Priester:in zu werden, ist nach katholisch-lehramtlichen Verständnis derzeit nur Männern möglich. Die Sehnsucht danach, die Berufung verspüren aber auch Menschen anderen Geschlechts. Ein beeindruckendes Zeugnis hiervon gibt Sibil Morgenstern im Interview mit y-nachten.de, deren Geschichte auch in Philippa Raths OSB „Weil Gott es so will“ niedergelegt ist.
Wann haben Sie zum ersten Mal gespürt, dass Sie sich ein Leben als Priesterin vorstellen könnten – und wie haben Sie damals verstanden, was Sie als Berufung empfanden?
Meine erste Berufung war wohl der stumme Schrei „Nie wieder Krieg“ als ich als 6-Jährige vor dem brennenden Haus lag, in dem ich eben noch mit meinem kleinen Bruder zusammen, bei Oma und Opa, geschlafen hatte. Dieses Gebet um Frieden sehe ich heute als priesterlichen Dienst. Beten habe ich von meinen Großeltern gelernt. Meine Eltern waren sehr aufgeklärt, haben aber meinen Glaubensweg nie behindert, so wurde ich getauft, ging zur Erstkommunion, wurde gefirmt und wurde sogar auf ein katholisches Gymnasium von Dominikanerinnen geschickt, weil es die beste Schule war. Die Eucharistiefeiern und mein Dienst als Lektorin haben mich sehr erfüllt. Wollte ich Priesterin werden? Ich weiß es nicht. Eine Zeit lang wollte ich Mann sein, vielleicht deshalb. Meine Deutschlehrerin, Dominikanerin und selbst eine ehemalige Schülerin von Edith Stein, hat es geschafft, unseren Wert als Frau zu erkennen. Nach dem Abitur hätte ich am liebsten Theologie studiert, habe mich dann anders entschieden. Ohne Groll bin ich Erzieherin geworden und habe dann mit meinem Mann eine Familie gegründet, die wir ganz bewusst aus dem Glauben leben wollten. Beide kamen wir aus schwierigen Familienverhältnissen. Meine Eltern hatten sich getrennt, als ich 12 Jahre alt war. Der Kaplan unserer Gemeinde hat mich sehr unterstützt und war auch Vorbild. Mein Religionslehrer hat mir das Herz für das Reich Gottes, das Jeus verkündet hat, aufgeschlossen. Da bin ich zur Mitarbeit gerufen, wie auch immer. Einiges habe ich schon hinter mir.
Gab es einen Moment, in dem es Ihnen bewusst wurde, dass dieser Weg Ihnen als Frau verschlossen bleiben würde? Wie haben Sie diese Erfahrung verarbeitet?
Es ist so schade. Wenn man von Berufung spricht, ist immer nur die Berufung zum Priesteramt gemeint. Dieses Amt gibt es nur für Männer und ist an die Weihe gebunden. Da erübrigt sich jede Diskussion. Das erfahre ich seit Jahren schmerzlich.
Dass sich das Priesteramt erst entwickelt hat, wird verschwiegen und der ernsthafte Dialog mit der Theologie findet nicht statt. Das Reich Gottes zu suchen ist unser Auftrag von Jesus bis heute. Da darf ich nicht resignieren, und so habe ich den Aufruf von Kardinal Hollerich am Ende der Weltsynode beantwortet.
Sehr schnell wurde mir klar, dass Machtstrukturen nicht dadurch überwunden werden können, dass auch Frauen Macht haben. Aber, wie dann? Inspiriert wurde ich durch das Apostolische Schreiben „Gaudete et Exsultate“ von Papst Franziskus über den Ruf zur Heiligkeit in der Welt von heute. Wir alle sind geheiligt durch die Taufe und begeistert durch die Firmung. Jede:r von uns hat ein bestimmtes Charisma, zu dem er oder sie gerufen ist. Was notwendig ist, ist unsere Zustimmung, eine Ausbildung und Beauftragung durch die Kirche. Zu meinem Charisma gehört auch die Feier der Eucharistie, Seelsorge aber keine Gemeindeleitung. Vom Synodenbüro in Rom kam die Antwort, ich solle mich an die zuständigen Stellen in Deutschland wenden. Das habe ich getan. Keine Antwort!
Wenn Sie auf die vergangenen Jahrzehnte der katholischen Kirche zurückblicken: Wo haben Sie Veränderungen mit Frauen erlebt – und wo ist aus ihrer Sicht vieles gleich geblieben?
Vor ungefähr 40 Jahren habe ich auf der Burg Rothenfels eine feministische Theologin kennengelernt. Zum ersten Mal durfte ich erfahren, dass meine subjektiven Berufungsgedanken einen Platz in der Theologie hatten. Das hat mich sehr auf meinem Weg bestärkt. Inzwischen haben auch mehr konservative Frauen zum Thema Frau geforscht und sich geäußert.
