Gerade in einer Zeit eines wieder erstarkenden Antisemitismus muss die katholische Kirche klare Worte finden. Nun hat Joseph Ratzinger einen Text zu den jüdisch-christlichen Beziehungen vorgelegt, über den nicht wenige deutlich irritiert sind. Benjamin Bartsch stellt kritische Anfragen an die Theologie Ratzingers im Angesicht des Judentums.

Joseph Ratzinger hat die Disziplin, trotz allerbester Absichten in die größten interreligiösen Fettnäpfchen zu treten, während seines achtjährigen Pontifikats als Papst Benedikt XVI. nachgerade zu einer Kunstform erhoben. Man erinnere sich nur an so lichtreiche Momente wie die Regensburger Rede oder die Neuformulierung der Karfreitagsfürbitte im alten Ritus1. „Nun hat er also wieder zugeschlagen!“, so möchte man unwillkürlich bei der Lektüre von Joseph Ratzingers „Anmerkungen zum Traktat «De Iudaeis»“ in der aktuellen Ausgabe der Internationalen Katholischen Zeitschrift «Communio»2 ausrufen.
Bei jenem Text handelt es sich um ein ursprünglich nicht zur Veröffentlichung bestimmtes Manuskript, das Ratzinger dem Präsidenten der Päpstlichen Kommission für die religiösen Beziehungen zum Judentum, Kurt Koch, zur privaten Verwendung überreicht hat. Kardinal Koch war nach der Lektüre dieses Textes davon

überzeugt, dass der vorliegende Beitrag das jüdisch-katholische Gespräch bereichern wird3

und hat den Autor deshalb um Zustimmung zu der nun vorliegenden Veröffentlichung gebeten. Kardinal Koch hat dem Gelegenheitstext Ratzingers damit angesichts der hochdifferenzierten Dialoglandschaft zwischen Jüd*innen und Christ*innen, die sich infolge der religionstheologischen Öffnung der katholischen Kirche während des Zweiten Vatikanischen Konzils entwickelt hat, eine sehr hohe Messlatte angelegt.

Gefährliche Differenzierung?

Ratzinger macht in seiner vorerst letzten Veröffentlichung zwei Grundthesen der neuen Sicht auf das Judentum aus (392): 1. Die Ablehnung der Substitutionstheorie4 (auf die Ratzinger sich grundsätzlich in Anführungszeichen bezieht) und 2. „die Rede vom nie gekündigten Bund“ (ebd.).
Von beiden Thesen sagt Ratzinger, dass sie „im Grunde richtig“, jedoch „in vielem ungenau“ seien und „kritisch weiter bedacht werden“ müssten (ebd.). Ratzinger möchte also die Grundlagen der christlichen Sicht auf Israel und das Judentum einer differenzierten Untersuchung unterziehen.
Und genau an dieser Stelle ist Vorsicht geboten. Denn was bedeutet in diesem Zusammenhang Differenzierung? Was genau ist an den Aussagen, dass die Kirche Israel nicht ersetzt hat und dass Gott seinem Bund mit Israel unbedingt treu bleibt, zu differenzieren? Es gibt Fälle, in denen ist Differenzierung nichts anderes als – um einen Ratzingerschen Lieblingsausdruck zu gebrauchen – Relativierung.
Dass es angesichts der Geschichte der christlich-jüdischen Beziehungen auf jedes Wort ankommt und dass die Ambiguitätstoleranz für christliche Aussagen über Israel und das Judentum außerordentlich gering ist, das sollte auch Ratzinger vor dem Verfassen seines Aufsatzes gewusst haben.
Doch es bleibt nicht bei dem gefährlichen Projekt zweideutiger Relativierungen.

Gab es die Substitutionstheorie nie?

