Was haben die alttestamentlichen Prophet*innen, Laudato Si und Greta Thunberg gemeinsam? Benedikt Collinet hält ein Plädoyer für mehr Visionen (und ihre Umsetzung) in Kirche und Gesellschaft.

Warum spielt Prophetie heute kaum mehr eine Rolle in der Kirche? Natürlich gibt es noch charismatische Bewegungen und evangelikale Gruppe, die glauben, mit Glossolalie und Gebet einen Zugang zum Geist Gottes erzwingen zu können. Wöchentliche Visionen, seien sie im Marienwallfahrtsort oder wie ein Horoskop abrufbar, zeigen eine fatalistische Verfügbarkeit des eigenen Zugangs an, die im krassen Gegensatz zur Botschaft der AT/HB Prophet*innen steht. Zur Verdeutlichung sei auf zwei Stellen verwiesen:

In 1 Kön 22 beratschlagen zwei Könige über einen Kriegszug. Wie in der Antike üblich werden dazu Orakel und Seher befragt, in Israel/Juda allerdings Hofpropheten. Es gibt einen eigenen Berufszweig, der dem König auf Befehl göttlichen Rat erteilen soll. Der verbündete König von Juda verlangt aber nach einem anderen Propheten, einem, der dem König nicht nach dem Mund redet. Daraufhin wird dem König Israels unbehaglich, er lässt aber trotzdem Micha ben Jimla holen, der ihm eine Vision gibt, die ihm ganz und gar nicht gefällt. Dieser Prophet, der ungebunden ist, der Gesellschaft am Königshof gegenübersteht und nur auf die Stimme seiner Vernunft und auf Gott hört, erklärt die Sinnlosigkeit des Kriegszugs. Logischerweise erhält er dafür keinen Dank, sondern riskiert sein Leben im Auftrag Gottes.

Prophetie als kritisches Korrektiv

Mit diesem Zugang wird er zum Vorbild der prophetischen Kritik. Die Prophet*innen stehen in Opposition zum König und halten ihm und der Gesellschaft kritisch den Spiegel vor. Für diese Rolle wurden im Mittelalter die Hofnarren eingesetzt, später Philosoph*innen; in der Demokratie ist es die inner- und außerparlamentarische Opposition, die korrigierend eingreift.
Anstelle Michas lässt sich auch Mose setzen, der dem Pharao widersteht, Jona in Ninive oder Jeremia in Jerusalem, den es besonders hart trifft. Diese besondere Art der Herrschaftskritik ist im AT/HB Männern vorbehalten.
Daneben gibt es noch die Kult- und Sozialkritik sowie die Vorhersagen von Hoffnung und Trost in der Zukunft. Sie werden auch von Frauen wie Mirjam, Hulda oder der Frau des Jesaja verkündet. Aus diesem Bereich stammt das zweite Beispiel:

In 2 Kön 22 entdecken die Priester des Tempels von Jerusalem eine Schriftrolle, die sie König Joschija vorlegen. Er liest sie und ist so schockiert, dass er zur Prophetin Hulda schicken lässt, um sie um Rat zu fragen. Ihre Antwort ist furchtlos und klar: Der König muss jetzt sofort umkehren und sich dem Gesetz, das auf der Schriftrolle steht, unterwerfen. Nur durch diese notwendige Reform im kultischen und sozialen Bereich wird der Staat Juda und das Königtum der Davididen noch zu retten sein.
In der Forschung ist es heute weitgehend Konsens, dass es sich bei dieser Schriftrolle um das Buch Deuteronomium handelt. Besonders wichtig ist dabei das sogenannte Ämtergesetz (Dtn 16,18-18,22), das genau regelt, wie sich Könige und Beamten, Richter*innen und Priester verhalten sollen. Im Sinne Gottes, in Gerechtigkeit und Barmherzigkeit, niemals auf Kosten der „Kleinen“ dürfen die Herrschenden handeln. Diese Kritik ist zunächst nicht an Institutionen gerichtet, sondern an jene, die sich in der Hierarchie vergehen und ihre Machtpositionen ausnutzen, v.a. Könige, hochrangige Bedienstete und die Priester.

