Content Note: Der folgende Text befasst sich mit Missbrauch an erwachsenen Frauen und nimmt dabei Zitate von Missbrauchsbetroffenen und aus dem Umfeld von Missbrauchstaten auf. Zu beachten ist, insbesondere der Begriff des sexuellen Missbrauchs meint dabei „gerade nicht, einen Menschen auf eine ‚falsche‘ Weise sexuell zu ‚gebrauchen‘, sondern es heißt, sich über seine sexuelle Selbstbestimmung hinwegzusetzen“. (58)
Jede:r kennt die eingängige Frage: „Warum hast du nicht nein gesagt?“ Was im Radio als Beziehungsdrama läuft, spiegelt in der Realität einen fatalen Abwehrmechanismus. Auch bei Missbrauch an erwachsenen Frauen* im kirchlichen Kontext wird Betroffenen die eigene Betroffenheit oft abgesprochen – mit dem Argument, sie hätten sich der Situation entziehen können. Laura Schlösser wirft einen Blick auf Machtasymmetrien und zeigt mit Ute Leimgruber auf, warum ein einfaches „Nein“ oft unmöglich ist und wie tief das Gift der vermeintlichen Freiwilligkeit in unserer Kultur sitzt.

 

 Ein Schlagerlied und seine wirkmächtige Geschichte

Aufgewachsen im Haus meiner Großeltern, kenne ich gefühlt die ganze Palette der deutschen Schlagerklassiker. So auch den Song „Warum hast du nicht nein gesagt?“ von Roland Kaiser und Maite Kelly aus dem Jahr 2014. Während ich als Jugendliche das Lied auf sämtlichen Familienfeiern und aus dem Küchenradio hörte und keinen weiteren Gedanken darüber verschwendete, habe ich mich kürzlich überraschend plötzlich daran zurückerinnert, jedoch in einem ganz anderen Setting – in dem der theologischen Missbrauchsforschung.

Ute Leimgruber stellt in ihrem neuen Buch ‚Missbrauchsmuster‘1fachlich umfassend Erkenntnisse zu systemischen Faktoren kirchlich situierten Missbrauchs dar, speziell zum Missbrauch an erwachsenen Frauen. Sie zeigt damit auf, inwiefern jene Betroffenengruppe lange Zeit gar nicht als solche wahrgenommen und anerkannt wurde. So schreibt Leimgruber:

„Missbrauch an erwachsenen Frauen in der katholischen Kirche ist ein paradigmatisches Beispiel für hermeneutische Ungerechtigkeit. Lange stand der Begriff ‚Missbrauch‘ nicht zur Verfügung, um auch die Erlebnisse der Frauen in Worte zu fassen – das Regelkonzept von Missbrauch betraf (männliche) Kinder und Jugendliche.“ (142)

Vielen erwachsenen Frauen wird so über Jahrzehnte hinweg ihr Betroffensein abgesprochen, schließlich, so die Argumentation, hätten jene aufgrund ihres Alters frei entscheiden können, sich der Tat zu entziehen. Doch Missbrauch stellt diese Option in keinem Alter per se zur Verfügung: „Alter allein ist kein Gradmesser für Zustimmung, und sexuelle Beziehungen zwischen Erwachsenen sind nicht einfachhin konsensuell, zumal unter Einbeziehung von kontextuellen Asymmetrien, sozialen Bedingungen und strukturellen Abhängigkeiten“. (153) Und doch hält sich der Mythos bis heute hartnäckig und verhindert die systematische Anerkennung der Existenz des Missbrauchs an erwachsenen Frauen immer wieder neu.

So gibt Leimgruber die Erlebnisse einer Betroffenen wieder: „[…] die Missbrauchsbeauftragte […] erklärte mir, dass es Missbrauch an erwachsenen Frauen gar nicht geben könne. Frauen könnten ja einfach nein sagen“. (152)

Da ist er wieder, der Ohrwurm von „Warum hast du nicht nein gesagt?“ in meinem Kopf, das erste Mal außerhalb unbeschwerlicher Familienfeier-Tanzflächen-Atmosphäre und dem dröhnenden Radio. Zum ersten Mal frage ich mich, was das denn für ein Text ist. „Warum hast du nicht nein gesagt? Es lag allein an dir.“ – dann auch noch dieser Nachsatz: „Es lag allein an dir“. Genau diese Botschaft vermittelt schließlich auch Aussagen wie jene der Missbrauchsbeauftragten.

 Vom missachteten „Nein“ zur unterstellten Einwilligung

Diese Anfrage an die Betroffenen ist gesellschaftlich so gefestigt, so reflexhaft abrufbar, dass sogar „viele Reflexionen betroffener Frauen [um die Frage kreisen], warum sie nicht ‚nein‘ gesagt haben – und ob sie deswegen möglicherweise zugestimmt haben“. (153) Die Autorin und Missbrauchsbetroffene Chanel Miller führt zu dieser Frage aus, sie lege nahe, „dass die Antwort grundsätzlich Ja ist und es die Aufgabe der Frau ist, die Einwilligung zu widerrufen. […] Aber wieso dürfen die Männer uns anfassen, bis wir sie körperlich abwehren?“. (154f.)

