Wie gelingt es uns, die Dinge in einer von Informationen und Nachrichten übervollen Welt tatsächlich wahrzunehmen? Johannes Kronau macht sich Gedanken über schräge und weniger schräge Forschungsexerzitien.

Eine „eher feministische“, junge Journalistin aus Berlin begleitet ein Jahr lang den Alltag eines konservativen Priesters in Münster (2016)1. Der Essayist Roger Willemsen verlagert seinen Lebensmittelpunkt in den Bundestag – und beobachtet als „mündiger Bürger“ möglichst alle Sitzungen von der Tribüne aus (2013)2. Der argentinische Schriftsteller Julio Cortázar unternimmt mit seiner Frau eine „zeitlose“, einmonatige Reise im VW-Bus, die von Paris nach Marseille führt und während der sie die Autobahn und ihre Rastplätze nicht verlassen (1982)3.

Was haben diese Projekte gemeinsam?

Zunächst einmal handelt es sich bei allen erklärtermaßen um Versuche, ja, beim Projekt Paris-Marseille sogar um eine „Expedition“, wie die Reisenden verkünden. Die Frage, die hinter den jeweiligen Experimenten steht, lautet: Was ändert sich an meiner Wahrnehmung von einem Objekt, wenn ich ihr bewusst einen neuen Rahmen gebe? Dieser Wahrnehmungsrahmen wird durch die Versuchsanordnung festgelegt.

Expedition ins Bekannte

Die Expedition der „Autonauten auf der Kosmobahn“ (so im Buchtitel) ist dadurch gekennzeichnet, dass die beiden Forschungsreisenden alle Rastplätze anfahren (jeden Tag genau zwei), wobei auf dem zweiten übernachtet wird. Über die Entdeckungen auf diesen kuriosen Inseln zwischen Paris und Marseille und ihren Bewohnern wird akribisch, im Stil des Captain Cook, ein Bordbuch geführt. Hier wird immer die jeweilige Ausrichtung des „Fafnir“ getauften VW-Busses notiert: „15.10 h. Rastplatz: AIRE DE LISSES. Wind, Sonne, Wolken. 17°C. Ausrichtung Fafnirs: NNW.“ Die neue Perspektive auf die Autobahn wird dadurch erreicht, dass man sich für eine Strecke, die in acht Stunden zurückzulegen ist, 30 Tage Zeit nimmt. Der normale Zweck der Autobahn, die Zeitgewinnung, wird ad absurdum geführt. Die Autobahn wird zur zeit- und ziellosen Kosmobahn.

Weniger verspielt sind freilich die Versuche mit Namen „Valerie und der Priester“ und „Das Hohe Haus“. Und dennoch geht es um eine bewusste, kontra-alltägliche Rahmung der eigenen Wahrnehmung, eine neue Perspektive, hier im Zeitraum von einem Jahr. Die Versuchsanordnungen: „Eine, die die katholische Kirche für ein verstaubtes Antiquariat hält, [begleitet] einen, der alles für Gott gibt, weil ihm der Glaube so viel gibt.“4 Und: Ein mündiger Bürger beobachtet das Geschehen im Zentrum der deutschen Demokratie von der Besuchertribüne aus, ohne mit Politikern und Journalisten zu sprechen und ohne Hintergrundinformationen zu recherchieren. Er beobachtet und hört zu.5

Welche Bedeutung haben die Dinge für mich?

Welchen Wert hat es, wenn sich Menschen solchen teils verspielt-verschrobenen Versuchsanordnungen stellen? Immerhin hätten sich alle Beteiligten auch anderweitig informieren können: die „Autonauten“ über die Rastplätze im Straßen-Atlas; Valerie Schönian über die Sexuallehre der Kirche im Katechismus; Roger Willemsen über jeden einzelnen Tagesordnungspunkt in 50.000 Seiten Sitzungsprotokoll.

Die genannten Punkte lassen sich mühelos mit dem Smartphone recherchieren. Nur: Was fange ich mit der Übermenge an Daten an, die ich in meiner Hosentasche herumtrage? Die Dringlichkeit dieser Frage sieht auch der französische Schriftsteller Michel Houellebecq, wenn er schreibt: „Die Daten, Rückstände des Unbeständigen, sind der Bedeutung entgegengesetzt wie das Plasma dem Kristall.“6 Die existenziellen Fragen lauten also: Welche Bedeutung haben die Dinge für mich? Wie kann ich den technisch bereitgestellten, nahezu unbegrenzten Informationsfluss so einhegen, dass er für mich etwas Sinnvolles, Bleibendes ergibt?

