Hexen erzählen heute eine neue Geschichte – aus der gefürchteten und verfolgten Figur hat sich ein Symbol für Selbstbestimmung und Widerstand entwickelt. Verena Pfaff wirft einen Blick in die Kirchengeschichte: Wie wird das Hexenbild der Frühen Neuzeit im feministischen Aktivismus neu gedeutet?

Auf TikTok zeigen User:innen unter dem Hashtag #WitchTok, wie man zur Hexe wird. Sie sprechen Zaubersprüche, erklären die Wirkung von Kristallen und Kräutern und teilen spirituelle Rituale. Auf der Plattform Etsy verkaufen sogenannte Etsy-Hexen Liebeszauber, Flüche gegen Feinde und Glücksrituale. Ob in den sozialen Medien, in Filmen und Serien oder in der Literatur: Die Hexe ist zurück – und scheint aktuell ziemlich im Trend zu liegen.

Die Darstellungen greifen dabei häufig auf Klischees zurück, sind unpolitisch und setzen auf Esoterik und kommerzielle Vermarktung. Doch vor allem in feministischen Kontexten hat sich eine alternative Deutung etabliert: Die Hexe als politische Figur des Widerstands gegen patriarchale Machtstrukturen.1

Ursprung des Hexenglaubens und der Hexenverfolgung

Der Glaube an Hexen geht auf volkstümliche Vorstellungen zurück und entwickelte sich vermutlich aus Überresten heidnischer Naturkulte. Anfangs begegnete die Kirche diesem Glauben zwar skeptisch, aber weitgehend zurückhaltend.  Doch ab dem 13. Jahrhundert wandelte sich diese Haltung: Hexerei wurde als Häresie eingestuft und entsprechend verfolgt. Zeitgleich steigerte sich auch in der Gesellschaft die Angst vor vermeintlich magisch begabten Menschen zu einem regelrechten ‚Hexenwahn‘.2

In Europa wurden zwischen 1430 und 1750 in ungefähr 100.000 Verfahren zwischen 40.000 und 60.000 Menschen auf Grund von Hexerei hingerichtet. Auch Männer wurden dabei Opfer der Hexenprozesse. Jedoch besteht ein Verhältnis von etwa 5:1 zwischen Frauen und Männern, die hingerichtet wurden.3

Der Hexenhammer: Heinrich Kramer und seine Konstruktion der ‚Frau als Hexe‘

Heinrich Kramer (1430-1505), Dominikanermönch und Beauftragter der Kirche zur Verfolgung von Häresie in Süddeutschland, gilt als einer der einflussreichsten Theoretiker der Hexenlehre in der Frühen Neuzeit. Mit seinem Werk Malleus maleficarum (1486 oder 1487), deutsch (Der) Hexenhammer, trug er maßgeblich zur Entwicklung der Hexenverfolgung im 16. und 17. Jahrhundert bei und prägte die Vorstellung von Hexerei als überwiegend weiblichem Phänomen.4

Kramer stellt sich die Frage, „warum bei dem so gebrechlichen Geschlechte diese Art der Verruchtheit mehr sich findet als bei den Männern“5und findet die Antwort darin, dass Frauen von Natur aus schlecht seien: Sie seien wesensgemäß gekennzeichnet durch einen Mangel an Verstand und würden daher schneller am Glauben zweifeln. Außerdem seien sie durch Affekte und Leidenschaften – beispielsweise von Zorn oder Neid – getrieben, wodurch sie zu Rache neigten. Kramer schreibt Frauen eine zerstörerische Kraft zu und nennt unter anderem die Stadt Troja und das römische Reich als Beispiele.6

Dass Frauen in der Hexerei überhaupt mit Dämonen zusammenwirkten, erklärt Kramer damit, dass sie ihre Begierden stillen wollten. Letztlich sei dies auf die Öffnung der Gebärmutter zurückzuführen. Auf Grundlage dieser Argumentation schlussfolgert Kramer: „Daher ist es kein Wunder, daß es eine solche Menge Hexen in diesem Geschlechte gibt.“7

Mit dem Hexenhammer konstruierte Kramer ein Bild von Frauen als Feindinnen der Kirche und des Christentums und betrachtete sie als grundlegende Bedrohung der Menschheit. Die Verfolgung und Hinrichtung von Hexen sah er daher als legitim an, denn nur so konnte seiner Ansicht nach das Böse abgewehrt und ein Beitrag zur Erlösung der Christenheit geleistet werden.8

Feministischer Aktivismus: Die historische Figur der Hexe wird neu gedeutet

Feminist:innen geht es, wenn sie die Figur der Hexe in aktivistischen Kontexten verwenden, meist nicht darum, die Vergangenheit möglichst genau wiederzugeben und einem historischen Bild der Hexe zu entsprechen. Vielmehr vermischen sich historische Elemente mit sozialen Vorstellungen und Projektionen.9 Die Autorin und Journalistin Rebekka Endler schreibt in ihrem 2025 erschienen Buch Witches, Bitches, It-Girls:

„Wir brauchen eine Haltung Hexen gegenüber, die einerseits respektvoll mit der leidvollen Geschichte umgeht und gleichzeitig die positiven Aspekte der anachronistischen Ikone beibehält. Schließlich hat die Hexe auf das Potenzial, zu stören und patriarchale Geschlechterrollen zu durchbrechen.“10