Ratzinger eröffnet seine Diskussion der Substitutionstheorie5 mit der verblüffenden Behauptung, dass es diese nie gegeben habe. Beweis? In den Stichwortverzeichnissen großer theologischer Lexika findet sich der Begriff nicht (ebd.). Das ist Theologie nach dem Motto: Quod non est in encyclopedia non est in mundo. Noch dazu ist es eines der absurdesten Argumente, die wohl je in einer theologischen Fachzeitschrift vorgetragen wurden.
Man sollte jedoch nicht den Fehler machen, sich von der Absurdität der Begründung darüber hinwegtäuschen zu lassen, wie gefährlich und falsch die von Ratzinger hier vorgetragene These ist: Die Behauptung, dass es all die Jahrhunderte der religiösen Enterbung von Jüd*innen und ihrer Religion nie gegeben habe, ist nicht nur offensichtlich falsch, wie sich in unzähligen christlichen Quellen seit dem Barnabasbrief nachlesen lässt, sondern sie öffnet auch die Tür zur Weiterverbreitung alter Stereotype, die über viele Jahrhunderte Unglück über Jüd*innen gebracht und den modernen Antisemitismus maßgeblich mitverursacht haben. Bedauerlicherweise durchschreitet Ratzinger diese Tür sogleich mit Aplomb. Mit Bezug auf die alttestamentlichen Tieropfer schreibt er:

So gibt es eigentlich in der Tat keine «Substitution», sondern ein Unterwegssein, das schließlich eine einzige Realität wird und dennoch das notwendige Verschwinden der Tieropfer, an deren Stelle («Substitution») die Eucharistie tritt (394).

Ich fürchte, dass dieses Wortgeklingel um das „Unterwegssein“ nicht über die Tatsache hinwegtäuschen kann, dass Ratzinger die Eucharistie hier als religiöse Ersetzung der Tieropfer versteht. Auf diese Weise betreibt der Text eine theologische Delegitimation des nachbiblischen Judentums, der m.E. entschieden widersprochen werden muss.

Das typologische Verheißungs-Erfüllungs-Schema

Ratzinger arbeitet in seiner Argumentation mit einem äußerst problematischen typologischen Verheißungs-Erfüllungs-Schema und betreibt damit selbst jene Substitution, von der er vorher behauptet hat, dass es sie nie gegeben habe. Dies sei an einem Beispiel erläutert:
Ratzinger weist mit Recht darauf hin, dass das Neue Testament und frühchristliche Texte die Landverheißung konsequent spiritualisieren (399f.), während das Judentum immer an der geschichtlichen Konkretheit der Landverheißung festgehalten hat. So weit, so gut. Problematisch wird der Text nun da, wo er anfängt, die Zerstreuung Israels über die Welt zu verherrlichen. Da gewinnt das Exil den positiven Zweck, das Gottesbild zu konsolidieren (401). Die Zerstreuung von Juden über die ganze Welt wird theologisch gedeutet:

Auf diese Weise haben die Juden gerade durch ihre endgültige (sic!) Zerstreuung in der Welt die Tür zu Gott geöffnet. Ihre Diaspora ist nicht bloß und nicht primär ein Zustand der Strafe (sic!), sondern bedeutet eine Sendung (402).

Die Zerstreuung Israels in dieser Weise teleologisch zu deuten, kehrt die Tatsache unter den Teppich, dass es sich dabei zuerst und vor allem einmal um ein schweres Unrecht gehandelt hat, das in der Geschichte unendlich viel weiteres Unrecht nach sich gezogen hat.

Und der Bund?

Die zweite Grundannahme der christlichen Theologie in Bezug auf Israel und das Judentum, die Ratzinger untersuchen möchte, ist die des „ungekündigten Bundes“. Ratzinger weist hierbei zurecht darauf hin, dass das Alte Testament mehrere Bundesschlüsse kennt (403). Leider hat auch diese zunächst harmlose Feststellung das Odeur des Relativismus an sich: Für Ratzinger ist der Bund Gottes mit Israel einer unter mehreren. Damit übersieht er vollständig die Besonderheit der Beziehung zwischen Gott und seinem Volk Israel, die mir aus jeder Seite der Thora entgegenspricht.

Doch wirklich gefährlich wird es vor allem da, wo Ratzinger davon spricht, dass der Mose-Bund lediglich eine „Zwischenfunktion“ (403) habe. Diese Denkfigur legt den Grund, auf dem künftige Substitutionstheoretiker*innen werden bauen können. Ratzinger selbst fällt in den Straßengraben, wenn er von der „Umstiftung“ des Bundes im Blute Jesu spricht (405).
Seine Kritik an der Rede vom ungekündigten Bund stützt Ratzinger auch darauf, dass die Rede von der Kündigung unbiblisch sei (404). Er weist darauf hin, dass Gott immer treu sei und dass es die Menschen seien, die untreu werden:

Die Bundesgeschichte zwischen Gott und Israel ist einerseits durch die Kontinuität von Gottes Wahl als unzerstörbar getragen, aber zugleich durch das ganze Drama menschlichen Versagens mitbestimmt (ebd.).

