In der aktuellen pastoralplanerischen Think-Tank-Szene wird oft von einer anzustrebenden Kultur der Fehlerfreundlichkeit gesprochen. Antonia Lelle hat nachgeforscht, was diesen Trend hervorruft und welche Implikationen sich daraus für kirchliche Transformationsprozesse ergeben.

Fehler blicken auf eine Tradition des schlechten Rufs zurück. Im Idealfall treten sie nicht auf und wenn doch, werden sie beklagt, beschämt und bestritten. Dieser Common Ground wird derzeit vielerorts aufgebrochen. Podcasts und Ratgeberlektüren beschäftigen sich mit der Kunst des Fehlermachens. Die Erfolgsautorin J. K. Rowling spricht in ihrer Abschlussrede vor den Absolvent*innen der Harvard University vom Nutzen des Scheiterns. Der tollpatschige Enterich im Matrosenanzug, Donald Duck, schafft es wieder auf Büchercover und wird als Vorbildfigur gehandelt, die einen lehrt, wie aus Niederlagen Potential für Neues geschöpft werden kann.1

Kultur der Fehlerfreundlichkeit

Auch in den gegenwärtigen pastoralplanerischen Diskursen ist dieser Trend einer intensivierten Beschäftigung mit und einer Neubewertung von Fehlern erkennbar. In der Diskussion um ein adäquates Prozessdesign kirchenentwicklerischer Aufbrüche finden sich verstärkt Plädoyers für eine „Kultur der Fehlerfreundlichkeit“. Eine schillernde Forderung: Was für die einen nach kirchenentwicklerischer Zukunftsmusik klingt, die es sich zu hören lohnt, wirkt auf andere wie eine schlechte Entschuldigung für eine Pastoralpraxis mit Qualitätsproblem à la „besser schlecht als gar nicht“. Damit die Rede von einer anzustrebenden kirchlichen Fehlerkultur nicht im Dunstkreis letzterer Assoziation vorschnell verdampft, lohnt sich der Blick auf einige Wahrnehmungen, die im Hintergrund dieser Forderung stehen.

Eines ist sicher: Fehler werden kommen

Eine erste Wahrnehmung lässt sich mit H. Gatterer, dem Geschäftsführer des Zukunftsinstituts, wie folgt benennen:

Die Welt tendiert zur Komplexität.

Wenn ein System komplexer wird, dann fehlt es zunehmend an struktureller Eindeutigkeit. Dann bleiben Ursachen- und Wirkungszusammenhänge trotz Expertise vielfach unsichtbar. Es gibt kein Patentrezept (mehr), mit dessen Hilfe der Kuchen sicher schmeckt. Auf organisationsentwicklerischer Ebene – also etwa für Firmen, Regierungen, aber eben auch für Kirchen – bedeutet das:

Je komplexer ein System ist, desto wahrscheinlicher werden Fehlentscheidungen getroffen.2

Der stetige Anstieg des Komplexitätsgrades zwingt Systeme förmlich dazu, sich mit ihrer Fehlerkultur auseinanderzusetzen. Denn in der Gemengelage von Ungewissheit und Unplanbarkeit kann zumindest mit einem sicher gerechnet werden: Fehler werden kommen.

Zweitens: Was gestern ein Fehler war, muss heute keiner mehr sein. In der Vergangenheit funktionierten Fehlerurteile in der Regel nach dem folgenden Schema: Es gibt eine Norm, die einen Maßstab oder ein Ziel festlegt. Am Grad der Abweichung von dieser Norm werden Fehlerurteile gefällt.3 Der Vorteil eines solchen Fehlerverständnisses ist zugleich sein Nachteil: Es ist (zu) einfach. Es ist der hochkomplexen Ausdifferenzierung gesellschaftlicher Handlungszusammenhänge vielfach nicht mehr gewachsen. An die Stelle absoluter Fehlernormen rücken aus diesem Grund zunehmend relativierte Normen, die selbst wiederum fortwährenden Transformationen unterworfen sind.4

