Er beschützt sie. Er kontrolliert sie. Er ist reich, mächtig und geheimnisvoll. Er würde alles für sie tun. Und Millionen Leser:innen finden das romantisch. Elisa Hahn begibt sich für y-nachten in die Welt von BookTok und fragt am Beispiel von Twisted Lies, was Dark Romance über gesellschaftliche Sehnsüchte verrät – und warum das auch für die Theologie interessant ist.
BookTok der Bücher-Bereich der Plattform TikTok ist mittlerweile einer der einflussreichsten Räume der Buchbranche. Hier entscheiden kurze Videos darüber, welche Romane viral gehen und massenhaft gelesen werden.
Ein besonders erfolgreiches Beispiel dafür ist Twisted Lies von Ana Huang. Im Mittelpunkt stehen Stella Alonso, eine Influencerin, und Christian Harper, ein wohlhabender Geschäftsmann. Aus Stellas Angst vor einem Stalker und Christians Schutzangebot entwickelt sich eine romantische und sexuelle Partnerschaft. Eigentlich eine Liebesgeschichte. Und gleichzeitig eine Geschichte über Macht, Kontrolle und Verletzlichkeit. Gerade diese Mischung macht Twisted Lies interessant. Der Roman bewegt sich zwischen den Genres Contemporary und Dark Romance und verbindet romantische Fantasie mit expliziter Sexualität und einem deutlichen Machtgefälle zwischen den Hauptfiguren. Doch vielleicht ist nicht das Buch selbst das Spannendste daran, sondern das, was Menschen darin sehen.
Dark Romance als gesellschaftlicher Spiegel
Auf BookTok wird Christian immer wieder als „provider“ und „protector“ gefeiert, seine Dominanz kaum als Problem, sondern als Beweis seiner Liebe. Und genau hier beginnt es interessant zu werden. Denn wann wird aus Schutz eigentlich Kontrolle und wann wird aus Fürsorge Besitz? Und warum kann ein Verhalten, das außerhalb eines Romans als übergriffig gelten würde, in der Fantasie plötzlich begehrenswert erscheinen.
Die Kommentare rund um Twisted Lies zeigen ein bemerkenswertes Spannungsfeld. Viele Leser:innen schwärmen von der Intensität der Beziehung. Sogenannter „Spice“ wird zum zentralen Bestandteil des Leseerlebnisses, verbunden mit Nähe und Hingabe. Die Fantasie scheint gerade deshalb so gut zu funktionieren, weil Begehren, Sicherheit und Liebe miteinander verschmelzen. Die Gegensätze sind dabei besonders auffällig, treten beim Lesen jedoch schnell in den Hintergrund, da ein Eintauchen in eine andere Welt ermöglicht wird. Christian ist stark. Stella ist verletzlich. Christian beschützt. Stella lässt sich beschützen. Christian kontrolliert. Stella vertraut.
Ein komplementäres Bild von Geschlecht entsteht. Hier stehen Stärke, Macht und Schutz, dort Emotionalität, Fürsorge und Verletzlichkeit gegenüber. Auch die Inhaltsanalyse der BookTok-Kommentare bestätigt dieses Muster: Christian wird wiederholt als „provider“ und „protector“ bezeichnet, Stella dagegen durchgängig als sanft, fürsorglich und vertrauensvoll. Kontrolle wird kaum problematisiert, sondern als Ausdruck besonderer Liebe gedeutet – ein geteiltes Deutungsmuster innerhalb der Community.