Nun, das stimmt. Aber gilt diese Aussage nicht ganz genauso für den Neuen Bund? Ist nicht gerade die Geschichte der Kirche gegenüber den Jüd*innen Ausdruck des „ganzen Dramas menschlichen Versagens“ und menschlicher Bosheit?

Eine offenbarungstheologische Überlegung6

Die christliche Kirche versteht das Alte Testament als inspiriertes Zeugnis der Offenbarung Gottes an sein Volk Israel, mit dem er am Sinai einen Bund der Liebe und des Erbarmens geschlossen hat. Unter „Offenbarung“ sei hier, ohne auf die damit verbundenen Probleme näher eingehen zu können, die freie und gnadenhafte Selbstmitteilung in der Geschichte verstanden, die dem Ziel dient, eine persönliche Beziehung des Menschen zu Gott in der Antwort des Glaubens zu eröffnen.
Die Frage, die sich in der Lektüre von Ratzingers Artikel stellt, ist nun folgende: Ist die jüdische Lektüre des Alten Testaments diese Beziehungseröffnung? Ratzinger scheint daran Zweifel zu hegen und fordert dazu auf, im Dialog mit Jüd*innen immer wieder zu zeigen, dass die Messianität Jesu schriftgemäß sei (399). Mit dieser Anmerkung kommt er nicht nur der Aufforderung zur Judenmission gefährlich nahe, sondern er scheint noch einmal die Legitimität der jüdischen Lektüre der Bibel Israels infrage zu stellen.
Wenn man jedoch mit Paulus und auch Ratzinger davon ausgeht, dass Gott seiner Erwählung Israels unverbrüchlich und reuelos treu bleibt (406), dann wird man annehmen müssen, dass Jüd*innen die Bibel Israels als authentisches Zeugnis von Offenbarung lesen, das sie in die Beziehung zu Gott hineinführt. Von diesem Offenbarungsverständnis her ist das Alte Testament eben nicht nur eine Sammlung von Verheißungen, sondern immer auch schon Erfüllung, so wie das Neue Testament selbst auch unendlich viele Verheißungen enthält, die ihrer Erfüllung noch harren. Schon aufgrund dieses Gedankens halte ich das typologische Schema von Verheißung und Erfüllung, mit dem Ratzinger völlig vorbehaltlos hantiert, für theologisch nicht haltbar.

Das eigentliche Problem – eine Schlussbetrachtung

Dass ein 91-jähriger ehemaliger Bischof, der den akademischen theologischen Betrieb vor über vierzig Jahren verlassen hat, einen Text schreibt, der durch offensichtliche Nichtvertrautheit mit Entwicklungen des jüdisch-christlichen Gesprächs in den letzten dreißig Jahren auffällt, halte ich für weder überraschend noch empörend.  Wenn dieser Text nicht gerade vom ehemaligen Papst stammen würde, wäre die angemessene Reaktion wohl, ihn getrost zu übergehen. Da er aber von Joseph Ratzinger als ehemaligem Papst stammt, muss ihm unbedingt widersprochen werden: Dieser Text sägt – vermutlich unbeabsichtigt – an den Grundlagen des jüdisch-christlichen Gesprächs. Nicht nur Theolog*innen, sondern auch die katholische Kirche sind – Gott sei Dank – längst viel weiter.7
Das eigentliche Problem scheint mir jedoch ein anderes zu sein: Es lässt mich erstaunt und ratlos zurück, dass der Präsident der päpstlichen Kommission für die religiösen Beziehungen zum Judentum diesen Aufsatz Ratzingers für einen potentiell positiven und weiterführenden Beitrag zum jüdisch-christlichen Dialog hält. Sollte das so sein, stünden wir nicht weniger als einer kompletten Kehrwende der katholischen Kirche im jüdisch-katholischen Gespräch gegenüber, die ein verheerender Rückschlag wäre. In diesem Sinne ist dem Text Ratzingers nur zu wünschen, dass er dem baldigen Vergessen anheimfallen möge, ohne vorher einen allzu großen Schaden im interreligiösen Dialog angerichtet zu haben.

