Ein Artikel über Umkehr, obwohl wir schon mitten in der Osterzeit sind? Stefanie Matulla plädiert für eine zeitloses Nachdenken darüber, dass wir ab und an unsere Routen reflektieren und sogar neu berechnen sollten.

Eine Autofahrt. Im Großstadtdschungel. „Biegen Sie gleich rechts ab.“ Rechts und links fahren Autos an dir vorbei, eins nach dem anderen. Es wird knapp. Die Kreuzung naht. Uuuuund… Abzweigung verpasst. „Route wird neu berechnet“, beruhigt die freundliche Stimme aus dem Navi.

Einmal im Jahr wird so eine Neuberechnung auch in der Kirche hoffnungsvoll ausgerufen. Am Aschermittwoch, der den Beginn der 40-tägigen Vorbereitungszeit auf Ostern markiert, hat jede*r Anwesende die Möglichkeit, sich im Gottesdienst oder „to go“ ein Kreuz aus Asche auf die Stirn zeichnen zu lassen. Dabei wird ihm*r ein Appell Jesu zugesprochen: „Kehre um und glaube an das Evangelium“ (vgl. Mk 1,15).

Falsche Zeit für diesen Artikel? Könnte man meinen, denn der Aschermittwoch ist schon zwei Monate her und mittlerweile sind wir in der Osterzeit. Das Umkehren sollte also schon wieder hinter uns liegen. Gedanken zu diesem Thema habe ich mir aber bereits im Januar gemacht – nicht für hier, sondern im Rahmen der Gruppenarbeit des Pionier*innenberaterbüros BWGR zum Thema „Bekehrung“ für eine Weiterbildung.1 Ein erster Aspekt, weswegen Umkehr/Bekehrung nicht durch die Vorbereitungszeit auf Ostern begrenzt ist. Allerdings ist es gut, dass es eine so lange Zeit gibt, sich intensiv mit dem Evangelium zu beschäftigen, um sich mit Blick auf Tod und Auferstehung Jesu verwandeln, bekehren zu lassen. Aber: Dieser Habitus sollte eine ständiger sein. Daher ist auch der Artikel „zeitlos“.

Neuberechnung – Gottes Angebot als Navi

Neuberechnung, Umkehr, Bekehrung. Ein Blick in das Erste Testament zeigt keinen eindeutigen Begriff dafür, jedoch bietet sich für das, was gemeint ist, das Verb „shub“ an. Es drückt eine doppelte Bewegung aus, nämlich die Abkehr von etwas/jemandem sowie die gleichzeitige Hinkehr zu etwas/jemandem. Neuberechnung, Umkehr, Bekehrung meinen hier also nicht nur einen äußerlichen oder rituellen Bußvollzug, sondern das große Feld von „Lebenswende aufgrund eines radikalen Sinneswandels und tiefgreifende Neubestimmung der menschlichen Existenz durch das Heilige“2. Eindrückliche Beispiele dafür finden sich bei den Propheten (vgl. Jer, Jes, Am u.a.), durch die Gott das ganze Volk dazu aufruft, in den bereits geschlossenen Bund mit ihm*ihr, ganz persönlich zu ihm*ihr zurückzukehren (vgl. Jer 3,12). Wie sehr diese Umkehr zur Beziehung mit Gott den Menschen im tiefsten seines*ihres Seins trifft, veranschaulicht Gottes Rede im Buch Ezechiel wunderbar und plastisch: „Ich gebe euch ein neues Herz und einen neuen Geist gebe ich in euer Inneres“ (Ez 36,26). Gott schenkt dem Menschen ein neues Herz, neues Leben, ähnlich wie in der Schöpfung, wo er dem Menschen Atem/Geist einhaucht (vgl. Gen 2,7) und der Taufe, in welcher der alte Mensch stirbt und der neue mit Christus aufersteht (vgl. Röm 6,3-4).

