Antonia Klumbies und Anne-Kathrin Fischbach fragen sich, warum sie als bekennende Feministinnen am Ende des Tages doch immer wieder bei Deutschrap landen: ein Artikel über die philosophische und theologische Relevanz von Rapmusik. 

Deutschrap ist längst in der Mitte unserer Gesellschaft angekommen. Ein Blick in die Top 100 der offiziellen deutschen Singlecharts beweist dies. Wenigstens ein Drittel der Tracks sind — auf Spotify recht eindeutig identifizierbar anhand des Labels „explicit“ — dem Genre des Raps zuzuordnen. Dass 2018 mit Kendrick Lamar erstmals ein Rapper mit dem Pulitzer-Preis, dem wichtigsten amerikanischen Medienpreis, ausgezeichnet wurde, zeigt, dass Rapmusik nicht mehr nur im sozial prekären Milieu beheimatet ist, sondern sogar als Kulturgut gelten kann.

Deutschrap und Kirche?

Höchste Zeit, dass auch Theologie dem Deutschrap etwas Aufmerksamkeit schenkt: Rap als Musik, die besonders auf „Realness“, Authentizität abzielt, hat den Anspruch „echte Musik für die echten Leute [zu sein]. Direkt, ehrlich und vor allem menschlich“. Nicht erst seit gestern, aber besonders pointiert seit den letzten kirchenpolitischen Ereignissen verliert insbesondere die katholische Kirche an allen Fronten immer mehr an Realness. Aufgrund ihrer oftmals existentiell nicht länger nachvollziehbaren Positionierung bezüglich ethischer Fragen wird der Kirche abgesprochen, noch einen relevanten Bezug zur gegenwärtigen Wirklichkeit zu haben. Daran ändern auch Versuche pseudo-moderner Fassadenanstriche nichts Wesentliches.

Kirche kann vom Rap lernen, dass es nicht nur darauf ankommt, Form zu wahren, sondern auch Inhalt zu transportieren. Es geht dieser Musikform zuvorderst um eine kunstvolle, poetische Vermittlung von Sprache. Gegenwärtig ist Rap

das einzige Musikgenre, das uns erlaubt, über beinahe alles zu sprechen. [Er] ist höchst kontrovers1,

aber es gibt schlicht kein gesellschaftliches Thema, zu dem man keinen Querverweis in einem Rap-Song finden würde.

Deutschrap und Diskurs

Deutschrap bietet eine Plattform für einen Diskurs über Moral und Vorstellungen von gutem Leben, der in der säkularisierten Gesellschaft nicht mehr vorrangig von Religion und Philosophie bestimmt wird. Insbesondere, weil Rap kultur- und religionsübergreifend rezipiert wird, kann er zu einem interkulturellen und sogar interreligiösen Dialog beitragen. Diese Thesen mögen auf den ersten Blick verwunderlich erscheinen, denn gemeinhin gilt Deutschrap als aggressiv, primitiv und in der „besseren Gesellschaft“ — zu der sich die verbliebenen Kirchenmitglieder im Durchschnitt zählen — als wenig salonfähig.

Dennoch ist Rap

zunächst und zuvorderst […] eine gegenkulturelle Praxis mit tiefen Wurzeln in Modi religiöser Transzendenz und politischer Opposition2.

Rapper*innen sind zum weit überwiegenden Teil Mitglieder sozial unterprivilegierter Gruppen. Das Anti-Bürgerliche ist dem Rap konstitutiv: Entstanden in der amerikanischen, schwarzen Unterschicht, war er aus seinen Anfängen heraus konzipiert als Herrschaftskritik. Genau hierin liegt sein gegenwartskritisches Potenzial: Rap vermag den am Rand der Gesellschaft Stehenden eine Stimme zu geben. Auch erfolgreicher Rap bleibt sich im besten Fall dieser Herkunft bewusst, verortet sich bleibend dort und kritisiert aus dieser Perspektive das (vermeintliche) Zentrum.

Gesellschaftskritik

Rap verwendet drastische, gewalt(tät)ige Sprache, die das rein Faktische zu entgrenzen transzendieren vermag. Gegen die scheinbare Ausweglosigkeit der erfahrenen Wirklichkeit reimt Rap an im Modus gleichzeitiger Bejahung und Verneinung. Dem Faktischen wird sprachlich eine – oft in Metaphern gefasste – Hoffnung vom besseren Leben als Utopie entgegengestellt. Durch die Kreativität von Sprache kann erhoffte Wirklichkeit als neue Wirklichkeit generiert werden.

Gerade das anstößige, weil schonungslose Benennen gesellschaftlicher Probleme aller Art ist es, was den Rap attraktiv und verpönt zugleich macht. Auch eine Demokratie lässt sich nicht gerne auf blinde Flecken aufmerksam machen. Im Rap werden mit besonderer Vorliebe heikle Themen angesprochen: ob Polizeigewalt, Rassismus, politische Haltung zu Nahost. Dabei ist der Grat, auf dem die Künstler*innen mit ihren Texten wandeln, schmal. Was ist Kunst, was ist bloß geschmacklos, was ist Meinungsfreiheit, was Beleidigung, was Diffamierung?3 Die Auseinandersetzung mit solchen Fragen ist Teil der Debatte um Verantwortung innerhalb der Rap-Kultur. Denn weder ist Sprache unschuldig, noch die Taten, mit denen viele Rapper*innen neben der Musik ihre „street credibility“ zusätzlich steigern. Viele von ihnen treten als Gesamtkunstwerk, als „Robin Hoods unseres postmodernen Zeitalters“4 auf, als Outcasts und Held*innen zugleich. Der Rap als Kampf um Anerkennung, als Schlachtfeld von Sprache wird zur Lebensphilosophie.

