Wie kann sich die theologisch Ethik in die Gesellschaft einbringen? In ihrem Artikel geht Julia van der Linde auf die Suche nach den Christian Drostens und Sandra Cieseks der theologischen Ethik und erörtert die Frage, wie Wissenschaftskommunikation aussichtsreich erfolgen kann.

Mein Wissen über Viren verdanke ich Christian Drosten und Sandra Ciesek und Mai Thi Nguyen-Kim lässt mich aus wissenschaftlicher Perspektive auf den Gender Pay Gap oder Influencer-Trends wie „No poo“ oder Aktivkohle blicken. Etwas Neues lernen und dabei dafür begeistert werden, wie in unterschiedlichen Wissenschaften gearbeitet wird – das geht heute so zeit- und ortsungebunden wie nie. Doch wo sind die Christian Drostens, Sandra Cieseks oder Mai Thi Nguyen-Kims der Theologie im Allgemeinen und der theologischen Ethik im Speziellen, die mich für theologisch-ethische Fragen und Forschung begeistern würden, wenn ich es nicht längst schon wäre? Welche Rolle spielt externe Wissenschaftskommunikation für eine zukunftsfähige theologische Ethik und wie kann deren Forschung noch stärker in verschiedene gesellschaftliche Bereiche eingebracht werden?

Der spezielle Beitrag externer Wissenschaftskommunikation

Anders als die scholarly communication, die als interne Wissenschaftskommunikation auf die jeweilige Fachcommunity gerichtet ist, wendet sich die externe Wissenschaftskommunikation an außerwissenschaftliches Publikum. Neben Wissenschaftler:innen können auch Wissenschaftsjournalist:innen und Medien- und Öffentlichkeitsarbeiter:innen beteiligt sein.1 Zahlreiche Formate wie Science Slams, Dialoge mit Bürger:innen, Blogs, Museen, Youtube-Videos oder Podcasts haben sich ausdifferenziert, denen auch aufgrund eines intensiveren Wettbewerbs um ökonomische Ressourcen für die eigene Forschung zunehmend Aufmerksamkeit geschenkt wird.

Daneben trägt externe Wissenschaftskommunikation zu gesellschaftlicher und demokratischer Teilhabe bei. So drückt Friedrich Dürrenmatt in seinem Stück „Die Physiker“ prägnant aus: „Der Inhalt der Physik geht die Physiker an, die Auswirkungen alle Menschen.“2 Denn auf wissenschaftliches Wissen beruhende Sachurteile sind sowohl für individuelle als auch institutionelle Entscheidungen bedeutsam. Konsequent fordert die Royal Society of London deshalb in den 1980er Jahren:

“Scientists must learn to communicate with the public, be willing to do so, and indeed consider it their duty to do so.”3

Wissenschaftler:innen können zudem dazu beitragen, das Vertrauen in Wissenschaft zu stärken, indem sie transparent machen, wie sie arbeiten und Dialoge ermöglichen. Dabei wird ihnen eine besondere Verantwortung im Umgang mit Verschwörungserzählungen, Populismus und Fake News zugeschrieben, die

„immer das mediale Rampenlicht suchen, ja davon leben – während echte wissenschaftliche Erkenntnis oft im Schatten, im Labor und der Bibliothek bleibt.“4

Wissenschaft berührt das Leben auf existenzielle Weise

Eine auf die Bildung von Sachurteilen abzielende Kommunikation ist jedoch in vielen Fällen allein nicht ausreichend, um Menschen in die Lage zu versetzen, informierte Entscheidungen zu treffen und Urteile fällen. Neben der Schulung der Sachkompetenz bedarf es der Ausbildung von Urteils- und Handlungskompetenzen, um Werturteile bilden, begründet Abwägungen vornehmen und Kritik üben zu können. Insbesondere Geisteswissenschaften, die bei der Thematisierung von Wissenschaftskommunikation oft vernachlässigt werden, sind hier von Bedeutung.

Das gilt auch für die theologische Ethik.

Als wissenschaftliche Disziplin, die sich mit Fragestellungen beschäftigt, die das Zusammenleben von Menschen, die Orientierung verantwortlichen Handelns Einzelner und das gute Leben betreffen, wäre es geradezu widersinnig, Erkenntnisse nicht auch extern zu kommunizieren.