Dieser Ruf Gottes zu einer Beziehung mit ihm*ihr setzt sich im Zweiten Testament fort. Im Markusevangelium beginnt Jesus sein öffentliches Wirken mit dem Ruf zur Umkehr/Bekehrung (beide Begriffe gehen auf das griechische metanoia zurück): „Kehrt um und glaubt an das Evangelium“ (Mk 1,15). Auch hier findet sich also der „Ruf zur bedingungslosen Abkehr vom bisherigen Leben und zur entschiedenen Hinwendung zu Gott“3, der die Liebe ist (vgl. 1 Joh 4,17). Bereits der Kirchenlehrer Origenes macht allerdings darauf aufmerksam, dass Bekehrung nicht auf ein singuläres Ereignis und formalen Akt reduziert werden darf, sondern „das ganze christliche Leben als fortgesetzte Bekehrung“ verstanden werden soll (hom. in Jer. IV, 6).4

Der Mensch, der sich (wieder) zu Gott bekehrt, zu der Beziehung mit ihm*ihr zurückkehrt, ist nach biblischem Zeugnis ein Mensch, der tief erschüttert wurde von Gottes Liebe zu ihm*ihr. Diese Erkenntnis und dieses Gefühl können den Menschen umhauen, wie es Saulus/Paulus bei seinem Bekehrungs-/Umkehrerlebnis vom Pferd gerissen hat (vgl. Apg 9). Durch diese tiefe Liebe, die der Mensch erfährt, wird er*sie ein anderer, ein neuer.

Neuberechnung – mit mir, mit dir, miteinander, mit der Kirche

Wie es in Beziehungen mit Familie, Freund*innen, Partner*innen so ist, ist man sich mal näher, mal ferner. Auch in der Beziehung zu Gott besteht natürlich die Gefahr, sich von der Liebe wieder zu entfernen, sodass Bekehrung/Umkehr weder einmalig noch jemals abgeschlossen wäre. Die monastische Tradition kennt dafür den Begriff von der „conversatio morum“. Dieses zentrale Gelübde der beständigen Umkehr meint, ein Leben nach dem Evangelium zu führen und sich mit seinem gesamten Denken und Handeln immer mehr zu orientieren an Jesus Christus bzw. sich ihm nachzugestalten.

Wer sich im tiefsten seines*ihren Seins getroffen fühlt von Gottes Liebe, möchte davon erzählen, so wie man den Menschen, in den man sich verliebt hat, den Freund*innen und der Familie vorstellen möchte. Der Mensch ist ein Beziehungswesen und Sprache schafft Bewusstsein, sodass es schon allein für das Einordnen des Geschehens des Ergriffenseins von Gott wichtig ist, das Erlebte in Worte zu fassen. Die Neuorientierung kann wie oben bei Paulus benannt plötzlich geschehen, aber auch als Prozess, in dem der Mensch sich selbst reflektiert und auch von seiner Umwelt Impulse erhält. Wer dies im christlichen Kontext tut, kann erfahren oder neu entdecken, dass die eigene Geschichte mit Gott in dem ewigen Bund Gottes mit den Menschen aufgehoben ist, im Heilswerk Christi, in der Sendung Gottes. Daher entspricht der Mensch der Liebe, die er*sie von Gott erfährt, durch sein Handeln – in der Liebe zum Nächsten, im Einsatz für eine gerechtere Welt, im Akzeptieren anderer Meinungen usw. In der Erzählung des eigenen Erlebens durch Worte und Taten liegt dadurch eine wechselwirkende Kraft für Individuum und Gemeinschaft.

