Magdalena ist seit ein paar Monaten Mutter, Christoph ist Vater von zwei Kindern. Die beiden sprechen über Rollenerwartungen, Gott in prekären Verhältnissen und darüber, warum ein Buggy kein Rasenmäher ist.

Magdalena: An meinem ersten Muttertag als Mama frage ich mich: Wie lief das eigentlich ab, dieses Mama-Werden? Seit wann bin ich das? Während der Schwangerschaft bekommt frau oft zu hören: Genießt noch die Zeit zu zweit! Macht noch einen Urlaub! Schlaf so viel du kannst! Für mich war die Schwangerschaft sehr anstrengend und fast durchgehend mit Übelkeit und anderen Unannehmlichkeiten verbunden. Und dann diese Ratschläge, ich solle es genießen. Ich hab dann meistens reagiert mit: „Wir sind ja schon zu dritt.“ Aber nein: wenn das Kind dann da ist, ist es etwas anderes. Man kann sich vorbereiten, aber eigentlich auch nicht, weil man nie weiß, wie es wirklich wird. Jedes Kind ist anders – aber es ist wirklich ein aufregendes Abenteuer, dieses Eltern-Sein.

Christoph: Ich habe das Gefühl, dass sich beim Sprechen über das Eltern-Sein etwas verändert. Ich scheue mich nicht davor, auch über die Aspekte des Eltern-Seins zu sprechen, die einen sehr fordern und manchmal auch überfordern. Das ist einerseits gut und wichtig, auch im Sinne einer Selbstaufklärung der Gesellschaft. Und andererseits beschleicht mich manchmal das Gefühl, nicht zu sehr über die negativen Dinge zu sprechen, um den Freund:innen, die noch Eltern werden wollen, kein schlechtes Gefühl zu geben. Das hast du ja beschrieben, diese Ratschläge, die man dann bekommt. Aber es ist nun mal so, wie du sagst: das aufregende Abenteuer ist dann plötzlich da.

Magdalena: Ja, trotz der Schwangerschaft, trotz des Spürens des Kindes in mir, kann ich rückblickend sagen: dieses Mutter-werden ist bei mir mit der Geburt passiert. Ich habe auch mal den Satz gehört „Mit der Geburt des Kindes wird auch die Mutter geboren“ und ich finde, das stimmt. Also ich habe das zumindest so erlebt, dass danach nichts mehr so ist wie es vorher war und ich mich auch anders fühle. Ich denke schon, dass es da einen Unterschied gibt zwischen der gebärenden Person und der Partnerperson, die (wenn möglich) bei der Geburt dabei ist und ihr die Hand hält oder den Rücken stärkt. Viele Mütter haben mir erzählt, es gibt einen Moment während der Geburt, da glaubst du, du kannst nicht mehr und dann ist es bald vorbei und du hast es geschafft. Ich hatte eigentlich mehrere solcher Momente, aber es war auch wirklich so, dass ich am Schluss dachte, wenn das noch lange so weitergeht, ist es aus mit mir. Und gleichzeitig war der Gedanke da, ich muss weitermachen, denn das einzige, das jetzt noch wichtig ist, ist, dass mein Kind gesund auf die Welt kommt und was mit mir passiert, ist mir eigentlich egal. Das klingt jetzt sehr theatralisch, aber ich konnte an nichts anderes denken in dem Moment, außer, dass ich für mein Kind durchhalten muss. Und rückblickend ist das der Moment, von dem ich sagen würde, dass ich Mama geworden bin.

Christoph: Das Ereignis Geburt ist meiner Meinung eines der verrücktesten Dinge dieser Welt. Und das sage ich als jemand, der zwar zweimal dabei war, aber selbst nicht geboren hat. Es gibt Dinge, die sind nicht nachvollziehbar, wenn man(n) sie selbst nicht erlebt hat: und die Geburt gehört definitiv dazu. Hannah Arendt beschreibt das mit ihrem Konzept der Natalität sehr anschaulich.1 Was wäre denn die Welt ohne das Wunder der Geburt? Der Spielfilm „Children of Men“ entwirft dieses Szenario. Ohne zu spoilern, kann ich sagen: es ist keine sonderlich erstrebenswerte Version dieser Welt. Mit der Geburt verändert sich das Leben schlagartig: der neue Mensch ist da und braucht rund um die Uhr versorgende und liebende Zuneigung. Und dabei haben wir noch gar nicht über die Rahmenbedingungen der Geburt gesprochen.

Magdalena: Du sagst es: Wir leben glücklicherweise in Ländern, in denen wir eine gute Gesundheitsversorgung haben und Hebammen als Alltagsheldinnen den Geburtsprozess begleiten. Deshalb muss ich als Frau nicht unbedingt Angst vor einer Geburt haben: hygienische Bedingungen, Unterstützung von Hebammen und Ärzt*innen, Überwachung des Kindes während des gesamten Geburtsprozesses. Es ist aber trotz allem eine intensive Erfahrung, die schon gewisse Risiken birgt.

Christoph: Umso wichtiger ist es, dass wir alle gemeinsam für gute Bedingungen rund um die Geburt einstehen.2 Und dann stelle man sich mal vor, wie das vor 2000 Jahren in Betlehem gewesen sein muss!