Zivilcourage als prophetisches Charakteristikum

Doch auch für die Prophet*innen gibt es ein eigenes Gesetz. In Dtn 18,9-22 wird zwischen „Zauberern“ und „echten“ Prophet*innen unterschieden. Die hier entscheidenden Verse 18-22 lauten:

Einen Propheten wie Mose will ich mitten unter ihnen erstehen lassen. Ich will ihm meine Worte in den Mund legen und er wird ihnen alles sagen, was ich ihm gebiete. Den aber, der nicht auf meine Worte hört, die der Prophet in meinem Namen verkünden wird, ziehe ich selbst zur Rechenschaft. Doch ein Prophet, der sich anmaßt, in meinem Namen ein Wort zu verkünden, dessen Verkündigung ich ihm nicht geboten habe, oder der im Namen anderer Götter spricht, ein solcher Prophet soll sterben. Und wenn du denkst: Woran können wir ein Wort erkennen, das der HERR nicht gesprochen hat?, dann sollst du wissen: Wenn ein Prophet im Namen des HERRN verkündet und sein Wort sich nicht erfüllt und nicht eintrifft, dann ist es ein Wort, das nicht der HERR gesprochen hat. Der Prophet hat sich nur angemaßt, es zu sprechen. Du sollst dich dadurch nicht aus der Fassung bringen lassen.

Prophet*innen sind daher keine Menschen, die aus sich selbst entscheiden können, was oder wann sie etwas zu sagen haben. Es sind Menschen, die ihren Mund nicht vor Ungerechtigkeit verschließen können, selbst wenn sie wollen. Nicht jeder Mensch mit Zivilcourage ist gleichzeitig Prophet*in, aber doch prophetisch. Aufzustehen gegen Ungerechtigkeit, sei sie individuell oder systemisch, ist der Auftrag, der mit dieser Berufung einhergeht. Prophet*innen kritisieren die gesamte Breite der Gesellschaft. Die Kritik zielt zwar in erster Linie auf die Verantwortlichen in Politik, Religion und Wirtschaft, doch letztlich trifft sie uns alle.

Wenn Greta Thunberg bei den Fridays for Future auf die Straße geht, dann hält sie der gesamten Konsumgesellschaft den Spiegel vor. Nicht nur Nestlé und dem Wirtschaftsliberalismus, auch mir, der ich mich um Ökologie bemühe, wird dann deutlich, dass ich im gleichen System stecke, im gleichen Boot sitze, wie alle anderen. Ich fliege in die Ferne, lade ständig mein Handy, verschwende Unmengen Serverstrom beim googlen und streamen und schaffe es kaum vegetarisch zu bleiben. Auf diesem Level setzt auch die prophetische Kritik an. Sie ist zugleich spirituell und visionär.

Im Modus kritischer Reflexion

„Visionär“ heißt etwas zu sehen, das für andere noch nicht da ist. Eine Zukunft, die erreicht, vielleicht sogar geschaffen werden kann. Bei den Prophet*innen ist es oft ein schwarz-weiß Kontrast: Weltuntergang oder Umkehr (vgl. Dan; Ez; Mk 13 usw.). Der heutzutage überforderte Begriff „spirituell“ leitet sich zunächst einmal nur von „geistig“ ab. Spiritualität ist eine religiös praktizierte offene Geisteshaltung, die das persönliche Leben beeinflusst. Kaum etwas anderes erwarten wir heutzutage vom Hl. Geist. Er leitet die Kirche und die Welt an und lädt zu einer anderen Haltung ein. Manche Menschen können daraus eine Vision entwickeln und zu Visionär*innen werden. Wenn sie dabei tatsächlich von Gott geleitet sind – eine Frage, die wir uns stellen müssen, als aufgeklärte Menschen aber nicht beantworten können –, dann sind sie prophetisch.

