Was bedeutet Antifeminismus – und vor welche Herausforderungen stellt er unsere Gesellschaft? Patricia Seidel untersucht die historische Entwicklung des Begriffs und zeigt, wie vielschichtig er sich heute zeigt.

558 dokumentierte antifeministische Vorfälle allein im Jahr 2024: Diese Zahl aus dem Zivilgesellschaftlichen Lagebild Antifeminismus 2024 macht deutlich, dass Antifeminismus längst kein Randphänomen mehr ist.1 Menschen werden bedroht, beleidigt oder gezielt eingeschüchtert, weil sie sich für Gleichstellung einsetzen.Die Frage ist deshalb nicht mehr, ob Antifeminismus gesellschaftlich relevant ist – sondern wie wir ihn heutzutage überhaupt verstehen können.

Feminismus: Mehr als ein einziges Projekt

Wer über Antifeminismus spricht, muss zuerst über Feminismus sprechen. Doch genau das ist komplizierter, als es auf den ersten Blick scheint.

Der Begriff Feminismus geht auf Charles Fourier zurück, hat sich aber historisch stetig verändert und meint kein einheitliches politisches Lager,2 sondern eine Vielfalt an kritischen Ansätzen, die sich gegen Ungleichheitsverhältnisse und geschlechtsspezifische Macht richten. Gemeinsam ist ihnen die Forderung nach Selbstbestimmung, Gleichheit und politischer Teilhabe. Wichtig ist dabei die Unterscheidung zwischen Feminismus, Frauenbewegung und Geschlechterforschung: Frauenbewegungen zielen auf praktisch-politische Veränderung ab, während Geschlechterforschung feministische Impulse wissenschaftlich reflektiert.3

Antifeminismus ist älter als Social Media

Als Gegenreaktion auf das Erstarken feministischer Bewegungen entstand der Antifeminismus.4 Heute erscheint er wie ein Produkt digitaler Kulturkämpfe – tatsächlich reicht seine Geschichte aber weit zurück.

Bereits im Deutschen Kaiserreich entwickelte sich antifeministischer Widerstand als Reaktion auf gesellschaftliche Veränderungen: Frauen erhielten den Zugang zu Bildung sowie Erwerbsarbeit5 und erschienen daher als ökonomische und soziale Konkurrenz.6 Der zu dieser Zeit von Hedwig Dohm geprägte Begriff Antifeminismus bezeichnete gezielte Angriffe auf die Frauenbewegung und den Schutz traditioneller Geschlechterordnungen und war mit Nationalismus, Antisemitismus und Homophobie verbunden.7

Im Nationalsozialismus wurde Antifeminismus zu einem integralen Bestandteil staatlicher Ideologie. Binäre, hierarchische Geschlechterrollen dienten bevölkerungspolitischen und rassistischen Zielen. Doch auch nach 1945 blieben patriarchale Normen trotz rechtlicher Gleichstellung in Gesellschaft und Gesetzgebung bestehen. Erst die Frauenbewegungen der 1960er- und 1970er-Jahre stellten gesellschaftliche Selbstverständlichkeiten infrage.8

Warum Antifeminismus heute so schwer greifbar ist

Genau hier setzt die Debatte an: Kann ein Begriff des 19. Jahrhunderts die Komplexität des Antifeminismus im 21. Jahrhundert angemessen erfassen?

Antifeminismus zeigt sich gegenwärtig in unterschiedlichsten Formen: in Debatten über Cancel Culture, in Angriffen auf Gender Studies,9 in Kampagnen gegen Rechte für queere Personen10 und im Narrativ der Krise der Männlichkeit11.

Daher ist Antifeminismus vielmehr ein Sammelbegriff12 für diverse Bewältigungsstrategien im Umgang mit gesellschaftlichem Wandel.13

Das erschwert eine präzise Analyse, Adressierung und rechtliche Einordnung antifeministischer Vorfälle, erklärt jedoch seine große Anschlussfähigkeit.14 Um dieser terminologischen Unschärfe zu begegnen, ist eine differenzierte und kontextbezogene Verwendung des Begriffs notwendig.

