Die Klimakrise wird ein immer größeres Thema für die pastorale Praxis und theologische Reflexion – insbesondere auf den Philippinen. Was wir von der philippinischen Theology of Struggle für die Umsetzung einer integralen – ganzheitlichen – Ökologie lernen können, schildert Clemens Wagner.

Die Philippinen befinden sich auf Platz 1 von 193 im Weltrisikoindex und spüren damit wie kein zweites Land die eng miteinander verbundenen öko-sozialen Auswirkungen der Klimakrise.1 Dies wurde unter anderem bereits im Bericht über das Austauschprogramm Sandiwaan 2026 auf y-nachten.de beschrieben. Der vorliegende Artikel erläutert, welche Handlungsoptionen philippinische Theolog:innen durch ihre Auseinandersetzung mit dem Schicksal der Armen für die weltweite umwelttheologische Praxis aufzeigen.

Der päpstliche Appell zur dialogischen Praxis

Um die globale Umkehr zu einer erneuerten Beziehung des Menschen zur Schöpfung zu fördern, beschreibt Papst Franziskus in Laudato Si‘ als zentrales Konzept die Integrale – Ganzheitliche – Ökologie.2 Diese denkt im Gegensatz zu einem technokratischen Paradigma, in welchem ausschließlich Nutzen und Wachstum zählen, Umwelt, Soziales und Spiritualität eng zusammen.3 Dabei bleibt sie allerdings nicht klar fassbar:

„[I]ntegral ecology breaks loose from any narrow perception of its meaning by insisting that all things are entangled and interconnected, mirroring that interrelationship that arises from an understanding of God as Trinity.“4

Diese theoretische Unschärfe korrespondiert dabei mit dem Anliegen von Papst Franziskus, dass „die Wirklichkeit wichtiger ist als die Idee“.5 Der Fokus der Integralen Ökologie in Laudato Si’ liegt also nicht auf der Vorstellung eines klaren Paradigmas, sondern auf der Anregung einer dialogischen Praxis, um im Prozess eine Kultur zu etablieren, welche sowohl die Nöte der Erde als auch der Armen aufgreift.6 Wie eine solche praktische Umsetzung integraler Ökologie aussehen kann, ist ein offener Prozess.

„Eintauchen“ in das Leben der Armen

Einen möglichen Ansatz zeigt die Ausbildung des Intercongregational Theological Centers (ICTC) in Manila, des Sandiwaan-Projektpartners der Universität Wien. Bei der dort entwickelten Form der Immersion („Eintauchen“, auf Tagalog „babad“) leben und arbeiten Student:innen in Gemeinschaften in armen Vierteln mit. Wie bei den Skizzen der integralen Ökologie in Laudato Si‘ besteht ein starker Fokus auf der Solidarität mit dem Leben der Marginalisierten.7

Im Hintergrund steht dabei die philippinische Theology of Struggle als Form der Befreiungstheologie, welche einen starken Fokus auf die Praxis legt.

Denn „[b]leibt die Theologische Ethik beim Sprechen von den Armen, Bedrängten, Marginalisierten, ohne aber jemals mit ihnen gesprochen zu haben, verliert sie ihre politische Unschuld.“8

Konkret funktioniert die Immersion am ICTC mit dem Dreischritt Sehen, Urteilen und Handeln. Dabei ist die Tätigkeit der Studierenden in den Communities zu Beginn dem ersten Schritt zuzuordnen. In einem zweiten Schritt werden für die Beurteilung dann biblische Schriften zur Hilfe herangezogen und im dritten Schritt kommt es zu einer konkreten Umsetzung. Von diesem Grundgedanken ist auch das theologische Austauschprojekt Sandiwaan getragen, welches durch eine dreiwöchige „Exposure“ und Begegnungen mit der jeweiligen Lebensrealität weltkirchliche Solidarität schaffen möchte.9

Basisgemeinden der Ökologie

Zurzeit gibt es fortwährende Bemühungen des ICTC, „Basic Earth Communities“ zu etablieren, welche sich als Form von Basisgemeinden aus einer ganzheitlichen ökologischen Spiritualität heraus in ihrer Um-Welt engagieren sollen.

Neben Messen, Rosenkranzgebeten und Bibelrunden wird in diesen Communities als Umweltschutzmaßnahme beispielsweise wöchentliches Müllsammeln durchgeführt. Darüber hinaus stellen sie bei einer Evakuierung wegen Überflutungen Notunterkünfte bereit und bieten einmal wöchentlich eine kostenlose medizinische Versorgung an. Spiritualität, Umwelt und Soziales werden eng zusammengedacht, Studierende sind aktiv eingebunden.

