Über das „Mission Manifest“ und die im Buch „Einfach nur Jesus?“ daran geäußerte Kritik wurde in den letzten Monaten – auch auf y-nachten.de – rege gestritten. Stephanie Müller blickt auf die Debatte und formuliert einige Anfragen in Richtung der Initiator*innen.

„Das ist Kirche endlich mal so, wie sie sein sollte!“ – So ungefähr lautete auf meine neugierigen Fragen hin das Fazit einer meiner Abiturientinnen über ihre Erfahrungen auf der MEHR-Konferenz 2018 im Gebetshaus Augsburg.

Dennoch steht plötzlich ein harsches Wort im Raum: „Versektung“, so lautet der Vorwurf, den Prof. Ursula Nothelle-Wildfeuer Mitte des Monats in einem Interview gegenüber dem Gebetshaus Augsburg und dem aus seinem Umfeld hervorgegangenen „Mission Manifest“ geäußert hat.1

„Hermeneutik des Verdachts“ – oder: Woran erkennt man eine Sekte?

Wenn ich mit meinen Achtklässler*innen im Unterricht über Sekten spreche, dann erlernen sie nicht – wie vielleicht erhofft – esoterische Praktiken, sondern bekommen Kriterien an die Hand gegeben,2 mit denen sie in die Lage versetzt werden, sich ein Urteil zu bilden über den Charakter so unterschiedlicher Phänomene wie der Neuapostolischen Kirche oder Uriellas „Fiat Lux“. Das ist so gar nicht geheimnisvoll, aber in der Regel durchaus erkenntnisfördernd. Im Pädagog*innendeutsch heißt das „Förderung von Urteilskompetenz“, man könnte auch von Wissenschaftspropädeutik sprechen.

Mit einer Reihe von Kriterien geht auch Ursula Nothelle-Wildfeuer an Gebetshaus und „Mission Manifest“ heran. Den Vorwurf der „Versektung“ macht sie dabei an folgenden Aspekten fest: Ein reduziertes Kirchenverständnis (hier konkret: eine Vernachlässigung der diakonischen Dimension von Kirche), eine Fokussierung auf eine charismatische Führungspersönlichkeit, die Abwehr von Vernunft- und Sachfragen, und schließlich ein elitäres Streben nach einer individuellen Jesus-Begegnung und -Entscheidung.

Johannes Hartl nennt diese Vorgehensweise in einer ersten Reaktion auf Facebook eine „Hermeneutik des Verdachts“ und bemängelt, dass auf dieser Grundlage ein „konstruktives, freundliches Gespräch“ kaum noch möglich sei. Dennoch bietet er dieses natürlich an (Reaktion eines Kommentators: „Respekt, Bruder Hartl. Und starken Segen!“) und so erscheint wenige Tage später auf der Facebook-Präsenz von katholisch.de seine Antwort auf das Interview.

Mit Missionar*innen reden

Wie reagiert Johannes Hartl, wenn man wissen möchte, was die Verfechter*innen des Manifests meinen, wenn sie davon reden, dass sich Deutschland „Jesus zuwenden“ soll? Ich frage auf Facebook nach, was das ganz konkret für Andersgläubige, Frauen, Atheist*innen, Homosexuelle zu bedeuten hätte (und denke an für mich ganz naheliegende Themen wie Religionsfreiheit, die Gesetzeslage zur Abtreibung, die zivile „Ehe für alle“) – und werde von Hartl lapidar ausgebremst:

Was für eine eigenartige Reihung. Ist das Christentum für Frauen ungeeignet?!

Und auch bei anderen Dialogen Hartls mit seinen Kritiker*innen habe ich den Eindruck: Konkreten Nachfragen, dem Herstellen von Zusammenhängen und Schlussfolgerungen wird mit flauschigen, stets etwas nachsichtig klingenden Floskeln entgegnet, die einem gleichzeitig das Gefühl vermitteln, dass man irgendetwas Entscheidendes noch nicht verstanden habe.

