Im Rahmen der Hauptversammlung des BDKJ 2017 fand ein Studienteil statt, der sich mit der Frage beschäftigte, warum immer weniger Menschen sich für einen Beruf in der katholischen Kirche entscheiden – und was zu tun sei, um das zu verändern. Ich habe dazu als Studierender und Mitglied im Bewerber*innenkreis im Erzbistum Köln – quasi als Betroffener – ein Statement abgegeben.

Warum studiere ich katholische Theologie?

Pastoralreferent zu sein fand ich, ganz unreflektiert, immer schon gut – weil ich tolle Gemeindearbeit erlebt habe und Menschen zum Vorbild hatte, die zu 100 % authentisch waren, die mich geprägt haben und von denen ich den Eindruck habe, dass sie ihre Arbeit mit ganzem Einsatz und ganzer Freude machen. Das fand ich erstrebenswert, denn sie haben in meinen Augen gute und sinnvolle Dinge gemacht, für andere und für sich. Die Wahl des Studienfachs ist mir dann irgendwie so passiert, denn ehrlich gesagt hatte ich die Einschreibungsfrist für Studiengänge mit NC verpasst, und Theologie war eben zulassungsfrei.

Das ist meines Erachtens ein erster wichtiger Punkt: Junge Menschen brauchen Vorbilder, an denen sie erleben, dass es gut ist, in der Kirche zu arbeiten! Und das müssen Menschen sein, die etwas auf dem Kasten haben, um Jugendliche zu begeistern, die auch etwas auf dem Kasten haben. Und das ist ein Teufelskreis: weniger fähige Mitarbeiter*innen, weniger Vorbilder, noch weniger fähige Mitarbeiter*innen.

Das Studium ist eben ein Studium. Es gibt Dinge, die interessieren mich, und es gibt Dinge, die interessieren mich nicht. Ein Studium ist eben nicht besonders praktisch sondern reflektiert bestenfalls Praktiken, auch das ist okay. Mein Problem war eher, dass die Inhalte so unglaublich wenig mit der Lebensrealität der Menschen zu tun haben, die sich nicht im katholischen Kontext bewegen. Ohne die Jugendverbände hätte ich sicher abgebrochen. Denn: Unter meinen Kommiliton*innen habe ich fast keine Gesprächspartner*innen für die wirklich wichtigen Fragen gefunden – mit denen ich drüber sprechen könnte, was ich eigentlich wirklich glaube, wo meine Zweifel liegen, nicht nur, was ich kirchenpolitisch kritisiere. Diese Menschen habe ich im Verband getroffen.

Das geht bei mir sogar soweit, dass ich gerade in Seminaren sitze und mich überwinden muss, etwas zu sagen – weil ich Angst habe, von der mir gegenübersitzenden schweigenden Reihe der Kommiliton*innen in schwarzen Hemden oder Jacketts, teilweise mit Kollar, beurteilt und verurteilt zu werden. Das ist mir sehr lange nicht mehr passiert.

Das klingt furchtbar pauschal und wird den einzelnen Menschen nicht gerecht, aber der Eindruck ist da und auf den kommt es in diesem Fall an. Das muss sich ändern, nicht nur im Studium! Ehrliche Gespräche über den persönlichen Glauben, Zweifel, Brüche und Grenzen sind angstbesetzt und das macht unauthentisch.

Woran entscheidet sich die Frage – pastoraler Dienst oder nicht?

Zuerst: Warum beschäftige ich mich überhaupt mit dieser Frage, was ist das tolle daran? Praktika gehören in der neuen Studienordnung zwingend dazu, das ist gut – war es für mich. Arbeit in der Gemeinde bietet einen Freiraum und Ressourcen wie nichts anderes. Den eigenen Interessen und Fähigkeiten entsprechend gute Dinge zu tun, Netzwerke zu bilden, Zeit zu haben, Menschen nachhaltig zu begleiten, auch dem Einzelfall Raum geben zu können – sich radikal auf die Seite der Schwachen und Ausgegrenzten stellen zu können, das hat mich begeistert. Und ich hab die Erfahrung gemacht und die Rückmeldung bekommen, dass ich das gut kann.

Was steht dem gegenüber: Gefühlt alles andere. Das große Problem ist für mich, dass ich die katholische Kirche in ihrer Rolle als Arbeitgeberin als übergriffig erlebe. Ich bin in einem bestimmten Rahmen bereit, mich der Sache zu verschreiben, aber ich will mein Leben selbst in der Hand halten. Mir nicht vorschreiben lassen, in welchem Stadtteil ich zu wohnen habe, mit wem ich zusammenleben darf, in welches Geschlecht ich mich verlieben soll, in welcher Richtung ich mich politisch engagieren will. All das ist ja auch erst mal kein Problem, solange ich ein Leben zu leben plane, das in das Bild der heteronormativen Normalfamilie reinpasst.

Aber ein Leben verläuft einfach nicht immer wie geplant. Und wenn dann auf einmal etwas nicht mehr ins Bild passt, stehe ich dumm da. Denn das mit der Barmherzigkeit ist so eine Sache: Natürlich hoffe ich darauf, dass sich dann eine Lösung finden lässt. Aber ich habe kein Anrecht darauf. Diese Barmherzigkeit ist nur eine andere Ausdrucksform eines strukturellen Machtgefälles.

Der Beruf kann riesig viele Freiheiten eröffnen – wenn der jeweilige leitende Pfarrer mich lässt. Und das kommt immer ganz auf den Einzelfall an und aussuchen kann ich mir hier im Bistum leider nicht, in welche Gemeinde ich komme. In diesen Fragen sehe ich keine Bewegung. Das schreckt mich wirklich stark ab.

Dahinter steht in meiner Wahrnehmung noch eine andere Frage, nämlich die, wen wir eigentlich als Kirche in unserem Team haben wollen. Ich erlebe es in der Ausbildung schon so, dass viel Wert darauf gelegt wird, wie ich ein spirituelles und geistliches Leben führen kann, wie ich meine Berufung in Beziehung zum Evangelium verstehe und diesen ganzen Kram. Das mag wichtig sein, mir sagt das nicht so viel. Für mich sind die Fragen: Wie erreiche ich Menschen? Wie unterstütze ich eine Gruppe darin, sich zu organisieren? Wo setze ich Grenzen? Wie funktioniert ein Sozialraum? Eben: Wie mache ich meinen Job vernünftig?

