Am 09. November jährt sich die Plünderung und Zerstörung jüdischer Geschäfte und Gotteshäuser im nationalsozialistischen Deutschland, die Reichspogromnacht von 1938, zum 79. Mal. Die an diesem Tag verübten Gewalttaten gegen Gebäude und jüdische Mitbürger*innen bildeten den Auftakt für den industriell organisierten Massenmord an den europäischen Jüd*innen. Wie die Erinnerung daran 79 Jahre danach aussieht – und aussehen soll – problematisieren Steffen Bayer, Jonatan Burger und Dr. Johannes Heger auf y-nachten.de in einem Doppelartikel. Der zweite Teil erscheint morgen hier.

Es wäre nicht politically correct, es entspräche nicht der Verpflichtung zum verantwortungsvollen Umgang mit Geschichte und es bedeutete eine Infragestellung der Humanität. Dennoch haben sich sicher einige Leser*innen bereits angesichts des Teasers bei Gedanken wie „oh weh, schon wieder etwas über den Holocaust!“ ertappt. Und die großen Schlüsselworte des Eingangssatzes haben es sicher nicht besser gemacht – Humanität, Geschichtsbewusstsein und political correctness.

Grund, sich zu schämen? Nein! Grund zum Nachdenken, warum dem so sein könnte? Ja! Ein erster reflektierender Rundgang in der eigenen (Lebens-)Geschichte und Gegenwartskultur offenbart schnell Spuren, die das „Schon wieder?“ plausibilisieren, wenn auch nicht legitimieren.

Wie gerade an die Shoa erinnert wird

Einigen kommen angesichts der Shoa[1] sicher Erinnerungen an mehr oder minder engagierte Deutsch-, Geschichts- oder auch Religionslehrer*innen in den Sinn. An Pädagog*innen, die entweder gefühlt alle zwei Wochen schockierende Bilder von Bomben, ausgemergelten Menschen in Konzentrationslagern und Leichenbergen gezeigt oder schachbrettartig die logistische Organisation der Judenverfolgung nachgezeichnet haben. Auch abseits der Schule(n) stößt man in Deutschland allerorts auf die Scherben der Erinnerung an die Massenvernichtung von Juden*Jüdinnen im Dritten Reich. Dafür sorgt seit 1992 u. a. der Künstler Gunter Demnig, indem er überall dort so genannte „Stolpersteine“ verlegt, wo ermordete Juden*Jüdinnen einst gewohnt haben.

Und selbst vor der heimischen Couch- und Fernseh-Komfortzone macht die Erinnerung nicht Halt: Immer wieder werden Zeitschriften, Magazine, filmische Dokumentationen etc. mit der Aufdeckung neuester Fakten, Erkenntnisse und Zusammenhänge rund um den Nationalsozialismus beworben, weil Erinnerung nicht nur ein hohes, sondern auch ein kommerziell vermarktbares Gut ist. Dies treibt durchaus skurrile Blüten: So wird bspw. seit dem Jahrtausendwechsel immer wieder die Frage bemüht, ob Adolf Hitler nun Vegetarier gewesen sei. Von effekthascherischen Kriegsfilmen, die mit der Inszenierung von Gewalt Popcorn und Cola an den Kinokassen verkaufen, gar nicht erst zu sprechen … Aber auch Inszenierungen wie diese gehören – wenn auch sicherlich intentional zu unterscheiden – zur deutschen Erinnerung an die Shoa.

Dieses vielleicht seltsam anmutende, eklektische, aber wohl authentische Panoptikum deutscher Erinnerungslandschaft zeigt aus der Innenperspektive: Der Shoa wird quantitativ umfangreich und qualitativ teils durchaus angemessen erinnert. 2015 hat dies sogar Michael Moore in „Where to invade next“ aus der Außenperspektive bestätigt. Der kritische Amerikaner wünscht sich in dieser sehenswerten Dokumentation auch für die USA eine schulische und gesellschaftliche Aufarbeitung von Geschichte, wie er sie in Deutschland in Bezug auf das Dritte Reich und die Shoa vorfindet.