Erfährt sich der*die Einzelne mit Paulus gesprochen als Neuschöpfung – denn: „Nicht mehr ich lebe, sondern Christus lebt in mir“ (Gal 2,20) – wirkt sich das auch auf die Kirche aus (da sie aus lauter Menschen besteht), die sich anhand dieser Spiegelung auch wieder auf ihren eigenen Ursprung in Jesus Christus verwiesen erkennt und sich neu mit ihm identifizieren kann. Bekehrung/Umkehr als wirklich freie Annahme und Hinkehr des Einzelnen zur Beziehung mit Gott (und damit ist also nicht Missionierung/Bekehrung von jemandem durch jemanden zu etwas Bestimmten hin gemeint!) ist als Bedingung der Möglichkeit für eine neue Form der Kirche herauszustellen. Damit gewinnt das Hören eine hohe Relevanz – das Hören auf die Erzählungen von Menschen und ihrer Beziehung zu Gott, aber auch das in sich selbst Hineinhören und Schauen auf die eigene Gottesbeziehung. Jede*r, der*die in der Nachfolge steht, Teil der Kirche ist, vom Gemeindemitglied bis zur Kirchenleitung sollte sich immer wieder fragen, an wem oder was sie*er ihr*sein Handeln orientiert. Das würde Kirche, Strukturen, Nachfolge verändern (wie es in der anglikanischen Kirche am “Mission shaped church report“ beispielhaft zu sehen ist), die sich (dann) wie Jesus absolut am Menschen, am Gegenüber, an den Benachteiligten orientieren. Mehr noch: Bekehrung/Umkehr ist somit „als Grundbewegung einer ekklesia semper reformanda herauszustellen (…), ein ekklesiales Geschehen, das die Kirche in ihrer Identität bewahrt und zugleich das semper reformanda ermöglicht.“5

Neuberechnung, Umkehr, Bekehrung – nicht auf eine Zeit begrenzt, vorrangig nicht auf äußerliche Riten oder Konfessionen bezogen. In diesen Aspekten steckt Gottes tiefe Liebe, die ein Geschehen in Gang setzt, das eine transformatorische Kraft im Leben des*r Einzelnen hat. Er*sie wendet sich zu Gott hin, wird von dieser tiefen Liebe umfangen und interagiert mit diesem Vorzeichen mit seiner Umwelt (und der Kirche). Nicht nur in der Fastenzeit. Daher abschließend und nicht oft genug zu hören Jesu Appell oder Wunsch: „Kehrt um und glaubt an das Evangelium.“

Hashtag der Woche: #neuberechnung


(Beitragsbild: pixabay.de)

1 Gemeint ist die ökumenische “Weiterbildung für Pioniere in Kirche: Mission: Gesellschaft (Fresh X)“ an der CVJM-Hochschule (in Kooperation mit dem IEEG und dem deutschen Fresh X-Netzwerk e.V.). Nach der ersten Präsenzeinheit wurde Kleingruppen eine fiktionale Anfrage einer Pfarrei zum Thema “Fresh X“ gestellt, die sie als Pionier*innenberaterbüro beantworten sollten. Aktuell besteht diese Gruppe noch und nennt sich “BWGR“ – sie sieht sich im Dienst des unbewegten Bewegers.

2 Löning, Karl: Bekehrung: III. Biblisch-theologisch, in: Kasper, Walter u.a. (Hg.): Lexikon für Theologie und Kirche, 1993³.

3 März, Claus-Peter: Umkehr. I. Biblisch-theologisch, in: Kasper, Walter u.a. (Hg.): Lexikon für Theologie und Kirche, 1993³.

4 Vgl. Werbick, Jürgen: Bekehrung. V. Systematisch-theologisch, Kasper, Walter u.a. (Hg.): Lexikon für Theologie und Kirche, 1993³.

5 Rhode, Andreas: Lebensgeschichte und Bekehrung. Leben aus Gottes Anerkennung, 2013.
stefanie matulla

stefanie matulla

arbeitet als Religionspädagogin und Theologin im Bistum Limburg, nimmt mit Begeisterung an der „Weiterbildung für Pioniere in Kirche: Mission: Gesellschaft“ an der CVJM-Hochschule teil und ist staunende Sucherin und Lebenspilgerin.

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