Dazu kommt, dass ich bisweilen den Eindruck bekomme, dass auch die Qualität meiner Christusbeziehung darüber entscheiden soll, ob und wie ich geeignet bin, im pastoralen Dienst zu arbeiten. Und dass, wenn ich mich dagegen entscheide (oder irgendwann merken sollte, dass es die falsche Entscheidung gewesen ist), mein Glaube dann wohl nicht tief/stark/tragfähig genug war. Dagegen möchte ich mich ganz entschieden wehren. Ich bin mit ganz schön vielen Fragen auf einer anstrengenden Suche – und finde das vollkommen in Ordnung.

Die Frage ist also ein bisschen (sehr zugespitzt wohlgemerkt und ganz schlimm schwarz-weiß formuliert): Wollen wir rechtgläubige Menschen in der Kirche haben, die in das katholische Bild eines richtigen Lebensentwurfes passen, oder wollen wir Leute haben, die es drauf haben, die den Mund aufmachen, wenn etwas nicht passt, die Dinge klar benennen, auch ohne spirituelle Soße? Die authentisch sind und damit Menschen erreichen, die gerade nicht im Blick sind – dafür aber vielleicht unbequemer. Und mein Eindruck ist, dass diese Menschen nicht erwünscht sind, aber so dringend nötig.

Also: In der Kirche zu arbeiten muss gut aussehen, damit Menschen sich interessieren. Und zwar nicht, mit Verlaub, im Sinne einer neuen Hochglanz-Website mit strahlend-grinsenden Gesichtern, sondern als Zusicherung, dass ich hier mit meiner Vorstellung von meinem Leben reinpasse, angenommen werde und mich beteiligen darf.

Dazu gehört, dass die Residenzplicht fällt (auch wenn ich einen gewissen Sinn nachvollziehen kann!), dass ich mich auf Stellen frei bewerben darf und nicht das Gefühl bekomme, von einer Personalabteilung verschachert zu werden. Dazu gehört ein Wechsel in der Mentalität zu einer Kirche, die im Sinne einer professionellen Dienstleisterin für die Menschen da sein will! Ich finde, dass Gemeindereferent*innen im Gehalt den Pastoralreferent*innen mindestens angeglichen, wenn nicht gleichgestellt werden müssen, und dass dann eben fähige Sozialarbeiter*innen flächendeckend eigestellt werden, die zwar keine Theolog*innen sind, aber etwas von der Sache verstehen. Und das geht ja auch, einzelne Dinge werden so in anderen Bistümern gehandhabt.

Die Kirche will auch was von uns

Als ich gefragt wurde, ob ich hier zu diesem Thema etwas erzählen will, wurde gesagt, ich solle mir das gut überlegen, Frau Zöller, die Personalchefin des Erzbistums sei ja auch hier – und damit potentiell meine zukünftige Chefin.

Und genau das ist der Kern des Problems. Das mag in anderen Unternehmen ähnlich sein – aber wenn es mir da nicht passt, kann ich zur Konkurrenz wechseln. Das geht in der Kirche nicht und darum hat die Kirche eine besondere Verantwortung, der sie in meinen Augen einfach nicht gerecht wird oder die sie nicht wahrhaben will.

Die Konsequenz: Ich habe Lust und will es eigentlich gerne probieren im pastoralen Dienst. Aber ich werde auf jeden Fall noch irgendetwas anderes machen, bevor ich (nach mind. fünf Jahren Studium übrigens) in die weitere drei Jahre dauernde Ausbildung gehe (auch das muss sich ändern!), damit ich zur Not sagen kann: Ne, dann eben nicht. Denn ich will nicht nur etwas von der Kirche, sondern die Kirche will auch etwas von mir.

Hashtag der Woche: #waswillstduvonmir

mm

max pilger

studiert katholische Theologie an der Universität Bonn. Er ist ehrenamtlicher Landesvorsitzender der Landesarbeitsgemeinschaft NRW in der KjG.

12 Replies to “Pasti oder Antipasti?

  1. Hallo Max,
    Danke für deine ehrlichen Worte. Ich verstehe dich sehr gut. Ich kann mich dich zwar sehr gut als Pastoralreferent vorstellen, finde deine Ängste und Zweifel und Argumente sehr richtig. Ich finde es gut, dass du trotzdem so offen bist, wie wir dich kennen 🙂
    Kirche kann Menschen nicht alles im privaten Leben vorschreiben; das würde man bei einem anderen Arbeitgeber auch nicht zulassen (oder nur seeeehr wenige Menschen). ich finde es viel wichtiger, authentische und echte Menschen wie dich als Pastoralreferent*innen zu haben, als Menschen, die 100% ig der von Kirche gewünschten Norm entsprechen. Das ist nicht die Kirche, in der wir Menschen leben und arbeiten möchten, und das versteht Kirche hoffentlich irgendwann.
    Ich wünsche dir, dass du die für dich richtige Entscheidung triffst, und hoffe, dass Gott dich dabei lenkt und begleitet.
    Liebe grüße,
    Bianca aus Köln

  2. Lieber Max,
    du weißt das mich genau die selben Fragen und Probleme durch mein Studium begleitet haben. Durch meinen Uniwechsel habe ich meine Studium beendet – dankenswerter Weise in einer Atmosphäre wo auch Fragen und Zweifel Raum gefunden haben.
    Zu einer Entscheidung habe ich mich aber nicht durchringen können, obwohl ich den Job inhaltlich wunderbar finde – Pastoralreferentin zu werden.
    So bin ich halt Diplom Theologin geworden und aktuell mit dieser Entscheidung sehr zufrieden, wie du weißt 🙂
    Ich freue mich sehr, dass es so viele tolle Menschen in unserem Umfeld gibt, die diesen Weg wagen, auch wenn er oft steinig ist und gemeinsam an der Verwirklichung der Spürbarkeit des Reich Gottes im hier und jetzt arbeiten!
    Bleib dir treu!
    In tiefer Verbundenheit
    Rebekka

