Wie entsteht zwischen Kulturen und Religionen ein echtes Für- und Miteinander? Patrick Lindermüller gibt Einblick in das Engagement des Jungen Dialogs der Religionen Augsburg – eine Initiative, die interkulturelle und -religiöse Begegnungen aktiv mitgestaltet.
Ausgangspunkt: Der Blick auf Probleme oder Chancen?
Augsburg, die drittgrößte Stadt Bayerns, ist ein Spiegelbild unserer modernen Gesellschaft. Mit Einwohner:innen aus 162 Nationen lässt sich hier – gewissermaßen in einer Nussschale – das kulturelle Bild der ganzen Welt finden. Jede:r zweite Augsburger:in hat eine Migrationsgeschichte. Diese Vielfalt ist historisch gewachsen: Von den Heimatvertriebenen nach dem Zweiten Weltkrieg über die sog. ‚Gastarbeitergenerationen‘ aus der Türkei, Griechenland und dem ehemaligen Jugoslawien bis hin zu den Spätaussiedler:innen und Kontingentflüchtlingen der 90er Jahre.1
Was für Augsburg gilt, lässt sich auf fast alle deutschen Metropolen übertragen. Ob Frankfurt, Hamburg, Berlin oder München – unsere urbanen Zentren sind kulturell und religiös vielfältige Lebensräume. In der medialen und politischen Debatte liegt der Fokus dabei oft auf den Reibungspunkten. Es wird thematisiert, was nicht funktioniert, oder gar gefordert, dass sich das ‚Stadtbild‘ ändern müsse.2
Natürlich birgt das Aufeinandertreffen unterschiedlicher Kulturen potenziell Konflikte, doch diese einseitige Sichtweise überdeckt oft das Wesentliche: das, was im Alltag bereits funktioniert. Viel zu selten blicken wir darauf, warum das Zusammenleben gelingt und wer dazu beiträgt, dass aus einem Nebeneinander ein echtes Miteinander wird. Wollen Probleme gelöst werden, ist es ratsam, hierauf einen Fokus zu legen.
Dieses Gelingen geschieht jedoch nicht von allein, sondern wird auf ganz unterschiedlichen Ebenen aktiv gestaltet, etwa
- wissenschaftlich durch Tagungen, die fundierte Analysen und Strategien für das Zusammenleben liefern,
- aktivistisch in Begegnungscafés, wo Barrieren im direkten Gespräch abgebaut werden,
- und medial durch Preisverleihungen, die Vorbilder ehren und positive Geschichten in die Öffentlichkeit tragen.
Um einen konkreten Impuls für das eigene Handeln zu geben, möchte ich ein Projekt vorstellen, das zeigt, wie eine Idee zur Initiative wird und das Gesicht einer Stadt positiv mitgestalten kann: den Jungen Dialog der Religionen (JDR) Augsburg.
Der Junge Dialog der Religionen Augsburg – eine Chanceninitiative
Die Geburtsstunde des JDR schlug im Jahr 2018 als Reaktion auf den AfD-Parteitag in Augsburg. Damals schlossen sich verschiedene religiöse Jugendverbände mit der jungen Stadtgesellschaft zusammen, um „ein Zeichen für Toleranz“3 zu setzen. Damit steht der JDR in der demokratiefördernden Tradition religiöser Jugendverbände, wie sie der Theologe Andreas Renz beschreibt:4
„Die Jugendverbände werden so zu Orten des Dialogs, des Einanderzuhörens, des Ernstnehmens des Gegenübers, des zivilisierten Streitens und Ringens, des Kompromisses und der Toleranz. Und deshalb sind sie auch wichtige Orte des Einübens von Demokratie und demokratischer Regeln. Sie bieten die Chance und die Möglichkeit von Partizipation und wirken gegen religiöse Diskriminierung.“5
Um diesen theoretischen Anspruch in die Lebenswelt junger Augsburger:innen zu übersetzen, hat der JDR in den vergangenen Jahren verschiedene Formate ins Leben gerufen.6 Exemplarisch stehen hierfür interreligiöse Stadtrundgänge mit Besuchen unterschiedlicher Gotteshäuser, Filmabende, sowie ein interaktiver Actionbound (Schnitzeljagd), der die religiöse Vielfalt Augsburgs digital im Stadtraum erfahrbar macht. Ein besonderes Highlight war ein ‚Ruheort‘ auf dem Modular-Festival, der inmitten des Trubels Raum für Reflexion bot und zeigte, dass Spiritualität ein natürlicher Teil der Jugendkultur sein kann.7
Ein interreligiöser Friedhofsrundgang8 – Ein Beispielprojekt
Diese Projekte machen deutlich, wie aus dem bloßen Wissen umeinander ein aktives Für- und Miteinander wird. Im Folgenden wird anhand des interreligiösen Friedhofsrundgangs exemplarisch verdeutlicht, wie ein solches Projekt konkret aussieht, und wie dadurch ein echtes Für- und Miteinander entsteht.