Neue Feindbilder, alte Muster

So ist es essenziell wahrzunehmen, dass sich antifeministische Argumentationen historisch verändert haben. Während im Kaiserreich Frauen auf die Mutterrolle reduziert wurden,15 stand seit den 1990er-Jahren eine vermeintliche Männerdiskriminierung im Zentrum antifeministischer Debatten.16 Im 21. Jahrhundert dominieren Narrative vom Schutz der heteronormativen Kleinfamilie und von Männern als Opfer der Gleichstellungspolitik. Forschende unterscheiden deshalb zwischen männerzentriertem und familienzentriertem Antifeminismus. Beide verteidigen traditionelle Geschlechterbilder – wenn auch mit unterschiedlichen Strategien. Zu addieren ist der sogenannte Antigenderismus: eine Mobilisierung gegen Genderforschung, Diversität und Gleichstellungspolitiken.17

Aus theologischer Perspektive ist besonders bemerkenswert, wie eng antifeministische Argumentationen mit religiösem Fundamentalismus, nationalistischer Ideologie und Verschwörungserzählungen verflochten sind.18 Vorstellungen einer natürlichen bzw. göttlichen Geschlechterordnung dienen dabei nicht selten als Legitimation für gesellschaftliche Ausgrenzung und Diskriminierung.19 Hierbei wird sichtbar, wie eng Antifeminismus auch mit Homo-, Trans- und Queerfeindlichkeit verbunden ist.20

Infolgedessen hat sich auch das Spektrum antifeministischer Akteur*innen deutlich erweitert: Es reicht heute von politischen und religiösen Gruppierungen bis hin zu transnational vernetzten digitalen Milieus. Vor allem soziale Medien schaffen dabei neue Wirkungsräume mit enormer Reichweite und hoher Mobilisierungskraft.21

Antifeminismus ist mehr als Sexismus

In diesem Zusammenhang wird deutlich: Auch die Begriffe Antifeminismus und Sexismus dürfen nicht einfach gleichgesetzt werden.

Sexismus beschreibt die Diskriminierung aufgrund des Geschlechts. Antifeminismus hingegen richtet sich gezielt gegen feministische sowie emanzipatorische Bewegungen und gegen gesellschaftliche Gleichstellung. In diesem Kontext findet auch der Begriff Misogynie Verwendung. Misogynie bezeichnet die Vorstellung weiblicher Minderwertigkeit sowie die gezielte Abwertung von Frauen.22

Beide Begriffe – Sexismus und Misogynie – weisen zwar Überschneidungen mit dem Begriff Antifeminismus auf, sind aber voneinander zu unterscheiden. Nur durch diese begriffliche Trennschärfe lassen sich gesellschaftliche Entwicklungen sowie konkrete Vorfälle eindeutig benennen und differenziert analysieren.23

Warum diese Debatte wichtig bleibt

Antifeminismus ist heute kein starres Weltbild mehr. Vielmehr beschreibt der Begriff ein Netzwerk aus heterogenen Akteur*innen, politischen Narrativen, digitalen Bewegungen, kulturellen Ängsten und gesellschaftlichen Machtfragen. Seine analytische Tragfähigkeit bleibt nur dann erhalten, wenn er im 21. Jahrhundert nicht als einheitliches Konstrukt verstanden wird. Vielmehr bedarf es einer differenzierten Betrachtung nach Kontext, Ausrichtung, Handlungsebene sowie thematischen Schwerpunkten und Zielsetzungen.24

Deshalb bleibt der Begriff trotz aller Unschärfen – und unter Berücksichtigung einer notwendigen Ausdifferenzierung der Phänomene – unverzichtbar. Die dokumentierten Vorfälle zeigen deutlich: Antifeminismus bedroht nicht nur einzelne Menschen, sondern auch zentrale demokratische Grundprinzipien.

Oder anders formuliert: Wer Gleichberechtigung grundsätzlich infrage stellt und delegitimiert, verhandelt immer auch die Frage, wer in einer Gesellschaft sichtbar, sicher und als gleichwertig anerkannt ist.

