Vom 11.-13. März 2026 fand in Stuttgart die Jahrestagung des Nachwuchsnetzwerkes Dogmatik und Fundamentaltheologie mit dem Thema „Systematisch – wozu? Perspektiven einer Theologie mit Zukunft“ statt. Maximilian Zwick nahm an der Tagung teil und schildert für y-nachten.de seine persönlichen Eindrücke.
Am Stuttgarter Hauptbahnhof lässt die für das Jahr 2021 versprochene bessere Zukunft noch auf sich warten. Wer es dennoch von den Gleisen des Fernverkehrs durch das Baustellenchaos zum Ernst-Klett-Platz geschafft hat, wird im Anschluss zumindest während der Fahrt zur Tagungsstätte mit einer schönen Aussicht belohnt, da es hoch hinauf auf die Filderebene geht, wo die Akademie Hohenheim der Diözese Rottenburg-Stuttgart im Stadtteil Plieningen liegt. Von der Endhaltestelle der Bahn geht es noch ein paar Minuten zu Fuß zum modernen Akademiekomplex, der elegant an der Seite des exotischen Gartens der Hohenheimer Universität liegt. Als die ersten Gäste am Nachmittag anreisen, scheint die Frühlingssonne noch einladend in das teils gläserne und weitläufige Foyer der Akademie.
Von den ca. 25 Teilnehmenden kennen sich einige bereits, andere sind dieses Jahr erstmalig angemeldet. Die Stimmung jedenfalls ist gut, denn bei heißem Kaffee, herzhaften Butterbrezen und süßem Gebäck kommen schließlich schnell in einem derartigen Kontext die ersten angeregten Gespräche in Gang. So wird auch unmittelbar klar, dass das Motto der Akademie – Gastfreundschaft und Dialog – das sich in verschiedenen Sprachen bandartig durch die hohen Fenster zieht, keine bloße Phrase ist.
Das Nachwuchsnetzwerk Dogmatik und Fundamentaltheologie
Das Nachwuchsnetzwerk ist ein Zusammenschluss von Wissenschaftler:innen, die im deutschsprachigen Raum promovieren, habilitieren oder anderweitig wissenschaftlich tätig sind. Es dient dem Austausch, der Vernetzung und gegenseitigen Unterstützung.
Mehrere engagierte Mitglieder des Netzwerks organisieren jährlich eine Tagung, die für gewöhnlich in der Hohenheimer Akademie stattfindet und von dieser dankenswerterweise finanziell großzügig unterstützt wird. Die diesjährige Tagung wurde von Oscar Cuypers-Parsch (Bochum), Laura Hennecke (Paderborn), Severin Parzinger (Osnabrück), David Schilling (Freiburg i. Br.) sowie Theresa Thunig (Bochum) organisiert und befasste sich mit dem Thema „Zukunft“. Den besonderen intellektuellen Reiz machte dabei die Multiperspektivität der diesjährigen Thematik aus, die in unterschiedlicher Hinsicht in den Blick kam.
Zum einen ging es um Themen, die für die systematische Theologie zukünftig von Bedeutung sind, zum anderen wurde Zukunft als genuin theologische Kategorie behandelt und zuletzt wurde die Zukunft des Faches Systematische Theologie als solches im Kontext von Universität und Kirche diskutiert.
Der Tagungsauftakt und die ersten Vorträge
Josua Schöchli (Luzern) eröffnete thematisch die Tagung und machte deutlich, dass auch in der Spätmoderne eine sinnvolle Verhältnisbestimmung der Grundbegriffe „Wahrheit“ und „Eschaton“ für eine stabile Architektonik systematischer Theologie unverzichtbar ist. Inhaltlich hat er sich dabei konstruktiv mit der Zukunftskonzeption des evangelischen Theologen Wolfhart Pannenberg auseinandergesetzt. David Schilling (Freiburg i. Br.) ließ sich von Hegels „Wissenschaft der Logik“ zu seinem Tagungsbeitrag anregen: er ging der Fragestellung nach, inwiefern die jeweiligen Epochenschwellen der Neuzeit, Moderne und Postmoderne die Zeitstruktur des Menschen veränderte und was dies für die theologische Epistemologie bedeutet. Seinen Vortrag hat er demgemäß dialektisch-pointiert „Die Zukunft einer Vergangenheitswissenschaft“ betitelt. Sebastian Wolter (Köln) wiederum zeigte auf, dass in der Postmoderne die Vergangenheit theologisch nicht einfach bedeutungslos ist und die Herausforderungen der Moderne nicht einfach obsolet geworden sind. So plädierte er dafür, dass eine systematische Theologie, die heute und morgen vernünftig verantwortet von Gott sprechen möchte, um eine kritische Auseinandersetzung mit den philosophischen Klassikern Hume, Kant und Nietzsche nach wie vor nicht herumkommt.