Mit rund 20 Teilnehmer:innen führte die Friedhofsexkursion am 19. April über drei wesentliche Stationen: den jüdischen Friedhof an der Haunstetter Straße, geführt von Xaver Deniffel, sowie die christlichen und muslimischen Grabfelder auf dem Gelände des Protestantischen Friedhofs. Letztere wurden von der Kulturwissenschaftlerin Dr. Marlene Lippock und dem muslimischen Jugendgruppenleiter Volkan Suluyayla begleitet.
Die Führung ermöglichte es den Teilnehmenden, verschiedene Begräbniskulturen nicht nur theoretisch zu studieren, sondern unmittelbar wahrzunehmen. Im Vergleich der Traditionen wurden kulturelle ‚Hintergrundcodes‘ erhellt, die oft unbewusst unser Bild vom Gegenüber prägen. So wurde deutlich, dass die eigentliche Unauflöslichkeit jüdischer Gräber in starkem Kontrast zur zeitlich begrenzt-praktizierten Ruhefrist im christlichen Bereich steht, oder dass der Blumenschmuck auf christlichen Gräbern im Judentum durch das Ablegen von Gedenksteinen ersetzt wird.
Besonders eindrücklich zeigte sich der Dialogcharakter bei der Betrachtung der Bestattungsrituale. Während das christliche Umfeld (noch) meist den Sarg als Norm kennt, rückt im jüdischen und muslimischen Kontext die Bestattung im Leinentuch in den Fokus – eine Praxis, die mittlerweile auch in Deutschland rechtlich zunehmend ermöglicht wird. Ein tiefgehender Moment der Verständigung entstand bei der Erklärung einer muslimischen Tradition: Die Gemeinde wird am Grab gefragt, ob sie dem Verstorbenen etwaige Schulden oder Verfehlungen vergebe. Dies verdeutlichte den Anwesenden ein zentrales ethisches Prinzip: Dass Versöhnung eine Ebene zwischen Menschen ist, die aktiv gestaltet werden muss und nicht allein durch göttliche Instanz ersetzt werden kann.
Der Rundgang zeigte jedoch auch, dass Religionen keine statischen Blöcke sind, sondern sich – genau wie die Stadt Augsburg selbst – im ständigen Wandel befinden. Die ‚jüdische Aufklärung‘ um 1900, die Erfahrungen der Weltkriege oder die postsowjetische Einwanderungswelle der 1990er-Jahre hinterließen jeweils ihre eigenen Spuren und Symbole auf den jüdischen Grabplatten. Selbst die Aussegnungshalle des protestantischen Friedhofs zeugt von dieser Dynamik: In ihrem Bemühen um eine neutrale Gestaltung spiegelt sie den modernen Anspruch wider, einen Raum für alle Bürger der Stadt zu bieten, ohne die eigene historische Identität, erkennbar an der Kreuzsymbolik, zu verleugnen.
Die Metaebene: Pluralistische Religionspädagogik als Hintergrundkonzept der JDR-Initiative
Begibt man sich auf eine Metaebene, so sucht der JDR praktisch umzusetzen, was aktuelle Konzepte einer pluralistischen Religionspädagogik, wie sie etwa Andreas Obermann vertritt, als Ziel formulieren. Diesen geht es nicht darum, einer „theologische[n] Beliebigkeit“9 Tür und Tor zu öffnen, sondern die Menschen darin zu unterstützen, „gemeinsame[…] Überzeugungen bei gleichzeitiger Wahrung von unterschiedlichen Vorstellungen“10 auszuformulieren. Hierzu ist ein „qualifizierter Dialog“11 notwendig, wie er bei solchen Begegnungen zwischen jüdischen, christlichen und muslimischen Grabfeldern angestrebt wird.
