Unsere Serie Booked richtet sich an die Bücherwürmer unter Euch: Wir nehmen uns spannende Titel vor, erzählen einfach, worum es geht, oder formulieren ein paar weiterführende Gedanken. Für den ersten Beitrag widmet sich Andreas Feige der Neuerscheinung Eine Kirche für viele statt heiligem Rest“ von Bestseller-Autor Erik Flügge („Der Jargon der Betroffenheit“).

Taschenrechner raus!

Das Buch von Erik Flügge und seinem Kollegen David Holte beginnt mit einer schonungslosen Analyse: Zehn Prozent der Kirchenmitglieder beanspruchen 100 Prozent der Kirchensteuergelder. Die anderen 90 Prozent gehen leer aus. Flügge fordert daher: 90 Prozent der zur Verfügung stehenden Ressourcen sollen für 90 Prozent der Kirchenmitglieder verwendet werden, die heute nicht am Gemeindeleben teilnehmen und gegenwärtig auch nicht im Blickfeld der Kirche stehen. Diese Differenzierung ist wichtig, denn es geht Erik Flügge im Kern darum, dass die Kirche kein Interesse an 90 Prozent ihrer Mitglieder hat, was den Autor

„furchtbar aufregt“. [S. 10]

Mit einem einfachen Rechenbeispiel unternimmt der Beteiligungsexperte ein Gedankenexperiment und spinnt Ideen, wie die Kirchensteuergelder anders verwendet werden könnten, als sie – wie aktuell – in Strukturen und Binnenkultur zu „investieren“. Das Ergebnis seiner Rechnung lautet: 30 hauptamtliche Mitarbeiter*innen könnten 10.000 Kirchenmitglieder, die etwa 2,5 Millionen Euro pro Jahr an Kirchensteuer zahlen, für jeweils sechs Stunden im Jahr besuchen.

„Guten Tag. Ich möchte mit Ihnen über Gott sprechen.“

Besuchen. Ja, Erik Flügges Vorschlag, um wieder alle getauften Mitglieder der Kirche zu erreichen, sind Hausbesuche. „Hilfe! Das wäre ja dann wie bei den Zeugen Jehovas“, mag sich da so manche*r denken. Auch ein Teilnehmer der Veranstaltungen, für die Flügge als Berater und Moderator angefragt wird und von denen er in seinem Buch immer wieder berichtet, äußert diese Sorge.

Doch Erik Flügge wirbt nicht für eine Kirche, die mit der Tür ins Haus fällt und ihre Mitglieder mit Glaubenswahrheiten belehren will. Er träumt von einer lernenden Kirche, die bereit ist, vom eigenen Glauben zu erzählen und – noch mehr – aus dem Erzählten des Gegenübers

„Neues über den eigenen Gott zu erfahren“. [S. 55]

Dieser Ansatz einer lernenden Kirche ist nicht neu. Bereits 1983 (!) schrieb der damalige Bischof von Aachen Klaus Hemmerle in einem Aufsatz über das Verhältnis von Kirche und Jugendlichen den bis heute häufig zitierten Satz:

„Lass mich dich lernen, dein Denken und Sprechen, dein Fragen und Dasein, damit ich daran die Botschaft neu lernen kann, die ich dir zu überliefern habe.“

Einen weniger bekannten, aber ähnlich gewichtigen Satz äußerte 2014 der damalige Leiter des Frankfurter Priesterseminars Stephan Kessler in einem Interview mit der FAZ:

„Wir müssen viel experimenteller werden, wir müssen in Milieus gehen, ohne sie zu bepredigen, sondern um sie zu erfahren. Das ist schon Mission.“

Auch Erik Flügge macht deutlich, dass er Mission anders versteht, als dies viele Jahrhunderte der Fall war. Seine Ausführungen über ein heutiges Verständnis von Mission sind eine der zentralen Passagen des Buches – gerade auch deshalb, da Flügges Begriffsbestimmung einen ganz anderen Geist atmet als den des ebenso erst erschienenen und aktuell viel diskutierten „Mission Manifest“.

