Feiern und Freude gehören eigentlich untrennbar zusammen. Und die message des Christentums will eine Frohe Botschaft sein – das ist im Gottesdienst jedoch oft nicht zu spüren. Fabian Brand plädiert dafür, dass die Freude wieder mehr Einzug in das liturgische Feiern erhält.

Es gibt Gottesdienste, die lässt man als Besucher*in notgedrungen über sich ergehen. Schließlich gehört es zum Anstand, nicht einfach aufzustehen und das Gotteshaus zu verlassen. Doch manche gottesdienstliche Feier mutet den Kirchgänger*innen schon viel zu. Der Höhepunkt ist für mich dann erreicht, wenn die Frohe Botschaft verkündet wird und die Verkünder*innen selbst allem Anschein nach nicht wirklich wissen, was sie da gerade vorlesen. Denn was man mitunter präsentiert bekommt, gleicht allzu oft einem Trauerspiel. Von wirklicher Freude ist da nicht viel zu spüren. Und Begeisterung für diese Botschaft kann schon gleich gar nicht aufkommen, wenn der*die Vorsteher*in belanglos die bekannten Phrasen leiert und den Gottesdienst durch unpassende Erläuterungen künstlich in die Länge zieht.

Christ*innen müssten erlöster aussehen

Schon Friedrich Nietzsche hat scheinbar diese mangelnde Begeisterungsfähigkeit der Christ*innen für ihre ureigene Botschaft am eigenen Leib erlebt. Zumindest fällt er ein trauriges Urteil:

„Bessere Lieder müssten sie mir singen, dass ich an ihren Erlöser glauben lerne: erlöster müssten mir seine Jünger aussehen!“1

Und irgendwie muss man ihm doch unweigerlich Recht geben. Man denke nur an den letzten Gottesdienstbesuch: Wer hat sich denn gefreut, also wirklich gefreut, als das Evangelium gelesen wurde? Und wer ist mit einem übergroßen Glücksgefühl nach Hause gegangen, weil Gott uns Menschen so sehr liebt, dass er selbst in unsere Mitte kommt? Besonders augenfällig ist das am dritten Adventssonntag zu beobachten, wenn im Eröffnungsvers der versammelten Gemeinde zugerufen wird:

„Freut euch im Herrn zu jeder Zeit! Noch einmal sage ich euch: Freut euch!“ (Phil 4,4)

Bisher hat sich die Freude im Kirchenraum immer in Grenzen gehalten. Stark in Grenzen gehalten.

Feiern und Freude gehören zusammen

Dabei lehrt uns die Bibel eigentlich etwas ganz Anderes. Die Freude ist ein wesentlicher Bestandteil der Feste Israels. So heißt es im Buch Deuteronomium immer wieder:

„Du sollst an deinem Fest fröhlich sein“ (Dtn 16,14)

Fest und Freude gehören im alten Israel scheinbar untrennbar zusammen. Es ist ja auch irgendwie logisch: Wer ein Fest feiert, und sei es der Studienabschluss oder der Geburtstag, der*die freut sich, der*die lädt Freund*innen und Verwandten ein, um mit ihnen zusammen fröhlich zu sein. Schlechte Laune ist hier fehl am Platz. Man freut sich zusammen über das erfolgreiche Studium, das zu Ende gebracht ist, oder über die Geburt und darüber, dass es einen Menschen gibt. Oder man freut sich, wie Israel, darüber, dass Gott den Menschen nahekommt, dass er sich ihrer immer wieder annimmt und ihnen seine ungeteilte Liebe schenkt. Das Deuteronomium schreibt diese Freude apodiktisch vor: „Du sollst an deinem Fest fröhlich sein“. Die Festfreude ist also nicht Nebensächlichkeit oder fakultativ, sondern wesentlicher Bestandteil, damit das Fest überhaupt gelingen kann.

Eucharistie „feiern“

Wenn sich die christliche Gemeinde versammelt, um Eucharistie zu feiern (richtig, zu „feiern“, nicht bloß um einen Ritus zu vollziehen), dann darf die Freude eigentlich nicht fehlen. Dann gilt der Aufruf aus dem Deuteronomium auch uns: „Du sollst an deinem Fest fröhlich sein“. Was anderes feiern wir denn, als ein Fest vor dem Angesicht des lebendigen Gottes? Was anderes ist denn die Eucharistie als das Fest unserer Erlösung, als die bleibende Zusage Gottes an uns Menschen, alle Tage bei uns zu sein? Die Eucharistie ist das Freudenfest, das wir im Licht des auferstandenen Herrn sonntäglich feiern dürfen. Und wie schön wäre es, wenn wir uns dabei anstecken lassen von der Freude der Emmaus-Jünger oder von der Freude eines Simon Petrus, dass Jesus nicht im Grab geblieben ist, dass Gott ihn von den Toten auferweckt hat. Mehr noch: Dass auch uns das Leben in Fülle, das Leben der kommenden Welt zugesagt ist.

Frohbotschaft, keine Drohbotschaft

Wir Christ*innen müssten erlöster aussehen. Vielleicht könnte man Nietzsche ergänzen: Wir Christ*innen müssten uns anmerken lassen, dass der Grund unseres Glaubens keine Drohbotschaft, sondern eine Frohbotschaft ist. Wer sie verkündet und weitersagt, der*die darf das ruhig fröhlich tun, darf sich freuen über das Große, das Gott uns Menschen erwiesen hat. Der Münchner Pfarrer Rainer M. Schießler bringt das bisher Gesagte prägnant auf den Punkt:

„Liturgie darf nicht wehtun.“2

Unsere gottesdienstlichen Feiern dürfen die Leute nicht dazu verleiten, gelangweilt die Kirchen zu verlassen. Liturgie darf nicht wehtun. Denn Eucharistie ist das fröhliche Fest vor dem Angesicht Gottes. Und dort herrscht bekanntermaßen „Freude in Fülle“.

„Du sollst an deinem Fest fröhlich sein“: Das ist gleichzeitig ein Appell an die Vorsteher*innen der Feier wie an die Gottesdienstbesucher*innen. Den einen kommt die Aufgabe zu, Liturgie so zu feiern, dass sie nicht wehtut und frohgemut das Evangelium zu verkünden. Und die Gemeinde leistet ihren Beitrag, wenn sie sich von der Freude der Verkünder*innen und mehr noch von der Freude des Verkündigten anstecken lässt und ihrer inneren Hoffnung auch äußeren Ausdruck verleiht. Dann ist der Gottesdienst nicht nur würdiger Vollzug althergebrachter Riten, sondern Feier der Eucharistie und Fest des Glaubens.

Hashtag der Woche: #goodnews


(Beitragsbild: @ScottWebb)

1 Nietzsche, Friedrich: Also sprach Zarathustra I-IV. (Sämtliche Werke, Kritische Studienausgabe in 15 Bänden) 13. Aufl., München 1999, S.118.

2 Schießler, Rainer M.: Himmel, Herrgott, Sakrament. Auftreten statt austreten, München, 2016, S.118.

 

fabian brand

fabian brand

studierte Katholische Theologie in Würzburg und Jerusalem, derzeit Promotionsstudium im Fach Dogmatik.

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