So besehen dürften Theodor W. Adorno und mit ihm viele Philosoph*innen und Pädagog*innen zufrieden sein, scheint seine „allererste [Forderung] an Erziehung“, „dass Auschwitz nicht noch einmal sei“[2], doch im neuen Jahrtausend erfüllt!

Wie die Shoa gerade droht, in Vergessenheit zu geraten

Ja, wäre da nicht dieses „oh weh, schon wieder“. Und wären da nicht ganz andere empirische Erkenntnisse: Wie Spiegel Online berichtete[3], wissen einer aktuellen Umfrage zufolge nur 59 % der deutschen Schüler*innen um Auschwitz – also um den Ort, der zu einem Synonym und Symbol für die bestialische, rücksichtslose und mechanische Ermordung von über einer Million (vorwiegend jüdischer) Menschen geworden ist; über den Ort, der auch den Kirchen und den christlichen Theologien die bleibende Aufgabe zuschreibt, einen Gott und einen Glauben zu denken und zu verkünden, der nicht triumphalistisch über der Geschichte thront, sondern sich sensibel zeigt für die Opfer der Geschichte.[4]

Ja, und wären da nicht Momentaufnahmen – nicht nur von Jugendlichen – im Internet, die zu denken geben. Da postet bspw. ein User auf der Plattform Jodel die Frage „Wie grillst du deine Steaks?“ mit den Antworten „griechisch, jüdisch“ sowie dem hinzugefügten Hashtag #ohnekohlemitgas. Sicher ein absurdes, aber nicht singuläres Beispiel von geschmacklosen „Witzen“ auf Kosten eines geschundenen Volkes.

Die beiden aufgezeigten Straßengräben der (Nicht-)Erinnerung bzw. auch der Müdigkeit gegenüber der Erinnerung an die Shoa lassen gerade zum 9. November innehalten. Im Jahr 1938 brannten an diesem Tag über 1400 Synagogen sowie jüdische Gebetshäuser und Versammlungsstätten. Dieses Rauchzeichen erwies sich als ein schrecklicher Hinweis darauf, dass die Welt bald vollständig brennen würde.

Auch wenn in Deutschland im neuen Jahrtausend noch (!) keine Synagogen gebrannt haben, sind mit der steigenden Fremdenfeindlichkeit sowie dem Rechtsruck in Politik und Gesellschaft erste neue Rauchzeichen zu sehen. Rauchzeichen, die zeigen, dass Achtsamkeit geboten ist, und die zeigen, wie wertvoll Erinnerung sein kann. Erinnerung daran, was passieren kann, wenn Menschlichkeit durch Ökonomie und Geschwisterlichkeit durch Segregation ersetzt werden.

Aber welche Formen des Erinnerns vermögen es, den herausgestellten Spagat zwischen informativ-sachlichem Rückgriff und lebensrelevanter Darbietung zu leisten, ohne dem „Schon wieder?“-Effekt zuzusteuern? Mit dieser Frage im Gepäck lohnt sich ein erneuter, zweiter Rundgang durch die Gegenwartskultur, der anhand von jüngsten Beispielen Möglichkeiten der Erinnerung an die Shoa kritisch-würdigend aufzeigt.

#01 Der Freiburger Brunnen auf dem Platz der zerstörten Synagoge

Direkt vor der Freiburger Universität entstand im Stadtzentrum in den letzten Jahren ein städtebauliches Prestigeprojekt. Der Platz der zerstörten Synagoge[5], lange Zeit eine grüne Brachfläche, wurde komplett neu gestaltet. Aus dem Ensemble von großzügigen Sitzgelegenheiten, hellen Pflastersteinen, Fontänen und Bäumen hebt sich ein schwarzer Brunnen ab, dessen Umrisse den 1938 von den Nationalsozialist*innen abgerissenen Mauern des jüdischen Gotteshauses nachempfunden sind. Schon bei seiner Entstehung spaltete der Gedenkbrunnen die Geister: Durften die unerwartet aufgefundenen Steine aus dem Fundament der Synagoge im Zuge der Bauarbeiten einfach entfernt werden? Wer wäre hier befugt, Entscheidungen zu treffen und so das Gedenken politisch mitzugestalten? Wie stark sollten Stadt und Gemeinderat auf die Anregungen der in sich noch einmal ausdifferenzierten jüdischen Gruppierungen oder der Angehörigen von Freiburger Shoa-Überlebenden eingehen?[6]