Hashtag: #rollerückwärts


(Beitragsbild: @barakbro)

1 Vgl. dazu z.B. W. Homolka, E. Zenger (Hgg.): »…damit sie Jesus Christus erkennen« Die neue Karfreitagsfürbitte für die Juden. Freiburg im Breisgau 2008.

2 J. Ratzinger – Benedikt XVI., «Gnade und Berufung ohne Reue. Anmerkungen zum Traktat «De Iudaeis»», in: IKaZ 47 (2018) 387–406. Die Seitenzahlen im Haupttext beziehen sich auf diese Veröffentlichung.

3 Geleitwort von Kurt Cardinal Koch, in: a.a.O. 387. Dort finden sich auch die Hinweise zu Textgeschichte.

4 Anm.: Unter „Substitutionstheorie“ wird die Annahme verstanden, dass die christliche Kirche an die Stelle Israels getreten sei und die heilsgeschichtlichen Verheißungen an Israel damit auf die Kirche übergegangen seien. Deshalb wird gelegentlich auch von einer „Enterbungstheorie“ gesprochen.

5 Weiterführende Literatur: R. Siebenrock: „… die Juden weder als von Gott verworfen noch als verflucht“ darstellen (NA 4) – die Kirche vor den verletzten Menschenrechten religiös andersgläubiger Menschen, in: HthK 5, hrsg. v. Guido Bausenhart u.a., Freiburg 2006, 415-423.

6 Teile dieses Abschnitts sind durch Markus Adolphs inspiriert, dem ich herzlich danke.

7 Vgl. z.B. aus der Fülle neuerer Literatur: M. Himmelbauer, M. Jäggle, R. A. Siebenrock, W. Treitler (Hgg.): Erneuerung der Kirchen. Perspektiven aus dem christlich-jüdischen Dialog (QD, Bd. 290), Freiburg i.Br. 2018.

benjamin bartsch

benjamin bartsch

hat Philosophie und Theologie in Erfurt, Jerusalem, München, Rom und Frankfurt a.M. studiert und ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für katholische Theologie im Angesicht des Islam.

5 Replies to “Israeltheologie auf Abwegen. Irritierte Anmerkungen zu Joseph Ratzinger

  1. Bravo! Lieber Benjamin, Du hast dich erfolgreich durch einen Text gearbeitet, der in um Gedanken kreisenden Bewegungen eine klare Linie kaum erkennen lässt und Skandalöses in den Schein von gewählten Worten packt – typisch Ratzinger eben!

    Summorum pontificum – äh: Summa summorum könnte man ja mit Ratzinger sagen: Das Judentum hat die gerechte Strafe dafür, dass es Jesus nicht als den Messias geglaubt hat, durch die zweite Zerstörung des Tempels erhalten, dessen Kultfunktion nun die Eucharistie einnimmt.

    Das Skandalöse dieses (gar nicht Ratzinger-like) klaren Satzes, der Ratzingers Thesen zusammenfasst, muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen! Danke für Deinen Artikel, in dem Du im Übrigen sehr konsequent zwischen Person (Ratzinger) und ehemaligem Amtsträger (Papst Benedikt XVI.) unterschieden hast – eine Unterscheidung, die der behandelte Artikel und so viele andere Äußerungen des betenden und doch nicht so schweigsamen Bischof emeritus von Rom nicht unternehmen!