Radikale Fragen

In „Eine Kirche für viele statt heiligem Rest“ formulieren die Autoren radikale Anfragen an die beiden großen christlichen Kirchen in Deutschland, die – auf den Leitungsebenen wie auch vor Ort – wenig bis gar nicht gestellt werden. Dass David Holte als Co-Autor von seinem eigenen Kirchenaustritt berichtet, gibt der Thematik den „existentiellen Touch“, den sie aus Sicht der Kirche und ihrer Mitglieder verdient. Der Frage nämlich, was heute unter Mission zu verstehen ist, geht eine noch viel tief schürfendere Problematik voraus:

„Für wen ist das katholische beziehungsweise evangelische Christentum überhaupt noch relevant?“ [S. 47]

Das führt zur vielleicht existentiellsten Frage, die sich die Kirche unbedingt stellen sollte: Wozu sind wir eigentlich heute da?

Bei all den Anfragen bleibt der Hauptautor jedoch nicht beim Problematisieren stehen. Flügge macht den Leser*innen zwar erst gar nicht die Hoffnung, er hätte ein Patentrezept für alle Probleme, benennt dafür aber sehr konkrete Vorschläge für neue Formen der Glaubenskommunikation. Im vorletzten Kapitel stellt Flügge sogar einen Modellversuch vor, der in jeder Kirchengemeinde umgehend ausprobiert werden könnte.

„Stört meine Kreise nicht!“ – „Oh doch!“

Nach „Der Jargon der Betroffenheit“ hat es Erik Flügge nicht nur erneut auf die SPIEGEL-Bestsellerliste geschafft. Zwei Jahre nach seinem ersten Bucherfolg ist es ihm wiederum gelungen, die Kirche, die – so analysierte Papst Franziskus vor seiner Wahl – viel zu oft „in sich, von sich und für sich lebt“, aufzurütteln. Denn die Gedankenanstöße des 75-seitigen Essays lesen sich wie Sprengstoff für diejenigen der zehn Prozent an aktiven Kirchenmitgliedern, die sich langfristig aus den ständigen Selbstumkreisungen ihrer Kirche befreien möchten.

Flügges Vorschläge haben jedoch auch ihre Grenzen, wie bereits eine ausführliche Rezension, unter anderem in Bezug auf die Befähigung von Ehrenamtlichen für die vorgeschlagenen Hausbesuche, kritisierte.

Dem hinzuzufügen wäre die kritische Anmerkung, ob das Modell der Pfarr- bzw. Kirchengemeinde, von dem die beiden Autoren grundlegend ausgehen, überhaupt noch zukunftsfähig ist. Pfarr- und Kirchengemeinden stehen nämlich gegenwärtig vor dem (unlösbaren) Problem, dass sie zu klein sind, um eine territorial organisierte, niederschwellige Angebotsstruktur der Kirche in einer modernen Gesellschaft zu sein und gleichzeitig zu groß sind, um als Gemeinde die Gemeinschaft derer zu sein, die ihr Leben vom Glauben her deuten möchten.1

Fazit: Mit „Eine Kirche für viele statt heiligem Rest“ besteht Grund zu der Hoffnung, dass viele Leser*innen das Buch nicht – getreu dem Motto „Wer Visionen hat, soll zum Arzt gehen“ – im Regal verschwinden lassen, sondern selbst ins Nach- und Weiterdenken kommen. Denn es ist dringend an der Zeit zu experimentieren, wie die Vielen, die längst aus dem kirchlichen Blickfeld geraten sind, mal wieder etwas von ihrer Kirche hören könnten und die Kirche dabei vom Zuhören lernen kann.

Hashtag: #Resteverwertung


(Beitragsbild: @benwhitephotography)

Literatur:

1 Vgl. Bernhard Spielberg, Kann Kirche noch Gemeinde sein?, Würzburg 2008, 390-391.

Erik Flügge / David Holte: Eine Kirche für viele statt heiligem Rest. Freiburg: 2018. (Dem Autor wurde vom Herder-Verlag ein kostenloses Exemplar zur Verfügung gestellt.)

andreas feige

andreas feige

studiert katholische Theologie in Freiburg und ist studentische Hilfskraft am Arbeitsbereich Pastoraltheologie der Universität Freiburg.

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