Wir haben Karl Rahner SJ bereits Fragen zur Fastenzeit, zu Ostern, Pfingsten und Advent gestellt; heute soll es um Weihnachten gehen. Rahner spricht Karltext – eine Serie bei y-nachten.de.

y-nachten.de: In unserem letzten Interview zum Advent haben Sie uns erzählt, dass Glühwein und Kekse nicht Ihre Sache sind. Worauf kommt es Ihnen dann an in dieser Zeit?

Karl Rahner SJ: Die Weihnacht ist mehr als ein bisschen tröstliche Stimmung. Auf das Kind, auf das eine Kind, kommt es an diesem Tag, in dieser heiligen Nacht an. Auf den Sohn Gottes, der Mensch wurde, auf seine Geburt.

y-nachten.de: Denken Sie, dass es im Jahr 2020 noch angebracht ist vom Christuskind als Heilbringer zu sprechen? Wie sollen wir das heute noch verstehen?

Karl Rahner SJ: Jetzt geht es vermutlich für lange Zeiten durch Enttäuschungen und Abstürze hindurch weiter, aber schließlich läuft es für den einzelnen wie für die Menschheit auf ein unwiderruflich festes Ziel zu, eben auf das Licht, den Frieden und die letzte Versöhnung. Gott hat sein letztes, sein tiefstes, sein schönstes Wort im fleischgewordenen Wort in die Welt hineingesagt. Und dieses Wort heißt: ich liebe dich, du Welt und du Mensch.

y-nachten.de: Ähnlich verhält es sich ja mit der Formulierung der „Menschwerdung Gottes“. Wie würden Sie dies jungen Menschen von heute erläutern? Oder bleibt sie als offene Frage stehen bzw. lässt sich darüber nur noch schweigen?

Karl Rahner SJ: Die Menschwerdung Gottes ist der einmalig höchste Fall des Wesensvollzugs der menschlichen Wirklichkeit, der darin besteht, dass der Mensch ist, indem er sich weggibt in das absolute Geheimnis hinein, das wir Gott nennen.

y-nachten.de: Eine kurze und prägnate Antwort. Damit verbindet sich ja auch die Frage, was der Mensch überhaupt ist. Corona hat uns gezeigt: Wir sind vor allem auch fragile, sterbliche Wesen, hungern nach Beziehung. Verklärt das Christentum das Menschsein nicht in Anbetracht dieser bitteren Wirklichkeitserfahrung?

Karl Rahner SJ: Das Leben des Christen ist charakterisiert durch einen „pessimistischen“ Realismus und durch den Verzicht auf eine Ideologie im Namen des Christentums. Die eigentliche totale, umfassende Aufgabe des Christen als Christen ist die, ein Mensch zu sein, freilich mit jener göttlichen Tiefe, die ihm unausweichlich in seinem Dasein vorgegeben und eröffnet ist. Und insofern ist eben das christliche Leben Annahme des menschlichen Daseins überhaupt, im Gegensatz zu einem letzten Protest. Das bedeutet aber, dass der Christ die Wirklichkeit so sieht, wie sie ist. Das Christentum verpflichtet ihn nicht, diese Wirklichkeit seiner Erfahrungswelt, seiner geschichtlichen Lebenserfahrung in einem optimistischen Lichte zu sehen.

y-nachten.de: Aber nun genug der theologischen Spitzfindigkeiten. Wo werden Sie ihre Weihnachtsfeiertage verbringen?

Karl Rahner SJ: Man ist wenig aufgelegt zu buntem Treiben und lautem Lärm. Man ist lieber und leichter als in anderen Gezeiten des Jahres bei sich zu Hause und allein.

y-nachten.de: Wenn Sie einen Wunsch ans Christkind formulieren könnten: Was würden Sie der Kirche wünschen?

Karl Rahner SJ: Die Kirche muss auf jeden Fall eine offene Kirche sein, sie darf nicht von Leuten zusammengesetzt sein, die mit der übrigen Welt nicht fertig werden, sondern sie muss Kirche sein, die aus einer echten christlichen Grundüberzeugung heraus Menschen gewinnt, ohne sie (in alter oder neuer Weise) zu klerikalisieren.

y-nachten.de: Und weil ja kurz danach Neujahr gefeiert wird: Was wünschen Sie unseren y-nachten-Leser*innen für 2021?

Karl Rahner SJ: Die Zeit eilt. Man kann verzweifelt oder wehmütig dabei werden, wenn man so an Silvester merkt, wie wieder ein Stück des irdischen Lebens unwiderruflich vergangen ist. Aber die Zeit eilt Gott und seiner Ewigkeit entgegen, nicht der Vergangenheit und dem Untergang. Und darum: in Gottes Namen!

y-nachten.de: Herr Rahner, in diesem Sinne: Herzlichen Dank für das Gespräch, gesegnete Weihnachten und ein gutes neues Jahr 2021!

Hashtag: #Karltext


Alle Antworten stammen aus den Schriften Karl Rahners und wurden für das Interview von @karlrahner_sj kreativ neu angeordnet und dazu z.T. redaktionell bearbeitet.

(Beitragsbild: Enrique Lopez Garre)

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prof. dr. karl rahner

prof. dr. karl rahner

war Professor für systematische Theologie mit dem Schwerpunkt Dogmatik und Dogmengeschichte in Innsbruck, München und Münster. Er nahm am Zweiten Vatikanum und an der Würzburger Synode teil. Im Jahr 2018 erschien der letzte Band seiner Gesammelten Werke.

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