Am 07. November 2025 veröffentlichte die spanische Sängerin Rosalía ihr neues Album LUX. Die Songs legen ein Revival traditioneller katholischer/ christlicher Narrative nahe. Isabella Reisch teilt ihre Eindrücke des Albums und der LUX-Tour und zeigt: Rosalía reproduziert diese Traditionen nicht, sondern transformiert sie und eröffnet damit befreiende Potentiale.
Leiser werdende Orgelklänge, Stille und die warme Stimme einer alten Frau, die sagt: „Bon dia, amor meu. M’agrada que pensar en moments difícils sempre ajuda moltíssim tenir una referencia a Déu.”1 (Guten Morgen, mein Schatz. In schwierigen Momenten denke ich gerne daran, wie sehr eine Beziehung zu Gott helfen kann.) So endet das Lied G3 N15, in dem Rosalía ihren zehnjährigen Neffen Genís um Verzeihung bittet, weil sie aufgrund ihrer Karriere nicht bei ihm sein kann.2 Die Stimme ist die Stimme ihrer Oma, die ihr in einer Sprachnachricht auf Katalanisch Mut zuspricht. Ihre Worte sind berührend, weil sie mir aus eigenen Gesprächen mit älteren Menschen in Spanien vertraut sind. Zeitgleich zeigt das Lied ihres letzten Albums MOTOMAMI den persönlichen Bezug von Rosalía zur Religion, der sich, bereits vor ihrem aktuellen Album LUX, immer wieder in ihrer Musik findet.
Religiöse Motive und die Frage nach Gott sind weder für die Musik von Rosalía noch für die Popkultur neu. Neu ist, dass Rosalía in ihrem Album nicht bei einzelnen Bezügen stehen bleibt, sondern das Album durchzogen ist von religiöser Sprache, Motivik und der Frage nach Gott. Die Lieder sind inspiriert von Texten heiliger Frauen wie Hildegard von Bingen, Klara von Assisi oder Theresa von Avila.3 Das Cover zeigt Rosalía gleich einer Novizin im hochgeschlossenen weißen Kleid mit weißem Schleier, die Fans kommen mit Rosenkränzen oder Heiligenscheinen zur LUX-Tour, das Flamencolied El Redentor vertont die Kreuzigung Jesu und ein Beichtgespräch ist Teil ihrer Show.
Befreiung durch Transformation
Auf den ersten Blick könnte der Eindruck entstehen, dass Rosalía mit LUX und ihren Konzerten traditionell katholische Weiblichkeitsideale, Symboliken und Riten zurück auf die Bühne bringt.
Doch sie reproduziert keine Traditionen, sondern transformiert sie und sprengt Grenzen. LUX lebt von Brüchen. In ihrer Inszenierung treffen Licht und Dunkelheit, verhüllte Reinheit und selbstbewusste Freizügigkeit aufeinander.
In ihrer Musik verschwimmen musikalische und sprachliche Grenzen, weil sie in einzelnen Liedern Flamenco, Klassik, Techno, Oper und Reggaeton mischt und mehrfach die Sprache wechselt. Rosalía singt auf 14 Sprachen, durch die sie Bezug auf die Geschichten heiliger Frauen des Christentums, des Hinduismus, Judentums, Buddhismus, Islams und Taoismus nimmt.4 Auf diese Weise gibt sie den Frauen, ihren Erfahrungen und Befreiungskämpfen eine Stimme.
Zwei Beispiele: In Porcelana erzählt sie die Geschichte von Ryōnen Gensō, die sich das Gesicht verbrannte, weil sie aufgrund ihrer Schönheit nicht im buddhistischen Tempel lehren durfte.5 Rosalía greift ihre Geschichte auf und interpretiert sie als befreienden Transformationsakt, der von Gott gewollt ist. Die feine Haut aus Porzellan ist zerbrochen in der Ecke und die spanische Aufforderung „transformate“ leitet den japanischen Teil ein. Auf Japanisch singt sie, dass sie sich die Schönheit abreißt und Gott sie zur Königin des Chaos bestimmt hat.6
Auch im Lied Novia Robot ist Gott die befreiende Kraft, durch die sich Frauen aus der sexuellen Objektivierung der Männer lösen. Die Welt der Roboterfrauen ist für die Lust der Männer gemacht. Für diese Lust werden Frauen ihrer Identität, Freiheit und Macht beraubt. Als Trophäen werden sie mit aller Macht gefangen gehalten, sie sind Tradwives, tragen Tutus und Rokoko Kleider.
Die Protagonistin bricht aus den Zwängen aus, indem sie sich nur noch für Gott und niemanden sonst hübsch macht – „guapa para Dios“7 – befreit sie sich.
