Häufig wurden und werden Männer in das Zentrum biblischer Geschichten und biblischen Erzählens gerückt. Frauen fristeten oftmals ein Randdasein und spielten in der Wahrnehmung der Rezipient:innen eine Nebenrolle. Tobias Balle erläutert am Beispiel der Phöbe in Röm 16,1-2, wie in patriarchalen Strukturen entstandene biblische Texte im Hinblick auf eine gendersensible religiöse Bildung sinnvoll eingesetzt werden können.

Biblisches Lernen steht heute vor vielfältigen Herausforderungen, wie der historischen und theologischen Fremdheit biblischer Texte sowie der Erschließung ihrer gegenwärtigen Relevanz. Diese Herausforderungen verschärfen sich dort, wo die Bibel unkritisch als eindeutige Autorität gelesen wird oder wo traditionelle Auslegungen stereotype Bilder von Geschlecht, Macht und Rollenverhalten verfestigen.

Gerade in Schulen, in denen unterschiedliche Geschlechteridentitäten, Lebensformen und familiäre Kontexte aufeinandertreffen, müssen auch biblische Texte so gelesen werden, dass sie Offenheit, Kritikfähigkeit und Teilhabe ermöglichen.

Gendersensibles biblisches Lernen setzt genau hier an: Es fragt exegetisch danach, welche Personen sichtbar werden, welche unsichtbar bleiben und wie Übersetzungen, Auslegungen und Unterrichtsmaterialien Wahrnehmungen prägen.

Scheinbar randständige Bibelstellen mit besonderer Bedeutung

Vor diesem Hintergrund gewinnt eine scheinbar randständige Bibelstelle wie Römer 16,1-2 besondere Bedeutung. Die kurze Notiz über Phöbe eröffnet nicht nur einen Zugang zu einer bedeutenden Frauengestalt der frühen Christenheit, sondern auch zu grundlegenden Fragen religiöser Bildung heute: Wer wird im biblischen Kanon erinnert? Welche Handlungsspielräume werden Frauen zugeschrieben? Und wie können biblische Texte so gelesen werden, dass sie Lernenden Orientierung bieten, ohne sie auf überholte Rollenbilder festzulegen? Die wenigen Verse am Ende des Römerbriefes zu Phöbe wirken unscheinbar, doch sie entfalten bei genauerem Hinsehen ein erstaunliches Potenzial für ein gendersensibles biblisches Lernen.

Phöbe als Diakonin, Patronin und Schwester

Phöbe wird von Paulus als Diakonin (διάκονος) der Gemeinde von Kenchreä sowie als Patronin (προστάτις) und als Schwester (ἀδελφὴ) beschrieben. Schon diese knappen Bezeichnungen lassen erkennen, dass sie keine Randfigur im eigentlichen Sinn ist. Sie ist eine Frau, die als Diakonin inner- und übergemeindliche Verantwortung trägt, als Patronin Beziehungen ermöglicht und offenbar über soziale sowie materielle Ressourcen verfügt sowie als Schwester eng mit Paulus verbunden war. Als Überbringerin des Römerbriefes dürfte sie zudem weit mehr gewesen sein als eine bloße Botin. Wahrscheinlich gehörte auch die Vermittlung des Inhalts dazu, also das Auslegen eines zentralen theologischen Textes für die Gemeinde in Rom.1 Damit erscheint Phöbe als Frau, die Handlungsmacht besitzt und im frühen Christentum eine wichtige Rolle spielt. Für den Religionsunterricht ist das bedeutsam, weil hier ein biblisches Frauenbild sichtbar wird, das sich nicht auf Passivität, Fürsorge oder stille Randständigkeit reduzieren lässt.

Gendersensibles biblisches Lernen

Genau an diesem Punkt setzt gendersensibles biblisches Lernen an. Es fragt nicht nur danach, was ein Text „früher“ bedeutete, sondern auch danach, welche Bilder von Männern und Frauen, von Stärke und Schwäche, von Nähe und Autorität in ihm stecken.

Dabei geht es nicht darum, biblische Geschichten ideologisch umzudeuten. Vielmehr sollen ihre historischen Prägungen sichtbar werden. Biblische Texte stammen aus patriarchalen Kontexten, und auch ihre Wirkungsgeschichte ist von solchen Strukturen geprägt. Wer heute mit ihnen lernt, sollte deshalb nicht nur den Inhalt, sondern auch die Art ihrer Überlieferung, Übersetzung und Auslegung reflektieren. Gerade hier wird deutlich, wie stark Sprache Wahrnehmung steuert: Wird Phöbe als bloße „Dienerin“ gelesen, erscheint sie anders als in einer Übersetzung, die ihre leitende und unterstützende Rolle deutlicher fasst. Übersetzungen sind also nie neutral. Sie prägen, welche Figuren sichtbar werden und welche unsichtbar bleiben.

Empirische Studien zum Bibellesen von Kindern und Jugendlichen2 bestätigen, dass solche Fragen nicht nebensächlich sind. Forschungen von Stuart Charmé, Silvia Arzt sowie Carsten Gennerich und Mirjam Zimmermann3 zeigen, dass sich Mädchen und Jungen häufig unterschiedlich zu biblischen Personen verhalten. Viele Kinder identifizieren sich eher mit gleichgeschlechtlichen Figuren, vor allem dann, wenn diese positiv wahrgenommen werden und eine Vorbildfunktion haben. Mädchen greifen zudem häufiger zu biblischen Geschichten, empfinden sie eher als bedeutsam und trauen sich oft mehr zu, wenn es um das Nacherzählen oder Verstehen geht. Gleichzeitig gilt: Geschlecht ist nicht der einzige Einflussfaktor. Auch Sozialisation, Bildungsniveau und familiale Prägungen spielen eine Rolle. Dennoch bleibt festzuhalten, dass genderbezogene Unterschiede im Umgang mit biblischen Texten pädagogisch ernst genommen werden müssen.