  3. Lieber Max,
    Zunächst möchte ich dir danken für deine hier formulierten Worte und somit den Mut, deinen aktuellen Weg mit seinen Zweifeln und Hindernissen zu teilen. Das ist wichtig und für einen offenen Austausch elementar, da hast du vollkommen Recht.
    Die Frage nach der Theologie und dem Glauben
    Aus meiner Erfahrung, würde ich dich bestätigen, dass Inhalte des Studiums häufig sehr wenig mit der Lebensrealität der Menschen – vermutlich sogar eines Großteils der deutschen Bevölkerung – zu tun haben. Zumindest zunächst. Denn genau da sollte ja die Aufgabe der Theologie sein: die Inhalte des Evangeliums und der hieraus erwachsenen Tradition einzufügen in den aktuellen Kontext. Sieht man das eigene Theologietreiben nur als ein Auswendiglernen von Fakten, die zum einen nur in der Vergangenheit liegen und zum anderen nicht mit dem persönlichen Erfahrungshorizont zusammenkommen, ist das Studium sicherlich sehr unbefriedigend und mag sinnlos erscheinen. Doch das hat noch gar nichts mit Theologie zu tun. Diese Fakten einzufügen, weiterzudenken und ja, man darf und soll sich vielleicht auch gerade an Sachen stoßen, die einen kreativ werden lassen, um diese neu zu formulieren – das scheint mir, das Herz der Theologie zu sein. Ist man dazu nicht bereit oder lässt sich darauf nicht ein, ist das Studium zum Scheitern verurteilt. Das hängt aber einzig und allein von der eigenen Motivation ab; dann scheinen 5 Jahre Studium und 3 Jahre weitere Ausbildung wie eine Farce, die zu nichts führen. Ist man hingegen gewillt, sich wirklich darauf einzulassen und dem nachzugehen, reicht diese Zeit wohl noch lange nicht.
    Wenn also auf diese Art und Weise, in der Auseinandersetzung mit der Materie, persönliche Probleme oder Zweifel erscheinen oder sogar – noch besser – kreative Modelle für eine Aktualisierung erzeugt werden, dürfen und müssen diese an der Universität besprochen werden können. Entscheidend sind nichtsdestotrotz einige Grundprämissen des Glaubens der römisch-katholischen Kirche – für deinen Fall – denn sonst beschäftigt man sich nicht mit der römisch-katholischen Theologie, sondern einem verkappten Wunschkonzert synkretistischer Einzelbausteine. Der christliche Glaube per se hat sein Fundament in der Schrift sowie nach römisch-katholischer Auffassung nach ebenso in der Tradition als Ausdruck des Wirkens Gottes in der Zeit. Theologie will innerhalb dieses Systems denken und ebendieses aktualisieren (nicht verwerfen!) – und hier bist du dran!
    Es schockiert, zu hören, dass du dich überwinden musst, in Seminaren etwas zu sagen; aber wenn du wirkliche Argumente hast, dann kann dir eine mögliche „Verurteilung“ ja recht egal sein.. Sind Ideen keine Theologie, sondern persönliche Vorstellungen ohne argumentative Basis, haben sie natürlich wenig in einer universitären Lehrveranstaltung zu suchen. Mit der zuvor dargestellten Form von Theologietreiben jedoch, müsstest du ja sogar vielmehr provozieren wollen, damit es zur Diskussion und somit jeder Einzelne zum Nachdenken kommt.
    Zumindest führt das zum ersten großen Problem, dass du hier erklärst: Die Grenze von wissenschaftlicher Theologie und dem eigenen Glauben. Kaum ein Fach verwebt so sehr Beruf und Privates miteinander. Das Private des Glaubens wächst – und verkompliziert sich vielleicht – mit der Theologie und die Theologie wird durch den privaten Glauben belebt. Diese Verquickung wird aber auch zum Minenfeld, wenn universitäre Wissenschaftlichkeit mit einem persönlichen Forum spiritueller Supervision verwechselt wird.
    Auch aus diesem Grund scheint es mir daher weniger problematisch, dass KommilitonInnen nicht zwangsläufig GesprächspartnerInnen für Glaubensgespräche sein müssen. Wenn sich dies ergibt, ist dies natürlich erfreulich. Vielleicht solltest du es aber gerade als gewinnbringend sehen, deine Foren von Glaubensgesprächen in Jugendarbeit etc. inhaltlich „mit in die Universität zu nehmen“ bzw. umgekehrt universitäre Inhalte eben einmal in einem anderen Kontext zu besprechen. Das kann nicht nur den Dialog inhaltlich befruchten, sondern öffnet den eignen Horizont immer wieder auf’s Neue.
    Der pastorale Dienst und die Kirche
    Die Kirche stellt eine Herausforderung dar. Eine Herausforderung, die von jedem einzelnen Mitglied einiges fordert zur Umsetzung des christlichen Erbes. In besonderer Weise spitzt sich das sicherlich noch einmal für pastorale Mitarbeiter zu, die sich in den Dienst der Kirche stellen wollen, um dieser Aufgabe gerecht zu werden. Es ist wichtig und gut, dass sich Menschen – wie du es formulierst – „dem verschreiben wollen“ und selbstverständlich muss das auch seine je individuellen Grenzen haben! Kirche will keinem Menschen etwas verpflichtend vorschreiben und tut dies auch nicht: Sie stellt Richtlinien und Ideale dem Evangelium gemäß zur Verfügung, an denen sich der Gläubige ausrichten soll – ganz in dem Wissen, dass auch Leute scheitern und das sogar immer und immer wieder. Nun beschreibst du jedoch zwei Arten von „Hindernissen“:
    Zum einen gibt es vielleicht inhaltliche Differenzen. Kirche hierbei auf eine Arbeitgeberin zu verkürzen, ist nun mal eben für den Fall Kirche nicht zulässig: Kirche ist in erster Linie nämlich nicht institutionelle Arbeitgeberin, sondern ideelle Gläubigengemeinschaft auf dem Weg in der Nachfolge Christi, auf den sie auch wieder zugeht. Das ist die erste und prioritäre Dimension von Kirche. Die Institutionalisierung ist dann das Epiphänomen zum Überdauern in der Geschichte. Wenn man nun für die Institution Kirche „arbeiten“ will, dann kann man sich nicht zwischen den beiden Dimensionen entscheiden, sondern kann sich auf beides einlassen oder eben nicht. Steht man im inhaltlichen Widerspruch mit dem Ideellen der Kirche, zwingt einen niemand für diese zu arbeiten. Nachvollziehbar scheint jedoch augenscheinlich, dass von hauptamtlichen Mitarbeitern, die sich diesem Dienst verschreiben wollen, auch eine inhaltliche Loyalität gefordert werden kann, die sich im Leben des Mitarbeiters ausdrückt. Keineswegs heißt das, dass man nicht kritisieren und anfragen darf; dennoch gibt es Grenzen, die als Grundvoraussetzung nun einmal elementar sind. Kann man sich damit nicht in einem geforderten Mindestmaß identifizieren, dann muss man das auch nicht. Wie ein Vegetarier wohl kaum Metzger wird, ist auch in der Kirche keiner gezwungen pastoraler Mitarbeiter zu werden.