Mein philippinischer Studienkollege und mittlerweile guter Freund, Shawn Aislhey OFM, berichtet mir schriftlich von seinen bereichernden Erfahrungen in verschiedensten Gemeinden:

„A large part of the ministry is simply being there, building relationships, and allowing ourselves to become part of the community. […] We don’t only bring something to the community; we receive something from them as well. […] The poor also become our teachers and formators, because through our presence among them, we are invited to learn from their lives, struggles, faith, resilience, and wisdom.“

Wenn beide Seiten voneinander lernen und in den Austausch kommen, wird dies zu einer Basis und Quelle von Solidarität und Engagement und führt zu einem neuen Realitätsverständnis.10

Konkrete Handlungsoptionen für die Weltkirche

Die philippinische Theology of Struggle in der konkreten Ausformung der Immersion bietet damit Handlungsoptionen für die Umsetzung der integralen Ökologie, um tatsächlich „die Klage der Armen ebenso zu hören wie die Klage der Erde“ (LS 49). Nicht nur von Marginalisierten zu sprechen, sondern mit diesen zu leben wirkt der Gefahr einer Ausblendung öko-sozialer Probleme entgegen.

Immersion stärkt damit genau jene Verbindung von Glauben und praktischer Verantwortung, zu der Br. Cristino Robles Pine OFM, der Leiter des ICTC, in seinem Buch Word of Hope for Groaning Earth aufruft.

Er appelliert hier eindringlich „to bridge the wide gap between our practice of ‚cultic holiness‘ and ‚ethical holiness‘, between the faith we profess and our commitment to social transformation, which now includes the most pressing environmental issues.“11

Ein Auftrag, der auf den Philippinen wie auch weltkirchlich mehr denn je relevant bleibt.

Hashtag der Woche: #Immersion


Beitragsbild: Clemens Wagner

1 Bündnis Entwicklung Hilft und Institut für Friedenssicherungsrecht und Humanitäres Völkerrecht (IFHV), WorldRiskReport 2025 (Berlin: Bündnis Entwicklung Hilft, 2025).

2 Papst Franziskus, „Laudato Si‘: Über die Sorge für das gemeinsame Haus“, Vatikanische Druckerei, 24.Mai 2015: §137 – 162.

3 Deane-Drummond, Celia. “Pope Francis’s Integral Ecology Paradigm: An Exploration of Its Theological Foundations and Ethical Implications 1.” The Irish Theological Quarterly 88, no. 2 (2023): 102. https://doi.org/10.1177/00211400231160383.

4 Ebd., 111.

5 Papst Franziskus, „Evangelii Gaudium“, Apostolisches Schreiben, Vatikanische Druckerei, 24. November 2013: §231-233.

6 Deane-Drummond, „Pope Francis’s Integral Ecology Paradigm: An Exploration of Its Theological Foundations and Ethical Implications 1“, 110.

7 Ebd.

8 Mairinger, K. (2019). Praktisch gedacht – Philippinische theology of struggle. https://www.feinschwarz.net/praktisch-gedacht-philippinische-theology-of-struggle/#_ftn4.

9 Moser, M. K., Prüller-Jagenteufel, G. M., & Prüller-Jagenteufel, V. (2009). Gut(e) Theologie lernen: Nord-Süd-Begegnungen als theologisches Lernfeld. Kommunikative Theologie: Bd. 10. Ostfildern: Matthias-Grünewald-Verlag.

10 Institute of Spirituality in Asia (ISA). „ISA Holds Public Lecture on ‘Spirituality of Immersion’.“ 23. Oktober 2023. https://isa.org.ph/isa-holds-public-lecture-on-spirituality-of-immersion/.

11 Br. Cristino Robles Pine, OFM (2025). Word of Hope for Groaning Earth: Biblical Insights and Reflections on the Canticle of Creatures (A Sequel to Living Word on Breathing Earth). Quezon City: Claretian Publications: 1:10-11.

clemens wagner

hat das Bachelorstudium B.Sc. Geographie in Wien und London absolviert und studiert derzeit im letzten Semester den Bachelor Lehramt Katholische Theologie und Geographie und wirtschaftliche Bildung. Er besitzt ein besonderes Forschungsinteresse an Umwelttheologie, welches er ab Oktober 2026 in einem Master an der Universität Oxford ausbauen darf.

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