Am Pfingstmontag 2026 veröffentlichte Papst Leo XIV. seine erste Enzyklika „Magnifica humanitas“ zum Thema der Künstlichen Intelligenz. Mariusz Chrostowski hat sie gelesen und fragt: Wie muss Schule und religiöse Bildung im Zeitalter von KI aussehen?

Vielleicht beginnt die Bildungsfrage der Gegenwart nicht im Klassenzimmer, sondern in Babel (vgl. Gen 11,1–9). Dort, wo Menschen Großes planen, technisch Beeindruckendes schaffen und doch am Ende nicht mehr miteinander sprechen können. Leo XIV. greift dieses Bild in „Magnifica humanitas“ auf. Babel steht bei ihm für keine Technikfeindlichkeit, sondern für eine Versuchung: Weltgestaltung ohne Maß, Kommunikation ohne wirkliches Verstehen, Macht ohne Demut, Fortschritt ohne Menschenwürde. Das Projekt Babel beeindruckt, weil es über „eine einzige Sprache, eine einzige Technologie, eine einzige Richtung“ verfügt (Nr. 7). Gerade darin liegt allerdings auch seine Gefahr.

Die gegenwärtige „Kultur der Digitalität“1 hat tatsächlich etwas Babelhaftes. Noch nie konnten Menschen so schnell schreiben, übersetzen, recherchieren, simulieren und automatisieren. Noch nie war so viel Wissen verfügbar. Zugleich zeigt sich: Information wird erst dort zur Bildung, wo sie geprüft, in kritischer Auseinandersetzung mit anderen eingeordnet und in ein eigenes Urteil überführt wird. Diese Aufgabe verschärft sich im Umgang mit KI: KI beantwortet Fragen, bevor manche gelernt haben, sie zu formulieren. Sie erzeugt Bilder und Sprache, ohne Wahrheitsverantwortung zu tragen. So wird Babel weniger zu einem Warnbild vor Technik als zur Metapher einer Bildungslage: Die technische Verarbeitung von Informations-, Sprach- und Bildbeständen kann reibungsloser werden, ohne dass dadurch schon Verstehen, Orientierung, Urteilskraft oder Sensibilität gegenüber anderen Menschen wachsen. Die eigentliche Bildungsfrage stellt sich damit neu: nicht wie KI in die Schule kommt, sondern welche Bildung notwendig ist, damit sich der Mensch nicht als optimierbares System nach Kriterien von Effizienz und Berechenbarkeit versteht – und angesichts einer Technik, die immer mehr Aufgaben übernehmen kann, erkennt, was an ihm unersetzbar bleibt. Denn Bildung geht immer über funktionale Anpassung hinaus.

Leos anthropologische Antwort

Leo XIV. beantwortet diese Frage nicht medienpädagogisch im engeren Sinn, sondern anthropologisch und sozialethisch.2 Er entwirft keine Liste erlaubter und verbotener KI-Tools. Technik könne „heilen, verbinden, bilden“ (Nr. 9), aber auch spalten, ausgrenzen und neue Ungerechtigkeiten hervorbringen. Entscheidend ist, welche Vorstellung vom Menschen in ihr wirksam wird. Wo der Mensch auf Daten, Effizienz und Leistung reduziert wird, entsteht das „Babel-Syndrom“: der Anspruch einer digitalen Sprache, die sogar „das Geheimnis der Person“ in Daten und Leistung übersetzt (Nr. 10). Bildung erscheint bei Leo XIV. deshalb als Ort, an dem das Verhältnis von Mensch und Maschine zukunftsrelevant verhandelt wird: Dient Technik dem Menschen, oder wird der Mensch nach Maßgabe von Daten, Effizienz und Leistung neu formatiert?

Vier Kategorien einer Bildungslogik

Genau hier setzt die Enzyklika an. Im Abschnitt „Ein Bildungsbündnis für das digitale Zeitalter“ (Nr. 139–142) rückt Leo XIV. Bildung in den Kontext einer Öffentlichkeit, in der Wahrheit oft Interessen und Kommunikationsstrategien untergeordnet wird (Nr. 139). Der entscheidende Satz lautet: „jede Technologie bildet diejenigen, die sie nutzen“ (Nr. 140). KI erscheint damit nicht bloß als Werkzeug, das gelegentlich im Unterricht verwendet wird. Sie prägt bereits die Art und Weise, wie Menschen Informationen erschließen, Urteile fällen und die Wirklichkeit ordnen. Zugleich bleibt ihr ‚Lernen‘ von menschlicher Bildung grundverschieden: Es beruht nicht auf Erfahrung, Entscheidung, Irrtum, Vergebung oder Vertrauen, sondern auf der statistischen Auswertung großer Datenmengen (Nr. 99). Von hier aus lässt sich Leos XIV. Bildungslogik in vier Kategorien fassen:

