Oops, they did it again: Der Vatikan hat sich einmal mehr zu Genderfragen geäußert. Nadja Schmitz-Arenst sieht einige Unzulänglichkeiten in diesem neuen Dokument.

Letzte Woche veröffentlichte die Vatikanische Bildungskongregation ein neues Schreiben zum Thema Gender. „Maschio e femmina li creo“ („Männlich und weiblich hat er sie erschaffen“) möchte sich zwar dialogbereit und versöhnlich zeigen, enthält aber wenig Neues zur Diskussion um die immer gleichen „Kritikpunkte“ der katholischen Kirche. Entsprechend reibt man sich wieder erstaunt die Augen, wenn man das neue kirchliche Dokument zur vermeintlichen Ideologie rund um Gender liest, so sehr ist es entfernt von jeder Diskussion, die die Soziologie, Biologie, Psychologie und viele andere Wissenschaften seit Jahrzehnten führen. Wie auch schon in der Vergangenheit baut sich das Lehramt in der „Gender-Ideologie“ wort- und unterstellungsreich ein Feindbild auf, das dann in typisch katholischem Gestus bekämpft werden kann: von oben herab, von gesetzten Wahrheiten und Naturbegriffen ausgehend und komplett selbstreferentiell argumentierend (es gibt tatsächlich nicht eine einzige Fußnote, die kein lehramtliches Schreiben zitiert).

Wie in den bisherigen Schreiben zur Causa1 wird der „Gender-Ideologie“ – genauer wird nicht erklärt, wer genau eigentlich diese ominöse Gruppe oder gar die Lobby dahinter sein soll – vorgeworfen, Ehe und Familie zu zerstören, Unterschiede zwischen Mann und Frau zu negieren, Menschen dazu zu ermutigen, ihre „Natur“ zu ignorieren, und, besonders schlimm in den Augen des Lehramts, die Erziehung der Kinder zu bestimmen. Deshalb richtet sich das Dokument vorwiegend an Lehrer*innen, Erzieher*innen und anderes pädagogisches Fachpersonal. Dass diese hier aufgelisteten Kritikpunkte in fast allen Dingen wissenschaftliche Genderforschung ignorieren, falsch einordnen und/oder missverstehen (ob absichtlich oder nicht), ist auch in der wissenschaftlichen Theologie längst aufgearbeitet.2 Durch die konsequente Nicht-Auseinandersetzung mit dem eigentlichen Inhalt der Gender-Theorien und der Unterstellung von falschen Aussagen, begibt sich die Kirche (auch in diesem Dokument wieder) auf einen Argumentationspfad, der zumindest in der Tendenz fundamentalistischer Natur und dazu erstaunlich schlecht ist, wie der Wiener Theologe Gerhard Marschütz schon 2017 analysierte.3

Trans und Inter und verquere Naturbegriffe

Mittlerweile hat man nun auch im Vatikan gemerkt, dass diese Genderfragen nicht einfach von selbst zu verschwinden scheinen und dass sich Menschen der LGBT+ Community nicht mehr die ihnen zustehenden Rechte vorenthalten lassen. Fast schon nach bitterer Ironie klingt es, wenn man die Zeilen liest, in denen im vorliegenden Dokument um Respekt und Toleranz für jeden Menschen geworben wird – nur um dann im weiteren Verlauf die Existenzberechtigung der kompletten LBGT+ Community, vor allem aber die der inter- und transsexuellen Menschen infrage zu stellen. Im Dokument werden gleich mehrere verletzende Vorurteile gegenüber Trans- und Intersexuellen geäußert. Vor allem wird propagiert, dass diese sich gegen ihre „Natur“ ihr Geschlecht „beliebig aussuchen“ (Nr. 11) und dass Trans- und Intersexuelle unter ihrer „sexuellen Unbestimmtheit“ (Nr. 25) leiden. Besonders problematisch ist vor allem Punkt 24, in dem es um Intersexualität geht:

„That said, in cases where a person’s sex is not clearly defined, it is medical professionals who can make a therapeutic intervention. In such situations, parents cannot make an arbitrary choice on the issue, let alone society. Instead, medical science should act with purely therapeutic ends, and intervene in the least invasive fashion, on the basis of objective parameters and with a view to establishing the person’s constitutive identity.“

Argumentiert das Lehramt hier dafür, dass intersexuelle Menschen auf jeden Fall operiert werden müssen? Diese Interpretation der Zeilen liegt nahe und offenbart neben Unwissen über natürlich vorkommende Intersexualität besonders deutlich, dass hier kein Dialog mit Betroffenen geführt wurde. Intersexuelle Kinder zu operieren, um sie an ein Geschlecht anzupassen, ist immer noch gängige Praxis in vielen Kliniken. Häufig beginnt damit für Betroffene ein langes Ringen um ihre Identität und die Validität ihrer Gefühle, vor allem, wenn sie sich nicht mit dem Geschlecht identifizieren, das für sie ausgewählt wurde.4 Ein späteres Rückgängigmachen solcher Eingriffe ist oft schwierig und manchmal sogar unmöglich.