Kampf um Anerkennung

Vorstellungen vom guten Leben drücken sich oft in der Vorstellung davon aus, dicke Autos zu fahren, Waffen zu besitzen, körperlich fit und stark zu sein, die Polizei nicht mehr fürchten zu müssen und viele Frauen zu haben. Obgleich vielfach kritisiert, lässt sich jedoch nicht leugnen, dass diese Vorstellungen gesamtgesellschaftlich Metaphern für Macht darstellen.

Einige Philosophen haben die aggressive Selbstbestätigung, welche in so vielen Rap-Songs zum Ausdruck kommt, basierend auf Nietzsches Theorie des ästhetischen Schaffensprozesses, als durch den »Willen zur Macht« motiviert verstanden bzw. als den Willen, Interpretationen über das eigene Leben zu entwickeln, die es erlauben, sich in Anbetracht des Leidens zu entfalten.5

Rap hat insofern durchaus eine therapeutische Funktion für Menschen, die sich als Underdogs verstehen. Im Rap dreht sich viel um Selbstermächtigung, um Empowerment des Subjekts. Das macht ihn attraktiv für all diejenigen, die dieses Empowerment nötig haben — was vielleicht erklärt, warum wir ihn als Frauen in der Kirche besonders gerne hören.

Indem der Rap allerdings Empowerment durch Sexismus, Rassismus und Gewalt propagiert, macht er sich an ihrer Reproduktion mitschuldig. Foucaults Machtanalysen beschreiben diesen Mechanismus, der dafür sorgt, dass sich Grenzen verschieben und der Rand zum Zentrum werden kann: Die allmählich zur Normalität werdende Rap-Kultur „spiegelt nicht selten wiederum die dominante Gesellschaft wider“6. Aus Opfern, die sich gegen Ungerechtigkeit empören, werden allzu leicht Täter*innen. Ungerechtigkeit reproduziert sich. Auch – aber eben nicht nur – im Rap.

Rap und Religion

Dennoch: Ursprünglicher Antrieb des Raps ist der verbale Kampf gegen Ungerechtigkeit und die Etablierung einer neuen, besseren Ordnung. Im Diskurs konkurrierender ethischer Modelle wird häufig auf religiöse Metaphorik zurückgegriffen. Es findet allerdings keine konstruktive Auseinandersetzung mit (Kirchen- oder Moschee-)Gemeindestrukturen statt. Glaube kommt radikal individualistisch, existentiell zur Sprache. Rap setzt

bei konkreten Problemen und konkreten Fragen konkreter Menschen in konkreten Situationen an.7

Sein Anliegen ist zutiefst philosophisch, wenn er danach fragt, was der Mensch ist, was er wissen kann, was er tun soll und was er hoffen darf. Ein besonderer Schwerpunkt liegt auf dem Beharren auf Hoffnung: Hier taucht Gott auf als Sparring-Partner, Richter, Beistand in der Not … — in all den unterschiedlichen Rollen, die durch Bibel und Koran bezeugt sind.

Ziel von Rap-Musik ist die Transformation und Transfiguration einer jeweiligen, als unbefriedigend erfahrenen Lebenswirklichkeit. Das ist ein religiöses Anliegen. Auch Theologie, die mit Bedeutungslosigkeit ringt, sollte ehrlichere, ambivalente Konfrontation mit Wirklichkeit wagen. Viel zu schnell wird Menschen — zwar in Kuschelrhetorik, trotzdem gnadenlos — nach Schema F mitgeteilt, was göttlichem Willen zufolge regelkonformes Verhalten ist. Grund für die Scheu vor mehr Realness ist Angst vor umfassender, läuternder Transformation, die nicht nur das leidende Subjekt, sondern auch die es unterdrückenden Strukturen zu ergreifen vermag — wenn man dies nur zuließe.

Rapper*innen sind daher nicht nur Prediger*innen für Gesellschaft, sondern auch unbequeme Prophet*innen für Kirche. Ihre Botschaft — als Aufschrei formuliert — erzählt davon, was das Leben der Menschen durch alle Schichten hindurch gegenwärtig tatsächlich ausmacht — im guten wie im schlechten Sinne. Nur aus der existentiellen Konfrontation mit dem tatsächlichen Leben lässt sich neu ausbuchstabieren, was gutes, was heiliges Leben in Gegenwart und Zukunft bedeuten kann.

(Mitarbeit am Artikel: Antonia Klumbies)

Hashtag der Woche: #getreal


(Beitragsbild: @aidenmarples)

1 Derrick Darby/Tommie Shelby (Hgg.): Hip Hop and Philosophy. Rhyme 2 Reason, Chicago 2005, XV (alle englisch-sprachigen Quellen zitiert nach Brock, Eike / Manemann, Jürgen (Hgg.): Philosophie des HipHop: Performen, was an der Zeit ist, Bielefeld 2018).

2 West, Cornel: On Afro-American Music. From Bebop to Rap, 474, in: The Cornel West Reader, New York 1999.

3 Siehe hierzu besonders medienwirksam die Kontroverse um die Echoverleihung an Farid Bang und Kollegah.

4 Bailey, Julius, Philosophy and Hip-Hop. Ruminations on Postmodern Cultural Form, New York 2014, 7.

5 Bailey, Julius, a.a.O. 52f.

6 Brock, Eike / Manemann, Jürgen (Hgg.): a.a.O. 75.

7 Brock, Eike / Manemann, Jürgen (Hgg.), a.a.O. 13.

anne-kathrin fischbach

anne-kathrin fischbach

studierte Katholische Theologie in Freiburg und Jerusalem. An der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg studiert sie außerdem noch Philosophie und arbeitet am Arbeitsbereich Dogmatik.

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