Schnipo Schranke

„Schnipo Schranke“ (nach den Gerichten Schnitzel und Pommes mit Mayonnaise und Ketchup) nennt sich die Hamburger Indie-Popband, die erst Anfang Februar ihr zweites Album „rare“ auf den Markt gebracht hat. Daniela Reis und Friederike (Fritzi) Ernst machen keine alltägliche Musik. Vom Stil erinnern sie durch den beinahe kontinuierlichen Synthi-Einsatz ein bisschen an die Hits der Neue Deutschen Welle. Unweigerlich muss man an die Lassie Singers denken. Doch sind ihre Texte weit nicht so brav, wie die einer Nena oder die der Spider Murphy Gang. Fast alle Lyrics von Schnipo Schranke sind irgendwie obszön oder haben mit Körperausscheidungen zu tun – kein Wunder, dass sie zunächst mit ihrem Hit „Pisse“ auf sich aufmerksam machten. Und doch (oder gerade deswegen) muss man dem Rezensenten des Rolling Stone beipflichten, der über das erste Album „Satt“ festhält:

„Falls sich auf einer Autofahrt mal wieder alle anschweigen: Legen Sie dieses Album auf! Man kann einfach nicht weghören“.

Auch wenn Fritzi Ernst und Daniela Reis „Zeile für Zeile / aus purer Langeweile“ schreiben (siehe „Schnipo-Song“), steckt in vielen Texten eine tiefere Botschaft, die letztlich die großen Abgründe, aber auch die großen Sehnsüchte der menschlichen Existenz offenlegt. Vielleicht auch, weil die beiden ihre eigenen Erfahrungen ins Wort bringen und vom eigenen Scheitern singen. Ich möchte ein bisschen auf die Suche gehen, wie die beiden ehemaligen Musikstudentinnen in ihren Liedern nicht nur einfach Vulgaritäten anhäufen, sondern durchaus auch menschliche Fragen thematisieren und einen Raum der Sehnsüchte offenhalten, den es irgendwie auszufüllen gilt. Ich versuche dem in den Lyrics von „Cluburlaub“ nachzuspüren:

Ich hab heut Nacht ins Bett gemacht,
mein Psychiater hat sich letzte Woche umgebracht.
Ich sitz zuhaus und spiele Stadt, Land, Fluss in Mittelerde
und warte drauf, dass ich endlich Rockstar werde.
Ich hasse mein Leben, denn es stiehlt mir meine Zeit,
ich suche ständig nach mir selbst, doch da ist nichts weit und breit.
Vielleicht hab ich bisher nur im falschen Land gesucht,
deshalb hab ich mir ein Ticket nach Panama gebucht.
Nur ich, mein Rucksack und mein Lonely Planet,
in der großen weiten Welt, wie abgeholt und nicht bestellt.
Jetzt bin ich wieder hier und ich sag euch:
Diese Erfahrung ist einfach unbezahlbar.

Flatrate an der Cocktailbar,
oh, wie schön ist Panama,
Cluburlaub in der Karibik,
die Sorgen sind hier klein, doch die Cocktails sind riesig.

Sehr Menschliches

Was hier besungen wird, klingt doch irgendwie nach einem menschlichen Leben par excellence. Daheim sitzen, warten, dass etwas passiert, auf der ständigen Suche nach sich selbst und dem Sinn: Das sind Dinge, mit denen sich jede Existenz auseinandersetzen muss. Und ich meine, es gibt kein Leben, das vor solchen Anfragen gefeit bleibt. Wäre ja auch irgendwie unmenschlich. Denn was ist das für ein ideales und weltfremdes Leben, in dem alles glatt läuft und keine Hürden zu überwinden sind? So aber sieht man sich immer neu zurückgeworfen. Die großen Pläne, die gibt es zwar. Aber letztlich scheitere ich doch immer wieder an mir selbst oder an meinen allzu großen Ansprüchen. Nicht Rockstar, aber vielleicht Professor*in oder zumindest einen Job, bei dem man von anderen Leuten angesehen wird und angesehen ist (vgl. den Song Stars: „Siehst du mir nicht an, dass ich sehr angesehen bin?“). Beim Öffnen des Mail-Postfachs entdecke ich die nächste Absage. Wieder nichts. Wieder eine neue Bewerbung schreiben. Wieder neu hoffen. Und wieder die Frage: Was will ich überhaupt? Wie sieht meine Zukunft aus? Da sitze ich nun, „wie abgeholt und nicht bestellt“, denn eigentlich will mich doch keiner so richtig haben. Aber irgendetwas muss ich doch mit meinem Leben anfangen.