Seit den späten 1960er-Jahren ist die Figur der Hexe durch Kostüme, Schilder oder Rituale im feministischen Aktivismus präsent: 1967 verkleideten sich Frauen als Hexen und demonstrierten in den USA gegen den Vietnamkrieg11, 2018 in Frankreich gegen eine Reform des Arbeitsrechts12. Feminist:innen greifen die Figur bewusst auf und prägen ein neues Deutungsmuster, nämlich „Hexen als machtvolle, eigensinnige, unbequeme Frauen“13

Eigenschaften, die der Hexenhammer Frauen negativ zuschreibt, werden als positive Macht verstanden: Die Hexe wird vom Opfer der Verfolgung zu einer rebellischen Figur, die genutzt wird, um bestehende Strukturen der Unterdrückung sichtbar zu machen. In diesem Zusammenhang wird auch betont, dass das Bild der Hexe vor allem durch die Perspektive männlicher Geschichtsschreibung geprägt ist. Sowohl die philosophisch-theoretische Auseinandersetzung als auch die Dokumentation von Verhörprotokollen und Gerichtsurteilen sowie deren spätere Auswertung fanden überwiegend durch Männer statt.14

Als feministisches Symbol ist die Hexe heute Ausdruck weiblicher Selbstbestimmung und des Widerstands:

„Die Vorstellung von Hexenkraft unterstützt dabei, das Gefühl zu überwinden, einer Übermacht schutzlos ausgeliefert zu sein, und die Kraft für Politisierung, Aktivismus und Auflehnung gegen unterdrückerische Systeme zu entfalten.“15

Hashtag der Woche: #FeministWitches


(Beitragsbild @Ksenia Yakovleva / Unsplash)

1 Vgl. Stitz, Melanie/Berntsen, Tina: Hexenglaube. In: Wir Frauen. Das feministische Blatt 39/3 (2020). Online unter: https://wirfrauen.de/hexenglaube/ (Stand: 01.04.2026).

2 Vgl. Lommatzsch, Ina: Der Malleus Maleficarum (1478) und die Hexenverfolgung in Deutschland. In: Dubruck, Edelgard E./Even, Yael (Hg.): Fifteenth-Century Studies. A Special Issue on Violence in Fifteenth-Century Text and Image (Vol. 27). Rochester 2002, S. 186f.

3 Vgl. Quensel, Stephan: Hexen-Politik im frühmodernen Europa (1400-1800). Wiesbaden 2022, S. 5.

4 Herzig, Tamar: Flies, Heretics, and the Gendering of Witchcraft. In:  Magic, Ritual, and Witchcraft 5/1 (2010), S. 53ff.

5 Kramer, Heinrich: Malleus Maleficarum. Der Hexenhammer. Erster Teil. Berlin 1923, S. 65.

6 Vgl. ebd., S. 65ff.

7 Ebd., S. 71.

8 Vgl. Stange, Jörg: Zur Generalisierung, Klassifizierung und Stigmatisierung der ‚Frau als Hexe‘. Ein Beitrag zur Erklärung der Hexenverfolgung am Beispiel des ‚Malleus maleficarum‘. Göttingen 2021, S. 591f.

9 Vgl. Bovenschen, Silvia: Die aktuelle Hexe, die historische Hexe und der Hexenmythos. Die Hexe: Subjekt der Naturaneignung und Objekt der Naturbeherrschung. In: Becker, Gabriele/Bovenschen, Sivlia/ Brackert, Helmut u.a. (Hg.): Aus der Zeit der Verzweiflung. Zur Genese und Aktualität des Hexenbildes. Frankfurt 1977, S. 261.

10 Endler, Rebekka: Witches, Bitches, It-Girls. Wie patriarchale Mythen uns bis heute prägen. Hamburg 2025, S. 263f.

11 Vgl. ebd.

12 Vgl. Calla, Cécile: Die Rückkehr der Hexen. Online unter: https://www.zeit.de/kultur/2018-10/feminismus-hexen-bezeichnung-negativitaet-symbol-weibliche-selbstermaechtigung-10nach8. (Stand: 01.04.2026).

13 Stitz, Melanie/Berntsen, Tina: Hexenglaube. In: Wir Frauen. Das feministische Blatt 39/3 (2020). Online unter: https://wirfrauen.de/hexenglaube/ (Stand: 01.04.2026).

14 Vgl. Bennewitz, Ingrid: Die Hexen sind zurück!: Hexenbild und Hexenkult im feministischen und esoterischen Kontext des New Age. In: Müller, Ulrich/Verduin, Kathleen (Hg.): Gesammelte Vorträge des V. Salzburger Symposions. Göppingen 1996, S. 311.

15 Vgl. Weißkopf, Daniela: Die Hexe als Ausdrucksform sozialer Bewegungen. In: Wir Frauen. Das feministische Blatt 39/3 (2020). Online unter: https://wirfrauen.de/die-hexe-als-ausdrucksform-sozialer-bewegungen/ (Stand: 01.04.2026).

verena pfaff

hat Philosophie, Politikwissenschaft, Theologie und Anglistik in Freiburg und Wien studiert und eine Journalismusausbildung am Institut für publizistische Ausbildung absolviert. Aktuell schließt sie ihren Master „Christentum in Kultur und Gesellschaft“ in Münster ab.

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