Auf die Erfahrung des Erwähltseins folgt in der Bibel eine Phase der Einsamkeit, der Absonderung und Besinnung, die selbst Jesus kennt (Mt 3f.). Die Trennung von der Gemeinschaft führt dazu, dass man sie kritisch zu reflektieren lernt – ein Potential, was auch im späteren Leben wichtig sein wird. Die Antworten auf die wichtigen Fragen liegen nicht im Bewusstsein, sind nicht direkt rational erreichbar – müssen aber kritisch hinterfragt, durchdacht und dann in Handlung umgesetzt werden.

Ein Plädoyer für mehr Visionen

So ist auch die Hierarchiekritik, wie sie Michel Foucault und seine Schüler*innen für Gesellschaft, Religiosität, Geschlechtlichkeit u.v.m. praktizieren, visionär. Sie zeigen auf, wie Frauen unterdrückt werden, wie ihnen die Gleichberechtigung entzogen bleibt, sei es in Staat oder Religion. Die ökologische Krise unserer Tage, die gerade die Generation Z prägt und die warnenden Rufe von vielen Seiten, erinnern stark an den Appell zur Umkehr.
Laudato Si nicht nur lesen, sondern leben, könnte ein Weg sein. Eine Geisteshaltung entwickeln, die sagt: Ich habe mehr als genug, ich muss sogar zurückschrauben, damit die Erde überleben kann. Die Frage, wie Macht und Gerechtigkeit in einer von der Wirtschaft dominierten Politik überleben kann ist ebenso drängend, wie die Frage nach Relativierung der Hierarchien im Weiheamt der christlichen Konfessionen. Ist das Allgemeine Priestertum zur Leitung (un)fähig?

Die Populärkultur ringt seit Jahren mit diesen Fragen, die etablierten Religionen reagieren nur, anstatt zu agieren, die Politik zeigt sich ohnmächtig. Auf diese und mehr Fragen braucht es visionäre und prophetische Antworten. Es braucht Prophet*innen, die als kritische Opposition, als institutionslose Institution auftreten und jene Reformen einfordern, die sie nicht allein und nicht aus ihrer Position heraus anstellen dürfen. Wären Prophetenherrscher*innen gut, dann hätte es Mose ins gelobte Land geschafft. Was die Kirche in der aktuellen Krise brauchen kann, sind nicht nur Reformen, sondern auch Visionen. Es braucht die Vision einer Kirche ohne Machtmissbrauch und Verschleierung. Wir brauchen ein angemessenes Verständnis von Hierarchie und Leitung, eine Besinnung über die Rolle der Frauen und die Offenheit für neue-alte Berufungen wie die Prophetie. Wir brauchen keine sich einigelnde überwinternde Kirche im Frühling der wiederkehrenden Religiosität. Ich plädiere vielmehr für eine selbstbewusste, bescheidene Gemeinschaft, die sich ihrer traumatischen Vergangenheit stellt, offen ist für eine neue Vision von Kirchesein und dann loszieht, um diese Vision zu finden und zu verwirklichen.

Hashtag der Woche: #visionmaking


(Beitragsbild @cdd20)

dr. benedikt collinet

dr. benedikt collinet

studierte katholische Theologie mit Schwerpunkt HB/AT von 2008-2018 und vertieft sich bis heute außerdem in Didaktik, Religionswissenschaft, Komparatistik und Philosophie. Schon während des Studiums in Trier und Wien war er Assisstent und in der Hochschulpolitik engagiert. Derzeit bereitet er neben seiner Tätigkeit als Univ.-Ass. in Wien seine Habilitation zu poststrukturalistischer Exoduslektüre vor und beginnt im September 2019 ein Projekt zu "Karl Rahner and the Bible" in Innsbruck.

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