„Jeder Mensch bleibt vorläufig sich selbst eine ungelöste Frage, die er dunkel spürt“,

heißt es in der Pastoralkonstitution „Gaudium et spes“ (21). Und weiter:

„Denn niemand kann in gewissen Augenblicken, besonders in den bedeutenderen Ereignissen des Lebens, die Frage gänzlich verdrängen.“

Das Konzil bringt hier auf den Punkt, was Schnipo Schranke besingt: dass der Mensch sich selbst eine offene Frage ist. Die Konfrontation mit dieser Tatsache und das Suchen nach Antworten stürzen in eine krisenhafte Situation. Denn plötzlich sieht man sich einer Konstellation ausgesetzt, der man scheinbar nicht gewachsen ist. Zukunftsängste machen sich breit, aber ebenso ein vertieftes Nachdenken über die eigene Existenz, die Reflexion des Menschen über sich selbst. Offene Fragen verlangen nach Antworten. Aber oft ist dieser Beantwortungsprozess langwierig und manchmal auch schmerzhaft. Manch eine*r versucht es nach dem Motto „Trial and Error“. Ein*e andere*r flieht aus seinem bisherigen Umfeld und sucht in der großen weiten Welt nach Antworten. Und wieder ein*e andere*r gibt sich der Lethargie hin und wartet zuhause drauf, dass sich die Frage von selbst erledigt. Welche Strategie man auch anwenden mag: Irgendeine Auseinandersetzung braucht es, die Suche nach sich selbst muss irgendwann in Angriff genommen werden.

Oh wie schön ist Panama

Oh wie schön ist Panama: Aus meinen Kindertagen weiß ich, dass sich schon einmal jemand nach Panama aufgemacht hat, um dort sein Glück zu suchen. Panama – das war für den kleinen Tiger und den kleinen Bären der Ort, an dem alles besser ist, schöner als daheim und überhaupt: das Land ihrer Träume. Und so machen sich die beiden auf, lassen ihr gemütliches Häuschen, den Lehnstuhl und den Garten zurück und folgen ihrer Sehnsucht. Wer die Geschichte kennt, weiß auch um ihr Ende: Tiger und Bär laufen im Kreis und kommen wieder dort an, wo die Reise ihren Beginn genommen hat. Doch sie sind glücklicher, als vorher und können zufrieden weiterleben.

„Cluburlaub“ von Schnipo Schranke weist also einen Lösungsweg, um die Frage des eigenen Lebens zu beantworten: Die Heimat zurücklassen, einfach mal aus den alten Strukturen ausbrechen und in der Ferne nach sich selbst suchen – und fündig werden. Dann kann man auch wieder heimkehren und glücklich zuhause weiterleben, wie es Tiger und Bär machen. Und jetzt sind wir eigentlich schon mittendrin in einem zutiefst christlichen Thema. Denn Reisen und Religion stehen ja in einem engen Zusammenhang (vgl. Backhaus, Knut: Religion als Reise. Intertextuelle Lektüren in Antike und Christentum (Tria Corda 8), Tübingen, 2014). Beide wollen den Menschen letztlich zu sich selbst führen und ihn die eigene Berufung erkennen lassen. Der zweite Teil des lukanischen Doppelwerks, die Apostelgeschichte, ist als Reiseabenteuer gestaltet. Es beginnt mit der Reise des Auferstandenen in den Himmel und endet mit der Reise des Völkerapostels nach Rom. Dort sitzt er in seiner Mietswohnung und verkündet freimütig das Reich Gottes (vgl. Apg 28,30f). Und zwischendrin zahlreiche unterhaltsame Episoden von verschlungen Wegen und sonstigen Ausflügen. Das junge Christentum selbst trägt in der Apostelgeschichte den Namen „Weg Jesu“ (9,2) und deutet damit bereits das Wesen des Christenmenschen als Wandernden oder Unterwegsseienden an.

Von der Reise zu sich selbst

Ausbrechen, um wieder daheim anzukommen. Reisen, um sich selbst zu verstehen und eine Antwort auf die Frage der eigenen Existenz zu finden. Das ist es doch, so glaube ich, was uns Schnipo Schranke und die Bibel zu sagen haben. Vielleicht ist das gar nicht so falsch. Denn wer schon länger einmal von zuhause weg war, wird nicht nur die Heimat neu schätzen lernen, sondern gewinnt auch eine neue Sicht auf seine eigene Person. Ja mehr noch: Er*Sie findet dort in der Fremde vielleicht die Antwort auf die offene Frage, die er*sie sich selbst ist. Einen Versuch ist es zumindest wert.

William Butler Yeats hat diese unbändige Sehnsucht nach der Selbsterkenntnis im Modus des Reisens in unbekannte Welten in seinem Gedicht „The Realists“ festgehalten. Möglich, dass die Botschaft von Schnipo Schranke seinen Gedanken nicht wirklich unähnlich ist.

The Realists

Hope that you may understand!
What can books of men that wive
In a dragon-guarded land,
Paintings of the dolphin-drawn
Sea-nymphs in their pearly-waggons
Do, but awake a hope to live
That had gone
With the dragons?

(Yeats, William Butler: Selected Poems, New York, 1992, S. 210)

Hashtag der Woche: #brichauf

mm

fabian brand

studierte Katholische Theologie in Würzburg und Jerusalem, derzeit Promotionsstudium im Fach Dogmatik.

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