Vielleicht liegt genau darin ein Punkt, an dem Dark Romance gesellschaftlich interessant wird. Denn viele Leser:innen dürften sich durchaus bewusst sein, dass Fiktion und Realität nicht gleichzusetzen sind. Auch in den BookTok-Diskussionen finden sich vereinzelt kritische Stimmen. Ein großer Teil der Kommentare scheint sich jedoch stärker auf die emotionale Intensität der Geschichten als auf mögliche Konsequenzen des dargestellten Verhaltens zu konzentrieren. Es ließe sich daher vermuten, dass eine Unterscheidung zwischen Fiktion und Realität grundsätzlich möglich ist, diese beim Lesen aber nicht immer im Vordergrund steht. Wir wissen, dass Stalking, Überwachung und Kontrolle im realen Leben nicht automatisch romantisch sind. Gleichzeitig können sie innerhalb einer Fantasie als romantisch wahrgenommen werden. Vielleicht muss darin nicht zwingend ein Widerspruch liegen.
Denkbar wäre vielmehr, dass Fantasien gerade einen geschützten Raum bieten, in dem bestimmte Sehnsüchte erprobt werden können, ohne dass daraus der Wunsch entstehen muss, sie in das eigene Leben zu übertragen.
Doch wonach richtet sich diese Sehnsucht eigentlich, wenn solche Geschichten als besonders anziehend erlebt werden? Diese Fragen führen erstaunlich schnell über BookTok hinaus.
Denn Vorstellungen von Liebe sind nie unabhängig von der Gesellschaft, in der wir leben, geprägt von stereotypischen Geschlechteridealen und Ideen davon, wie sich Liebe zeigen darf.
Vielleicht ist deshalb die eigentliche Frage nicht, warum Personen solche Geschichten lesen. Vielleicht sollten wir fragen, was sie darin suchen.
Und es lohnt sich auch aus theologischer Perspektive genauer hinzusehen, denn wenn wir über Liebe sprechen, sprechen wir immer auch über Freiheit, Verantwortung und Macht.
Die Frage ist dann nicht, ob eine romantische Fantasie „richtig“ oder „falsch“ ist, sondern: Wie können wir über Liebe sprechen, ohne Kontrolle mit Fürsorge zu verwechseln?
Theologie und die Sehnsucht nach Liebe
Genau hier wird die Beobachtung zur theologischen Herausforderung. Christliche Theologie unterscheidet traditionell zwischen Eros als begehrendem und Agape als selbstlosem, hingebungsvollem Lieben, das dem anderen dient, ohne ihn zu vereinnahmen. Fürsorge soll in diesem Verständnis Freiheit ermöglichen, nicht sie begrenzen. Doch genau diese Sprache von Schutz, Hingabe und Verantwortung, die in Twisted Lies dazu führt, dass Kontrolle romantisiert wird, findet sich auch in religiösen Rollenbildern wieder. In traditionellen Auslegungen etwa des paulinischen Haustafel-Textes (Eph 5) wird männliche Verantwortung als „Haupt-Sein“ mit weiblicher Unterordnung verknüpft und dabei selbst als Liebe gedeutet. Das komplementäre Geschlechtermodell des Romans, Christian als Beschützer und Autorität, Stella als Vertrauende und Fürsorgeempfängerin, erinnert damit an Deutungsmuster, die auch innerhalb kirchlicher Traditionen lange wirkmächtig waren und von feministischen Theologien seit Jahrzehnten kritisch hinterfragt werden.
Genau deshalb kann die Rezeption von Twisted Lies der Theologie einen Spiegel vorhalten: Sie macht sichtbar, wie leicht sich Fürsorge und Kontrolle, Hingabe und Selbstaufgabe sprachlich und emotional überlagern können, und wie sehr wir selbst dazu neigen, Machtgefälle zu übersehen, solange sie als Liebe oder Berufung gerahmt werden. Theologie ist herausgefordert, Kriterien zu entwickeln, die Fürsorge von Besitzanspruch unterscheidbar machen, etwa die Frage, ob eine Beziehung Freiheit und Mündigkeit stärkt oder Abhängigkeit erzeugt. Das gilt nicht nur für die Lektüre von Romanen, sondern auch für die eigene Verkündigungspraxis, in der Bilder von Schutz, Demut und Hingabe bis heute wirken.
Hashtag der Woche: #LiebeOderKontrolle
(Beitragsbild: A.C. via Unsplash)