    Zum anderen beschreibst du noch praktische Herausforderungen der pastoralen „Arbeit“. Hier stimme ich dir schon eher zu! Die Unterstützung familiärer Gegebenheiten und die möglichst individuelle Betreuung sind absolut zu fördern. Aber hier erfahre ich Kirche als wesentlich aufgeschlossener und unterstützender als die meisten anderen Institutionen und Arbeitgeber. Andere Berufsgruppen werden während ihres Studiums bereits geraten, möglichst bald sofern Kinderpläne vorhanden sind, diese in die Tat umzusetzen, da sonst eine Karriere nicht möglich wäre. Wo die Beurlaubung aufgrund von Kindern oder familiärer Schwierigkeiten ein Aus für die Arbeitsstelle sein kann. Wo der Wiedereinstieg von jahrelang Nicht-Beschäftigten nahezu unmöglich ist. Das ist in der Kirche zumindest in meinem Umfeld gerade anders. All dies wird bestmöglich unterstützt oder sogar gefördert. Ebenso hat man kaum in einer anderen Institution so sehr die Möglichkeit seine Arbeitsstelle zu verlagern und nach Umzug seiner Tätigkeit wieder nachgehen zu können, wie das in der Kirche der Fall ist. Sicherlich ist die Residenzpflicht eine gewisse Last – mit ihrem Für und Wider; sie muss diskutiert werden und sicherlich kann man da auch Lösungen finden.
    Kirche ist denke ich sehr gut bewusst, dass es nicht immer rund läuft und man Scheitern kann – eine Fähigkeit die immer weiter ausgebaut werden kann! – aber du sagst es eigentlich sehr treffend: „Ich habe kein Anrecht darauf.“ Aber diese Aussage möchte ich doch im gesamten zur Frage stellen: Wieso sollte man denn einen Anspruch haben können, pastoral für die Kirche arbeiten zu dürfen? Wo du doch so deutlich immer wieder auf andere Arbeitgeber verweist: Bei keinem Arbeitgeber auf dieser Welt hat man einen Anspruch hauptamtlich arbeiten zu dürfen! Das ist für Kirche auch nicht anders; Kirche muss jedem anbieten, mitarbeiten zu dürfen, Teil am Heilswerk Christi zu sein – ja, absolut. Aber hauptamtlich und somit bezahlt für Kirche zu arbeiten, hierauf gibt es keinen Anspruch und keine Versicherung – auch wenn die ebenfalls für den Fall Kirche wohl noch am einfachsten und sichersten der Fall ist! Wenn du nun schreibst, dass Kirche hier ein Monopol besitze, und man ja nicht zur Konkurrenz wechseln könne, stimmt das nur insofern, dass es nicht die Möglichkeit gibt, als pastoraler Mitarbeiter hauptamtlich innerhalb der katholischen Kirche tätig zu sein. Dennoch stehen einem als Theologe auch zahlreiche andere berufliche Felder offen, ob nun journalistisch, wissenschaftlich oder sozial.
    Es gibt nun mal keine freie Marktwirtschaft des katholisch-christlichen Glaubens. Auch hier ist wieder das gesamte der Kirche entscheidend. Kirche bietet jedem etwas an innerhalb bestimmter Grenzen, das gilt für pastorale Mitarbeiter genauso sehr wie für jeden Gläubigen. Dieses Angebot kann man annehmen, sofern auf beiden Seiten die Bereitschaft da ist, oder eben nicht. Man hat aber keinen Anspruch, pastoral innerhalb der Kirche tätig sein zu können, aber bestimmte Konditionen auszuklammern. Wie der Arzt nicht behaupten kann als Arzt arbeiten zu wollen, aber nichts mit Menschen zu tun haben will (auch wenn es hier Ausnahmen gibt!) oder die technische Zeichnerin nicht sagen kann, dass sie in ihrem Job als ebendiese gerne lieber nicht zeichnen möchte, kann nun mal auch der pastorale Mitarbeiter innerhalb der Kirche nicht die Kirche mit ihren Voraussetzungen ausklammern.
    Zuletzt:
    Du hast vollkommen Recht mit deiner Aussage, dass man in der Kirche Vorbilder braucht! Sie sind die unbedingte Voraussetzung, um Erfolg in der Verkündigung zu haben und dementsprechend auch weitere Jugendliche anzustecken, sich mit dem eigenen Weg in einem eventuellen pastoralen Dienst auseinanderzusetzen.
    Ich finde, du beschreibst auch einen gelungenen Katalog an Fähigkeiten, die notwendig sind als pastoraler Mitarbeiter. Doch auch wenn ich dir völlig zustimme, dass diese Menschen etwas auf dem „Kasten haben“ müssen, Netzwerke bilden können müssen, Menschen begleiten können müssen, dem Einzelfall Raum geben müssen, sich radikal auf die Seite der Schwachen und Ausgegrenzten stellen müssen, scheint mir das entscheidendste nichtsdestotrotz zu fehlen: die Motivation einzig und allein in Jesus Christus.
    Und an dieser Stelle muss ich dir am deutlichsten widersprechen, denn es ist wohl der neuralgische Punkt deiner Darstellung: Dein Beklagen „spiritueller Soße“ mag sicherlich in manchen Fällen berechtigt sein, aber „Berufung“ und „Beziehung zum Evangelium“ sind nichtsdestotrotz zurecht in der Ausbildung als pastoraler Mitarbeiter das Entscheidende. (Das, was du zuvor an der Universität als mangelnd kritisiert hast, findest du an dieser Stelle wiederum unpassend.)
    Diese Themen machen Kirche zu Kirche und nicht irgendeiner sozialen Profitgemeinschaft. Sie machen den pastoralen Mitarbeiter zum pastoralen Mitarbeiter und nicht zu einem philosophisch angehauchten Streetworker. „Deine Fragen“ sind alle berechtigt und wichtig: „Wie erreiche ich Menschen? Wie unterstütze ich eine Gruppe darin, sich zu organisieren? Wo setze ich Grenzen? Wie funktioniert ein Sozialraum? Eben: Wie mache ich meinen Job vernünftig?“ – aber das entscheidende für den pastoralen Dienst fehlt nun einmal, denn diese Fragen stellt sich jeder Sozialarbeiter. Aber genau hieran geht Kirche kaputt, wenn die Botschaft des Evangeliums als lästiges Anhängsel oder bestenfalls spirituelles Begleitphänomen verstanden wird.
    Christusbeziehung ist zu Recht und sollte weiterhin Kriterium des pastoralen Dienstes sein! Da haben meine Zweifel, mein Kämpfen und meine Fragen auch Platz und sind notwendig; ist diese Christusbeziehung aber für mich nicht das einzige Fundament und Brennpunkt meines Bemühens, dann verlier ich mich – mache mich selbst kaputt für eine Institution, der ich nicht gerecht werde, und mache die Institution kaputt aus ebendemselben Grund. Kirche ist nun mal kein Selbstzweck, die sich selbst verwaltet, um bestmöglich „anzukommen“ und schöne, nette Sachen zu tun; sie hat Christus im Zentrum und der Dienst der sich daraus an den Menschen ergibt.
    So möchte ich also schlussendlich deine Frage vielleicht umformulieren – wäre nicht besser: Wollen wir nicht etwa Menschen auf dem Weg und der Suche in der Auseinandersetzung mit diesem Glauben, die Zeugnis ablegen für Jesus Christus; die es genau hierin „drauf haben“, den Mund aufmachen, wenn etwas nicht passt; die Dinge klar benennen, auch ohne spirituelle Soße; die authentisch sind und damit Menschen erreichen, die gerade nicht im Blick sind – dafür aber vielleicht unbequemer? – Du siehst, ich stimme dir nahezu vollständig zu, aber eines stimmt nicht und darf niemals für Kirche und pastorale Indienstnahme stimmen: das Evangelium Jesu Christi in seinem Kern ist nicht spirituelle Soße!
    Alles Gute und Gottes Segen!