Reden hier lediglich zwei Menschen aneinander vorbei? Auf der einen Seite die verkopfte Religionslehrerin (wahlweise: Professorin), die nicht einfach nur glauben kann und immer gleich alles hinterfragen muss, die vielleicht sogar neidisch auf den Erfolg des Gebetshauses ist (so der Tenor etlicher Kommentare) und auf der anderen Seite der charismatische Gebetshausgründer, der, erfüllt von seiner innigen Jesus-Beziehung, gar keine Zweifel mehr kennt und nicht anders kann als Zeugnis zu geben? Dass diese Dichotomie nicht nur in den Köpfen der Facebook-Kommentator*innen herumspukt, zeigt die erschreckend anti-intellektuelle Replik von Bernhard Meuser, Youcat-Initiator und Mitverfasser des „Mission Manifest“, auf Interview und Sammelband in der Tagespost:

Frau Nothelle-Wildfeuer und Herr Striet mögen sich fragen, ob aus ihren Lehrveranstaltungen Menschen hervorgehen, die in der Lage sind, im Zugabteil zu sagen: ‚Ich bin Christ. Ich bin es leidenschaftlich gerne. Und ich will Ihnen auch sagen warum.‘3

Gegen den hieraus ableitbaren Vorwurf der Wissenschaftsfeindlichkeit interveniert Hartl selbst. Er besteht darauf, dass im Gebetshaus „Wert auf theologische Bildung“ gelegt wird, zum Beispiel in einer „15-teilige[n] Vortragsserie zur Christologie“. Und auch Meuser merkt in der Tagespost an:

Wer dort [im Gebetshaus] eine Initiation in die Heilige Schrift und den Glauben der Kirche erfahren hat, muss sich vor keinem theologischen Erstsemester verstecken.

Na, dann ist ja wohl alles bestens. Denn selbstverständlich wird den Hörer*innen der Vortragsserie eine fundierte, gut katholische Katechese geboten. Nur: den Anfragen des wissenschaftlichen Diskurses stellt man sich damit eben noch nicht. Daher frage ich mich angesichts der mühsamen Diskussionsversuche mit Hartl, ob sich hier tatsächlich nur zwei unterschiedliche Diskurssysteme gegenüberstehen, oder ob es sich letztlich um eine bewusste Strategie der Immunisierung gegen Sach- und Fachkritik und damit um eine der von Nothelle-Wildfeuer angeführten Kriterien für den Eindruck der „Versektung“ handelt.

Auf der Suche nach der Argumentation

Betrachtet man vor dem Hintergrund dieser Vorüberlegen das Interview, das Roland Müller für katholisch.de mit Johannes Hartl geführt hat, so fallen verschiedene Dinge auf.

Am ausführlichsten geht Hartl auf den Vorwurf ein, das Manifest vernachlässige die diakonische Dimension von Kirche. Er betont, dass es nicht um eine qualitative Wertung gehe, wenn das Manifest die Mission in den Vordergrund stelle, sondern um eine „Neupriorisierung“. Das nachfolgend angeführte Bild („Wenn ein Schiff zu lange in eine Richtung gefahren ist und auf einen Eisberg zusteuert, muss das Ruder herumgerissen werden.“) zeigt jedoch ein zumindest diskussionswürdiges Verständnis des Verhältnisses der kirchlichen Grundvollzüge zueinander bzw. des Verhältnisses der drei Grundvollzüge zur Mission. Denn Mission ist ja nicht deckungsgleich mit Martyria, auch wenn das bei Hartl oft so klingt. Mal abgesehen davon wäre es interessant zu wissen, wieso Hartl nur in der einen Richtung den apokalyptischen Eisberg vermutet.

Das Stichwort „missionarische Entscheidungskirche“ führt Roland Müller zum Vorwurf, dass diese letztlich eine „Elitekirche“ sei. Und was passiert? Hartl zieht sich zurück, verschanzt sich hinter Franziskus-Zitaten und Seitenzahlen und enthält sich ansonsten jeder weiteren konkreten Aussage. Dass er sich ausgerechnet der Diskussion um den Charakter des Entscheidungschristentums verweigert, ist erstaunlich, ist es doch genau dieser Gedanke, den er in seinem Kapitel des „Mission Manifest“4 ausführlich entwickelt hat.

Überhaupt nicht – allerdings auch, weil er nicht danach gefragt wird – setzt sich Hartl mit einem weiteren Kriterium der „Versektung“ auseinander: der Rolle seiner Person. Dabei ist „Mission Manifest“ ohne Hartl und sein Gebetshaus schwer vorstellbar. Medial omnipräsent prägt er wesentlich das äußere Erscheinungsbild; er ist derjenige, der sowohl die Kontakte zum freikirchlich-evangelikalen Bereich überzeugend repräsentiert als auch den Schulterschluss mit Heiligenkreuz und dessen barocker Kaderschmiede konservativ-katholischen Priesternachwuchses.

