Anfang Mai fand in Frankfurt a. M. eine Tagung zu religiösen Content-Creator*innen statt. Die Frage, wie religiöse Autorität von Content-Creator*innen verhandelt wird, war auch dort Thema. Leon Sipus greift diese Frage auf und zeigt anhand des Beispiels von „@liebezurbibel“, wie religiöse Autorität digital konstruiert wird.
Wer heute auf der Suche nach spiritueller Orientierung, theologischen Inhalten oder einfach nach Gleichgesinnten im Glauben ist, geht immer seltener in den Sonntagsgottesdienst, sondern findet das alles vor allem auf Social Media. Zwischen perfekt ausgeleuchteten Lifestyle-Influencer*innen, Fitness-Tipps und politischem Aktivismus schiebt sich eine wachsende Zahl christlicher Content-Creator*innen in den Feed. Kanäle wie der von Leonard Jäger (@ketzerderneuzeit), Jonathan Albrecht (@jonathan_albrecht) oder von Jasmin Friesen (@liebezurbibel) zeigen, dass der Glaube im digitalen Raum längst nicht mehr nur ein Randthema ist, sondern sich immer häufiger auf den For-You-Pages vieler Nutzer*innen findet. Doch was hier geschieht, ist mehr als nur die Übersetzung von Glaubensinhalten in ein neues Medium. Es ist eine Verschiebung von Machtverhältnissen. Auf Instagram wird das, was wir als religiöse Autorität verstehen, radikal neu verhandelt.
Das Internet als Beschleuniger
Dieses Phänomen steht im Zentrum eines Vortrages von Anna Neumaier, den sie im Rahmen der Tagung „Praktiken des Bekennens“ am 08.05.2026 im Haus am Dom in Frankfurt gehalten hat. Sie machte darin deutlich, dass Instagram einen neuen Raum für die Verhandlung religiöser Deutungsmacht bietet. Was im Netz geschieht, hat dabei transformative Qualitäten für die gesamte religiöse Landschaft. Das Internet wirkt wie ein Beschleuniger für den Wandel religiöser Deutungsmacht. Im Zentrum dieser Transformation steht die Frage, wer in diesem digitalen Raum wie Autorität und Legitimation erlangt.
Hierarchie, Strukturen, Ideologie und Texte
Um diesen Wandel von einer rein theoretischen Ebene in die Realität zu überführen, lohnt es sich, einen Blick auf die christliche Content-Creatorin Jasmin Friesen zu werfen, die online unter dem Namen „liebezurbibel“ auftritt und im deutschsprachigen Raum eine enorm hohe Reichweite hat. Mit einer Mischung aus hochprofessioneller Ästhetik und evangelikal-charismatischer Theologie führt die Kommunikationsdesignerin und Theologiestudentin exemplarisch vor, wie religiöse Autorität im digitalen Zeitalter völlig neu konstruiert, legitimiert und an die Logiken sozialer Medien angepasst wird.1 Mit diesem Phänomen setzte sich auch Heidi Campbell auseinander und skizzierte ein Modell der digitalen religiösen Autorität. Dabei legt sie vier verschiedene Ebenen zu Grunde: Hierarchie, Strukturen, Ideologie und Texte. Sie argumentiert, dass religiöse Autorität kein starres, einzelnes Konstrukt ist. Die vier verschiedenen Schichten sind laut Campbell stattdessen verwoben.
Sowohl traditionelle Rollen und Ämter (Hierarchie), als auch die Deutung von Texten nehmen einen Einfluss auf das Entstehen religiöser Autorität.
Durch das Internet verschieben sich diese Schichten. Heidi Campbell zeigt, dass Instagram vor allem eine Dezentralisierung von Wissen darstellt und dieses für alle zugänglich macht. Beziehungen von Contentcreator*innen zu den eigenen Nutzer*innen sind meist deutlich wichtiger als offizielle Ämter.2 Genau das zeigt sich auch bei Jasmin Friesen. Sie ist keine ordinierte evangelische Pfarrerin, die im Auftrag einer Institution spricht, sondern eine junge Frau, die sich über die Beziehung zu ihren Zuschauer*innen eine Plattform geschaffen hat.
Wie Friesen auf ihrem Account diese Autorität konstruiert, lässt sich gut anhand dreier verschiedener Dimensionen ausmachen: Ästhetik, Authentizität und einem strategischen Umgang mit der Bibel.
Ästhetik
Friesen verbindet ihre Ausbildung als Kommunikationsdesignerin mit ihrem Status als Theologiestundentin. Unter dem Label „liebezurbibel“ ist sie nicht nur auf Instagram unterwegs, sondern vertreibt eigene Produkte wie hochwertige Bibeln, die immer wieder Teil ihres Contents auf Instagram sind. Ihre Expertise wird so materiell greifbar. Wenn ihre Nutzer*innen die Bibeln kaufen, partizipieren sie an einer Form des visuell aufbereiteten Bibelstudiums. Friesen zeigt ihr religiöses Wissen so durch die optisch perfekte Aufbereitung von theologischen Inhalten. Auf ihrem Account verschmelzen die Deutung von Texten untrennbar mit einem ästhetischen Design.
