In einer kleinen Artikelserie blicken wir zurück auf die Salzburger Hochschulwochen 2018, die aus unterschiedlichen Perspektiven dem Thema „Angst“ in unserer Zeit gewidmet waren. Aaron Langenfeld war — mit Lucia Greiner und Johannes Hartl — auf einem Podium zur Frage, ob man um die Kirche Angst haben müsse. Hier schildert er seine Erkenntnisse und Eindrücke.

Klarheit. Am Ende läuft alles auf die Frage hinaus, ob der Glaube Klarheit in die von postmoderner Willkür und Zwang zur individuellen Lebensgestaltung zerfurchte Welt bringen kann. Ein Fragesteller aus dem Publikum redet sich in Rage und fordert von der Kirche ein klareres Schwarz-Weiß-Schema, wolle sie mit den Erfolgen der Sekten und Freikirchen mithalten – und mir dämmert langsam, dass ich die Ausgangsfrage der Podiumsveranstaltung Theologie kontrovers, die dieses Jahr auf den Salzburger Hochschulwochen Premiere feierte, anders hätte beantworten müssen.

Die gestellte Frage, ob man Angst um die Kirche haben müsse, hängt nämlich – so wird mir jetzt klar – von der Frage ab, ob man Angst vor der Welt hat oder haben sollte. Ich redete über Lumen Gentium und die in Gott gegründete Kirche, um die man sich nicht sorgen müsse, aber ich hätte über die Angst der Menschen vor dem Verschwinden der Kirche in einer Welt reden müssen, die dieser Tage tatsächlich nicht als Hoffnungsträger taugt. Mein Gegenüber auf dem Podium, der Gründer des Augsburger Gebetshauses, Johannes Hartl, hat genau das erkannt. Es ist ein einfaches und doch bestechendes Schema: Menschen haben Angst, wir haben erlösende Antworten, die nur darauf warten, verkündigt zu werden. Nach diesem Schema funktioniert letztlich auch das viel diskutierte Mission Manifest, zu dessen Urhebern Johannes Hartl zählt: ‚Wenn wir nicht handeln und wenn wir es nicht jetzt tun, dann…‘

Das Christentum als Antwort auf die Angst

Weder theologisch noch soziologisch steht zur Debatte, dass das Christentum Angst nehmen will – Angst vor dem Tod, Angst vor dem eigenen Versagen, aber auch Angst vor den bedrückend gleichgültigen Mächten der Welt und dem von ihnen verursachten Leiden. Das Christentum nimmt für sich in Anspruch, einen Weg zu weisen, um mit diesen Ängsten, Sorgen und Nöten leben zu können; es behauptet einen unbedingt gültigen Sinn in einer anscheinend sinnwidrigen Umgebung und bietet den Menschen Zugang zu dieser Perspektive durch konkrete Sprachformen und liturgische Praktiken. Kurz und bündig: Das Christentum will Antwort für den Menschen sein und das „vernunftlose Schweigen der Welt“ (Camus) brechen.
Und warum sollten diese Antworten nicht einfach und klar sein? Ja, müssen sie nicht sogar derart klar und eindeutig sein, dass sie nicht wieder in neue Zweifel, neue Reflexionsschleifen, neue Unsicherheiten führen, und damit neue Ängste erzeugen?

Oder werden an dieser Stelle Form und Inhalt des christlichen Glaubensbekenntnisses verwechselt? Dafür spräche immerhin, dass der christliche Glaube die Angst nicht einfach ausblenden, sondern sie als menschlich begreifen will. Jesu Weg von Getsemani zum Kreuz ist das Narrativ, an dem deutlich wird: Angst, Unsicherheit, Ambivalenz ist fundamentaler Bestandteil, aber nicht das Ganze des Menschseins. Die Angst wird nicht unterdrückt, aber sie wird auch nicht zum lebensbeherrschenden Prinzip: Gerade im Gang zum Kreuz erweist sich die Freiheit Jesu. Verliert man also wirklich Angst, wenn man sich in einen scheinbar vom Zweifel bereinigten Glauben stürzt, der die Komplexität der Wirklichkeit reduziert, oder aber gewinnt die Angst uns, wenn wir uns vor ihr hertreiben lassen?

