Bitterer Beigeschmack

Vorspann: Max Pilger hat einen Artikel verfasst, in welchem er sich kritisch mit dem Theologiestudium sowie der Ausbildung zum*zur Pastoralreferenten*Pastoralreferentin auseinandersetzt, er wurde auf y-nachten und im Anschluss auf katholisch.de veröffentlicht. Kath.net wiederum veröffentlichte hierauf die Antwort einer Bloggerin, die sich selbst als katholisch und nett, redselig, literaturaffin, reiselustig, marianisch, empathisch, meinungsstark, patriotisch, enthusiastisch, unerbittlich bezeichnet. Es folgt nun: Eine Inhalts- und Stilkritik der Kritik an Max Pilgers Kritik.

Über Geschmack lässt sich streiten – so weit, so abgeschmackt. Ob nun bei Gin Tonic oder Pastis – Haus- und Hofgetränk am Blogge Magdalas1 – beide sind auch bei mir herzlich gern gesehen, aber wie so oft machen es auch hier die Mischung und die Zutaten: Pastis mit wie vielen Eiswürfeln? Den Gin Tonic in welchem Mischungsverhältnis? Gurke oder Zitrone oder lieber den bitteren Beigeschmack behalten? Bitterer Beigeschmack, da sind wir auch schon beim Thema: Der verbleibt bei mir, wenn ich diesen kath.net-Artikel2 lese.

Fangen wir zunächst mit den Basics an: Es werden Arroganz, Unwillen zur Selbstkritik und larmoyantes sowie forderndes Auftreten, gepackt in sanft-ausgleichende Ich-Botschaften, bemängelt. Ich glaube, da hat jemand von Themenzentrierter Interaktion noch nie etwas gehört. Ich-Botschaften sind der Versuch, dass jede*r nur für sich selbst sprechen kann, jede*r gehört werden sollte und keine Unterstellungen im Sinne eines „du machst ja immer/nie…“ vorkommen. Das hat den Vorteil, neben der Tatsache, dass alle zu Wort kommen, dass wir uns am Ende nicht gegenseitig die Köpfe einhauen – letzteres könnte man zwar machen, bringt aber nichts. Wer mehr wissen will, lese Ruth Cohn. Zweitens: Dinge zu bemängeln, die man dann selbst tut, erscheint mir nicht all zu schlau. Arroganz bemängeln und selbst herablassend werden (Worte wie „dämlich“ sind bitte zu vermeiden) wäre eines der Beispiele.

Wie will man Christ[*in] sein, ohne sich in ein fruchtbares geistliches Leben einzuüben? Wie will man jemanden lieben, dem man nicht begegnen will?

Achtung, Unterstellung! Wer sagt, dass Herr Pilger das nicht versucht? Hat die Autorin sich schon mal gefragt, warum er damit nicht allzu viel anfangen kann? Ich empfehle eine Lektüre von Berger/Luckmann und Kaufmann3, mal ohne benebelnden Gin Tonic oder Pastis: Eine Institution muss ihre Relevanzstrukturen für die nachfolgende Generation authentisch machen, sonst werden die nicht übernommen. Wenn also Herr Pilger von „Kram“ spricht, dann kann man das als ein eindeutiges Indiz dafür sehen, dass da einiges in der Glaubenstradierung irrelevant geworden ist. Darüber kann man sich Gedanken machen, aber vorwerfen kann man es niemandem, zumindest solange der Mensch noch frei wählen darf.

Wie kann man auf die Idee kommen, in der Pastoral zu arbeiten, Gott dabei aber außen vor lassen zu können?

Wieder eine Unterstellung. Hat er gesagt, dass er das außen vor lassen möchte? Ich glaube nicht.

Es ist doch eine unnötige Problematisierung, wenn man ein genaues Berufsbild hat, dann aber einen Konflikt konstruiert, indem man die Parameter des Berufsbildes einem anderen andichtet.

