Mit dem Begriff der Nahtoderfahrung wird oftmals weniger eine wissenschaftliche Auseinandersetzung als vielmehr eine Abteilung in der Buchhandlung assoziiert, die mit Esoterik überschrieben ist. Aber zu Recht? Sarah Scotti zeichnet Linien in der Forschung nach.

Eine Nahtoderfahrung (kurz NTE) ist eine Erfahrung, die oft (aber nicht nur) in medizinischen Grenzsituationen auftritt und die das normale Alltagserleben übersteigt. Für die NTE sind bestimmte inhaltliche Elemente charakteristisch: Die außerkörperliche Erfahrung, d.h. das Gefühl vom eigenen Körper getrennt zu sein und diesen und die Geschehnisse um ihn herum von außen zu beobachten, der Übergang in eine nicht-irdisch empfundene Wirklichkeit, eine Veränderung des Zeitempfindens, gesteigerte kognitive Fähigkeiten, Schmerzfreiheit, Freude und Liebe, die Begegnung mit einem Licht, welches von entsprechenden Patient*innen manchmal als Gott selbst gedeutet wird sowie die Begegnung mit bereits verstorbenen Angehörigen und Freund*innen oder auch anderen nicht-irdischen Wesenheiten. Weiter zählen ein Rückblick auf das eigene Leben und schließlich die oft widerwillige Rückkehr in den eigenen Körper zu den Charakteristika einer NTE.1 Dabei ist die NTE von großer Klarheit und Intensität geprägt und zeichnet sich durch eine bemerkenswerte innere Kohärenz aus, die sie von Wahnvorstellungen, von durch Drogen induzierten Erlebnissen und auch von Träumen unterscheidet.

NTE treten, nach gegenwärtigem Kenntnisstand, unabhängig von bestimmten Persönlichkeitsmerkmalen oder äußeren Faktoren auf. Auch sind Berichte von Erfahrungen dieser Art nicht auf unsere Gegenwart2 beschränkt, sondern ziehen sich durch alle Epochen der Menschheitsgeschichte.3 So kann die NTE als „so etwas wie ein Humanum“bezeichnet werden.

Entscheidendes Charakteristikum der NTE ist, dass sie den Menschen, der sie erlebt, oftmals existenziell zutiefst erschüttert, tiefgreifend verändert und das ganze weitere Leben prägt.5

Nach fast 40 Jahren der wissenschaftlichen Erforschung ist die Existenz von NTE unstrittig. Wie aber ist diese Erfahrung zu deuten?

Erklärungshypothesen: Probleme und Diversität

Will man auf diese Frage eine Antwort versuchen, ist eine Unterscheidung der Ebenen zentral. Auf der subjektiven Ebene, d.h. aus der Perspektive des nahtoderfahrenen Subjekts, ist die Realität der Erfahrung evident und unbezweifelbar. Auf der Ebene der*s außenstehenden Beobachter*in dagegen ist die NTE Gegenstand kontroverser Diskussionen um mögliche Erklärungshypothesen und Interpretationen. Eine grundlegende Schwierigkeit, mit der sich die wissenschaftliche Erforschung dabei konfrontiert sieht, ist die Spontanität des Auftretens der NTE, d.h. dass sie sich nicht unter kontrollierten Bedingungen induzieren, beobachten, oder reproduzieren lässt. So ist die NTE, mehr als andere Gegenstände der Forschung, offen für verschiedene Erklärungsansätze und Deutungen. Zudem geschieht die Auseinandersetzung mit der NTE nicht in einem voraussetzungslosen Raum, sondern immer innerhalb bestimmter (wissenschaftlicher) Kontexte, die mit je unterschiedlichen Grundannahmen, Methoden und Fragestellungen agieren.

Angesichts dieser komplexen Gemengelage unterschiedlichster Faktoren, die für die Deutung der NTE eine Rolle spielen, überrascht es nicht, dass die verschiedenen Erklärungshypothesen zur Entstehung der NTE sowie ihre Interpretation und die Einschätzung ihrer Bedeutung erheblich divergieren.

Naturwissenschaftlich rationalisierbar?

