Unter dem Motto „Sandiwaan – to be in one spirit“ machte sich im Februar zum bereits neunten Mal eine Gruppe der Universität Wien auf den Weg auf die Philippinen. Clemens Wagner berichtet über Sinn und Zweck und die vielfältigen Erfahrungen des Austauschprogramms.

Das Sandiwaan-Programm

Quo vadis, Theologie? Klerikalismus und Elfenbeinturm oder Fokus auf gelebter Praxis? Der Austausch mit Studierenden und Lehrenden des Intercongregational Theological Center (ICTC), dem Projektpartner der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Wien auf den Philippinen, zeigt Wege kontextueller Theologie auf. Pastorale und soziale Arbeit sind integraler Bestandteil des theologischen Ausbildungsprogramms des ICTC, das von Franziskanern, Karmeliten und Redemptoristen 1988 gegründet wurde und auch für Laienstudierende offensteht. Studierende arbeiten dabei regelmäßig in sogenannten „Inserted Communities“1, um Theologie praktisch zu leben. Sie betonen: „All theology is contextual“. Nicht nur das Reden davon, sondern das praktische Engagement für die Armen und in jüngerer Zeit verstärkt auch für die Umwelt wird als zentraler Teil der Ausbildung erachtet.

Dabei berufen sie sich nicht zuletzt auf Papst Franziskus, der in Laudato Si‘ darauf hinwies, „dass man gewöhnlich keine klare Vorstellung von den Problemen hat, die besonders die Ausgeschlossenen heimsuchen. […] Dieser Mangel an physischem Kontakt und an Begegnung […] trägt dazu bei, das Gewissen zu ‚kauterisieren‘ und einen Teil der Realität in tendenziösen Analysen zu ignorieren.“ (LS 49)

Die vom ICTC entgegen der Gefahr einer Elfenbeinturmtheologie gelebte „Exposure“, das Hinausgehen aus dem theoretischen Umfeld der Universität, in dem man es sich allzu schnell bequem macht, ist auch eine Kernidee des theologischen Austauschprojekts Sandiwaan, welches 1994 von Veronika und Gunter Prüller-Jagenteufel initiiert wurde, um sowohl österreichischen als auch philippinischen Studierenden die Begegnung in einem jeweils fremden Kontext zu ermöglichen.

Ziel ist es, von der Theologie und Lebensrealität unterschiedlicher Orte zu lernen, dabei eigene Positionen zu hinterfragen und weltkirchliche Solidarität zu schaffen. Zirka alle vier Jahre bietet der Fachbereich für Theologische Ethik die Exkursion auf die Philippinen an, worauf im jeweils darauffolgenden Jahr der Besuch der Studierenden des ICTC folgt – zum nächsten Mal im Frühjahr 2027.

Ein sich verändernder Kontext

Während bei der Exkursion im Jahr 2019 noch die brutale Drogenpolitik Rodrigo Dutertes im Fokus stand, welcher bis 2022 Präsident der Philippinen war, besitzen nunmehr vor allem ökologische Themen größte Dringlichkeit für die Menschen vor Ort und damit auch für die theologische Reflexion und Praxis:

Die Philippinen befinden sich auf Platz 1 unter 193 Ländern im Weltrisikoindex, welcher holistisch die Gefährdung und Verwundbarkeit von Ländern durch Naturkatastrophen misst.2 Jährlich treten Erdbeben, Taifune und Überschwemmungen auf, die Folgen werden verstärkt durch die sich verschärfende Klimakrise und eigentlich geplante, aber aufgrund von Korruption letztlich nicht realisierte Schutzbauten.3

Die Studierenden und Lehrenden des ICTC betonen, dass diese Gemengelage dabei vor allem die Ärmsten trifft. Schnell überflutete informelle Siedlungen mit Wellblechhütten sind auch im ökonomischen Zentrum der Philippinen, der Hauptstadt und Megametropole Manila, omnipräsent. Erschüttert erzählt uns der Leiter des ICTC, Fr. Cris Pine, dass viele Bewohner*innen nicht einmal Geburtsurkunden besitzen und damit auch um die ohnehin geringen staatlichen Hilfen umfallen. Nach wie vor leben drei Prozent der Bevölkerung unter der absoluten Armutsgrenze von 2,15 US-Dollar.4

Theology of Struggle und Church of the Poor

Die philippinische Theology of Struggle verbindet in Anbetracht der Lebensrealität der Menschen christlichen Glauben mit aktivem Engagement im Sinne der Option für die Armen. Als kontextuelle Form der Befreiungstheologie gilt für diese: „Liberation is the direction of the theology of struggle, but the focus of theologizing is on the struggle itself.“5

