Bild + Text + Humor = Meme. Das Erfolgsrezept von viralen Phänomenen auf Social-Media scheint relativ simpel zu sein. Doch ist es das wirklich? Eine religionsbezogene Auseinandersetzung und Einordnung am Beispiel Memes versucht Johannes Härting.
Vielfalt on- und offline begegnen
Vielfalt, Diversität und Sichtbarkeit prägen den derzeitigen Monat wie keinen anderen im Jahresverlauf. Die vorangestellte Trias charakterisiert auch die sich stets verändernde Social-Media-Landschaft mit deren Fülle an kontinuierlich wachsenden viralen Phänomenen: Selfies, Reels, digitale Sticker, GIFs, FaceTiming und Co. Sie alle sind aus unserer, von Digitalität gezeichneten Welt nicht mehr wegzudenken. Ebenso zeichnen Schnelllebigkeit und ein fluid-fragiler Wiedererkennungswert jene kulturellen Trends aus. Dies trifft insbesondere auf Memes zu, ein weiterer, nicht zu vernachlässigender Bestandteil der Lebenswelt junger Menschen.1 Doch was macht das Social-Media-Phänomen Memes eigentlich genau aus? Sind sie nicht schlicht Bild-Text-Kombinationen versehen mit einer Prise Humor? Inwiefern können Memes theologische bzw. religionsbezogene Anstöße oder gar Denkräume eröffnen? Fragen, denen sich der vorliegende Artikel annähern möchte.
Meme it. Do it!
Spoiler alert! Der Begriff Meme ist keine Wortneuschöpfung des 21. Jahrhunderts. Ganz im Gegenteil. Breitenwirksam prägte ihn der britische Evolutionsbiologe Richard Dawkins in seinem 1976 veröffentlichten neodarwinistischen Werk The Selfish Gene. Dort definiert er Meme als ein kulturelles Analogon zum evolutorischen Genbegriff.2 Eine Wortwahl, die sich schlicht damit erklären lässt, dass sich Meme im englischen Original auf Gen reimt. Eine Transformation erfuhr der Begriff zu Beginn der 2000er Jahre mit dem flächendeckenden Aufkommen von Social-Media bzw. dem Internet. Es handelt sich dabei weniger um einen kulturellen Replikator, mehr um ein multimodales, veränderbares aber zugleich wiedererkennbares Bild-Text-Gefüge – meist in Form eines sogenannten Image Macros. Dieses unterhält, informiert und kann pointiert auf gesellschaftliche Zusammenhänge und Themenfelder fokussieren.
Memes werden daher heute primär verstanden als „kurzlebig, lustig, spielerisch, ironisch, individuell, anarchisch, künstlerisch, manchmal politisch und spezifischer Ausdruck der Netzkultur.“3
Diese Charakteristika kombiniert mit ihrem recht simpel scheinendem formalen Aufbau – Bild, Text, gepaart mit Humor – führt in diesem Kontext naheliegenderweise zu zweierlei: Zum einen kann de facto jede Person mittels entsprechenden frei zugänglichen online-Tools selbstständig Memes generieren und eröffnet auf diese Weise gewissermaßen einen kreativen Handlungsspielraum. Zum anderen können alle möglichen Themen mit Memes verdichtet dargestellt respektive aufgegriffen werden, somit beispielsweise auch Religion bzw. Religiosität.
Humor und Wiedererkennung zu welchem Preis?
Jene Überlegungen gilt es aber zu relativieren. Denn obwohl grundsätzlich jeder Person die Möglichkeit zukommt, ein Meme zu erstellen, können nicht alle Rezipient:innen das jeweilige Meme verstehen bzw. es – seiner ursprünglichen Intention folgend – decodieren. Ein gewisses Kontextwissen ist nötig, Ausgeglichenheit zwischen der Menge an Ersteller:innen und potentiellen Leser:innen liegt keineswegs vor. Das wiederum führt dazu, dass Memes zugespitzt auch ausgenutzt werden, um zielgruppenorientiert Insiderwissen oder gar instrumentalisierte Botschaften kaschiert unter memetischen Deckmantel zu transportieren. Vor allem bei gesellschaftspolitisch motivierten Memes kann dies zum Tragen kommen. Einen Punkt bei dem es angesichts zunehmender rechtskatholischer, evangelikaler Tendenzen und Strömungen, deren Auftritt und hippen Inszenierung vor allem auf Social-Media hinkünftig besonders genau hinzuschauen gilt.