    1. Hallo Florian,
      zuerst einmal finde ich beeindruckend, dass du dir anscheinend so viel Zeit genommen hast, eine Antwort auf Max Pilgers Statement zu verfassen. Aus zwei Gründen fühle ich mich allerdings motiviert, meinen Eindruck dazu zu äußern. Einerseits möchte ich Max‘ in seiner Position unterstützen und andererseits werde ich das Gefühl nicht los, es könnte auch für dich hilfreich sein, Rückmeldung zur Wirkung deiner Formulierungen zu bekommen.

      Ich nehme ehrlich gesagt beim Lesen nicht wahr, dass du ehrlich versuchst, dich in Max Lage zu versetzen und zu verstehen, was ihn motiviert, zweifeln lässt und anderweitig beschäftigt. Stattdessen habe ich den Eindruck gewonnen, dass du dich in irgendeiner Weise besonders angesprochen oder vielleicht sogar angegriffen gefühlt hast. Was ich also gelesen habe, kam mir vor wie eine Rechtfertigung. Dagegen ist nichts einzuwenden – zunächst. Denn wie sie formuliert ist, macht sie einen verschlossenen, nicht einen ermutigenden und offenen Eindruck. So etwas als Antwort für jemanden, der zweifelt, ob er so, wie er ist, in die Position des Pastoralreferenten passt, also jemanden, der sein Leben in den Dienst des Nächsten und der Kirchengemeinschaft stellen möchte, halte ich für unangemessen, taktlos und kontraproduktiv. Dabei ist offensichtlich, dass es ein Glücksfall ist, wenn sich jemand mit den Eigenschaften und Fähigkeiten, die Max zu haben scheint, für die Kirche verpflichten möchte.
      Zusätzlich, so empfinde ich es, trägt die Art, so zu formulieren als hätte man die Weisheit gepachtet, nicht dazu bei, dass sich der Gesprächspartner ernst genommen fühlt.

      Dass ich dir nichts unterstellen möchte, sondern nur meinen Eindruck schildere, ist hoffentlich deutlich geworden.

      Grüße,
      Nikolas

    2. Lieber Florian, danke für deinen sehr ausführlichen Kommentar. Ich möchte ein Paar Zeilen als Antwort schreiben denn ich habe das Gefühl, dass du mich in ein Paar Punkten missverstanden hast.

      In Bezug auf das Theologiestudium hast du sicherlich Recht: Es geht auch darum, das Evangelium in die Welt zu übersetzen. Dafür wäre es aber dringend notwendig, die Welt ersteinmal ehrlich wahrzunehmen, wie sie hier und heute ist – und zwar wertschätzend. Ich erlebe zu oft eine Haltung, in der sich vorschnell abgegrenzt wird vom „Zeitgeist“. Das hilft mir nicht weiter.
      Missverstanden hast du mich in dem Grund, aus dem ich (manchmal) Angst habe, mich in Seminaren zu beteiligen. Argumente, von denen ich glaube, dass sie nicht allzu schlecht sind, habe ich wohl. Mir geht es dabei eher um eine Kultur, die ich in der Kirche auch erlebe: Im Grunde nämlich eine des Nicht-Streitens. In der die Ebenen, die du so kalt trennst, vermischt werden: Nicht meine Meinung wird gesehen und auf gleicher Ebene dagegen argumentiert, sonder es entsteht das Gefühl, dass ich meiner Person, meinem Glauben und meinem Kirche-Sein nicht ernst genommen werde. Dagegen kann ich mich nicht wehren, wenn es nicht ausgesprochen wird. Wie gesagt, ob das so ist, weiß ich ehrlich nicht – aber der Eindruck ist da. Daher auch die Frage nach Gesprächen über den persönlichen Glauben. Ja, das muss nicht im universitären Kreis passieren – böte sich aber ja nun mal an. Aber auch hier baut die eben beschriebene Kultur Mauern in meiner Kommunikation. Das geht nicht allen meiner Komiliton*innen so. Aber vielleicht denen, die einen ähnlichen Hintergrund haben wie ich.
      Zu den Richtlinien und Idealen, die die Kirche gemäß des Evangeliums aufstellt, erwarte ich einfach eine Auslegung der dahinterliegenden Werte, die wirklich an den Zeichen der Zeit orientiert ist. Und das wäre möglich, wenn denn gewollt.
      Und schließlich die Rolle der Kirch als Arbeitgeberin. Dass du das Arbeiten bei der Kiche in Anführungszeichen setzt offenbart vielleicht schon ein unterschiedliches Verständnis. Denn wenn ich bei der Kirch arbeiten möchte, dann erst mal ohne Anführungszeichen. Natürlich hat Kirche auch eine andere Dimension – aber eben auch diese als Arbeitgeberin, die sie übrigens auch ganz gut und drastisch zu zeigen weiß. Wenn ich gekündigt werde, weil ich Wiederverheitatete*r Geschiedene*r bin kann ich mir von ideellen Gläubigengemeinschaft leider auch nichts kaufen.
      Du hast mich missverstanden in der Frage, auf was ich denn kein Anrecht habe. Ich wünsche mir, wie beschrieben, sehr, dass ich mich ohne Anrecht wie in jedem anderen Feld auch auf Stellen bewerben kann. Ich kritisiere damit den Begriff der Barmherzigkeit. Denn dieser wird in meinen Augen in der Kirche instrumentalisiert, um Wahrheiten zu verschleiern, ob bewusst oder unbewusst. „Dann lässt sich schon eine Lösung finden“ klingt toll – aber was, wenn keine gefunden wird, oder garnicht ehrlich gesucht? Darauf kann ich mich eben nicht verlassen.
      Und ganz zum Schluss: Ich glaube, dass wir unterschiedliche Wege verfolgen, „Zeugnis für Chrsitus“ abzugeben. Wenn ich mit 150 jungen Menschen einen Tag lang Gummihuhngolf spiele und dabei Konfliktlösungsstrategien, fairen Umgang und einfach eine gute Zeit miteinander vermittle, dann tue ich damit etwas, das das Reich Gottes näher bringt – auch ohne, dass es draufsteht.
      Mir ist mein spirituelles Leben wichtig, aber es ist ein vielleicht anderes als gewünscht.

