Diese Frage wird von der Antilopengang aufgeworfen. Allegra Decker denkt mit ihnen und Papst Franziskus über den Zusammenhang zwischen Depressionen und unserem gesellschaftlichem Umgang damit nach.

Gerade haben wir Ostern gefeiert und sind in die österliche Freudenzeit gestartet. Doch der Osterfreude geht die Karfreitagserfahrung heraus, die Erinnerung an den Todestag Jesu. Ein Tag tiefster Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit. Als ich im Rahmen der Abschlussarbeit für mein Theologiestudium ein Interview mit einer Psychiatrieseelsorgerin führte, erzählte mir diese, dass depressive Patient*innen ihren Zustand wie ein Im-Grab-Liegen beschreiben. Sie fühlen sich aller Lebenskraft beraubt und von jeglicher Zukunftsperspektive abgeschnitten. Depressiv sein – so drängt sich mir das Bild auf – ist so etwas wie ein andauernder Karfreitag.

Depression – eine unterschätzte Krankheit

Unter den psychischen Erkrankungen zählen Depressionen zu den häufigsten Formen.1 Eine Studie zur Gesundheit Erwachsener in Deutschland ergab, dass bei 8,1 % der Erwachsenen eine depressive Symptomatik besteht.2 Häufiger als Männer scheinen dabei Frauen betroffen zu sein. Nach Angaben der Stiftung Deutsche Depressionshilfe ergaben neuere Studien für Frauen ein Risiko von 21 bis 23 % und für Männer 11 bis 13 %, irgendwann im Laufe des Lebens an einer Depression zu erkranken.

Nach Einschätzungen der Weltgesundheitsorganisation wird die Depression bis 2030 den Status der weltweit häufigsten Erkrankung erreichen. Nicht einig ist man sich darüber, ob tatsächlich mehr Menschen erkranken, oder ob die Zunahme auf eine wachsende Sensibilität und verschärftere Diagnostik zurückzuführen ist. Unabhängig davon müssen wir uns dieser Krankheit und ihren Schrecken stellen, auch, weil sie jede*n treffen kann. Depressionen werden nicht nur hinsichtlich der Häufigkeit, sondern auch hinsichtlich ihrer Auswirkungen dramatisch unterschätzt.

Jährlich nehmen sich in Deutschland mehr als 10.000 Menschen das Leben.3 Natürlich ist nicht jeder Suizid auf eine depressive Erkrankung zurückzuführen, allerdings ist die Suizidrate bei Depressiven ungefähr 30-mal höher als in der Durchschnittsbevölkerung.4 So ergab eine baden-württembergische Studie in psychiatrisch-psychotherapeutischen Kliniken, dass 30 % der depressiven Patient*innen einmal in ihrem Leben versucht haben, sich das Leben zu nehmen und dass 45 % dieser Gruppe bei der Aufnahme akut suizidgefährdet waren.5

Depressionen und ihre Folgen führen schon lange ein Schattendasein. Begrüßenswert ist es daher, dass das Thema nun immer öfter an die Öffentlichkeit gebracht wird, um die Mehrheit der Menschen zu informieren, aufzuklären und somit Vorurteile auszuräumen. So widmete der Sender 1live des WDR im vergangenen Monat eine Themenwoche der „dunklen Seite“ und lies einige Betroffene, unter ihnen auch bekannte Persönlichkeiten wie Beth Ditto, Campino oder Judith Holofernes zu Wort kommen.6 Die Berichte verdeutlichen, wie viele unterschiedliche Gesichter eine Depression tragen kann und wie schwierig es für das Umfeld daher sein kann, eine Depression zu erkennen.

Der entmenschlichte Mensch

Besonders eindrücklich sind die Statements der deutschen Hip-Hop Gruppe Antilopengang, deren Mitglied Jakob sich 2013 nach schwerer Depression das Leben nahm. Im Interview mit 1live machen die drei Rapper den gesellschaftlichen Umgang mit der Krankheit für eben diese mitverantwortlich. Man verschreibe lieber Pillen, damit der Mensch schnell wieder „fit für den Arbeitsmarkt“7 wird, anstatt sich mit der Wurzel seines Leidens und der Tatsache, dass Menschen auch einmal nicht „funktionieren“, auseinanderzusetzen. „Also das ist ja eigentlich schon der Ausdruck einer Gesellschaft, die depressiv macht.“ Um Depressionen anständig behandeln zu können, müsse man auch mal „gucken: Was ist das für eine Welt, in der alle krank werden?“

Auch der Papst stellt sich diese Frage. In Evangelii gaudium kritisiert Franziskus massiv unser Wirtschaftssystem. Neben allem physischen Leid, das unsere Form des Wirtschaftens erzeugt, weist er auch auf das psychische Leid hin: „Einige Pathologien nehmen zu. Angst und Verzweiflung ergreifen das Herz vieler Menschen, sogar in den sogenannten reichen Ländern.“8 Auch das Erlöschen der Lebensfreude benennt er.9 Das berühmte Dictum von dieser Wirtschaft, die tötet, liest sich vor dem Hintergrund der obengenannten Zahlen völlig neu.