Das Fundament bildet dabei der theologische Gedanke der Inklusivität Gottes. Dieser fordert dazu auf, konsequent „in Beziehung zu denken“12 – eine Haltung, welche „die Offenheit einer Gemeinschaft mit allen religiösen – und nichtreligiösen – Menschen gewissermaßen konstitutiv aus sich heraus“13 setzt.
Ausgehend von einem solchen Konzept ermöglichen Begegnungen wie die in Augsburg ein echtes Miteinander. Wer lernt, die Zeichen und Riten der Nachbar:innen zu lesen, verliert die Fremdheit vor ihnen. Initiativen und Projekte wie die des Jungen Dialogs der Religionen beweisen damit, dass die Gestaltung einer kulturell und religiös vielfältigen Zukunft gelingen kann – theoretisch wie praktisch. Sie kann gelingen, wenn wir bereit sind, die Perspektive des:der anderen einzunehmen und ihm:ihr unsere eigene Sichtweise verständlich zu machen. Dieser Weg der Verständigung reicht über alle Lebensphasen hinweg: angefangen im Kinderbett bis hin zu den Orten unserer letzten Ruhe. Und sie ermöglicht dazwischen – zeitlich, örtlich und menschlich gedacht – das Gelingen eines kulturell und religiös vielfältigen Miteinanders.
Hashtag der Woche: #FürundMiteinander
(Beitragsbild: @Charlotte Fosdike / Unsplash)
1 Vgl. Stadt Augsburg: Migration und Vielfalt in unserer Stadt, abgerufen unter: https://www.augsburg.de/buergerservice-rathaus/gesellschaftliche-integration/migration-und-vielfalt, abgerufen am: 08.05.26.
2 Vgl. Grasnick, Belinda: Merz‘ Problem mit dem ‚Stadtbild‘, in: tagesschau.de, abgerufen unter: https://www.tagesschau.de/inland/innenpolitik/merz-stadtbild-migration-100.html , abgerufen am: 08.05.26.
3 Junger Dialog der Religionen Augsburg, abgerufen unter: https://www.bdkj-augsburg.de/aktionen/jddr , abgerufen am: 08.05.26.
4 Vgl. Junger Dialog der Religionen Augsburg, abgerufen unter: https://www.bdkj-augsburg.de/aktionen/jddr , abgerufen am: 08.05.26. Mehr unter: www.instagram.com/junger.dialog.aux.
5 Vgl. Andreas Renz: Welche Bedeutung haben konfessionelle Jugendverbände für unsere Demokratie? Einige Thesen (S. 32-35), in: Bayerischer Jugendring (Hg.): Dialog für Demokratie. Demokratisch, religiös, vielfältig, München 2018, S. 33.
6 Gleichzeitig sei nicht verschwiegen, dass aufgrund unterschiedlicher struktureller Bedingungen verschiedener religiöser Traditionen ein Ungleichgewicht herrscht, was die Teilnahme/Gestaltung solcher Projekte angeht sowie, dass sich auch hier ein Rückgang an Gestalter:innen und Teilnehmer:innen zeigt. Ein Projekt ist als TV-Beitrag zugänglich: Stadtrundgang des jungen Dialogs der Religionen | katholisch1.tv.
7 Vgl. Junger Dialog der Religionen Augsburg, abgerufen unter: https://www.bdkj-augsburg.de/aktionen/jddr , abgerufen am: 08.05.26.
8 Die Beschreibungen resultieren aus einem Erfahrungsbericht von Michael Rösch, Mit-Organisator des Jungen Dialogs der Religionen Augsburg und des Friedhofrundgangs.
9 Obermann, Andreas: religiöse Bildung durch dialogische Begegnung: Religiöse Identitäten ausbilden durch eine pluralistische Religionspädagogik (S. 9f.), in: RPI-Info: Interreligiöse Konzepte im Gespräch – ein Update, Marburg 2024, S. 9.
10 Obermann, Andreas: religiöse Bildung durch dialogische Begegnung, S. 9.
11 Obermann, Andreas: religiöse Bildung durch dialogische Begegnung, S. 9.
12 Obermann, Andreas: religiöse Bildung durch dialogische Begegnung, S. 10.
13 Obermann, Andreas: religiöse Bildung durch dialogische Begegnung, S. 10.