Zu wissen, wie man Menschen erreicht, eine Gruppe darin zu unterstützen, sich zu organisieren, zu wissen, wie ein Sozialraum funktioniert, erscheint mir als notwendige, elementare Ergänzung zur gesamten inhaltlichen Arbeit in der Pastoral, gerade um Relevanzstrukturen authentisch zu machen und Menschen zu erreichen. Was nützen (Glaubens-)Inhalte, auf die so gepocht und deren Fehlen bei Herrn Pilger bemängelt wird, wenn die Struktur nicht funktioniert oder an den Zielgruppen vorbeigeht? Dann bleibt Kirche irrelevant. Mitarbeiter*innen in der Pastoral brauchen fundiertes soziologisches, psychologisches, didaktisches, pädagogisches Wissen. Die Alternativen sind, das einfach aus dem Gefühl heraus zu machen oder darauf zu hoffen, dass alle Pastoralreferent*innen, Gemeindereferent*innen, Geistliche mit dem Eintritt ins Berufsleben von permanenter Zungenrede und Geistbeseeltheit profitieren. Übrigens: Beruf(ung)stipps zu geben ist, wenn man die Person nicht kennt, eine sehr heikle Angelegenheit. Ich sage ja auch nicht, dass ein Bewerbungsschreiben mit Auszügen dieses Blogs – in die Axel-Springer Straße 65 in Berlin verschickt – nicht zumindest ein Vorstellungsgespräch nach sich zöge.

Was für ein Bild hat man von der Kirche Jesu Christi, deren Einrichtung auf Gott gründet, und deren „Konzept“ die unveränderliche Wahrheit ist, wenn man meint, ihr gegenüber so auftreten zu dürfen?

Da bieten sich einige Optionen, nehmen wir mal zwei heraus, die Thematik der unveränderlichen Wahrheit soll an dieser Stelle ausgeklammert werden. Es wird auf die Kirche als Mutter referiert: Man wünscht sich doch, dass die Kinder auch ehrlich Ihre Anliegen gegenüber Ihrer Mutter äußern, oder? Die Zeiten, in denen es mit dem Kochlöffel eine gesetzt hat und der Pantoffel nach einem flog, wenn man aufmuckte, sind zumindest hier vorbei. Des Weiteren wird das Bild von Kirche als Haus aufgegriffen, das aus lebendigen Steinen gebaut wird. Nicht jeder Stein passt überall hin und jedes Haus sieht anders aus. Natürlich kann man jeden Stein auf Einheitsformat herunterklopfen, aber das wäre schade um das Material, außerdem sind die Möglichkeiten, was daraus gemacht werden kann, dann begrenzt.

Lieber Herr Pilger, haben Sie mal Jesus gefragt, ob er möchte, dass seine Kirche eine „professionelle“ Dienstleisterin ist? Ich meine das ganz ehrlich: Gehen Sie doch mal in die Anbetung und fragen Sie Jesus! 

Kurze Gegenfrage: Wurde Jesus mal gefragt, ob er möchte, dass seine Kirche Dogmen und unveränderliche Wahrheiten, unter welche man sich zu unterwerfen hat, kennt?

Für die wichtigen Fragen findet er keine Gesprächspartner[*innen], offene Gespräche über den Glauben seien angstbesetzt.

Das wird bemängelt? Wer in Gesprächen mit diesen leidenschaftlichen Kommiliton*innen in einer persönlich sensiblen Phase des Glaubens auf Unverständnis trifft oder untergebuttert wird, was leicht passieren kann, der*die wird verprellt. Eine nur allzu verständliche Reaktion. Außerdem führt Herr Pilger später aus, dass in vielen Diözesen, wer auf eine Anstellung bei der Kirche oder eine Zulassung zum Lehrberuf hofft, auch auf seinen Glauben hin „befragt“ wird. Diese Informationen fließen in die Bewertung und anschließende Freigabe mit ein. Je nachdem, an wen man da gerät, können, wenn es schlecht läuft, ernste Glaubensfragen oder -zweifel zum Fallstrick werden. Und was dann nach mindestens fünf Jahren Studium?

Man kann nicht Landarzt[*ärztin] sein in Manhattan. Aber wenn es die Kirche ist, die etwas verlangt, dann ist es übergriffig.