  2. Lieber Benjamin, vielen Dank für deinen präzisen Artikel! Durch all das Ratzinger-Geeiere hast du gut die zentrale These herausgearbeitet, die der Papst emeritus umkreist (v. a. auf S. 390 seines Artikels): dass die Tempelzerstörung die gerechte Strafe dafür sei, dass die Juden das Messiasbekenntnis der Christen nicht übernommen haben, und die Eucharistie legitimer Weise an die Stelle des Tempelkultes trete.
    Wo Jesus dies ausdrücklich gesagt hat, erschließt sich einem redlich argumentierenden Exegeten freilich nicht. Mk 15,19 lässt sich auf vieles beziehen, sicherlich aber nicht auf die Eucharistie; Joh 2,19–22 macht offenkundig: Es handelt sich bei diesem Wort Jesu nicht um eine eucharistische Frömmigkeitsformel, sondern um eine Metaphorisierung des Tempels als Wohnort der Schechina (Gegenwart) Gottes; Gottes Anwesenheit erweist sich also durch die Auferweckung Jesu als wirkmächtig wie ehedem im Tempel. Als solch christologische Glaubensaussage ist dieses vermeintliche Wort Jesu also eine apologetische Bildung der frühchristlichen Gemeinde, die für ihre argumentative Schlagkraft gegenüber jüdischen Anfragen die Zerstörung des Tempels voraussetzt. Sonst funktioniert die Metapher nicht. Ein genuines Jesuswort ist das Wort von der Tempelzerstörung gewiss nicht. Insofern ist Ratzingers Argumentation nicht nur eucharistietheologisch überformt, sondern auch exegetisch unredlich. Dass er Probleme mit einer historisch-kritischen Kritik der Bibel hat, hat er ja mehrmals zugegeben.
    Aus exegetischer Sicht stellt oben Dargestelltes den schwerwiegendsten, aber nicht einzigen Fauxpas Ratzingers dar. Zumindest missverständlich ist auch die Bezeichnung der Bibel Jesu bzw. seiner Jünger*innen als Altes Testament (S. 398 u. ö.). Die „Bibel“, die Jesus und seinen Jünger*innen bzw. den neutestamentlichen Autoren (ich gendere bewusst nicht!) vorlag, war alles – nur nicht das Alte Testament. Die „Bibel“ der Verfasser der neutestamentlichen Schriften war die griechische Übersetzung der hebräischen heiligen Schriften, die Septuaginta (LXX). Sie wurde über die frühe Kirche und die Übersetzung ins Lateinische (Vetus Latina, später abgelöst durch die Übersetzung aus dem Hebräischen, die Vulgata) zu der Bibel der Kirche im Gegensatz zum Judentum, das sich seine Hebräische Bibel, den TaNaK, als Kanon gab. Über die Formierungsprozesse der beiden unterschiedlichen Schriftcorpora ist zu wenig bekannt. Lässt man dieses historische Gequatsche, das Ratzinger ohnehin nicht interessieren dürfte, und beschränkt sich auf eine vom Papst emeritus (und dem übrigen Lehramt) hoch geschätzte kanonische Exegese, fährt Ratzinger aber genauso aufs Glatteis: Beide Schriftcorpora müssen nämlich strikt unterschieden werden, da sie unterschiedlich angeordnet sind und damit eine unterschiedliche Sicht auf die Geschichte Gottes mit Israel (und der Kirche) werfen. Diese darf nicht aufeinander reduziert werden, als ob das Alte Testament der katholischen (!) Kirche, die sich in der Anordnung der Schriften an der LXX orientiert, identisch mit der Hebräischen Bibel sei, deren Geschichtskonzept ein anderes ist und mit dem Ausblick auf die Restitution Jerusalems als Ort des Tempels endet (vgl. 2 Chr 36,23). Die christliche Sicht hat dagegen die Propheten am Ende des alttestamentlichen Kanonteils, namentlich den „letzten“ Propheten Maleachi, der vom Kommen Elijas als Prophet des Tag Gottes kündet (vgl. Mal 3,22–24). Elija sagen die Christ*innen in Johannes dem Täufer gekommen.
    Diese unterschiedlichen Kanonausgänge zeigen also eine unterschiedliche Perspektive auf die Geschichte Gottes mit den Menschen, die von Ratzinger nicht gewürdigt wird, wenn er die Hebräische Bibel für das Christentum vereinnahmt. Dass er dies tut, offenbart nur wieder seine unzureichende Kenntnis des aktuellen jüdisch-christlichen Dialogs und kanonhermeutischer Diskurse (vgl. Notker Slencska, Ludger Schwienhorst-Schönberger, Christoph Dohmen u. v. m.).

