Seit dem 7. Oktober 2023 häufen sich antisemitische Vorfälle, sei es in konkreten Taten, in Boykott-Aufrufen oder in verbalen Ausfällen, die sowohl rechts- wie linkspolitisch geäußert werden. Dabei treten hin und wieder auch die veralteten und disqualifizierten Äußerungen des theologisch begründeten christlichen Antisemitismus auf. Deshalb lohnt es sich auch nach 25 Jahren noch, die lehramtliche bibeltheologische Klarstellung zu christlichem Antisemitismus zu lesen, in deren Argumentation uns Benedikt J. Collinet mitnimmt.

Die Päpstliche Bibelkommission [i.F. PBK] veröffentlichte an Christi Himmelfahrt vor 25 Jahren ihr Dokument „Das jüdische Volk und seine Heilige Schrift in der christlichen Bibel“ (24.05.2001), das mit den Vorbereitungen des Jubiläumsjahrs 2000 und der Vergebungsbitte Johannes Pauls II. an der Klagemauer zusammenfiel. Seine Worte sind eine unhintergehbare hermeneutische Vorgabe geworden, nach der sich auch die PBK richtet (art. 2).

Das Dokument der Päpstlichen Bibelkommission als Wendepunkt

Das Dokument besteht aus vier Teilen, die zunächst an der Heiligen Schrift der Juden als notwendigem Bestandteil des christlichen Bibelkanons festhalten (art. 2–18), gefolgt von einer doppelten Hermeneutik des Ersten Testaments (art. 19–65), der kritischen Darstellungen von Jüd:innen und Judentum im NT und seiner Rezeption (art. 66–83) und beschlossen durch Empfehlungen für die Praxis (art. 84–87).

Bereits der Titel macht deutlich, dass es sich um eine spezifisch katholische Sicht auf die Fragestellung handelt, denn es werden Judentum und Tanach aus Sicht des katholischen Bibelkanons und  seiner Hermeneutik betrachtet. Dies war keine Abwertung der jüdischen Dialogpartner:innen, sondern eine innerkatholische Selbstvergewisserung, die zugleich mit losen Enden aus den Konzilsdokumenten aufräumen wollte, z.B. zur Deutung von NA 4 oder Überlegungen zum Stellenwert des AT in Dei Verbum. Dazu kam, dass es eine verantwortete Position „nach Auschwitz“ brauchte, die zu Beginn der 1960er Jahre noch nicht so klar benannt wurde, wie es seitdem der Fall ist.

Absage an Antijudaismus und Rassismus – neue Grundlagen des Dialogs

So schrieb Joseph Ratzinger als Vorsitzender der PBK in seinem Vorwort zum Dokument:

„Die Bibelkommission konnte aber bei ihrer Arbeit nicht von dem Kontext unserer Gegenwart absehen, in der der Schock der Schoa die ganze Frage in ein anderes Licht getaucht hat […] Können die Christen nach allem Geschehenen noch ruhig Anspruch darauf erheben, rechtmäßige Erben der Bibel Israels zu sein? Dürfen sie mit einer christlichen Auslegung dieser Bibel fortfahren, oder sollten sie sich nicht lieber respektvoll und demütig auf einen Anspruch verzichten? […] Hat nicht die Darstellung der Juden und des jüdischen Volkes im Neuen Testament selbst dazu beigetragen, eine Feindseligkeit dem jüdischen Volk gegenüber zu schaffen, die der Ideologie derer Vorschub leistete, die Israel auslöschen wollten?“

Neben ihm stammten knapp 50% der Mitglieder aus dem erweiterten deutschen Sprachraum, sodass sich eine zusätzliche Sensibilität für die o.g. Fragen und die deutsche Verantwortung ergab. Der PBK kam die schwierige Aufgabe zu, einerseits den christlichen Antisemitismus im Blick auf den Umgang mit der Bibel zu beurteilen, dabei eine verantwortete Position nach Auschwitz vorzulegen (art. 1) und zugleich lehramtlichen Aussagen theologisch nicht vorzugreifen. Das Ergebnis ist eine sorgfältige exegetische und bibeltheologische Auseinandersetzung, die zwar nicht völlig widerspruchsfrei ist, aber im Großen und Ganzen saubere Grundlagen für den jüdisch-katholischen Dialog legte, ohne die Hypotheken der Vergangenheit zu übersehen. Als Schlüssel dient Röm 5–12 (bes. Röm 11,29 „unwiderrufliche Gnade Gottes“ gilt für das Judentum) kombiniert mit breiten Durchgängen durch gemeinsame Bibeltheologie des Ersten Testaments und einem Durcharbeiten der Schriften des NT, deren Fazit unmissverständlich lautet: Das Neue Testament darf „nicht mehr für Antijudaismus in Anspruch genommen werden“ (art. 87).