Die Kirche muss Freiheit vermitteln

Damit wird aber auch klar: Die Aufgabe der Kirche darf bleibend nicht darin bestehen, ‚Opium‘ anzubieten, das Ängste zunächst unterdrückt und dann verstärkt zum Ausbruch bringt. Vielmehr muss es ihr darum gehen, Freiheit zu vermitteln – Freiheit von der Sorge um mich selbst und damit Offenheit für die Würdigung dessen, was nicht ‚Ich‘ ist: die Welt. Wo die Kirche diese Aufgabe annimmt, kann sie nicht versagen, weil ihr Erfolg nicht von Mitglieder- und Besucher*innenzahlen abhängt. Womöglich ist der Gedanke der in Gott gegründeten Kirche also doch hilfreich: So lange die Kirche in der Nachfolge Christi steht, so lange sie ihr Fortbestehen also nicht von sich selbst abhängig macht und trotz zahlreicher Ängste nicht an der Sorge um sich selbst erstickt, kann sie nicht scheitern. Eine Kirche, die die Angst nicht scheut, erwartet von den Gläubigen keinen naiven Glauben, sondern mutet ihnen die rationalen Herausforderungen des Christentums zu. Sie hält Ambivalenzen und Zweideutigkeiten nicht nur aus, sondern entdeckt gerade darin das radikal Menschliche.

Klarheit, so sagt Johannes Hartl nach unserer Diskussion zu mir, dürfe nicht naiv sein. Darin stimmen wir überein. Aber gibt es eine nicht-naive Klarheit? Oder ist am Ende doch nur klar, dass nichts klar sein kann? Dann ginge es eben nicht darum, Klarheit zu schaffen, sondern mit Unklarheiten leben zu lernen.

Hashtag: #shw2018


(Beitragsbild: @Gaertringen

dr. aaron langenfeld

dr. aaron langenfeld

studierte katholische Theologie, Germanistik und Philosophie in Köln und promovierte an der Theologischen Fakultät Paderborn. Er ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Systematische Theologie und Geschäftsführer des Zentrums für Komparative Theologie und Kulturwissenschaften der Universität Paderborn.

One Reply to “#shw2018: Keine Angst um die Kirche!”

  1. „Angst vor dem Tod, Angst vor dem eigenen Versagen, aber auch Angst vor den bedrückend gleichgültigen Mächten der Welt und dem von ihnen verursachten Leiden. Das Christentum nimmt für sich in Anspruch, einen Weg zu weisen, um mit diesen Ängsten, Sorgen und Nöten leben zu können; es behauptet einen unbedingt gültigen Sinn in einer anscheinend sinnwidrigen Umgebung und bietet den Menschen Zugang zu dieser Perspektive durch konkrete Sprachformen und liturgische Praktiken. Kurz und bündig: Das Christentum will Antwort für den Menschen sein und das „vernunftlose Schweigen der Welt“ (Camus) brechen.“

    „Die Aufgabe der Kirche darf bleibend nicht darin bestehen, ‚Opium‘ anzubieten, das Ängste zunächst unterdrückt und dann verstärkt zum Ausbruch bringt. Vielmehr muss es ihr darum gehen, Freiheit zu vermitteln – Freiheit von der Sorge um mich selbst und damit Offenheit für die Würdigung dessen, was nicht ‚Ich‘ ist: die Welt. Wo die Kirche diese Aufgabe annimmt, kann sie nicht versagen, weil ihr Erfolg nicht von Mitglieder- und Besucher*innenzahlen abhängt.“

    In einem gedruckten Beitrag würde ich diese beiden Absätze gelb markieren und unterstreichen. Sie fassen viel von dem zusammen, warum ich in der Kirche bin und bleibe.

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