Zudem stellt sich unabhängig der Themen der jeweiligen Memes die Frage, auf wessen Kosten bei Memes mit Humor, Stereotypen und Klischees gearbeitet wird, um zu deren Gelingen bzw. zur Steigerung des Wiedererkennungswertes beizutragen.4
Exemplarisch zeigt sich diese komplizierte Verbindung bei körperbezogenen Memes. Häufig werden hierbei gesellschaftliche Schönheitsideale oder klassische Geschlechterstereotype, wie ein perfekter durchtrainierter maskulin gelesener weißer Körper dargestellt und reproduziert.5 Unsere heutige an Selbstoptimierung, Attraktivität und Bewegungskulturen ausgerichtete westliche Gesellschaft spiegelt sich hier plakativ wider.6 Sie wirkt zwangsläufig auf das jeweils veränderliche Körper- und Menschenbild ein und eröffnet theologisch-anthropologische Anschlusspotentiale. Dass sich an dieser Stelle mitunter weiterführende intersektionale Diskursfelder, wie zu den Kategorien Rasse und Geschlecht eröffnen, ist ebenfalls naheliegend.
Erste theologisch-religionsbezogene Denkanstöße
Memes scheinen trotz oder vielleicht gerade wegen ihrer ambivalenten Analyse theologisch-religionsbezogen spannend zu sein:
Ihr kreatives Potential – Bestehendes zu verändern, Informationen anzupassen – wird etwa bei geläufigen Jesus-Memes, speziellen Meme-Bibeln oder biblischen Erschließungen deutlich.7
Religiöse Bildungsprozesse ermöglichen hier einen naheliegenden Raum zur biblischen-memetischen Vertiefung und Auseinandersetzung. Darüber hinaus bedienen sich religionsbezogene Memes dem Korrelationsprinzip, da mit ihnen wechselseitig Lebens- und Glaubenswelt – vordergründig von juvenilen Altersschichten – erschlossen werden können. Memes können theologische-religionsbezogene Inhalte oder Themen gewissermaßen in der Sprache von Heranwachsenden transportieren. Dennoch es gilt Vorsicht und die oben skizzierten Einwürfe hier natürlich auch mitzudenken. Welches Ideal respektive welche (satirisch-blasphemischen) Gottes- und Menschenbildvorstellungen stehen im Hintergrund, wenn Jesus etwa wie der Prototyp eines Gym-Bros oder im wahrsten Sinne des Wortes wie ein muskelbepackter „Deadlifter“ zu sehen ist?8 Welche inhaltliche und emotionale theologische Tiefe kann ein formal durchaus limitiertes, in sich abgeschlossenes Format wie Meme erzielen? Wie viel an Kompromissbereitschaft – Stichwort Humor zu welchem Preis – nimmt man in Kauf, wenn man theologisch bzw. religionsbezogen mit Memes arbeiten möchte?
Aspekte, die bei religionsbezogenen Memes berücksichtigt werden sollten und fernab des christlichen Kontexts – Stichwort Bilderverbote – noch deutlicher anzufragen sind, wenn man mit Memes Denk- und Bildungsräume initiieren will. Ein konstruktiv-kritischer Umgang liegt also nahe, um religionsbezogene Memes im Spannungsfeld Satire und Blasphemie sinnstiftend zu begegnen. Wie das für das eigene Handeln gelingt, muss jede:r Leser:in selbst erproben. In diesem Sinne: Meme it. Do it!
Hashtag der Woche: #memeitdoit
(Beitragsbild: @Karsten_Winegeart)
1 Vgl. Bitkom e. V. (04.03.2019), Meme-Kultur ist im Internet weit verbreitet, in: https://www.bitkom.org/Presse/Presseinformation/Meme-Kultur-ist-im-Internet-weit-verbreitet (abgerufen, am 01.06.2026).
2 Vgl. Dawkins, Richard (1976), The Selfish Gene, Oxford, 321.
3 Denker, Kai / Nick Nestler (2025), Eine kurze (Problem-)Geschichte des Mems, in: Kai Denker / Nick Nestler (Hg.), Digitale Bilderkämpfe. Zur politisch-strategischen Kommunikation mit Memen, Bielefeld, 7–38, hier 7.
4 Vgl. Moebius, Simon (2018), Humor und Stereotype in Memes. Ein theoretischer und methodischer
Zugang zu einer komplizierten Verbindung, in: kommunikation@gesellschaft 19/2, 1−23.
5 Vgl. Hauke, Jannik (2024), Körperdarstellung in Memes, in: Göttinger Arbeiten aus Sozial- und Politikwissenschaft 1, 1–20.
6 Vgl. Reckwitz, Andreas (2020), Das hybride Subjekt. Eine Theorie der Subjektkulturen von der bürgerlichen Moderne zur Postmoderne, Berlin; Röcke, Anja (2021), Soziologie der Selbstoptimierung, Berlin.
7 Vgl. Launhardt, Larissa (09.04.2023), Vikar stellt die Bibel in Memes dar: „Ich will die Texte mit der Gegenwart verknüpfen“, in: https://www.sonntagsblatt.de/artikel/bibel-memes-auf-instagram (abgerufen, am 01.06.2026).
8 Vgl. als Beispiel etwa https://www.instagram.com/dynamicmaahk/reel/DWuQVVmiSfl/?hl=zh-cn (abgerufen, am 01.06.2026).