In den aktuellen Debatten lassen sich zwei grundsätzliche Deutungsansätze identifizieren: Zum einen der Ansatz, der die NTE als naturwissenschaftlich erklärbar betrachtet und ihr keinerlei Relevanz bezüglich philosophischer, erkenntnistheoretischer, theologischer, anthropologischer und lebensweltlicher Fragen zuspricht. Stattdessen wird die NTE verstanden als eine komplexe Halluzination ohne Wahrheitsgehalt, ausgelöst durch ein letztes Feuern der Neuronen des sterbenden Gehirns, durch Sauerstoffmangel, Kohlenstoffdioxidüberschuss, eine Veränderung der Neurochemie oder durch abnorme Aktivitäten des Temporallappens oder des limbischen Systems.6

Diesem Verständnis diametral entgegengesetzt ist die Deutung, dass es sich bei der NTE um ein Phänomen handelt, dass mit den konventionellen naturwissenschaftlichen Methoden nicht erklärt werden kann. Vorsichtige Vertreter*innen dieser Position verstehen die NTE als Hinweis auf eine mögliche Unabhängigkeit des Bewusstseins vom physischen Körper7, während andere weniger zurückhaltend meinen, in der NTE einen Beweis für ein Leben nach dem Tod, für die Existenz Gottes, der Seele und des Jenseits gefunden zu haben.8

Empirische Unbeweisbarkeit der Erklärungshypothesen

Was ist zu diesen Positionen zu sagen? Zunächst, dass keine dieser Erklärungshypothesen und Deutungen empirisch beweisbar ist. Die naturwissenschaftlichen Theorien, so elaboriert sie auch sein mögen, sind oft rein spekulativ. Sie beruhen, wenn überhaupt, auf einer schmalen empirischen Basis und können nur einzelne Elemente der NTE erklären, während andere sich ihr völlig entziehen (z.B. die Erfahrung kohärenter und klarer Bewusstseinsprozesse, bei stark eingeschränkten Gehirnfunktionen)9. So lässt sich festhalten,

dass bis heute noch kein neurobiologisches Modell existiert, das die Vielfalt und Verschiedenheit der NTE zufriedenstellend erklären könnte.10

Aber auch die Spekulationen über ein vom Körper losgelöstes Bewusstsein mancher NTE-Forscher*innen können aus der bisherigen Forschung wissenschaftlich redlich keinesfalls als eine sichere Erkenntnis abgeleitet werden. Auch hinsichtlich der Beweiskraft der NTE bezüglich metaphysischer Konzepte wie Gott und Unsterblichkeit ist Skepsis angebracht.

So lässt sich festhalten, dass weder ein radikaler Reduktionismus, der die Erfahrung als Halluzination abtut und so ihr und auch den Menschen, die eine NTE erlebt haben, nicht gerecht wird, noch die jenseitssüchtigen Spekulationen, die die NTE für ein bestimmtes Weltbild instrumentalisieren, adäquate Deutungen für diese Erfahrung sind.

Grenz- und Gipfelerfahrung des menschlichen Bewusstseins

Eine mögliche Deutung, die sich mit Erklärungen und vorschnellen Einordnungen zurückhält, versucht die NTE als eine mystische Erfahrung zu verstehen. Der Terminus mystisch bezieht sich an dieser Stelle nicht auf eine bestimmte religiöse Tradition oder auf einen spezifischen Inhalt, sondern meint eine besondere Form der Erfahrung, die als Grenz- und Gipfelerfahrung des menschlichen Bewusstseins außergewöhnlich und überwältigend das normale Alltagsbewusstsein übersteigt.11 Im Anschluss an den Religionspsychologen und Philosophen William James (1842 – 1910) soll dabei mit dem Terminus des Mystischen nicht eine ontologische Realität näher bestimmt, sondern eine Kategorie eröffnet werden, die es erlaubt, einen Erfahrungstyp anhand bestimmter Merkmale – seiner Unaussprechlichkeit, seiner noetischen Qualität sowie seiner Flüchtigkeit und Unverfügbarkeit (d.h. diese Erfahrung ist nicht erzwingbar, sie widerfährt dem erlebenden Subjekt) – zu bestimmen und von anderen Erfahrungen zu unterscheiden.12

So gedeutet wird die Realität der NTE als eine mögliche Erfahrung in dem gesamten Spektrum menschlicher Bewusstseinserfahrungen ernst genommen, ohne diese empirisch verifizieren oder falsifizieren und somit letztgültig erklären zu wollen.

Eine solche Deutung ermöglicht es, offen zu bleiben für die Frage, was Erfahrungen wie eine NTE möglicherweise bezüglich des Wesens des Menschen, nach seinem Leben, Tod und Bewusstsein bedeuten können – oder eben auch nicht. Dies ist der eine Grund dafür, dass es sich lohnt, sich mit dem Phänomen der NTE auch wissenschaftlich auseinanderzusetzen. Der andere Grund ergibt sich aus der Praxis: Menschen, die eine NTE erlebt haben, müssen in ihren Erfahrungen und in ihren Deutungen dieser Erfahrung ernst genommen werden, um diese in ihr Leben integrieren zu können. Damit dies geschehen kann, braucht es zum einen Offenheit den Berichten der Erlebnisse gegenüber, zum anderen aber auch ein Wissen über  die Existenz und die Charakteristika der NTE selbst. Beides ist nicht möglich, wird die Auseinandersetzung mit der NTE als unwissenschaftlich diskreditiert und die Beschäftigung mit ihr so aus dem wissenschaftlichen Diskurs ausgeklammert.