Auch die Entertainerinnen Carolin Kebekus und Ina Müller machten ihre Irritation über den angeführten Songtext öffentlich. So texteten sie das Lied mit ‚problematischem Beigeschmack‘ um und sangen, in satirischer Form, aber mit ernstem Inhalt, in die Betroffenenperspektive versetzt: „Ich hab‘ doch ganz klar nein gesagt! Lass deine Hand bei dir. Hab nichts gesagt von ‚Fass mich an!‘ Was muss denn noch passieren? Ich hab‘ doch ganz klar nein gesagt! Hat dir nichts ausgemacht. Wer hat dir sowas beigebracht? Einfach nur ekelhaft!“.2

Damit beschreiben sie ein weiteres Kernproblem, welches auch im Buch ‚Missbrauchsmuster‘ deutlich wird: Selbst wenn eine erwachsene Frau deutlich nein sagt, erfahren wir davon sowohl im Song als auch in vielen Missbrauchsberichten vordergründig (zunächst) nichts. Die präsentierte und oftmals besser verteidigte Perspektive ist zumeist die des Beschuldigten.

In der Sprache der Missbrauchsmuster lässt sich dieses Phänomen als himpathy beschreiben, im Falle kirchlich situierten Missbrauchs oftmals eine Sympathie gegenüber „den Geistlichen, denen geglaubt wurde, und die unterstützt, geschützt und oft wieder in hohe Positionen gebracht wurden“ (clerical himpathy). Verschiedene Missbrauchsstudien bestätigen dieses Vorgehen: „Oft wurden [die] Frauen nicht angehört, noch öfter wurde ihnen nicht geglaubt“. (136)

So gibt Leimgruber beispielsweise die Worte Kardinal Lehmanns in seinem früheren Amt als Bischof von Mainz wieder, die er in einem Brief an einen wegen Sexualstraftaten in Untersuchungshaft befindlichen Diakon richtete. Dort heißt es: „Wir glauben Ihren Worten und schenken Ihnen Vertrauen. Dies sollen Sie auch von meiner Seite aus wissen. Viele Menschen schätzen Sie als redlichen und unbescholtenen Mann. Darum tut es mir besonders leid, dass Sie fast wehrlos Gerüchten ausgesetzt sind, die Ihnen Ihre Ehre untergraben.“ (149)

Die Mainzer Missbrauchsstudie, die dieses Zitat offenlegt, stellt weiterführend klar, dass eben jener Diakon wenig später zu zwei Jahren Haft ohne Bewährung verurteilt wurde, da er unter anderem einen neunjährigen Jungen vergewaltigt hatte. (Vgl.149)

Das Fortwirken in Theologie und Kirche: (clerical) himpathy und hidding patterns

Die Worte Lehmanns sind dabei ebenso wenig ein Einzelfall wie auch der Missbrauch an erwachsenen Frauen keine Ansammlung von Einzelfällen darstellt, sondern systemisch verankert ist. Auch die Aussage der Missbrauchsbeauftragten, die der erwachsenen Frau die Missbrauchserfahrung abspricht, geht noch weiter. Die Missbrauchsbeauftragte fährt fort mit der Erklärung, sie hätte „lange Zeit eng mit dem Beschuldigten zusammengearbeitet“, daher ‚wisse‘ sie, „[d]er stünde nicht auf Frauen […], sie sei selbst eine nicht unattraktive Frau“. (152)

Die „systematische Nichtanerkennung“ des Missbrauchs an erwachsenen Frauen, ist also nicht allein auf die „Frage nach dem Einverständnis“ zurückzuführen, sondern bedient sich gezielt weiterer sogenannter hiding patterns (‚Geschichten‘ des Unsichtbarmachens, (88)) wie der Strategie der Unglaubwürdigkeit – z.B. durch das Konstrukt der himpathy, die sowohl die Abwertung von Frauen als auch die systematische Aufwertung bestimmter Männer zum Ziel haben. (Vgl. 147)

Denn „Theologie ist nicht einfach eine reine unberührte Sphäre, die mit dem Missbrauch nichts zu tun hätte. Im Gegenteil – […] Theologie ist Teil der Missbrauchstaten“. (264)

Ute Leimgruber verbindet mit den genannten und vielen weiteren Fallbeispielen und theoretischen Einordnungen den Appell, die eigenen Vorannahmen zu „befragen und zu korrigieren“. (128) Auch gilt es, neben einzelnen Tatpersonen und missbrauchsbegünstigenden organisationalen Strukturen, legitimierende Theologien und kirchliche Lehren anzufragen und anzuprangern, die mit ihren Geschlechterbildern beispielsweise die benannte himpathy fördern. (Vgl. 167, 301f.)

Sowohl Kirche als auch Theologie haben einen enormen Anteil daran, warum Betroffene kirchlichen Missbrauchs nicht immer und schon gar nicht einfach Nein sagen können und warum ihnen oftmals auch nicht geglaubt wird. Die Verantwortung dafür bleibt einzufordern.

Wie Leimgruber schließlich konstatiert, wird es „immer genug geben, die behaupten werden, dass die Frau ‚es doch darauf angelegt hat‘, und dass es ‚einvernehmlich‘ war. Die Kirche [und die Theologie, [Anmerkung LS]] ist [je] Teil dieser gesellschaftlichen Wirklichkeit“. (301)

Hashtag der Woche: #Warumhastdunichtneingesagt


(Beitragsbild: Kt Nash via Unsplash)

1 Vgl. Leimgruber, Ute, Missbrauchsmuster. Was Missbrauch an Frauen ermöglicht und warum er nicht als solcher erkannt wird, Ostfildern 2026.

2 Die gesamte Version des umgetexteten Songs entstammt der Carolin Kebekus Show vom 06.07.2023 und ist auf YouTube abrufbar, https://www.youtube.com/watch?v=2cdQIPKll3o&t=68s.

laura schlösser

hat Angewandte Theologie in Freiburg i.Br. und Katholische Theologie (Magister) in Tübingen studiert. Sie ist Doktorandin und Wissenschaftliche Mitarbeiterin der Forschungsgruppe "Macht und Missbrauch" an der Goethe-Universität Frankfurt.

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