Fragen und Zweifeln

Meine ersten Gespräche mit charismatischen Christ*innen habe ich mit Menschen geführt, die evangelisch-freikirchlichen Gemeinden angehören. Erst später habe ich auch katholische Charismatiker*innen kennengelernt. Ich versuche, all diese – sehr unterschiedlichen – Menschen und ihre Begeisterung sowie ihre Ängste zu verstehen. Ich frage mich, was sie anders und vielleicht besser machen. Aber mein Herz ist vor allem dort, wo das verteidigt wird, was mir überhaupt erst den Zugang zum Theologiestudium ermöglich hat: Die Idee einer Vereinbarkeit von Religiosität und Vernunft und die daraus resultierende Verteidigung der Religion gegen den religiösen Fundamentalismus. Denn Fragen und Zweifel müssen nicht an der Tür des Seminarraums abgegeben werden, sondern sie gehören sowohl zur Arbeitsweise wissenschaftlicher Theologie als auch zu meinem Glauben. Indem es eine fragende Haltung nicht als Defizit ansah, hat mich gerade mein Theologiestudium, ganz anders als es Meuser dem universitären Betrieb unterstellt, keineswegs davon abgehalten, Zeugnis von meinem Glauben zu geben, sondern hat mich in einer Weise überhaupt erst religiös sprachfähig gemacht, die ich vorher nicht kannte.

Es ist deswegen mehr als bloßes Unbehagen an einer ungewohnten und vielleicht einfach nicht zu mir passenden Spiritualität, das mich Gebetshaus und „Mission Manifest“ mit Skepsis beobachten lässt. Tatsächlich ist es in erster Linie die Immunität gegen Fragen und Zweifel, das fast völlige Fehlen von Grauschattierungen, was mich dort stört. Es ist die selbstzufriedene Gewissheit, mit der man glaubt, auf der richtigen, der sicheren Seite zu stehen, verbunden mit einem christlichen Heilsexklusivismus, wie er eigentlich seit Nostra Aetate überwunden schien. Es ist die Idee, dass man das Heil durch das Befolgen von nummerierten Listen erlangen und verbreiten kann. Verbunden damit ist auch eine irritierende Tendenz zur soteriologischen Selbstermächtigung – wer nur genug betet und fastet, der kann Wunder, der kann das Heil herbeizwingen. Ein bisschen mehr lutherisches sola gratia wäre so wohltuend!

Hashtag der Woche: #zweifelhaftzweifellos


(Beitragsbild @Gift Habeshaw)

1 Anlass des Interviews war die Veröffentlichung von: Ursula Nothelle-Wildfeuer und Magnus Striet (Hg.): Einfach nur Jesus? Eine Kritik am „Mission Manifest“. Freiburg (Herder) 2018.

2 Zum Beispiel https://www.sekten-sachsen.de/checkliste.htm.

3 Leider mittlerweile hinter der Bezahlschranke: https://www.die-tagespost.de/feuilleton/Weltfremde-Jesus-Juenger;art310,192716

4 Bernhard Meuser, Johannes Hartl, Karl OCist Wallner (Hg.): Mission Manifest. Die Thesen für das Comeback der Kirche. Freiburg (Herder) 2018, S.131-145.

stephanie müller

stephanie müller

hat in Köln und Bonn studiert. Sie unterrichtet Deutsch, Katholische Religionslehre und Geschichte an einem katholischen Mädchengymnasium in Bonn. Ihr Lieblingswort war schon immer „Warum?“, daher fühlt sie sich trotz ihrer Zugehörigkeit zur Generation X der Generation Y innerlich sehr verbunden.

3 Replies to “Mission Manifest. Kritik der Kritik der Kritik.

  1. Hallo Frau Müller, Danke für Ihren interessanten Artikel. Sie haben ganz Recht: in Interviews oder auf Facebook gehe ich oft nur ganz bruchstückhaft auf Fragen ein. Doch gerne höre ich von Ihnen Vorschläge, wie wir den Diskurs anders und intensiver führen können. Gerne stelle ich mich Ihren Fragen auch ausführlicher in einem Telefonat oder schriftlichen Interview oder begrüße Sie, sollten Sie mal in der Nähe sein, bei uns im Gebetshaus. Herzliche Grüße! Johannes Hartl

  2. Liebe Frau Müller, Danke für Ihren Artikel. Mir ging es genau so: das Theologiestudium vertiefte meinen Glauben und förderte mein Reden über meinen Glauben. Glauben und Vernunft gehen zusammen. Nicht die Zweifler sondern die Ängstlichen brauchen ein starres, unverrückbares und unhinterfragbares System. Und Angst ist der stärkste Gegenspieler von Glauben, daher betont die Bibel oft und oft: Fürchtet euch nicht!

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