  4. Hi Max!
    Danke für die offenen Worte, danke für deine kämpferische Einstellung!

    Wir sind derzeit in der glücklichen Situation hier in St. Rochus / Dreikönigen genau solche Leute zu haben, wie du sie beschreibst – aus demselben Holz geschnitzt wie wir KjG’ler. Wann immer Judith und ich uns Gedanken über unsere künftige Wohnsituation machen – nach der Geburt unserer zweiten Tochter wird’s langsam eng in der jetzigen Wohnung – landen wir als ganz starkem Faktor in unserem Wunsch, hier in Bickendorf zu bleiben, bei der tollen Kinder- und Familienarbeit hier in der Gemeinde.

    Es macht so viel aus, wer diese Arbeit in welchem Geist und aus welcher Lebenserfahrung heraus macht! Kirche, die mehr als nur ein paar weltfremde Ober-Spiris anspricht, braucht die zweifelnden, beGeisterungsfähigen, ringenden, anpackenden, so coolen und fröhlichen wie nachdenklichen und selbstbestimmten Akteure. Tu’s!

    Ich wundere mich immer mal wieder, wie’s wäre, hätte ich diesen Weg genommen…
    Und wie steht eigentlich unser Erzbischof zu dem Thema? Ein paar Lösungsansätze, die du skizzierst, könnte er wohl beeinflussen, oder?

    Liebe Grüße und alles Gute beim Pfadfinden
    Tobi (Ex RA Köln)

  5. Liebes Forum,
    eine interessante Diskussion hat sich hier entwickelt. Ich stimme dir, Max, in einigen Punkten zu. Natürlich lässt sich über die Residenzpflicht, über das Gehalt von Gemeindereferenten und -referentinnen, über Strukturen und Sündhaftigkeit in diesen Strukturen, usw. diskutieren. Auch persönliches Suchen, Fragen, Zweifeln ist für den Weg eines jeden Christen von Bedeutung und völlig legitim. Da sehe ich die Kirche aber auch nicht soooo intolerant, wie du es wahrnimmst, aber vielleicht prägen uns an dieser Stelle auch zu unterschiedliche Erfahrungen in unseren unterschiedlichen Diözesen.

    Jedenfalls möchte ich noch auf zwei Aspekte eingehen, die ich in deiner Darstellung nicht teile und das ist zunächst die Frage des Kirchenbildes. Die Kirche hat eine soziale Dimension als Gemeinschaft der Glaubenden und als Gerufene in den Dienst für die Welt, aber darin geht Kirchesein nicht auf, denn Kirche ist – so sagt es das Zweite Vatikanische Konzil – in erster Linie Sakrament des Heiles, d.h. Zeichen und Werkzeug für die innigste Vereinigung mit Gott wie auch für die Einheit der ganzen Menschheit. Dies ist das Wesen der Kirche und an diesem Wesen müssen wir uns als Christen (unabhängig von der Kirche als persönlichen Arbeitgeber) messen. Die Offenbarungskonstitution ist strukturiert nach dem Zwei-Schritt Heilsbotschaft empfangen – Heilsbotschaft verkünden. Eine gute Jugendarbeit, die Begleitung Suchender im Glauben, der Dienst an den Armen ist alles notwendiger Teil dieser Verkündigung, sie geht aber wieder nicht darin auf, sondern Verkündigung bedarf konstitutiv der Verkündigung Jesu Christi als Mitte des ganzen Evangeliums. Eine gute Sozialarbeit ist wichtig und gnadenreich, aber darin kann kirchliche Verkündigung nicht aufgehen – da stimme ich Florian zu. Diese Form der Verkündigung ist der Auftrag der Kirche (schon Christus hat seine Jünger zur Spendung der Taufe beauftragt) und dementsprechend bildet sie ihre hauptamtlichen Verkündiger (Verkündiger ist eigentlich jeder Christ und jede Christin) aus und das finde ich auch gut und wichtig.
    Dass eine Spiritualität des Gebets und der Sakramente hier Grundlage und (ein zentrales) Ziel von Verkündigung ist, sagt das Konzil an unzähligen Stellen und das sagt Jesus auch im Evangelium. Daran kann Kirche also nicht vorbei. Dass es unterschiedliche Formen von Spiritualität gibt, ist ein Geschenk und will ich ganz hoch bewerten, allerdings kann die Kirche nicht auf Sakramente und Gebet dabei verzichten. Abschließend stimme ich dir daher zu, dass Professionalität wichtig ist und oftmals „bei Kirchens“ auch zu Wünschen übrig lässt, aber Sakramentalität ist mir doch deutlich wichtiger.