Magdalena: Wenn wir die biblische Geburtserzählung daneben legen, wird einem klar, welche Stärke hinter den wenigen Sätzen steckt, die wir im Lukasevangelium lesen können (Lk 2, 6-7): Hygiene gleich null; in einem Unterstand für Tiere; Unterstützung durch eine Hebamme? Wahrscheinlich nicht. Und dann kommt da einfach Gott auf die Welt. Wie krass ist das? Wir können einfach nur jedes Mal dankbar sein, wenn bei einer Geburt alles gut gegangen ist.

Christoph: Ja, und die biblische Geschichte führt uns vor Augen, dass diese sichere Geburt, so wie wir sie in unseren Breitengraden kennen, nicht selbstverständlich ist – sondern dass es so viele Menschen auf dieser Welt gibt, die eben nicht solche vergleichsweise sicheren Geburtserfahrungen machen können.3 Da denke ich mir dann immer: In diesem christlichen Glauben steckt so viel Lebensfülle drin, diese biblische Botschaft hat für das Hier und Jetzt so viel zu sagen: Der christliche Gott ist nicht auf Erden als glorreicher, irdischer Herrscher erschienen, nein, er wurde in äußerst prekären Verhältnissen in diese Welt hineingeboren, in eine Patchwork-Familie, in der die Rollen auch aus heutiger Perspektive alles andere als „normal“ und „gesellschaftskonform“ verteilt waren. Da ist so viel Platz für die Vielfalt von Lebensentwürfen. Da ärgere ich mich dann immer, wenn manche kirchliche Stimmen meinen, diese Weite, die in der Bibel und der Tradition der Kirche vorhanden ist, zurechtstutzen zu müssen.

Magdalena: Da sind wir gleich beim nächsten heißen Eisen: Gender Matters. Unsere Tochter liegt in einem blauen Kinderwagen und hatte im Winter einen blauen Wollanzug an und wenn ich dann sagte, sie ist ein Mädchen, dann kam als Reaktion häufig: „Das sieht man gar nicht“ oder „Warum ist sie dann ganz blau angezogen?“ Das ärgert mich jedes Mal so, weil ich mir denke: Sie ist ein Baby, sie hat was Nettes an und ihr ist nicht kalt – das ist doch das Wichtigste! Und überhaupt sind Farben für alle da! Ich kann mir vorstellen, dass es später bei Geschenken und Spielsachen noch klarer unterschieden wird. Wie ist das mit deinen Söhnen? Fällt dir das auf?

Christoph: Habe ich genauso auch erlebt: rosa Pulli und schon irritiert der männliche Name aufgrund der weiblich gelesenen Kleidungsfarbe. Und auch bei den Geschlechterrollen der Eltern. Wenn meine Frau mit den beiden Kindern unterwegs ist, stellt das für alle den Normalzustand dar. Bin ich derjenige, der mit den beiden unterwegs ist, werde ich angelächelt, angesprochen und man liest aus diesen Begegnungen den Subtext heraus: Toll, wie sich dieser Vater um seine Kinder kümmert! Macht‘s die Frau, entspricht es der gesellschaftlichen Erwartung, macht‘s der Mann, ist es eine Ausnahme. Auch bei den Kindern gibt es diese Rollenerwartungen. Mein Lieblingsbeispiel ist folgendes: Ich war mit meinem Sohn auf dem Spielplatz und habe einen Vater und einen Großvater mit dem Sohn bzw. Enkel beobachtet. Der hat dort so einen Buggy für Babypuppen rumgeschoben, der auf dem Spielplatz rumstand und der ihm nicht gehört hat. Darauf der Vater zum Kind: „Mit was spielst du denn da?“ Das Kind ist im Spiel vertieft und antwortet nicht. Darauf der Opa: „Na, was ist denn das?“ Der Vater: „Ein Rasenmäher?“ Der Opa: „Ja, ein Rasenmäher!“ Mir geht‘s bei diesen Beispielen nicht darum, diesen Leuten eine böse Absicht zu unterstellen oder das Verhalten als negativ abzustempeln. Mir ist es wichtig, Sensibilität dafür mitzubringen, dass Gender, also das, was wir unter „männlich“, „weiblich“, „Vater“, „Mutter“, „Eltern“ oder sonstigen Zuschreibungen verstehen, keine unveränderbaren Größen sind, sondern dass es okay ist, Dinge anders zu machen und dass das genauso normal ist.

Hashtag der Woche: #Elternzeit


Beitragsbild: @laurenlulutaylor

1 Springer, Katja, Natalität als Grundstruktur des Daseins in der Philosophie Hannah Arendts, Stuttgart 2018.

2 Vgl. tagesschau.de, Fast jede zweite Hebamme denkt ans Aufhören: https://www.tagesschau.de/inland/gesellschaft/hebammen-studie-existenzaengste-100.html [10.05.2026].

3 Die österreichische Initiative mutternacht macht jedes Jahr am Vorabend zum Muttertag auf Müttersterblichkeit weltweit aufmerksam. Vgl. https://www.mutternacht.at [10.05.2026].

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