  1. Bildung als Verlangsamung: ‚Schule nach Babel‘ ist nicht die Schule, die jedes neue KI-Tool sofort integriert. Sie hält gegen eine „Kultur der Unmittelbarkeit und Überstimulation“ (Nr. 139) Räume offen, in denen „eine Zeit der Reifung“ und „ein geduldiges Voranschreiten“ (Nr. 140) möglich sind. Die Enzyklika benennt damit einen wichtigen Gegenakzent zur digitalen Beschleunigung. Offen bleibt jedoch, unter welchen institutionellen Bedingungen Schule diesen Gegenakzent tatsächlich setzen kann. Denn Schulen stehen – vor allem im westlichen Kontext – selbst unter dem Druck, digital anschlussfähig, effizient und innovationsbereit zu sein.3
  2. Bildung als Verzichtsfähigkeit: Zu den Bildungsaufgaben im KI-Zeitalter gehört für Leo XIV. die Fähigkeit, zu unterscheiden, „wann und wofür“ KI nicht eingesetzt werden sollte (Nr. 140). Das ist keine Technikverweigerung, sondern Freiheitsbildung. Bildung im KI-Zeitalter heißt daher nicht nur, ‚mit‘ KI zu lernen, sondern auch ‚über‘ KI nachzudenken, ‚von‘ ihren Wirkungen auf Wahrnehmung und Urteil zu lernen sowie bestimmte Lernprozesse bewusst ‚ohne‘ KI zu gestalten. Nicht jede Möglichkeit muss genutzt werden; nicht jede Entlastung ist pädagogisch sinnvoll.4 Die Kernbotschaft ist eindeutig: Digitale Mündigkeit bedeutet nicht maximale Nutzung. Offen bleibt, wie diese Einsicht im Bildungsalltag eingeübt werden kann. Wie lernt man begrenzten Gebrauch, wenn z. B. Arbeitswelt und Öffentlichkeit fast permanente digitale Verfügbarkeit belohnen?
  3. Bildung als Wahrheitsliebe: Schule ist nach Leo XIV. der Ort, an dem junge Menschen lernen, „die Wahrheit zu suchen und zu lieben“ und sich mit Sinn und Würde auseinanderzusetzen (Nr. 143). Bildung darf deshalb nicht auf Informationsvermittlung schrumpfen. Texte zusammenfassen, ethische Positionen ordnen, kluge Worte simulieren – das kann KI. Doch ihre Antworten sind nie voraussetzungslos; sie können Bias, Auslassungen und implizite Wertungen reproduzieren. Bildung lebt von Deutung, Zweifel, Erfahrung, Dialog und Verantwortung. Eine ‚glatte‘ Antwort ist noch kein Urteil. Plausible Sprache ersetzt keine wahrheitsbezogen geprüfte Einsicht.5 Kritisch bleibt jedoch, dass Leos XIV. Zugang eine gemeinsame Wahrheitsgrammatik voraussetzt, die in religiös-weltanschaulich pluralen Klassenzimmern nicht mehr selbstverständlich vorhanden ist.6
  4. Bildung als Beziehung: Schule soll nicht „der Geschwindigkeit der digitalen Welt“ nachjagen, sondern das anbieten, was diese allein nicht geben kann: „gemeinsame Zeit für das Lernen“ und „verlässliche Beziehungen“ (Nr. 147). KI kann personalisierte Lernwege unterstützen, aber Bildung ist mehr als optimierte Passung zwischen Aufgabe und Leistungsstand. Sie geschieht zwischen Menschen: im Zuhören, Widersprechen, Anerkennen, Irritiertwerden, Vertrauen. Damit benennt Leo XIV. einen zentralen Gegenakzent zur Logik der digitalen Personalisierung. Zugleich bleibt allerdings pädagogisch abzuwägen, wie solche Beziehungsräume unter ungleichen sozialen, schulischen und familiären Voraussetzungen tatsächlich entstehen können.7