Oftmals berühren sie das Leben sogar auf existentielle Weise. Verstanden als eine Ethik, die vernünftig nachvollziehbare Argumente aufweisen kann und diese in einen christlichen Sinnhorizont stellt, kann eine theologische Ethik Forschung, methodisches Vorgehen und Quellen theologisch-ethischer Urteilsbildung sowohl an Christ:innen als auch an Nichtchrist:innen kommunizieren und für Prozesse ethischer Bildung fruchtbar machen. Dabei kann auch auf zahlreiche in der christlichen Tradition bereits vorliegende Narrationen zurückgegriffen und an diese angeknüpft werden. In Zeiten, in denen das Mitspracherecht von Kirche und kirchlichen Institutionen in moralischen Fragen aufgrund von Missbrauch und Umgang mit Missbrauch zunehmend in Frage gestellt wird, erscheint eine transparente Kommunikation der Forschung und Arbeitsweise theologischer Ethik zudem unbedingt geboten, wenn deren Relevanz auch gesellschaftlich weiterhin anerkannt werden soll.

„How to“ externe Wissenschaftskommunikation

Die konkrete Ausgestaltung externer Wissenschaftskommunikation kann dabei unterschiedlich aussehen und verschiedene Zielgruppen in den Blick nehmen. Bei der Überlegung, welche – auch zu den eigenen Stärken und Kompetenzen passenden – Formen gewählt und miteinander kombiniert werden können, kann auch für Wissenschaftler:innen ein Blick auf Mai Thi Nguyen Kims Zwiebel des Wissenschaftsjournalismus lohnen, bei der die unterschiedlichen Gewichtungen von Verständlichkeit und Komplexität im Mittelpunkt stehen.5 Demnach könne man sich jedes wissenschaftliche Thema als Querschnitt einer Zwiebel vorstellen. Innen, auf den kleineren Schalen, geht es ins Detail, aber es werden nur wenige Menschen erreicht. Außen befinden sich die größeren Schalen. Ein größeres Publikum wird erreicht, es bleibt jedoch oberflächlich. Daran könne sich die Wahl des Mediums orientieren. Soziale Medien können potenziell viele Menschen erreichen und Aufmerksamkeit für ein Thema wecken, dieses jedoch nur oberflächlich behandeln. Davon ausgehend kann jedoch auf eine komplexere Auseinandersetzung z. B. in einem Video oder in einem Veranstaltungsformat verwiesen und für diese geworben werden. Das Bild der Zwiebel kann daher helfen, wenn es darum geht: Wo erreiche ich wen mit welchem Inhalt? Wo kommuniziere ich was und wie und wie spielen verschiedene Formate ggf. zusammen? Um über Wissenschafts-PR hinaus noch häufiger in die Zwiebel hineinzugelangen, braucht es jedoch Menschen, die den Prozess einer Veränderung der Fachkultur hin zu einer stärkeren Wertschätzung und Anerkennung der Relevanz externer Wissenschaftskommunikation mittragen und mitgestalten und diese zu einer stärkeren Währung der Wissenschaft werden lassen. Dabei muss niemand gleich zum nächsten Stern am Himmel der Wissenschaftskommunikation werden. Auch kleine Schritte führen zum Ziel und erreichen Menschen, die wir dann vielleicht sogar für theologisch-ethische Fragen und Forschung begeistern können.

 

Hashtag der Woche: #wissenschaftskommunikation


(Beitragsbild: @vladtchompalov)

 

1 Vgl. Schäfer, Mike S.; Kristiansen, Silje; Bonfadelli, Heinz (2015): Wissenschaftskommunikation im Wandel: Relevanz, Entwicklung und Herausforderungen des Forschungsfeldes, in: Dies. (Hrsg.): Wissenschaftskommunikation im Wandel, Köln, S. 10-42, hier S. 13.

2 Dürrenmatt, Friedrich (1980): Die Physiker, Zürich, S. 91.

3 The Royal Society of London (1985): The Public Understanding of Science, London, S. 6.

4 Karliczek, Anja (2020): Wissenschaftskommunikation ist Brückenbau, in: Schnurr, Johannes; Mäder, Alexander (Hrsg.): Wissenschaft und Gesellschaft: Ein vertrauensvoller Dialog, Berlin, Heidelberg, S. 259-263, hier: S. 259.

5 Vgl. hierzu Nguyen-Kim, Mai Thi (2020): Rein in die Zwiebel, in: Schnurr, Johannes; Mäder, Alexander (Hrsg.): Wissenschaft und Gesellschaft: ein vertrauensvoller Dialog, Berlin, Heidelberg, S. 289-295.

Print Friendly, PDF & Email

julia van der linde

studierte katholische Religionslehre und Deutsch (BA) an der WWU Münster, an der sie auch - unterbrochen von einem Erasmusjahr in Wien - den Master "Christentum in Kultur und Gesellschaft" absolvierte. Anschließend war sie von 2018 bis 2019 wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Theologische Ethik an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Ruhr-Universität Bochum, wo sie auch promoviert. Aktuell ist sie wissenschaftliche Mitarbeiterin am Seminar für Moraltheologie in Münster.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Ich habe die Datenschutzerklärung gelesen und bin mit dem Speichern der angegebenen Daten einverstanden: