Predigt zu Mt 28,1-10 vom Ostersonntag, den 16. April 2017, in der Erlöserkirche Pforzheim.

Überwindung

Manchmal ist der erste Schritt zur Freude die Überwindung der Angst: Der Urlaub steht unmittelbar bevor, aber ich muss noch so viel Wichtiges und Dringendes im Beruf und zu Hause erledigen. Ich will unbedingt diese eine Arbeitsstelle, sie ist wie für mich geschaffen, aber zuvor muss ich dieses unangenehme anspruchsvolle Bewerbungsverfahren durchlaufen. Josef könnte so glücklich über die Ankündigung der Geburt seines Sohnes sein, aber die Leute würden über ihn abschätzig denken, verachtend über ihn reden und ihn genau so auch behandeln. Den Hirten auf dem Feld wurde eine unglaubliche, aufrüttelnde, befreiende Nachricht überbracht. Wenn sie diese ernst nehmen, würden sie dann nicht möglicherweise einer Fata Morgana aufsitzen und sich wieder neu zum Gespött der Leute machen und für völlig verrückt erklärt? Zwei Frauen, die abends zum Grab Jesu gehen, erscheint ein Engel und sagt ihnen, dass der grausam Hingerichtete auferweckt worden sei. Und sie bekommen es erst einmal so richtig mit der Angst zu tun, denn das Grab, in das der Tote gelegt wurde, war wirklich leer.

Das leere Grab ist gleichbedeutend mit der Auferweckung Jesu. Dass und wie Jesus auferstanden ist, hat kein Mensch gesehen. Sicher wirkt auch deshalb die Nachricht von der Auferweckung Jesu als ein Schock. Sie erschreckt und macht Angst, furchtbare Angst. Erst tot und dann auch noch weg. Kein Ort, um sich zu erinnern. Kein Ort, um zu trauern, wie wir das immer wieder machen, wenn wir zum Grab eines lieben Verstorbenen gehen. Kein Ort, um sich Begegnungen, Geschichten und Worte zu vergegenwärtigen. Und dann auch noch eine Übermittlung der Nachricht, die nicht besonders vertrauensselig wirkt, sondern heftig in Furcht und Schrecken versetzt.

Erdbeben

Ein Erdbeben läutet gewissermaßen den tiefgreifenden Wandel ein. Ein Erdbeben steht für die folgenreiche Veränderung. Nicht ein dumpfes Grummeln im Boden oder ein Gläserklirren im Geschirrschrank, wie es im Rheingraben, auf der Schwäbischen Alb oder in der Kölner Bucht alle paar Jahre vorkommt. Sondern ein richtiges Beben der Erde, bei dem nur wenige Steine aufeinander bleiben, wie in Accumoli in Italien im vergangenen Jahr gleich zweimal oder 2011 bei der Fukushima-Katastrophe oder 2010 in Haiti und Chile. Viele Menschen verloren dabei nicht nur ihr Hab und Gut, Obdach und Unterkunft, sondern auch geliebte Menschen und ihre Gesundheit, Hoffnung und Zukunftsperspektive. Da gab und für manche Menschen gibt es bis auf den heutigen Tag nichts zu lachen: zerstörte Lebenszufriedenheit, zerstörtes Lebensglück.

Beben mit bleibender Wirkung.

Und nun?

Nochmals zurück: Der Tod Jesu stürzte etliche Menschen in eine tiefe Krise. Alle Hoffnung, jeglicher Lebensmut wurde dadurch zerstört. Jesus hatte ihnen doch etwas ganz anderes gepredigt. Er hatte ihnen doch etwas ganz anderes gezeigt. – Nun hatten sie, allen voran die Jünger, nicht nur Angst, sie waren Angst in Person schlechthin. Sie versteckten sich. Sich bloß nicht sehen lassen, bloß nicht erkannt werden. In Galiläa, wo sie herkamen, suchten sie Unterschlupf, tauchten sie unter, suchten sie Asyl.

Nicht ganz so feige wie die Männer waren – zumindest zwei – Frauen, namentlich genannt Maria Magdala und die andere Maria: Als der Sabbat zu Ende war, also am Abend, machten sie sich auf den Weg zum Grab. Aber anstatt sich gegenseitig der Worte und Taten ihres geliebten und verehrten Freundes zu vergewissern, erlebten sie ein Erdbeben, das ihre Welt auf den Kopf stellte und die gesamte Welt auf den Kopf stellen sollte.

Wandel

Nämlich: Der Tod ist nicht – nicht länger, nicht mehr und überhaupt nicht – das Ende. Die Gewalt beherrscht nicht den Menschen. Die Macht bemächtigt sich nicht des Lebens. Das Leben ist stärker als der Tod.

Diese Nachricht des Engels vom auferweckten Jesus, diese Nachricht vom Sieg des Lebens und der Liebe über den Tod stellt die Welt – und alles, was wir über sie wissen, – wahrlich auf den Kopf. Selbst wir heute tun uns noch damit schwer, diesem Wandel zu trauen. Selbst wir heute tun uns schwer damit, dieser Veränderung zu folgen. Wir tun uns außerordentlich schwer damit, dass Gottes Geist der Veränderung in uns wirkt und unser Denken und Handeln verändert.

Doch wenn auch gläubige – Gott vertrauende und Gott bekennende – Menschen, ernst zu nehmende Christ*innen, wenn sie sich über Jahrhunderte hinweg veränderungsresistent zeigten und sind und sich dieser Welt gleichstellen; auch wenn der Verkündiger kaltblütig umgebracht wurde: seine Verkündigung und die Folgen seines Wirkens lassen sich nicht töten. Auch wenn seine Nachfolger*innen nicht immer glaubwürdig verkündigen und das Leben glaubwürdig gestalten, die Verkündigung des Menschensohnes lässt sich nicht töten.

Dieselbe Welt

Wir bewachen und besuchen heute nicht das Grab eines Toten. Wir glauben, dass Gott lebendig ist und dass er lebendig macht. Vielleicht braucht es für manche und manchen auch unter uns ein kleines oder größeres Erdbeben in unserem Inneren, um zu entdecken und zu erkennen, dass das Leben – und auch das Leben mit Gott – nicht eine ein für allemal getroffene Entscheidung ist und damit ist alles gut – punktum. Vielleicht braucht es ein kleines oder größeres Erdbeben in uns, um zu erkennen, dass Leben etwas anderes ist als Konsumieren und Vermehren. Vielleicht braucht es ein kleineres oder größeres Erdbeben, um zu erkennen, dass Leben Teilen bedeutet und Lust auf Teilen macht: Die Liebe, die wir unverdient geschenkt bekommen. Den Boden, von dem wir zehren und aus dessen Erträgen wir uns ernähren. Freude, Zeit und Räume, die wir miteinander teilen, weil genug für alle vorhanden ist.

Wenn wir die biblischen Texte lesen – z.B. vom Sämann, der gleichsam ohne Rücksicht auf Verluste aussät, von der Witwe, die dem ungerechten Richter stetig und beharrlich auf den Fersen bleibt, oder vom Ackerland, das alle paar Jahre den Besitzer wechselt und auch mal brach liegen bleibt, – sie kommen uns vor wie aus einer anderen Welt in einer anderen Zeit. Aus einer anderen Zeit: Ja. Ein paar hundert, besser tausend Jahre trennen uns. Nicht aber eine andere Welt. Es ist unsere Welt, die wir von Gott ausgeliehen bekommen haben, die wir aus der Hand gegeben haben, die zu gestalten wir anderen Menschen überlassen haben, aus der wir uns in eine Nische zurückgezogen haben.

Das Leben auf den Kopf stellen

Der erste Schritt zur Freude ist die Überwindung der Angst. Die Osterbotschaft vom auferweckten Jesus, vom Lebendigen, der nicht bei den Toten gesucht zu werden braucht – sie erinnert uns heute wieder daran, das Leben zu gestalten, so herausfordernd es uns auch manches Mal erscheint und bei der konkreten Gestaltung des Lebens auch davor nicht Halt zu machen, es auf den Kopf zu stellen. Gewissermaßen Entscheidungen vom Typ „Veränderung à la Erdbeben“ zu treffen.

Solange wir Jesus an unserer Seite wissen, können wir Angst überwinden, brauchen wir keine Angst zu haben vor dem Tod des Todes oder vor dem Ende eines Lebens, das in den Abgrund führt.

Marie Luise Kaschnitz schreibt:

Auferstehung

Manchmal stehen wir auf
Stehen wir zur Auferstehung auf
Mitten am Tag
Mit unserem lebendigen Haar
Mit unserer atmenden Haut.

Nur das Gewohnte ist um uns.
Keine Fata Morgana von Palmen
Mit weidenden Löwen
Und sanften Wölfen.

Die Weckuhren hören nicht auf zu ticken
Ihre Leuchtzeiger löschen nicht aus.

Und dennoch leicht
Und dennoch unverwundbar
Geordnet in geheimnisvolle Ordnung
Vorweggenommen in ein Haus aus Licht.

Amen.

Hashtag der Woche: #kopfstand

hans martin renno

studierte evangelische Theologie in Reutlingen, Tübingen, Heidelberg, Bern und Bielefeld-Bethel. Er ist Pastor der Evangelisch-methodistischen Kirche an der Erlöserkirche Pforzheim und Referent für diakonische und gesellschaftspolitische Verantwortung der Evangelisch-methodistischen Kirche Deutschland.

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