich schwer verdaulichen Binge Watch ein. Anders als in anderen Katastrophenerzählungen wissen die Zuschauer*innen hier schon vorher, dass keine Alleskönnerrolle im Roland Emmerich-Stil die grauenerregenden Geschehnisse wird verhindern können. Der Serie gelingt ein komplexes Ineinander von wissenschaftlicher, politischer und persönlicher Aufarbeitung des Super-GAUs. Die Bildsprache mutet dystopisch an. Vielleicht ist es gerade die optische Nähe zu anderen apokalyptischen Filmen, die „Chernobyl“ so besonders macht. Erzählt wird jedoch eine Katastrophe ohne tieferen Sinn und ohne Happy End. Und die ist wirklich passiert.


Wir wünschen all unseren Leser*innen einen schönen Sommer!

#jung #hip #aloha


(Beitragsbild: @priscilladupreez)

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