Zuschreiben von Authentizität
Neben der Ästhetik ist die Zuschreibung von Authentizität durch ihre Zuschauer*innen ein weiterer wichtiger Teil der Konstruktion von digitaler Autorität. Friesen inszeniert sich als nahbare, junge Frau, die die Herausforderungen des modernen Alltags teilt, aber kompromisslos nach biblischen Prinzipien und angeblichen Regeln lebt. Biografische Erfahrungen, persönliche Einblicke in Ehe und Alltag sowie charismatische Eigenschaften wie Empathie verschmelzen zu einem Bild, das den Zuschauer*innen als eine Art Vorbildcharakter dient.3 Sie vermittelt die Botschaft: „Ich bin eine von euch und habe einen klaren Kompass in meinem Leben.“ Diese scheinbare Augenhöhe baut traditionelle Hierarchien ab und baut gleichzeitig eine emotionale Bindung zu den Zuschauer*innen und damit eine Autorität auf.
An der Oberfläche: Vermittlung von Glaubensinhalten
Bei den bereits dargestellten Formen, konstruierter Autorität von Friesen ist das Spannendste, dass ihr Account im Kern vor allem an der Oberfläche auf die Vermittlung von Glaubensinhalten ausgerichtet ist. Während sie als moderne und emanzipierte Medienunternehmerin agiert, vertritt sie inhaltlich eine strikt konservative, reformiert evangelikale Theologie. Sie betont vehement die unfehlbare Autorität der Bibel als Wort Gottes und grenzt sich explizit von liberalen oder progressiven Strömungen innerhalb des Christentums ab. Ihre eigene Autorität legitimiert sich nicht durch sich selbst, sondern durch die Bibel. Indem sie diese als unfehlbar darstellt und die Inhalte der Bibel wörtlich versteht, immunisiert sie ihre eigenen, oft gesellschaftspolitisch rechtskonservativen Positionen gegen Kritik von außen.4
Unter der Oberfläche: Nähe zum rechten Rand
Besonders hierbei ist ihre Nähe zu rechten Content-Creator*innen und rechten Inhalten. Oft zeigt sie sich mit dem rechten Influencer Leonard Jäger und veröffentlicht auf ihren Accounts Interviews von ihm, beispielsweise das mit der Politikerin Alice Weidel. Neben der Nähe zu rechten Content-Creator*innen kritisiert sie ebenso oft linke und liberale Positionen oder den Öffentlich rechtlichen Rundfunk. Es geht Friesen also keinesfalls nur um die Vermittlung ihres Glaubens. Durch die bewusste Positionierung zu gesellschaftlichen und politischen Themen gibt sie rechten Inhalten und Personen eine Plattform, ohne diese kritisch zu hinterfragen oder ihre eigenen Inhalte begründet zu präsentieren.
Und wo ist jetzt das Problem?
Meiner Ansicht nach birgt diese Entwicklung eine ernsthafte Gefahr: Jasmin Friesen erreicht auf Social-Media-Kanälen vor allem jüngere Menschen, die auf der Suche nach Orientierung im Glauben sind. Sie instrumentalisiert diese Sehnsucht, um rechtskonservative Ansichten unkritisch zu verbreiten.
Friesen nutzt das Vertrauen und die emotionale Nähe ihrer Zuschauer*innen, um auf der Alleingültigkeit der Bibel aufbauend eine politische Agenda zu legitimieren.
Es sind eben nicht nur die Kontakte zu dem vom Verfassungsschutz beobachteten Leonard Jäger, sondern vor allem Aussagen gegen Abtreibung und Homosexualität sowie ein konservatives Rollenverständnis von Mann und Frau, welches Friesen unterstützt. Wer bei Homosexualität davon spricht, dass es nicht in Gottes Ordnung passt und „Transgender-Ideologie“ als etwas beschreibt, dass die Gedanken der Kinder pervertiert, verbreitet nicht einfach nur irgendwelche Glaubensinhalte, sondern rechtskonservative Narrative.5 Im gleichen Atemzug schreibt sie sich in ihren Instagram-Reels die Nächstenliebe auf die Fahne, die bei ihr jedoch scheinbar nur für Gleichgesinnte gilt.
Anhand von Friesen wird klar, wie sie eine digitale Autorität konstruiert, die sich jeder kritischen Reflexion entzieht und stattdessen die Spaltung fördert sowie gezielt bestimmte Personengruppen ausgrenzt. Man darf daher von dem Phänomen neuer religiöser Autoritäten auf Social-Media-Kanälen keinesfalls die Augen verschließen, sondern muss es gezielt beobachten und kritisch hinterfragen.
Hashtag der Woche: #AuthorityMe
1 Vgl. Friesen, Jasmin, Homepage, Story. Designer • Preacher • Speaker • Author, in: https://www.liebezurbibel.com/about?srsltid=AfmBOopw94Jw8wRHx0TV1TFTEN_Ds7ktc-iSCvt64Dgj6hNYX-w7wa_T (Abruf am: 06.06.2026).
2 Vgl. Campbell, Heidi, Digital creatives and the rethinking of religious authority, London 2021.
3 Vgl. O. A., Christfluencer: geschäftstüchtig, fromm, erzkonservativ, in: https://www.deutschlandfunk.de/christfluencer-evangelikale-rechtspopulismus-patriarchal-bibeltreu-keusch-100.html (Abruf am: 08.06.2026).
4 Vgl. Sosna, Caroline, Strategien der Wissensproduktion zur Bibel in einem freikirchlichen Großaccount, in: Pirker, Viera/Paschke, Paula (Hg.), Religion auf Instagram. Analysen und Perspektiven, Freiburg 2023, S. 303-319.
5 Vgl. Wolf, Felix, Christfluencer: Mit Kreuz, Bibel und rechter Agenda?, in: https://www.zdfheute.de/politik/christfluencer-glaube-rechtspopulismus-extremismus-afd-100.html (Abruf am: 19.06.2026).
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