    Zweitens noch ein Gedanke zu den Zeichen der Zeit: Du hast vollkommen Recht, dass die Kirche die Zeichen der Zeit suchen muss und nicht alles in der Welt einfach per se schlecht machen darf. Das wäre ja auch gnostisch. Aber auch das nehme ich nicht so wahr. Besonders Papst Franziskus strahlt für mich eine große Wertschätzung den Menschen und der Welt gegenüber aus, was ich für ein starkes und wichtiges Zeugnis erachte. Gleichsam kann eine ausschließliche Wertschätzung aller Dimensionen und Formen von Welt bzw. Leben in der Welt keine Lösung sein, denn dass nicht alles in der Welt zum Glück und guten Leben der Menschen beiträgt, steht ja nicht zu Debatte. Als Christen sollen wir Sauerteig und Salz der Erde sein. Über die unterschiedlichsten Fragen von Lebensgestaltung, Moral, usw. usw. müssen wir natürlich gut und wissenschaftlich, d.h. argumentativ diskutieren und dann gelangen wir wohl auch immer wieder zu anderen Schlüssel, als es das Lehramt in vergangenen Zeiten getan hat, aber diese harte Arbeit und Suche dürfen und können wir uns nicht entziehen.

    Liebe Grüße,
    Manuel

    P.S. Nun mag das für den Leser wahnsinnig dogmatisch klingen, aber ich habe lediglich versucht, einige Schlaglichter der jüngeren Tradition aufzugreifen, um so eine weitere Sicht auf die Frage nach Kirche und Kirchlichkeit aufzuzeigen. Dass die Kirche an diesen Selbstdeutungen und theologischen Schlaglichtern festhalten muss, zeigt eben, dass Kirche nichts Beliebiges ist, sondern eben von Jesus Christus gestiftete Gemeinschaft und im Heiligen Geist pilgerndes Volk Gottes auf dem Fundament der Offenbarung (und der Vernunft). Das ist schon seit den Aposteln so. Auch habe ich mit meinem Beitrag lediglich versucht, in eine theologische Sachdiskussion einzusteigen und aufzuzeigen, in welchen Punkten ich dir nicht zustimme. Deine Zweifel und dein Ringen, ob du nun in der Kirche als Pastoralreferent arbeiten möchtest, nehme ich ernst, kann und möchte darauf aber nicht näher eingehen, schon allein aufgrund des anonymen Mediums, in dem wir uns hier befinden.

  6. Toller Artikel, der zum Nachdenken anregt, wie die ausführlichen Kommentare beweisen! Auch mich hat dein Text, Max, direkt angesprochen – zum Teil weil er mir und wie ich weiß, einigen Kommilitoninnen aus der Seele spricht, zum Teil weil er in mir einen missionarischen Eifer geweckt hat, zu widersprechen. Von letzterem möchte ich absehen, weil es erstens deine Perspektive nicht ernst nimmt und würdigt und zweitens, weil es eine höchst subjektive und persönliche Entscheidung ist. Deshalb möchte ich hier „einfach“ meinen eigenen Weg mit dir und euch teilen.

    Ich, männlich, 26, frisch verheiratet, keine Kinder, werde Pasti. Dabei hatte ich es zunächst gar nicht vor. Aber der Reihe nach:
    Als Kind getauft, mehr oder weniger katholisch erzogen, mit drei Geschwistern in eher prekären als in wohlhabenden Verhältnissen in einem kleinen Schwarzwaldstädtchen aufgewachsen, fühlte ich mich schon immer mehr von den Rändern der Gesellschaft als vom Mainstream angezogen. Und so schaffte es in meinen Teenagerjahren schließlich die Kombination aus christlicher Erziehung, kirchlicher Sozialisierung (in der Jugendarbeit), kritischer Auseinandersetzung mit theologischen Inhalten und der Begegnung mit authentischen Kirchenvertretern, mir Jesus Christus nahezubringen. Schließlich wurde auch der Heilige Franziskus für mich Inspirationsquelle für mein Verständnis vom Christentum. Das ist (für mich) entscheidend, weil hier der Grundstein für meine Berufswahl gelegt wurde. Meine Glaubensbiografie beeinflusste nachhaltig meine Berufsbiografie. So habe ich bei der Bewerbung für die Pasti-Berufseinführung nie den Eindruck gehabt, es würden besonders „fromme“ Bewerber*innen bevorzugt, sondern dass einfach – und zurecht – großer Wert auf eine persönliche Gottesbeziehung gelegt wird, egal wie sich dies äußert (neben der „spirituellen Kompetenz“ waren übrigens noch „persönlich-soziale Kompetenz“, „institutionelle Kompetenz“, „theologische Kompetenz“ und „methodische Kompetenz“ gleichrangig als Kriterien für die Eignung beigeordnet).

    Das Vorbild des Heiligen Franziskus hat mir aufgezeigt, worauf es (für mich?) ankommt, im Glauben, in der Kirche und überhaupt im Leben: Gott will, dass unser Leben gelingt. Und Franziskus erkennt im Handeln Jesu den Weg, wie das Leben gelingt: Nicht durch Besitz, sondern durch Gerechtigkeit. Nicht durch Status, sondern durch lebendige Beziehungen. Nicht durch Gesetzestreue, sondern durch Vertrauen. – Die Liste könnte noch ewig fortgesetzt werden! Für mich wurde daraus das prägende Leitbild des (vor-)gelebten Glaubens, der allen alltäglichen Widrigkeiten zum Trotz, das Evangelium unter die Menschen bringt und auch im Kleinen, Stillen und Verborgenen die Welt verbessert, ohne große Worte darüber zu verlieren. Freilich ist das ein hoher Anspruch und ich will nicht so tun, als könnte ich dem immer und überall gerecht werden.
    Jedenfalls wurde für mich über die Jahre immer wichtiger, nach Wegen zu suchen, auf denen ich authentisch den Glauben leben kann. Zunächst dachte ich an einen direkten Dienst am Menschen, vielleicht als Krankenpfleger. Jedoch entdeckte ich meine Talente anderswo und entschied mich schließlich für ein Lehramtsstudium. Geschichte (weil ich für Kunst eine Absage bekam) und Theologie. Mit Menschen über den Glauben ins Gespräch kommen, ihnen zuhören und ihnen Perspektiven aufzeigen – das habe ich als meine Berufung erkannt – und das zunächst mit lehren verwechselt. In der kirchlichen Jugendarbeit und im Schulpraxissemester habe ich das Unterrichten auch als befriedigend, aber noch nicht als erfüllend empfunden. Schließlich habe ich im Beruf des Pastoralreferenten alles vorgefunden, das die Voraussetzungen bietet, die ich für meinen Weg gesucht habe: In der Erzdiözese Freiburg, wo ich ab September arbeite, kann ich auch mit meinem gymnasialen Lehramtsstudium diesen Beruf ausüben und habe auch den Religionsunterricht (der vielen ein Graus zu sein scheint) mit dabei, wo ich jungen Menschen aus allen Möglichen sozialen und religiösen Kontexten begegne, und bin gleichzeitig in der Gemeinde, wo ich Menschen unterstützen und in ihrer Glaubensbiografie begleiten kann.
    Die Vielfalt an möglichen Aufgabenfeldern und die Charismenorientierung (wie man so schön sagt) als Pastoralreferent*in garantieren mir, dass mein Berufsleben sich mit der Biografie mitentwickeln kann.