In diesem System spiele sich „alles nach den Kriterien der Konkurrenzfähigkeit und nach dem Gesetz des Stärkeren ab“.10 Menschen werden zu Konsumgütern degradiert, die gebraucht und weggeworfen werden können.11 Funktioniert (schon alleine die Popularität dieses Begriffes in der Umgangssprache spricht Bände) ein Mensch in diesem System nicht mehr zureichend, wird er wegen mangelnder Wirtschaftlichkeit hinausbefördert. Alles Schwache und Defizitäre, was zum Menschsein dazugehört, wird geleugnet. Entmenschlichung ist die Folge.

Wer ist hier eigentlich krank?

Das Tragische an der ganzen Sache ist, dass Depressionen auf der individuellen Ebene eigentlich gut behandelbar sind. Das setzt allerdings voraus, dass Betroffene sich eingestehen, dass sie Hilfe brauchen, sich diese suchen und sie auch erhalten. Und hier liegt meines Erachtens das größte Problem. Viele Menschen können und wollen sich und ihrem Umfeld ihre Hilfsbedürftigkeit und Schwäche nicht eingestehen, weil wir in einer Welt leben, in der Schwäche und Hilfsbedürftigkeit verachtet werden. Also schweigen sie, leiden im Verborgenen und glauben, sie seien alleine. Der Teufelskreis ist geboren.

Dieser Teufelskreis muss durchbrochen werden, um den enormen Leidensdruck dieser Krankheit zu verringern. Ein erster Schritt ist getan, indem das Thema (wie durch 1live) immer mehr Öffentlichkeit bekommt und Menschen über die Erkrankung aufgeklärt werden. Dann – und da schließe ich mich der Antilopengang an – müssen wir uns die Frage stellen: Was ist das für eine Welt, in der alle krank werden? Wo bietet unser Wirtschaftssystem, unsere Gesellschaft, unsere Lebensphilosophie einen Nährboden für depressive Erkrankungen? Wie können wir ein Klima erzeugen, in dem Menschen nicht nur wieder „funktionstüchtig“ gemacht werden, sondern wirklich heil werden können?

Hashtag der Woche: #wirmüssenreden


(Beitragsbild: @alexmedia)

1 Vgl. Robert Koch-Institut. Depressive Erkrankungen. Reihe Gesundheitsberichterstattung des Bundes, Heft 51 (2010), S. 7.

2 Vgl. Busch, Maske, Ryl, u.a. Prävalenz von depressiver Symptomatik und diagnostizierter Depression bei Erwachsenen in Deutschland. Ergebnisse der Studie zur Gesundheit Erwachsener in Deutschland (DEGS1). In: Bundesgesundheitsblatt, Gesundheitsforschung, Gesundheitsschutz, Band 56 (2013), S. 735.

3 vgl. Statistisches Bundesamt. Todesursachen, 2014, S. 32

4 Vgl. Harris, Barraclough. Suicide as an outcome for mental disorders. A meta- analysis. In: British Journal of Psychiatry. Band 170 (1997), Ausgabe 3, S. 211ff.


5 Vgl. Härter, Sitta, Keller, u.a. Stationäre psychiatrisch- psychotherapeutische Depressionsbehandlung – Prozess- und Ergebnisqualität anhand eines Modellprojektes in Baden-Württemberg. In: Nervenarzt. Band 75 (2004), Ausgabe 11, S. 1086.

6 https://diedunkleseite.1live.de.

7 Alle Zitate in diesem Abschnitt stammen aus dem Interview von 1live mit Antilopengang. https://diedunkleseite.1live.de/portfolio/antilopen-gang/. (09.04.18)

8 EG 52.

9 Vgl. ebd.

10 EG 53.

11 Vgl. ebd.

mm

allegra decker

studierte Katholische Theologie in Freiburg und bewirbt sich derzeit für den pastoralen Dienst in der Erzdiözese Freiburg. Außerdem ist sie als Tutorin an der Katholischen Hochschulgemeinde Edith Stein Freiburg tätig.

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