Nun steht der Brunnen trotz aller Kritik und wird erneut zum Politikum: Zusammen mit zahlreichen Bürger*innen bemängelten die Freiburger Kirchen bereits, dass zu wenig auf die Synagoge und die Geschichte des Platzes aufmerksam gemacht werde.[7] Gerade im Sommer wurden die Fragen aber nochmals konkreter: Ist es legitim, wenn die Füße von Passant*innen, (halb)nackte Kleinkinder und spielende Hunde Erfrischung im kühlen Nass des Synagogenbrunnens suchen? Wie viel Sakralität muss man Erinnerungsorten zugestehen? Wie stark muss ein Ort mit seiner Unrechtsgeschichte verknüpft bleiben? Oder aber: Wann befördert eine allzu rigorose Verpflichtung auf ehrfürchtig-taktvolles Gedenken eher eine Abwehrhaltung und ist kontraproduktiv?

Wie reflektiert, pietätsvoll und alltäglich muss Erinnerung sein? Wie werden die heutigen Freiburger Kleinkinder reagieren, wenn ihnen in vielleicht 15 Jahren bewusst wird, dass sie auf den süßen Babyfotos von damals mitten in einer Gedenkstätte für Angehörige eines von millionenfachem Massenmord betroffenen Volkes saßen? Wie reagieren die heutigen Studierenden, wenn ihnen klar wird, dass das feuchtfröhliche Flunkyball-Turnier ihrer Erstsemestereinführung noch vor wenigen Jahren – mehr oder weniger geschichtsvergessen – just an dem gleichen Ort abgehalten wurde?

Hashtag der Woche: #remember9thnovember

Morgen erscheint auf y-nachten.de der zweite Teil des Artikels.

Mitarbeit: Steffen Bayer und Jonatan Burger


Credits Titelbild: Markus Wolter

[1]           Mit diesem biblischen Begriff (dt.: Katastrophe) bezeichnen die jüdischen Opfer die nationalsozialistische Massenvernichtung. Aus Solidarität mit den Opfern der Geschichte und wegen der präziseren Bezeichnung wird im Folgenden bewusst von der Shoa die Rede sein.

[2]           Adorno, Theodor W., Erziehung nach Auschwitz, in: Ders. (Hg.), Erziehung zur Mündigkeit. Vorträge und Gespräche mit Hellmut Becker 1959-1969, Frankfurt a. M. 1971, 88-104, 88.

[3]           http://www.spiegel.de/lebenundlernen/schule/auschwitz-vier-von-zehn-schuelern-wissen-nicht-wofuer-es-steht-a-1170423.html

[4]           Vgl. exemplarisch: Metz, Johann Baptist, Im Angesicht der Juden. Christliche Theologie nach Auschwitz, in: Concilium 20 (1984) 382-389.

[5]           https://de.wikipedia.org/wiki/Alte_Synagoge_(Freiburg_im_Breisgau)#/media/File:Eingangsfassade_der_Synagoge_am_ Werthmannplatz.jpg

[6]           http://www.juedische-allgemeine.de/article/view/id/26849

[7]           http://www.badische-zeitung.de/freiburg/kirchen-begruessen-diskussion-ueber-den-umgang-mit-dem-gedenkbrunnen-am-platz-der-alten-synagoge

mm

dr. johannes heger

ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl Religionspädagogik der Theologischen Fakultät der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg. Arbeitsschwerpunkte: Wissenschaftstheorie der Religionspädagogik; kulturhermeneutische Erkundungen in (Gegenwarts-)Literatur und (Pop-)Kultur in religionsdidaktischer Absicht.

One Reply to “Nicht schon wieder? Nie wieder! – Teil 1”

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