Eine dritte Wahrnehmung lässt sich bei Entwicklungsprozessen in dynamisch-komplexen Kontexten beobachten:

Fail early to learn quickly!5

Im Hintergrund dieses Mottos steht ein ganz bestimmtes Korrelationsmuster:

[D]ie Summe der vielen kleinen Fehlervermeidungen ergibt eben nicht die Fehlervermeidung im Großen, sondern auf die Dauer gesehen paradoxerweise oft sein Gegenteil.6

Keine Angst vor Fehlern!

Auf der Grundlage dieser ersten Beobachtungen lässt sich das anfänglich erwähnte Plädoyer für eine fehlerfreundliche Kultur in kirchlichen Transformationsprozessen präziser fassen: Fehlerfreundlichkeit ist systemisch bzw. organisationsentwicklerisch gesprochen ein Tool, das bei Entwicklungsprozessen in dynamisch-komplexen Kontexten maßgeblich zur Lernkompetenz und somit zum Wirkpotential einer Organisation beiträgt. Angesprochen ist damit erstens eine Fehlertoleranz. Gemeint ist damit nicht, dass jede schlechte Performance möglichst achselzuckend hingenommen wird. Vielmehr geht es  darum, dass ein System auf das Aufkommen störender Ereignisse eingestellt ist und sich fähig zeigt, mit derartigen Fehlern so umzugehen, dass das Leitziel nicht verfehlt wird. Dass zweitens die definierten Lösungs- und Fehlerbereiche regelmäßig überprüft werden. Werden gerade Lösungen angestrebt, die gar keine mehr sind, oder Varianten ausgeblendet, die mittlerweile auf das erfolgsversprechende Neue hindeuten?  Drittens geht es um die Einsicht: Fehler sind nicht per se schlecht. Sie besitzen einiges an Potential. Sie bringen Innovation und Kreativität, sind lernwirksam und schöpferisch.7

Das Potential von Fehlern zu eigen machen

Zur Herausbildung einer so verstandenen Fehlerkultur im kirchenentwicklerischen Kontext braucht es einiges: Geeignete Rahmenbedingungen, Fehlerbewältigungskompetenzen und vor allem ein entschiedenes Wollen.8 Letzteres betrifft (mindestens) zwei Aspekte: (1) Der Wille sich als lernende Kirche zu verstehen und (2) das Bewusstwerden, dass auf diesem Kurs Fehler eine unumschiffbare Innovations- und Lernchance darstellen. Die Ausbildung einer derartigen Lernwilligkeit betrifft alle Akteur*innen und sollte besonders von denjenigen in Leitungsfunktionen verkörpert werden. Ihnen kommt federführend die Verantwortung zu, dass Fehler nicht zu Bloßstellungen, Schuldzuweisungen und Ängste8 und in der Folge zu Vertuschung und Lernresistenz führen. Sie müssen dafür Sorge tragen, dass Fehler gemacht werden dürfen und mit ihnen konstruktiv umgegangen wird.

Wie solch ein konstruktiver Umgang konkret werden kann, lässt sich beispielsweise in der Start-Up-Szene fremdlernen. Dort veranstaltet man u.a. sogenannte Fuck-Up-Nights und gibt dabei Geschichten vom Scheitern eine Bühne. In respektvoller Atmosphäre kommen verschiedene Speaker*innen zu Wort, die vor einem Publikum über ihre eigene Erfahrung des Scheiterns sprechen und anschließend mit diesem darüber in Austausch treten. Dabei geht es um das Teilen von Lernerfahrungen, um Formen der Rehabilitation und vor allem um das Erleben einer schöpferischen Energie und Kreativität in Momenten des Scheiterns.