Im Anschluss an die Vorträge des ersten Tages ging es – zumindest räumlich – eine Etage tiefer in die Kellerbar der Akademie. Dort, in der „DenkBar“, wie dieser Ort auch zurecht bezeichnet wird, kam die Tagungsgemeinschaft bei dem ein oder anderen Getränk in einer entspannten Atmosphäre vertieft ins Gespräch. Neben den Themen der Vorträge war dort auch Raum und Zeit für persönlichere Themen, die mit den Freuden und Leiden der eigenen Tätigkeiten in der Wissenschaft zusammenhängen.
Der zweite Tag und sich anschließende Überlegungen
Den denkerischen Einstieg am zweiten Tag machte Johannes Rolf (Paderborn) mit einem Vortrag zur klassischen Frage, wie sich Philosophie und Theologie zueinander verhalten. Angesichts der unterschiedlichen Stile, die in der gegenwärtigen systematisch-theologischen Landschaft zu beobachten sind, legte er dar, dass die Theologie einer philosophischen Reflexion ihrer wissenschafts- und erkenntnistheoretischen Grundlagen bedarf, um überhaupt eine Wissenschaft sein zu können. Natalja Pfeiffer (Paderborn) zeigte auf, inwiefern die Theologie von einer interdisziplinären Ausrichtung profitieren kann. Hierfür gab sie eine Einführung in die Resonanztheorie des Soziologen Hartmut Rosa und veranschaulichte, dass deren Grundbegriffe dazu geeignet sind, die theologische Gnadenlehre für die heutige Zeit anschaulich zu entfalten. Felix Stütz (Halle) wiederum setzte sich kritisch damit auseinander, was der communicative turn für die Theologie bedeutet. Dabei erörterte er die Chancen und Grenzen für die theologische Figur der Letztbegründung, die sich aus einer Affirmation dieses theoretischen Paradigmas ergeben.
Themen, die die jungen Nachwuchswissenschaftler:innen jenseits der Vorträge in den Pausen beredeten, betrafen z. B. die Polykrisen der Gegenwart und den Rückgang der Studierenden, wie sich dies unmittelbar auf den alltäglichen Lehrbetrieb auswirkt und was diese Entwicklung mittel- und langfristig für die Institutionen Kirche und Universität bedeuten könnte.
Am Nachmittag befasste sich der Vortrag Maximilian Zwicks (Tübingen) damit, dass eine Auseinandersetzung mit den politischen und gesellschaftlichen Implikationen der theologischen Rede von Freiheit längst nötig ist. Im Anschluss an Johann Baptist Metz und mit Rücksicht auf aktuelle Entwicklungen in Christentum, Politik und Gesellschaft legte er die Facetten einer künftigen Politischen Theologie der Freiheit dar. Veronika Thaller (Osnabrück) beschäftigte sich mit der Dammbruchkatastrophe von Brumadinho (Brasilien) im Jahr 2019. Konkret ging es darum, welche Bedeutung den biblischen Klagepsalmen für den emanzipatorischen Kampf der Einheimischen um Aufarbeitung und Gerechtigkeit zukommt.
In der Vollversammlung des Netzwerks am späten Nachmittag berichtete Severin Parzinger, der das Nachwuchsnetzwerk in der Arbeitsgemeinschaft Dogmatik und Fundamentaltheologie vertritt, von den dortigen Neuigkeiten. Außerdem wurde über das Thema der nächsten Nachwuchstagung 2027 diskutiert und abgestimmt. Nach einem gemeinsamen Vespergebet und dem Abendessen fand die Exkursion der diesjährigen Tagung statt: diesmal ging es in eine Lokalität namens The Dubliner, unweit des Apollo Theaters.
Der dritte Tag und seine Reflexion über das Wahrgenommene
Am letzten Tag ging es gleichermaßen geistreich weiter. Lukas Kösel (Trier) beschäftigte sich mit der Theologie von Thomas von Aquin und Nikolaus Cusanus. So zeigte er auf, wie durch eine gegenwartssensible Interpretation dieser Klassiker die Theologie auch in Zukunft ihr interdisziplinäres Selbstverständnis schärfen kann.
Als Belohnung für die Vorträge durften sich die Referierenden ein Buchgeschenk aussuchen, das das Tagungsteam von Verlagen erfolgreich eingeworben oder selbst beigesteuert hatte. Zum Abschluss hatten die Teilnehmer:innen in Kleingruppen die Möglichkeit, ihre Erlebnisse und Gedankengänge während der Tagung zu reflektieren und im Anschluss im Plenum zu diskutieren. Nach einem reichhaltigen und geschmackvollen Mittagessen endete die Tagung offiziell und spätestens am Stuttgarter Hauptbahnhof zerstreuten sich die Wege der Teilnehmenden wieder.
Hashtag der Woche: #wozunochtheologie
Beitragsbild: Omar Flores