    Nun bin ich natürlich auch nicht blind gegenüber den Schattenseiten all dessen, was die Arbeit in einer Institution wie der Kirche mit sich bringt. Doch wer arbeitet daran, diese Schattenseiten zu beseitigen, wenn nicht der, der sie wahrnimmt?
    Die Kirche ist ebensowenig ein Arbeitgeber wie jeder andere, wie auch der Beruf der/des Pastoralreferent*in ein Beruf wie jeder andere ist. Für mich ist das etwas Erstrebenswertes: Verkommt die Kirche zu einem Dienstleistungsunternehmen, wie jedes andere, das in der Werbung mit den Versprechungen der Wellness-Branche konkurrieren muss und versucht für Menschen attraktiv zu sein, um die „Verkaufszahlen“ hoch zu halten – dann hat sie meiner Meinung nach schon verloren.
    Wir brauchen in der Kirche junge und alte Frauen und Männer, die mutig genug sind, gleichsam wie Propheten unbequem, aber aufrichtig zu sein. Menschen, die beides können: kritisieren und einen, verändern und bewahren, ermahnen und motivieren. Die innerlich frei sind, weil Gott sie so erschaffen hat, und denen deshalb die Wahrheit mehr am Herzen liegt, als die Sicherheit. Die das Risiko kennen und dennoch den Schritt wagen.
    Kirche ist für mich attraktiv, weil sie eben nicht Mainstream ist. Sie mag in einigen Punkten veraltet, schrullig und rückwärtsgewandt daherkommen, aber in ihr strahlt trotz der nicht enden wollenden Mängelliste das Licht Gottes auf – solange es Menschen gibt, die sich darum bemühen.
    Ich möchte ein solcher Mensch sein. Ich möchte mich nach dem Vorbild Jesu um ein gelingendes Leben bemühen, insbesondere für jene, die ausgegrenzt werden. Ich möchte mich dabei nach dem Vorbild von Franziskus auf das Wesentliche beschränken. Ich möchte dabei, wie die Propheten, gegen Missstände die Stimme erheben.
    Vor neun Tagen habe ich meiner Frau das Ja gegeben. Durch meine Arbeit als künftiger Pasti möchte ich Gott und der Kirche das Ja geben. Es ist nicht absehbar, ob das Eine oder das Andere gelingt. Aber ich will es versuchen und weiß mich dabei von Gott getragen – egal was kommen mag.
    Ich wünsche allen die nötige Zuversicht und die innere Freiheit, den eigenen Weg in der Kirche und der Welt zu gehen – in welcher Funktion auch immer!

    PS: Ich mag in meinem Beitrag vielleicht etwas naiv-optimistisch klingen. Dieser Eindruck mag jedoch trügen, immerhin hatte ich sieben Jahre Studium Zeit, diese Entscheidung für mich zu bedenken und zu treffen. Sämtliche Widrigkeiten auch des aufwändigen Bewerbungsverfahrens, das von vielen Kommiliton*innen als z.T. übergriffig empfunden wurde, sind mir bekannt, ebenso wie mögliche Schwierigkeiten und Belastungen im Berufsalltag. Für mich persönlich erscheinen all diese Probleme angesichts der großen Vielfalt des Berufs jedoch zweitrangig oder lösbar.
    Wie ich hier vielleicht auch naiver klinge, als ich wirklich bin, so könnte ich hier vielleicht auch „frommer“ klingen, als ich „wirklich“ bin.
    PPS: Ich entschuldige mich für die große Ausführlichkeit des Kommentars – etwas auf den Punkt zu bringen scheint Theolog*innen ja allgemein recht schwer zu fallen.

  7. Ein peinlicher Text eines sogenannten Studenten
    […]

    Wir bitten darum, in den Kommentaren sachlich zu bleiben.
    Die y-nachten.de-Redaktion

  8. Ich möchte an dieser Stelle noch das Thema der persönlichen, von Gott empfangenen Berufung ins Spiel bringen. Bei allem wichtigen kritischen Nachdenken über äußere Rahmenbedingungen und Umstände kann es sein, dass ich mich von Gott dazu berufen fühle/ahne/weiß, an einem bestimmten Ort zu sein/zu wirken. Selbst Pastoralreferent, steht mir im Sommer ein Wechsel meines Einsatzfeldes von der Gemeindeseelsorge in die Schulpastoral bevor. Dabei habe ich den ersten intensiven Eindruck, dass es in diese Richtung gehen soll, vor 4 Jahren während einer Exerzitienwoche bekommen. In der sich anschließenden Zeit habe ich Kontakte zur Schulabteilung geknüpft und ganz häufig Gott gefragt, ob das auch wirklich mein Weg sein soll. Dabei habe ich immer wieder ein tiefes Empfinden erlebt, von Gott auf meinem eingeschlagenen Weg darin bejaht zu werden, ihn weiter zu verfolgen.
    Vielleicht kann es auch für angehende PastoralreferentInnen hilfreich sein, neben dem sensiblen und kritischen Wahrnehmen von Rahmenbedingungen immer wieder auch Gott zu fragen: “Ist es Dein Wille, mich an diesem Ort zu haben oder hast Du etwas anderes mit mir vor?“
    Im Moment lese ich gerade die Apostelgeschichte und bin fasziniert davon, in welch unbequemen, oft lebensbedrohlichen Rahmenbedingungen sich Petrus, Paulus und all die anderen VerkünderInnen bewegen, und doch lassen sie sich durch nichts von der Berufung abbringen, die Gott ihnen ins Herz gelegt hat.
    Ich hoffe, ich habe durch meinen Beitrag niemanden abgeschreckt. Mein Ziel ist es, einfach für eine weitere Ebene zu sensibilisieren, die für einen persönlichen Entscheidungsprozess Pasti oder Antipasti wichtig sein könnte.

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