Das befreiende Aufbrechen tradierter Ordnungen, die Frauen einschränk(t)en, durchzieht das Album und die Show.
Kontraste als Kunstform
Das Konzert beginnt wie ein klassisches Konzert mit dem Stimmen der Instrumente und wird instrumental mit der Trompetenfanfare aus Mundo Nuevo eingeleitet. Rosalía erscheint wie die Ballerina einer Musikspieldose mit Spitzenschuhen, Dutt und im hellen Tutu aus einer weißen Kiste, die zu einem Kreuz aufgeklappt wird. Als Ballerina bewegt sie sich auf Spitze kontrolliert und anmutig über die Bühne. Sie verkörpert im ersten Akt Körperbeherrschung, Reinheit und Perfektion, aber bricht im zweiten Akt daraus aus. Steht sie bei Mio Cristo Piange Diamanti noch mit Tränen in den Augen, in ein weißes Tuch gehüllt – als Sinnbild der Esperanza Macarena –auf der Bühne, erscheint sie bei Berghain mit offenen Haaren, engem schwarzen Gothic-Kleid, gerafftem Tüllrock, knielangen Schnürstiefeln und einem schwarzen Geweih aus Federn, das auf die Teufelsdarstellung als schwarzer Ziegenbock in Goyas Gemälde El aquelarre verweist.8 Obwohl sie im weiteren Verlauf der Show wieder in Weiß auftritt, kehrt sie weder zur verhüllten Ästhetik der Jungfrau noch zur disziplinierten Ästhetik der Ballerina zurück.
Stattdessen callt sie, nur von Händen und weißem BH bedeckt, als Venus von Milo in La Perla das Verhalten eines typischen Playboys out. Kurz darauf läuft sie im BH mit einer modernisierten Version des Guardainfates durch die Zuschauermenge.9 Dieses Kleid mit Rock-Gestell sollte im 17. Jahrhundert Schwangerschaften verdecken.10 Die gekürzte mit durchsichtigem Stoff überspannte Version von Rosalía verdeckt nichts mehr.
Sie ist eine selbstbewusste und religiöse Frau, die sich nicht versteckt. Selbstverständlich ist sie bei der Beichte die Beichtmutter. Vor mehreren tausend Menschen wird ihr bis ins intimste Detail eine Sexgeschichte, die sich während der Menstruation ereignete, anvertraut.
Die Geschichte ist spicy, aber frei von jeder Scham. Das vertraute, lockere Gespräch auf Augenhöhe unter Freund*innen, das frei von Urteilen und Machtgefällen ist, als wirklich pastorales Beichtgespräch?
Wer in LUX die Rückkehr tradierter Religiosität vermutet, verkennt das befreiende Potential des Albums. Heilige Frauen werden nicht als angepasste Vorbilder, sondern als von Gott legitimierte Königinnen des Chaos und Rebellinnen sichtbar. Ihre Erfahrungen, Geschichten und Kämpfe verbinden sich in Rosalías Liedern mit denen einer modernen Frau. Chaos ist dabei der Moment, in dem starre Ordnungen aufbrechen und Frauen sich aus ihnen befreien. Genau darin liegt die religiöse Sprengkraft von LUX.
Hashtag der Woche: #transformate
(Beitragsbild @nickleejeffries / Unsplash)
1 Rosalía, G3 N15, zugegriffen am 12.07.2026: https://genius.com/Rosalia-g3-n15-lyrics.
2 Vgl. Tovar, Armando, ¿Quién es G3 N15? La historia detrás de la canción más desgarradora de Rosalía, in: Sonica, 29.03.2022, zugegriffen am 22.06.2026: https://sonica.mx/curiosidades/2022/03/29/quien-es-g3-n15-la-historia-detras-de-la-cancion-mas-desgarradora-de-rosalia-14356.html.
3 Vgl. Redacción, Rosalía y las santas que inspiraron LUX, in: Picado, 18.11.2025, zugegriffen am 22.06.2026: https://picado.com.ar/rosalia-y-las-santas-que-inspiraron-lux/.
4 Vgl., ebd.
5 Vgl., ebd.
6 Vgl. Rosalía, Porcelana, zugegriffen am 12.07.2026: https://www.letras.com/rosalia/porcelana/deutsch.html.
7 Rosalía, Novia Robot, zugegriffen am 12.07.2026: https://genius.com/Rosalia-novia-robot-lyrics.
8 Vgl. Salom, Elsa, De la Grecia clásica a Degas: las referencias artísticas de Rosalía en el Lux Tour, in: National Geographic España, 20.04.2026, zugegriffen am 22.06.2026: https://historia.nationalgeographic.com.es/actualidad/lux-tour-museo-movimiento-rosalia_25894.
9 Vgl., ebd.
10 Vgl., ebd.