Ich glaube, hier werden Äpfel mit Birnen verglichen: Landarzt*ärztin in Manhattan und das Recht der Kirche, festlegen zu können, in welchem Stadtteil man lebt, sind zwei verschiedene Paar Schuhe, aber selbst das erscheint mir hier das kleinere Manko zu sein: Es wurde da entweder etwas überlesen oder aber ausgeklammert. Es geht darum, dass man, wenn das eigene Leben nicht in das Bild der heteronormativen Normalfamilie oder der alleinlebenden, kinderlosen Person passt, wenn der Regenbogen tatsächlich mal verschiedene Farben bekommt, ein Problem hat: Die Barmherzigkeit kann sich dann in Form eines „Wir wünschen Ihnen alles Gute auf Ihrem weiteren beruflichen Weg“ äußern. Nicht aufgrund mangelnder beruflicher Leistung, sondern weil der Arbeitgeberin Kirche der private Werdegang widerstrebt. Wenn die Kirche noch das Recht auf körperliche Unversehrtheit kassierte, hätte sie in Sachen „Eingriff ins Privatleben“ sogar die Bundeswehr zumindest anforderungskriterientechnisch überholt.

Und nun zu meinem letzten Punkt: Kirche hat sich in ihrer Existenzform von Beginn an verändert und das ist eines ihrer Merkmale, da sie von Menschen gemacht wird — auf Gott gegründet hin oder her. Und die Kirche hat ein Nachwuchsproblem und sie muss sich verändern, um immer wieder neu relevant zu werden. Und genau darüber sollte man, gerade auch weil es eine Frage des Geschmacks ist, immer wieder streiten. Andere dafür zu diskreditieren, dafür zu verhöhnen, dass sie äußern, was sie stört, ist nicht konstruktiv. Das Ende vom Lied ist womöglich noch, dass diese Menschen nach draußen vor die aus auf Einheitsmaß geklopften Steinen immer höher errichteten Mauern komplementiert werden, die Zugbrücke hochgezogen wird und nur diejenigen reingelassen werden, die geloben, brave Untertan*innen zu sein, um dann Pastis nuckelnd im Schatten der Mauer rosenkranzschwingend langsam auszusterben und für die Außenwelt irrelevant zu werden. Eine komische Vorstellung von Kirche, oder?

An dieser Stelle eine letzte Bitte: Auch solche Bedenken wie die Herrn Pilgers sind zuzulassen und nicht zu verurteilen, man sollte sich mit dem Gin Tonic in der Hand nicht auf all zu dünnes Eis wagen, man könnte damit sehr leicht einbrechen. Das wäre schade.

Hashtag der Woche: #ontherocks


Filip Friedrich studiert katholische Theologie und Französisch an der Universität Freiburg und an der Universität Aix-Marseille.


3 Peter L. Berger; Thomas Luckmann: Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit. Franz-Xaver Kaufmann: Kirche als Lehr- und Lerngemeinschaft. In: Kirche in der ambivalenten Moderne. S 167-193:

4 Replies to “Bitterer Beigeschmack

  1. „Wurde Jesus mal gefragt, ob er möchte, dass seine Kirche Dogmen und unveränderliche Wahrheiten, unter welche man sich zu unterwerfen hat, kennt?“

    Oft genug in den letzten 1900 Jahren. Er hat immer wieder geduldig geantwortet:
    „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben.“ Nicht: „Ich bin einer von vielen Wegen, eine von vielen Wahrheiten.“ Auch nicht: „Ich bin die Wege und die Wahrheiten und die Lebensmodelle.“ Sondern – wie gesagt.

    1. Aber wie genau dieser Weg auszusehen hat, ist meines Wissens nach nicht explizit beschrieben, woraus sich keiner der im kathnet-Artikel erhobenen Ansprüche ableiten ließe und man (um einmal auf die Lebensmodelle einzugehen) es bei einem ‚liebt einander, wie ich auch euch geliebt habe‘ belassen könnte und keine weitere Normativität daraus erstehen lassen müsste.

  2. Ich spendiere dem Autor dieses…

    Liebe Leserin, darüber freut der Autor sich zwar vielleicht, die Redaktion freut sich aber vor allem über Sachdiskussionen.

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