In unserer Gemeinde setzt sich der Katholische Frauenbund öffentlich für die Berufung von Frauen ein. Frauen sind regelmäßig hauptberuflich als Gemeindereferentin auf Gemeindeebene und als Pastoralreferentin auf Dekanatsebene im „kirchlichen“ Dienst angestellt. Im liturgischen Dienst sind seit vielen Jahren auch Frauen als Kommunionhelferin, als Lektorin oder als Wortgottesfeierleiterin ehrenamtlich tätig und auch als Vorbeterin mit geistlichem Impuls im Friedensgebet und beim Abschiedsgebet. Ich selbst besuche regelmäßig schwerkranke Menschen im Pflegeheim und begleite Sterbende. Dazu habe ich keine Beauftragung von der Kirche; deshalb bitte ich immer unseren Pfarrer ums Gebet. Er lässt sich immer die Namen sagen. Den Menschen, die es wünschen, spendet er das Sakrament der Krankensalbung. Nach wie vor sind Frauen vom sakramentalen Dienst ausgeschlossen. Eine Gemeindereferentin hat die Beauftragung zur Spendung der Taufe. Das ist visionär. Dass es die berufenen Frauen gibt, ist sichtbar geworden durch die Initiative von Sr. Philippa Rath, die uns Frauen ermutigt hat, unsere Berufungsgeschichten zu veröffentlichen. Danke!
Was würden Sie jungen Frauen sagen, die heute spüren, dass sie sich zum priesterlichen Dienst berufen fühlen? Würden Sie ihnen raten zu bleiben, zu kämpfen oder andere Wege zu gehen?
Der priesterliche Dienst ist der geringste Dienst. Der Mensch, Mann oder Frau, tritt ganz als Person zurück. Christus ist der Handelnde in der Feier der Eucharistie, in den Sakramenten und im Fürbittgebet. Je nachdem zu welchem Dienst ich mich berufen fühle, Gemeinde, Krankenhaus, Schule oder Universität usw. braucht es qualifizierte Ausbildung und Menschenbildung, Gottesliebe und Menschenliebe. Letzte Woche war ich bei einer Priesterweihe. Immer noch ist die Ausbildung zum Gemeindeleiter als Diözesanpriester im Vordergrund.
Wichtig ist es mit den Verantwortlichen genau zu klären, wozu ich berufen bin. Gott ist es, der die Menschen, auch Frauen, zur Mitarbeit in seinem Weinberg ruft, nicht die Kirche. Sie hat den Auftrag zu hören, zu prüfen, auszubilden, und zu senden.
Den jungen Frauen möchte ich sagen, hören Sie auf Ihr Inneres und suchen Sie den Dialog. Seien Sie nicht ängstlich, Gott wird Sie führen. Holen Sie sich Rat, wenn es nötig ist. Sie müssen nicht krank werden.
Wenn Sie der Kirche heute einen Wunsch mit auf den Weg geben könnten, nicht nur in Bezug auf Frauen, sondern insgesamt – welcher wäre das?
Mein dringender Wunsch ist, dass jede Berufung ernst genommen wird, und dass man mit den betroffenen Menschen einen gemeinsamen Weg geht oder sie an die zuständige Stelle weiterleitet.
Meine derzeitige Berufung ist es, mit Papst Leo ein geistliches Gespräch zu führen und um den Frieden in der Welt zu beten. Zu den Themen, die Papst Leo mit den Kardinälen beim Konsistorium erörtert hat – Synodalität, Volk Gottes, Priesterbild, Friede in der Welt –, möchte ich gerne meine Stimme aus dem Volk einbringen. Auch zu dem Ergebnis der Petroccikommission möchte ich mich gerne äußern. Leider hilft mir niemand zum Papst zu kommen. Die Haltung von Kardinal Parolin spricht Bände. Er sieht es als seine Hauptaufgabe an, den Papst zu schützen. Vor mir?
Im Jahr 2019 hat Papst Franziskus einen Brief an das pilgernde Volk in Deutschland geschrieben. Meinen Antwortbrief habe ich an alle offiziellen Stellen, an alle deutschsprechenden Kardinäle und an viele deutschen Bischöfe geschickt. Der Brief ist bis heute nicht angekommen. Ich bitte auf diesem Weg um Hilfe. Es ist wichtig. Danke!
Stellen wir uns vor, Sie dürften ab morgen Priesterin sein. Was wäre Ihnen in dieser Messe besonders wichtig. Worüber würden Sie predigen?
Ich werde bestimmt keine Priesterin sein, aber, wenn ich in Rom bin, werden wir einen Auferstehungsgottesdienst feiern, Großer Gott wir loben Dich singen, und die Pfingstsequenz beten für den Frieden in der Welt. Zum Tagesevangelium wird jemand ein paar Worte sagen.
Hashtag der Woche: #FollowyourVocation
Beitragsbild: Niklas Hamann