Hashtag der Woche: #untot


(Beitragsbild @elijahdhiett)

1 Vgl. Greyson, Bruce: The Near-Death Experience Scale. Construction, Reliability, and Validity. In: The Journal of Nervous and Mental Diseases. 171(6) 1983. S. 369-375.

2 Die Frage, wie häufig eine NTE auftritt ist nicht eindeutig zu beantworten. Repräsentative Studien in den USA und in Deutschland gehen von ca. 5% der Bevölkerung aus. In klinischen Studien schwankt der Anteil der befragten Patient*innen, die von einer NTE berichten, je nach Studie zwischen 6% und 40%. Vgl. dazu: Schmied-Knittel, Ina: Nahtod-Erfahrung. In: Mayer, G. / Schetsche, M. / Schmied-Knittel, I. / Vaitl, D. (Hrsg.): An den Grenzen der Erkenntnis. Handbuch der wissenschaftlichen Anomalistik. Stuttgart 2015. S. 164-176. Hier S. 155.

3 Vgl. Zaleski, Carol: Nah-Toderlebnisse und Jenseitsvisionen vom Mittelalter bis zur Gegenwart. Frankfurt am Main / Leipzig 1993.

4 Thiede, Werner: Todesnähe-Forschung – Annäherung an die Innenseite des Todes? Zur Geschichte und Hermeneutik der Thanatologie. In: Knoblauch, H. / Soeffner, H.-G. (Hrsg.): Todesnähe. Wissenschaftliche Zugänge zu einem außergewöhnlichen Phänomen. Konstanz 1999. S. 159-186. Hier S. 164.

5 U.a. Verringertes Interesse an materiellen Gütern, Wohlstand, Prestige. Gesteigerte Wichtigkeit von Liebe, Mitgefühl, Beziehungen. Intensivierung der eigenen Religiosität. Verlust der Angst vor dem Tod. Vgl. van Lommel et al.: Near-death experience in survivors of cardiac arrest: a prospective study in the Netherlands. In: The Lancet (9298) 2001. S. 2039-2045.

6 Vgl. exemplarisch: Engmann, Birk: Mythos Nahtoderfahrung. Stuttgart 2011.

7 Beispielsweise der niederländische Kardiologe und Nahtodforscher Pim van Lommel. Vgl. van Lommel, Pim: Endloses Bewusstsein. Neue medizinische Fakten zur Nahtoderfahrung. München 2013.

8 Aber auch diese Position ist nicht einheitlich. So sehen beispielsweise Elisabeth Kübler-Ross und Ian Stevenson die NTE als Beweis für die Existenz der Seele und für Reinkarnation. Maurice S. Rawlings dagegen versteht die NTE dagegen als Beleg für die  Auferstehung und die Existenz von Himmel und Hölle. Vgl. dazu Knoblauch, Hubert; Schmied, Ina; Schnettler, Bernd: Die Wissenschaftliche Erforschung der Todesnäheerfahrung. In: Knoblauch, H. / Soeffner, H-G. (Hrsg.) :Todesnähe. Wissenschaftliche Zugänge zu einem außergewöhnlichen Phänomen. Konstanz 1999. S. 9- 34.

9 Vgl. Parnia et al.: AWARE – AWAreness during REsuscitation – A prospective study. In: Resuscitation. 85 (12) 2014. S. 1799-1805. „The data suggests that in this cardiac arrest model, the NDE arises during unconsciousness.This is a surprising conclusion, because when the brain is so dysfunctional that the patient is deeply comatose, the cerebral structures which underpin subjective experience and memory must be severely impaired. Complex experiences such as reported in the NDE should not arise or be retained in memory“ (S. 154).

10 Vaitl, Dieter: Veränderte Bewusstseinszustände. Grundlagen – Techniken – Phänomenologie. Stuttgart 2012. S. 156.

11 Vgl. Vaitl: Veränderte Bewusstseinszustände. S. 183.

12 Vgl. James, William: Die Vielfalt religiöser Erfahrung. Eine Studie über die menschliche Natur. Frankfurt am Main/Leipzig 1997.

sarah scotti

sarah scotti

hat in Freiburg und Rom Theologie und Philosophie studiert. Im WS 2018/19 begann sie mit ihrem Masterstudium an der Hochschule für Philosophie in München. In ihrer Bachelorarbeit beschäftigte sie sich mit einer philosophischen Betrachtung der Nahtoderfahrung und der um sie geführten Debatten.

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