Für die Bibeldidaktik ergibt sich daraus ein klarer Auftrag. Biblisches Lernen sollte die Welt des Textes, die Welt der Lernenden und den Dialog zwischen beiden zusammenbringen.

Diese bibeldidaktische Perspektive macht deutlich, dass Texte in ihrem historischen Kontext erschlossen werden müssen, gleichzeitig aber Relevanz für heutige Lebenswelten gewinnen sollen. Genau das gelingt bei Römer 16,1-2 besonders gut. Denn Phöbe kann für Schüler:innen eine Identifikationsfigur sein: eine selbstständige Frau, die handelt, unterstützt, vermittelt und Verantwortung übernimmt.

Gerade weil sie nicht moralisch problematisch dargestellt wird, sondern eher als kompetente und vertrauenswürdige Person erscheint, besitzt sie ein hohes Identifikationspotenzial. Für Mädchen kann sie eine Identifikationsfigur und ein Gegenbild zu vielen stereotypen Frauenfiguren in Schulbüchern und Lehrplänen sein. Aber auch Jungen können an ihr lernen, dass Führungsstärke, Fürsorge und Unterstützung nicht geschlechtlich festgelegt sind.

Möglichkeiten und Grenzen von Röm 16, 1-2

Gleichzeitig eröffnet der Text die Möglichkeit, über Leerstellen zu sprechen. Was wissen wir eigentlich über Phöbe, und was nicht? Welche Rollen werden Frauen in biblischen Texten zugeschrieben, welche nicht? Und warum sind manche biblischen Frauen in der kirchlichen Rezeption fast verschwunden? Solche Fragen führen vom bloßen Textverständnis hin zu einer kritischen Auseinandersetzung mit Wirkungsgeschichte und Deutungstradition. Genau darin liegt eine zentrale Stärke gendersensiblen biblischen Lernens: Es nimmt biblische Texte ernst, ohne ihre problematischen oder einseitigen Lesarten zu verschweigen. Es schafft Raum für Ambivalenz, für neue Perspektiven und für die Einsicht, dass biblische Geschichten nie nur eine einzige Bedeutung haben.

Trotz aller Chancen hat Römer 16,1-2 aber auch Grenzen. Der Text ist kurz und stark kontextgebunden. Er bietet nur wenig erzählerische Entwicklung und kaum offene Gesprächsfiguren. Eine direkte theologisierende Deutung von Erfahrungen lässt sich daraus nur begrenzt gewinnen. Für ein breiteres biblisches Lernen braucht es daher Ergänzungen: andere Frauenfiguren wie beispielsweise Maria und Elisabeth (Lk 1), die Frau mit dem Blutfluss (Mk 5) oder die Syrophönizerin (Mk 7) können zusätzliche Zugänge eröffnen. Ein gendersensibler Unterricht sollte also nicht bei einem einzigen Text stehenbleiben, sondern ein vielfältiges biblisches Figurenfeld eröffnen. Denn erst die Vielfalt von Protagonist:innen macht unterschiedliche Identifikationsmöglichkeiten sichtbar.

Am Ende zeigt Phöbe etwas Grundsätzliches: Gerade randständige Bibelstellen können zum Zentrum werden, wenn man sie mit geschärftem Blick liest. Sie erinnern daran, dass die Bibel nicht nur von großen Männern, Propheten und Aposteln erzählt, sondern auch von Frauen, deren Beiträge oft übersehen oder unsichtbar gemacht wurden. Im Religionsunterricht kann das ein wichtiger Lerngewinn sein.

Wer mit Phöbe arbeitet, lernt nicht nur eine biblische Person kennen, sondern auch, Texte auf Geschlechterbilder, Machtverhältnisse und Auslassungen zu befragen. So wird aus einer kurzen Grußnotiz ein Lernanlass mit großer Reichweite: für eine Bibeldidaktik, die Vielfalt nicht nur behauptet, sondern praktisch eröffnet.

Hashtag der Woche:

#BibelNeuLesen

Beitragsbild: Kelly Sikkema

1 Vgl. Merz, Anette: Phöbe von Kenchreä. Kollegin und Patronin des Paulus, in: Bibel und Kirche 65/4 (2010), S.228-232.

2 Da diese bisher nur den Unterschied zwischen Mädchen und Jungen beachtet haben, können hier auch leider nur dazu Aussagen getroffen werden. Die Einbeziehung einer queeren Perspektive in Untersuchungen zum biblischen Lernen ist daher eine Leerstelle, die dringend gefüllt werden muss!

3 Charmé, Stuart Z.: Children’s gendered responses to the story of Adam and Eve, in: Journal of Feminist Studies in Religion 2 (1997), S.27-44 ; Arzt, Silvia: Bibel lesen als Mädchen, als Jungen. Gender und Textrezeption, in: Pithan, Annebelle/ Dies./Jakobs, Monika [u.a.] (Hg.): Gender – Religion – Bildung. Beiträge zu einer Religionspädagogik der Vielfalt, Gütersloh 2009, S. 262-272. ; Gennerich, Carsten/ Zimmermann, Mirjam: Bibelwissen und Bibelverständnis bei Jugendlichen. Grundlegende Befunde – Theoriegeleitete Analysen – Bibeldidaktische Konsequenzen, Stuttgart 2020.

 

 

Tobias Balle

studierte katholische Theologie und Geschichte für das gymnasiale Lehramt in Freiburg. Er promoviert und arbeitet am Lehrstuhl für Religionspädagogik an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg.

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