Außerdem wird in diesen Absätzen der problematische Naturbegriff des Lehramts besonders deutlich: Es wird von einem streng binären Geschlechtersystem ausgegangen, in dem Abweichungen problematisiert werden müssen. Eigentlich leitet das Dokument aber hier nur das aus der Natur ab, was vorher in sie hineinprojiziert und mit selektiv ausgewählten biologischen Fakten unterstützt wurde. Ganze Gruppen dafür zu verurteilen, wie sie erschaffen worden sind, nämlich trans, nicht binär oder inter, ist, wie Felix Neumann für katholisch.de auf den Punkt bringt, der eigentlich Verstoß gegen die Natur des jeweiligen Menschen:

„Er, sie ist ein Individuum – in der statistischen Regel mit klarer männlicher oder weiblicher biologischer und soziologischer Geschlechtsidentität. Aber eben nicht immer, und auch diese Menschen sind ein natürlicher Teil der Schöpfungsordnung. Unnatürlich wäre, sie in eine Geschlechtsdualität zu pressen, die ihrer Individualität, ihrer ‚Natur‘, nicht gerecht wird. Das wäre eine ideologische Verzweckung des Individuums zugunsten einer abstrakten ‚Natur‘.“

 

Die Kirche trägt zu Leid bei

Nun könnte man sagen, ach naja, ein neues schlechtes Dokument der Kirche, was soll’s, aber in unserer momentanen gesellschaftlichen Situation, in der auch in vielen demokratischen Staaten die hart erkämpften Rechte der LGBT+ Community angegriffen werden und in dem gesamtgesellschaftlich immer noch viel Homo- und Transphobie existiert, da ist ein erneutes diskriminierendes Dokument der Kirche ein Schlag ins Gesicht für viele Menschen. Denn all die Fälle von Hass, den es in unserer Gesellschaft der LGBT+ Community gegenüber gibt,5 sind nur die Spitze des Eisbergs, zu dem die Kirche mit beigetragen hat und dies immer noch tut.

Wer verstehen will, wie die Kirche mit ihren Anti-Gender-Dokumenten zu Ressentiments, Vorurteilen und Diskriminierung beiträgt und wie sich dies auf Kinder und Jugendliche, die in irgendeiner Form queer sind, auswirken kann, der*die muss Betroffenen zuhören. Vor wenigen Tagen hat der erfolgreiche britische Youtuber Daniel Howell ein eindrückliches Coming-Out-Video veröffentlicht, in dem er seine Lebensgeschichte erzählt. Durch jahrelanges Mobbing in verschiedenen Schulen wurde er bis zum Selbstmordversuch getrieben:

„This was definitely the lowest point in my life. I just felt totally alone, confused and I deeply hated myself. I used to ask God, in case he was there, to please just make me straight, and everyone stop, but I saw no end. No escape. No way to change the world or who I was, so one evening I thought ‚fuck it‘ and I attempted suicide.“

Und er merkt an, dass der regelmäßige Gottesdienstbesuch in dieser Zeit wirklich nicht hilfreich war. Gerade der schon in der Kindheit erlebte Hass der eigenen Orientierung oder Identität gegenüber, den Howell beschreibt, führte in seinem Fall zu internalisiertem Selbsthass, der ihn bis heute einschränkt. Die psychische und physische Gewalt, die er und tausende andere Kinder und Jugendliche in ihren Familien, in Bildungssystemen und in verschiedenen Kirchen über sich ergehen lassen müssen, wird auch mithilfe solcher Dokumente der Kirche aufrecht erhalten, die genau die Vorurteile festigen, die in vielen Teilen der Gesellschaft sowieso schon präsent sind. Und dieses Leid, das eine intolerante Gesellschaft bei vielen Menschen verursacht, haben alle mitzuverantworten, die Täter*innen sind, die Ressentiments verbreiten und festigen, die Menschen hassen, nur weil sie anders sind. Und im Moment zählt die Kirche als Institution dazu. Dass sie halbherzig daran erinnert, jeden Menschen zu respektieren, macht wirklich nichts besser an ihrer Haltung, wenn sie zeitgleich integrale Bestandteile einer jeden Person, wie sexuelle Identität und Orientierung bei LGBT+, ablehnt und damit unweigerlich diese Personen in ihrer Würde verletzt.

Diese Kirche, die eigentlich immer an der Seite der Unterdrückten und Benachteiligten zu stehen hat, scheitert letztendlich erneut daran, die Lebenssituationen von Menschen der LGBT+ Community zu verstehen und ernst zu nehmen. Eigentlich müsste für sie das gelten, was auch Daniel Howell als einzig richtige Konsequenz aus seiner Lebensgeschichte zieht:

„Queer people exist. Choosing not to accept them is not an option.“

Hashtag: #queercreation


(Beitragsbild: @deninlawley)

1 Ausschnitte in: Amoris Laetitia; Schreiben an die Bischöfe der Katholischen Kirche über die Zusammenarbeit von Mann und Frau in der Kirche und in der Welt; Ehe, Familie und »de-facto«-Lebensgemeinschaften

2 Nur als Beispiele für verschiedene Veröffentlichungen zum Thema:

Eckholt, Margit (Hg.): Gender studieren. Lernprozess für Theologie und Kirche. Ostfildern 2017.

Laubach, Thomas (Hg.): Gender: Theorie oder Ideologie? Freiburg 2017.

3 Marschütz, Gerhard: Erstaunlich schlecht – die katholische Gender-Kritik. In: Laubach, Thomas (Hg.): Gender: Theorie oder Ideologie? Freiburg 2017, S. 99-118.

4 Diese Reportage über Micha, der als intersexuelles Kind gegen seinen Willen im Genitalbereich operiert wurde, ohne dass dies medizinisch nötig gewesen wäre, macht die Problematik auf eindringliche Weise deutlich: https://www.buzzfeed.com/de/julianeloeffler/intersex-dritte-option-operation-medizin-leben

5 2017 gab es laut BKA 313 Verbrechen aus Hass gegen LGBT+ in Deutschland: https://www.queer.de/detail.php?article_id=31129; Hass in der Kirche gegen LGBT+ wird von Janik Hollaender hier besprochen: https://y-nachten.de/2019/05/empoert-euch-die-unertraeglichen-aeusserungen-von-p-romano-christen-ueber-homosexualitaet/

nadja schmitz-arenst

nadja schmitz-arenst

studiert Musikwissenschaft und Katholische Theologie an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg.

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