Das Dokument erteilt an allen Nahtstellen antisemitischen Deutungen der Bibel, seien sie antijudaistisch (theologisch formuliert) oder schlicht rassistisch motiviert, eine klare Absage. Zugleich wird betont, dass das Christentum trotzdem seinen Anspruch auf das Erste Testament nicht zugunsten des Judentums aufgeben kann und auch eine 100% jüdisch akzeptierte Lesart christlich nicht möglich ist, da das christologische Lesen konstitutiv sei (art. 22; 84). Es braucht also beide Seiten, den Respekt vor beiden Traditionen, den Dialog und die gemeinsame Suche nach Gott, wie er je verstanden wird (art. 23–65), daher:

„Ist [Respekt und Liebe für das jüdische Volk] die einzige wirklich christliche Haltung in einer heilsgeschichtlichen Situation, die in geheimnisvoller Weise Teil des ganz positiven Heilsplans Gottes ist“ (art. 87).

Das Dokument vertrat bereits wichtige Grundsätze: Gläubige des Judentums sind die älteren Geschwister im Glauben(anstelle einer verstoßenen Synagoge des Mittelalters) und die Gnade Gottes ist unwiderruflich gegenüber dem Judentum(anstelle einer Substitutionstheorie). Es sollte aber noch dauern, bis die Rede vom „ungekündigten Bund“ und die erst unter Papst Franziskus abgeschlossene Abkehr von der Judenmission vollzogen waren; theologische Konsequenzen etwa für eine ökumenisch-interreligiöse Bundestheologie stehen noch aus.

Offene Spannungen und bleibende Herausforderungen

Daher muss auch auf Schwachstellen des Dokuments hingewiesen werden, die dahin kumulieren, dass die christliche Lesart für kath. Glaubende immer noch die Beste bleiben muss, selbst wenn alles nahezu gleichwertig ist und keinesfalls abwertend sein darf.

Ein Teil der Argumentationsfiguren im Dokument berücksichtigt typologische Aussagen. Es wird zwar versucht, diese mithilfe kanonischer Bibeltheologie, Einordnung der alttestamentlichen Prophetie in jüdische und christliche Bibelauslegung usw. zu aktualisieren, doch es bleibt das Gefühl bestehen, dass der Verweischarakter vom AT auf das NT doch nicht gleichberechtigt mit anderen Lesarten stehen kann, sondern ihnen wenigstens ein bisschen überlegen sein muss (der Logik des ekklesiologischen Inklusivismus des Konzils folgend).

Ein zweiter Versuch ist die Rettung christologischer Aussagen gegenüber dem Judentum, indem das Judesein Jesu positiv und relevant berücksichtigt wird, ein Meilenstein im Dialog bis heute. Dass Jesus der Messias auch für die Juden ist, wird in diesem Dokument noch mehr oder minder selbstverständlich mitgedacht und baut dadurch eine eschatologische Hintertür, die nach wie vor heiß diskutiert ist.

Auch in der Bundestheologie zeigen sich Ungereimtheiten, da die Ankündigung eines erneuerten Bundes aus Jer 31,31-40 vorkommt (art. 39; 85), wobei der Sinaibund zwar nicht mehr ersetzt wird (Substitution), gleichzeitig aber der neue Bund in Christus betont wird, d.h. es wird in der Schwebe gehalten.

Ein letzter Punkt ist die Rede vom Fortschritt, der fünfmal vorkommt, davon dreimal in den Schlussfolgerungen (art. 84; 86; 87). In art. 40; 64 wird von einem Fortschritt im NT gesprochen, der sich jenseits von Kontinuität oder Diskontinuität zur Theologie des Ersten Testaments bewegt und dabei auch zu Brüchen führen kann. Fortschritt ist m.E. an diesen Stellen ein Versuch, die christologische Überlegenheit neu zu fassen, da das Christentum sie in seinem Anspruch nicht aufgeben kann, zumindest nicht mit den theologischen Konzepten, die aktuell zur Verfügung stehen (auch nicht des religiösen Pluralismus). Zum christlichen Bekenntnis gehört Christus als Gott notwendig dazu, aus der NT-Offenbarung ergibt sich eine Lesart des Ersten als Altem Testament, das heilsgeschichtlich notwendig und historisch nicht überholt ist. Ob man es in den jüdischen oder christlichen Auslegungsgemeinschaften liest, deutet, glaubt und feiert, ist eine Entscheidung, die nicht im Nachhinein theologisch geglättet werden kann, doch sie muss auch kein unüberwindlicher Graben sein. Ein Ansatz kann sein, die moderne Idee des ewigen Fortschritts und Wachstums aufzugeben und nach Neuanfängen, Scheitern oder ganz anderen Konzepten zu suchen. 25 Jahre Absage an den christlichen Antisemitismus und seine Bibellektüre sind ein Grund zum Innehalten und Feiern, dann aber ist noch viel Arbeit zu tun.

Hashtag der Woche: #jüdisch-katholischerDialog


(Beitragsbild: @Jessica Mangano via Unsplash)

dr. benedikt j. collinet

studierte katholische Theologie, Religionswissenschaften und Komparatistik. Er ist habilitiert im HB/AT. Neben Biblischer Theologie und Hermeneutik interessiert er sich für Postkolonialität, Kirchenpolitik, kritische Männerforschung, erzählende Texte und Filme.

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