Inwiefern der Organisation Kirche, die allzu gerne in den Kategorien von Schuld und Sünde denkt und nicht selten „von dem Komplex besessen [ist], heilig sein zu müssen“9, die Förderung einer konstruktiven Fehlerkultur gelingt, bleibt offen und erfordert mit Sicherheit so einige Fuck-Ups. Das ist aber gut so. Nicht nur aus organisationsentwicklerischer Perspektive, sondern vor allem auch mit Blick auf den theologischen Selbstanspruch. Es ist an der Zeit, dass Räume und Atmosphären geschaffen werden, in denen sich das Evangelium nicht durch scheinbare Perfektion, sondern durch Unsicherheit, Widersprüchlichkeit und Fehler ereignen kann.

Hashtag der Woche: #failearly


(Beitragsbild @rojekilian)

1 Vgl. I. Tarr, Das Donald Duck Prinzip: Scheitern als Chance für ein neues Leben, Gütersloh 2006.

2 N. Bolz, Komplexität ist unser Schicksal. Warum Prognosen sinnlos sind, in: Schwerpunkt (2017/62), 20-23, 21.

3 Vgl. E. M. Schüttelkopf, Erfolgsstrategie Fehlerkultur, in: G. Ebner, P. Heimerl-Wagner, E. M. Schüttelkopf (Hgg.), Fehler – Lernen – Unternehmen: Wie Sie die Fehlerkultur und Lernreife Ihrer Organisation wahrnehmen und gestalten, Frankfurt am Main/New York 2008, 151–314, 227.

4 Vgl. M. Weingardt, Fehler zeichnen uns aus: transdisziplinäre Grundlagen zur Theorie und Produktivität des Fehlers in Schule und Arbeitswelt (Forschung), Bad Heilbrunn/Obb. 2004, 228.

5 R. Petek, Mit dem Nordwand-Prinzip das Ungewisse managen. Wie Sie Ihren Weg in die Zukunft finden, wenn Pläne und Rezepte versagen, Wien 2006, 180 hier zitiert aus: Kemmer, Bewusste Fehlerkultur als Erfolgsfaktor für Unternehmen, 124.

6 Weingardt, Fehler zeichnen uns aus, 257.

7 Vgl. ebd., 265.

8 Vgl. Schüttelkopf, Erfolgsstrategie Fehlerkultur, 234.

9 Vgl. K. von Stosch, Jakob – Eine biblische Figur als Modell für die Kirche, in: H. Kuhlmann (Hg.), Fehlbare Vorbilder in Bibel, Christentum und Kirchen: von Engeln, Propheten und Heiligen bis zu Päpsten und Bischöfinnen (Theologie in der Öffentlichkeit Bd. 2), Münster 2010, 79–88, 85f.

antonia lelle

antonia lelle

studierte von 2014 bis 2019 Katholische Theologie und Philosophie in Freiburg und Rom. Seit 2019 arbeitet sie am Arbeitsbereich Pastoraltheologie in Freiburg.

One Reply to “Fail early to learn quickly! Mut zu einer kirchlichen Fehlerkultur”

  1. Eine kirchliche Fehlerkultur, die wirksam ist, kann es erst geben, wenn sich die Machtstrukturen dieser Organisation ändern. Die Kirche ist eine absolutistisch verfasste Monarchie mit extrem steiler und hoher Hierarchie. Diese Machtstrukturen haben die Aufarbeitung des Kindervergewaltigungsskandals bis heute verhindert und werden auch eine Wiederholung des selben Geschehens nicht verhindern. Genau so ist es mit dem Generalbegriff Fehlerkultur. Abhängig von den einzelnen Personen an den Schaltstellen der Macht, vor allem den Ortsordinarien, wird es lokal begrenzte Erfassung und Beseitigung von Fehlern auf die eine oder andere Art geben. Eine allgemeine Problemlösung kann es in dieser Kurche aber nicht geben, weil sich ihr viel zu viele Mächtige entgegen stellen, die nicht bereit sind, um der Kirche Willen auf Macht zu verzichten.

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