  3. Ich weiß nicht, was ich dazu sagen soll, wenn man tagesaktuelle Standards des Gegenwartsdiskurses so unerträglich aufwertet, um einen der renommiertesten Theologen des 20. Jahrhunderts, der eine Versiertheit in der theologischen Tradition aufweist wie noch wenige, mit solchen Respektlosigkeiten zu überziehen!!
    Wer bzw. was ist hier Maß respective Gemessenes?
    Ich hab es leider nicht im Regal: Aber wenn ich mich recht entsinne, hat noch der hl. Robert Bellarmin den Übergang von der alt- zur neutestamentlichen Ecclesia als „transmutatio status“ beschrieben. „Substitutionstheorie“ ist eine terminologische Typisierung, die dem komplexen theologiehistorischen Befund nicht gerecht wird! Da hat Benedikt XVI/Joseph Ratzinger völlig Recht. – Und die Unredlichkeit dieser Vokabel besteht darin, dass sie in ihrer Suggestivität „nach Auschwitz“ zu einer ebenso wenig sachgemäßen Antithese zwingt. Das wollte J. Ratzinger wohl in etwa sagen. – Entsprechend, ich kann dies nur andeuten, fallen die israeltheologischen Konsequenzen anders aus: anders als die zum Teil höchst zynischen Einsilbigkeiten der Vergangenheit, aber anders auch, als es der korrekt-glatte Jargon der Gegenwart schier einfordert.

    1. Sehr geehrter Herr Obenauer,

      vielen Dank für Ihren kritischen Kommentar zu meinem Text. Ich bedaure, dass Sie den Eindruck gewonnen haben, dass ich Ratzinger mit Respektlosigkeiten überziehe. Angesichts der Tatsache, dass dieser Text in einer theologischen Fachzeitschrift erschienen ist, schlage ich jedoch vor, auf Autoritätsargumente zu verzichten und diesen Text als genau das zu lesen, was Texte in Fachpublikationen sein möchten: Einen Beitrag zur Debatte. Und als solcher kann er natürlich auch der Kritik unterzogen werden.

      Zur Frage der „Substitutionstheorie“: Ich sehe nicht, inwieweit der Begriff der Substitutionstheorie notwendigerweise ein statisches Konzept der Ablösung Israels beinhaltet. Ob diese Ablösung nun von einem Moment auf den anderen geschieht oder – mit Ratzinger – in einem „Unterwegssein“, einer „Dynamik“ spielt für die Tatsache, dass es sich hierbei um eine Ablösung handelt, keine Rolle. Nicht umsonst benutzt Ratzinger selbst an der Stelle, wo er feststellt, dass die Eucharistie die Tieropfer abgelöst habe, in Klammern den Begriff «Substitution». Substitution meint die Ersetzung des einen durch ein anderes. Ob dies prozessual oder momentan geschieht, tut begrifflich m.E. nichts zur Sache.

      Ich wäre jedoch sehr neugierig zu erfahren, welche israeltheologischen Konsequenzen Ihnen vorschweben, denn, ehrlich gesagt, nehme ich an, dass hier der Kern des Dissenses liegt.

      Mit freundlichen Grüßen

      Benjamin Bartsch

    2. „tagesaktuelle Standards des Gegenwartsdiskurses so unerträglich aufwertet“: Könnten Sie dies bitte erläutern?
      Renommée schützt vor Kritik nicht, Herr Obenauer! Joseph Ratzinger wurde hier als Theologe und damit als Wissenschaftler aktiv und nicht als Träger eines Amtes, das er nicht mehr besitzt; auf eine Amtsautorität kann er sich nicht berufen, wenn sein Nachfolger im Amt sichtbar fortschrittlichere Töne anschlägt. Dann muss der emeritierte Bischof von Rom sich aber auch den Anfragen an seine Theorien stellen.
      Wenn ich Sie um eine weitere Erläuterungen bitten dürfte:
      1. Inwiefern ist die Substitutionstheorie „nach Ausschwitz“ suggestiv? Die wenig sachgemäße Antithese wäre Ihrer Meinung nach also das, was das II. Vatikanum in Nostra Aetate Nr. 4 formuliert hat?
      2. Was meinen Sie mit dem „korrekt-glatte[n] Jargon der Gegenwart“?

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