Damit wird Antifeminismus nicht nur zu einem politischen Thema – sondern auch zu einer theologischen und gesellschaftsethischen Herausforderung, die uns alle angeht.

Hashtag der Woche: #GegenAntifeminismusFürGleichberechtigung


(Beitragsbild: @Markus Spiske / Unsplash)

1 Quirion, Palo / Hartmann, Ans, Antifeministische Zustände sichtbar machen. Antifeministische Vorfälle in Deutschland 2024. Kurzbericht zu Zahlen und Analysen der Meldestelle Antifeminismus, hg. v. Lola für Demokratie e.V., Stralsund 2025, 2.

2 Vgl. Thiessen, Barbara, Feminismus. Differenzen und Kontroversen, in: Becker, Ruth / Kortendieck, Beate (Hgg.), Handbuch. Frauen- und Geschlechterforschung. Theorie, Methoden, Empirie (Geschlecht & Gesellschaft 35), Wiesbaden 2004, 35.

3 Vgl. Lenz, Ilse, Feminismus. Denkweisen, Differenzen, Debatten, in: Kortendieck, Beate (Hg.) u. a., Handbuch. Interdisziplinäre Geschlechterforschung (Geschlecht & Gesellschaft 65), Wiesbaden 2019, 232.

4 Vgl. Planert, Ute Antifeminismus im Kaiserreich Diskurs, soziale Formation und politische Mentalität (Kritische Studien zur Geschichtswissenschaft 124), Göttingen 1998, 11.

5 Vgl. ebd., 11.

6 Vgl. Blum, Rebekka, Antifeministische Kräfte zur Absicherung patriarchaler Verhältnisse. Struktureller und bewegungsförmiger Antifeminismus in Westdeutschland zwischen 1945 und 1990, Leverkusen 2026, 12–20.

7 Blum, Rebekka, Angst um die Vormachtstellung. Zum Begriff und zur Geschichte des deutschen Antifeminismus, Hamburg 2019, 14–30.

8 Vgl. Blum 2026, 13, 71.

9 Vgl. ebd., 14–17.

10 Vgl. Ho 2025.

11 Vgl. Eggers, Nina Elena, Das Narrativ der verlorenen Männlichkeit als erinnerungspolitische Intervention. Zum Antifeminismus neurechter Geschichtspolitiken, in: Femina Politica (2025) 1, 40f.

12 Vgl. Lenz 2019, 221.

13 Vgl. Blum 2019, 99.

14 Vgl. Blum 2026, 14f.

15 Vgl. Henninger, Annette, Antifeminismus. Kontextualisierung, Historisierung und Theoretisierung eines aktuellen Phänomens (Sammelrezension), in: Femina politica 2 (2018), 205.

16 Vgl. Göthling-Zimpel, Kristina, »Schuld ist nur der Feminismus«. Antifeminismus und Antigenderismus in der gegenwärtigen Debatte, in: Höpflinger, Anna-Katharina / Jeffers, Ann / Pezzoli-Oligati, Daria (Hgg.), Handbuch. Gender und Religion, Göttingen, 22021, 68.

17 Vgl. Blum 2026, 17–21.

18 Vgl. Ho 2025.

19 Vgl. Blum 2026, 22–30.

20 Vgl. Ho 2025.

21 Vgl. Zivilgesellschaftliches Lagebild Antifeminismus 2023. Dokumentation und Analysen der Meldestelle Antifeminismus, hg. v. Amadeu Antonio Stiftung, Berlin 2024, 10f.

22 Vgl. Ho 2025.

23 Vgl. ebd.

24 Vgl. Amadeu Antonio Stiftung 2024, 9 –12.

patricia seidel

studierte Katholische Theologie in München mit Auslandsaufenthalten in Mosambik, Sambia und Jerusalem. Sie arbeitet als wissenschaftliche Hilfskraft am Lehrstuhl für Christliche Sozialethik an der LMU München mit dem Schwerpunkt Feminismus, Klimawandel und Migration. Derzeit promoviert sie an der Universität Regensburg in der Pastoraltheologie zu demokratiegefährdenden Tendenzen innerhalb der katholischen Kirche.

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