Würde des Menschen

Blickt man auf diese vier Kategorien zurück, wird auch erkennbar, welches profilspezifische Potenzial religiöse Bildung im KI-Zeitalter hat. Ihre Stärke liegt darin, die Frage nach dem Menschen offenzuhalten. Gegen jede Reduktion auf Leistungsfähigkeit, Anschlussfähigkeit oder digitale Kompetenz erinnert Leo XIV. daran, dass die Würde des Menschen „nicht von seinen Fähigkeiten, seinem Reichtum oder der Position“ abhängt, sondern „ein Geschenk“ ist, „das ihm vorausgeht und ihn übersteigt“ (Nr. 50). Noch deutlicher: „Der Wert des Menschen hängt nicht davon ab, was er leistet oder produziert“ (Nr. 51). Er gründet darin, dass der Mensch „von Gott gewollt, geschaffen und geliebt ist“ (Nr. 52). Diese Worte sind die stärkste Pointe der Enzyklika und zugleich ihr Prüfstein. Religiöse Bildung ist im KI-Zeitalter nicht wichtig, weil sie digitale Werkzeuge besonders gut bedienen könnte. Sie ist wichtig, weil sie den Menschen nicht von seiner Verwertbarkeit her versteht. Für die Religionspädagogik im Besonderen und die Theologie im Allgemeinen bleibt damit die Aufgabe, Würde nicht nur zu behaupten, sondern sie bildungs- und alltagspraktisch ‚lesbar‘ zu machen.

Digital geformt

Im Ganzen überzeugt „Magnifica humanitas“ dort, wo die Enzyklika die Bildungsfrage nicht technisch verengt. Leo XIV. fragt nicht zuerst nach Tools, sondern nach dem Menschen, der durch digitale Praktiken geformt wird. Ihre Grenze zeigt sich jedoch dort, wo Schule vor allem als ‚Hoffnungsfigur‘ erscheint, während ihre realen Bedingungen – Zeitmangel, Bildungsungleichheit, Standardisierungsdruck, Lehrkräftebelastung und religiös-weltanschauliche Pluralität – nur am Rand sichtbar werden. Weiterzudenken wäre deshalb, wie Schule als Institution unter Markt-, Effizienz- und Vergleichbarkeitsdruck überhaupt jener Ort von Reifung, Beziehung und Wahrheitsliebe sein kann, den der Papst beschreibt. Babel ist nicht nur eine digitale Versuchung. Es ist auch eine bildungspolitische.

Hashtag der Woche: #KIundBildung


1 Zum Begriff der „Kultur der Digitalität“ vgl. Felix Stalder, Kultur der Digitalität, Berlin: Suhrkamp 2016.

2 Zur Einordnung der Enzyklika vgl. Alexander Filipović, „Die großartige und verwundete Menschheit am Scheideweg“, https://www.feinschwarz.net/papst-leos-sozialenzyklika-magnifica-humanitas/ (abgerufen am 25.05.2026).

3 Vgl. Kultusministerkonferenz, Handlungsempfehlung für die Bildungsverwaltung zum Umgang mit Künstlicher Intelligenz in schulischen Bildungsprozessen, https://www.kmk.org/fileadmin/Dateien/veroeffentlichungen_beschluesse/2024/2024_10_10-Handlungsempfehlung-KI.pdf (abgerufen am 25.05.2026).

4 Vgl. Joscha Falck, „Lernen und künstliche Intelligenz“, https://joschafalck.de/lernen-und-ki/ (abgerufen am 25.05.2026).

5 Vgl. Emily M. Bender / Timnit Gebru / Angelina McMillan-Major / Shmargaret Shmitchell, „On the Dangers of Stochastic Parrots: Can Language Models Be Too Big?“, in: Proceedings of the 2021 ACM Conference on Fairness, Accountability, and Transparency, 2021, 610–623. https://doi.org/10.1145/3442188.3445922

6 Vgl. Bertelsmann Stiftung, Zusammenleben in religiöser Vielfalt. Warum Pluralitätskompetenz wichtig ist, Gütersloh 2023.

7 Vgl. Annedore Prengel, Pädagogische Beziehungen zwischen Anerkennung, Verletzung und Ambivalenz, Opladen: Barbara Budrich 2013.


Beitragsbild: Pieter Bruegel der Ältere / CC0 – gemeinfrei / Quelle: wikimedia.org

dr. dr. mariusz chrostowski

ist wiss. Mitarbeiter am Lehrstuhl für Didaktik der Religionslehre, Katechetik und Religionspädagogik an der Theologischen Fakultät der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt. Er hat derzeit die Professurvertretung für Religionspädagogik, Katechetik und Didaktik des Religionsunterrichts an der Fakultät für Geistes- und Kulturwissenschaften der Bergischen Universität Wuppertal inne.

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