Lothar Baier, der im Anschluss an die „Autonauten“ einen Essay verfasst hat, spricht von „entkomprimierter Zeit“, die durch das Experiment auf der Autobahn gewonnen wurde.7 Aus meiner Sicht könnte man entsprechend bei allen Projekten auch von „entkomprimierter Information“ sprechen, mit folgender Deutung: Informationen sind heute in so großer Menge vorhanden, dass ein Großteil uns nur in komprimierter, also nicht direkt sinnvoll nutzbarer Gestalt erreicht. Ganz einfach, weil wir die Menge nicht fassen können. Unsere Aufgabe ist es nun, an ausgewählten Stellen – die Sache ist immer zeitintensiv – zu entkomprimieren, also Bedeutung herzustellen. Dazu ist es notwendig, sich Zeit für Menschen, Wege oder Orte zu nehmen – so banal wie im Alltag schwierig. Über wie viele Veranstaltungen, Ereignisse, Trends hätte Valerie Schönian in einem Jahr berichten können! Sie jedoch widmete ihre Zeit zum großen Teil dem Versuch, einen Menschen verstehen zu lernen. Und das Projekt kam an.

Na, bist Du öfter hier?

Eine Antwort auf die Datenflut, die jeder Einzelne geben kann, hat Michel Houellebecq so formuliert: „[Jedes] Individuum ist in der Lage, in sich selbst eine Art kalte Revolution zu verursachen, indem es einen Augenblick die Flut informativer Werbung an sich vorbeiziehen lässt. (…) Es ist sogar noch nie so einfach gewesen, der Welt gegenüber eine ästhetische Haltung einzunehmen: es reicht aus, einen Schritt zur Seite zu treten.“8

Dieses Zur-Seite-Treten ist durch die beschriebenen Versuchsanordnungen beispielhaft verwirklicht. Der Alltag wird plötzlich bestimmt durch das Neu-Kennenlernen von einer anderen Seite – des Bundestages, der Autobahn, der Kirche. Jedes Untersuchungsobjekt gewinnt durch die Kontemplationsübungen an Bedeutungstiefe, es tauchen neue, unvermutete Fragen auf.

In theologischer Hinsicht ist dieses Prinzip gut bekannt. Besonders in der Fastenzeit ist es heute ganz unabhängig vom Glauben beliebt, neue Perspektiven einzunehmen: Vom Verzicht auf WhatsApp bis zum Plastik-Fasten gibt es viele Vorschläge für spezielle Forschungsprojekte und Exerzitien im Alltag! Auch das Pilgern („Ich bin dann mal weg“) reiht sich als Versuchsanordnung nahtlos ein.

Wer gezielt einen Schritt zur Seite tritt, macht also nicht nur Urlaub vom gleichförmigen Informationsfluss. Er*sie entdeckt auch viel Neues und Bereicherndes.

Hashtag der Woche: #entkomprimiert


(Beitragsbild: Matthias Kronau)

1 Vgl. https://valerieundderpriester.de/valerie-und-der-priester-3e7097132bb2 (Aufruf: 20.09.19)

2 Vgl. Willemsen, Roger: Das Hohe Haus. Ein Jahr im Bundestag, Frankfurt am Main 2014.

3 Vgl. Cortazár, Julio: Die Autonauten auf der Kosmobahn. Eine zeitlose Reise Paris-Marseille, Frankfurt am Main 1996.

5 Vgl. https://www.fischerverlage.de/buch/roger_willemsen_das_hohe_haus/9783596198108

6 Vgl. Houellebecq, Michel, Die Welt als Supermarkt, Hamburg 2011, S. 77.

7 Vgl. Baier, Lothar, Keine Zeit. 18 Versuche über die Beschleunigung, München 2001.

8 Vgl. Houellebecq, Michel, Die Welt als Supermarkt, Hamburg 2011, S. 77.

johannes kronau

johannes kronau

studiert Theologie in Würzburg. Er gehört zur Redaktion der Würzburger Theolog*innenzeitung „Ablass“, mag Fußball (Dauerkarte bei Greuther Fürth) und sammelt Landkarten.

2 Replies to “Expedition Autobahnrastplatz

  1. Lieber Johannes, deine Ausführungen sprechen mich an. Diese Sichtweise lässt mich die Seite wechseln von einer fremdbestimmten zu einer interessierten aktiven Person. Danke. Margrit Sulzer

  2. Du hast es erfasst: Die Datenflut, der wir täglich ausgesetzt sind, macht Angst und ist unüberschaubar. Da ist eine zeitweise Ignoranz heilsam, einfach an sich vorüberziehen lassen, sie als „unwichtig“ einstufen und verschwinden lassen. Und man stellt fest, die Welt dreht sich trotzdem weiter! Auch noch so interessante Veranstaltungen vergehen, ohne dass man daran teilgenommen hat. Und „Orte, die man gesehen haben muss“ bleiben, ob man sie besucht oder übergangen hat. Liebe Grüße aus dem Schelmengraben, Gitta Stelkens

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