Aus dieser Positionalität heraus entstanden viele karitative Initiativen und Basisgemeinden, die von der Kirche vor Ort und v.a. auch von unterschiedlichen Ordensgemeinschaften initiiert und getragen werden. Kostenlose medizinische Versorgung, soziale Einbindung in die Gemeinden, schnelle Hilfe bei Überflutungen: Die „Church of the poor“ wird sichtbar gelebt – auch wenn sie Risse bekommt, wenn die Kirche für eine Hochzeit in der Kathedrale von Manila weit über 100.000 Pesos verlangt. Wie auch auf globaler Ebene wird so hier die Spannung zwischen unterschiedlichen Ausrichtungen und Positionalitäten innerhalb der Kirche sichtbar.

Die katholische Kirche und die philippinische Politik

Häufig wurden im Austausch mit den Menschen vor Ort die politisch-strukturellen Probleme der „Erbdemokratie“ der Philippinen thematisiert. Diese führt dazu, dass sich an den politischen und gesellschaftlichen Ungerechtigkeitssystematiken wenig verändert.6 Der aktuelle Präsident Ferdinand Marcos Jr. ist der Sohn des ehemaligen Diktators Marcos, Vizepräsidentin Sara Duterte die Tochter des Vorgängers Rodrigo Duterte, welcher sich wegen seines brutalen „war on drugs“ nun vor dem Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag verantworten muss.

Ein Gegenbeispiel dazu stellt die Politikerin Heidi Mendoza dar, welcher wir in einer Einheit zur aktuellen politischen Lage auf den Philippinen zuhören konnten. Diese wurde durch die Aufdeckung eines Korruptionsskandals in der Armee bekannt und ist aufgrund ihres Gerechtigkeitssinns und unermüdlichen Engagements vor allem auch für die Kirche eine der politischen Hoffnungsträger*innen. Den Mut und die Zuversicht, sich trotz zahlreicher Morddrohungen weiter zu engagieren speist sie, wie sie erzählte, vor allem aus ihrem Glauben. Dies verbindet sie mit vielen anderen engagierten Christ*innen auf den Philippinen. Die katholische Kirche spielt in diesem Kontext spätestens seit der People Power Revolution 1986 eine gewichtige Rolle bei der Demokratisierung.7

Integrale Ökologie im Mikrokosmos Masinloc

Nach der ersten Woche in Manila, wo wir viel über Politik und Geschichte der Philippinen sowie über die Art und Weise, wie am ICTC Theologie gelehrt und gelebt wird, erfahren hatten, verbrachten wir dann die zweite Woche im Norden der Insel Luzon. Die Gastfreundschaft selbst in den ärmsten Siedlungen am Land war in ihrer Herzlichkeit überwältigend. In der Fischerstadt Masinloc sind die ökologischen, politischen und sozialen Probleme jedoch unübersehbar, vielfältig – und eng verschränkt. Der Meeresspiegel in der Bucht steigt jährlich um einige Millimeter, eine Folge des Klimawandels, dessen volle Dimension allerdings nur wenige begreifen. Viele, darunter auch unser vierzigjähriger Gastgeber Julius, können aufgrund mangelnder Schulbildung weder lesen noch schreiben. Wenige Seemeilen entfernt wiederum treiben chinesische Schiffe die philippinischen Fischerboote mit Gewalt zur Küste zurück, während in der Bucht ein Kohlekraftwerk das Wasser und die Luft verpestet. Die lokale Bevölkerung steht einem Umstieg auf erneuerbare Energien jedoch teils skeptisch gegenüber, da sie den Verlust von Arbeitsplätzen in den Werken befürchtet.

Die Bedeutung der integralen Ökologie der katholischen Soziallehre ist wohl an wenigen Orten so greifbar wie hier. Isolierte Probleme existieren nicht und man kommt „nicht umhin anzuerkennen, dass ein wirklich ökologischer Ansatz sich immer in einen sozialen Ansatz verwandelt, der die Gerechtigkeit in die Umweltdiskussionen aufnehmen muss, um die Klage der Armen ebenso zu hören wie die Klage der Erde.“ (LS 49)

Joey Marabe, ein örtlicher Umweltaktivist und Pfarrmitarbeiter, erzählt dabei in Masinloc von seinem persönlichen Einsatz als Sprecher der lokalen Bevölkerung gegenüber der Regierung. Er richtet einen klaren Appell an uns, sich solidarisch für die Situation und die Menschen vor Ort einzusetzen. Unter anderem appelliert er allgemein an die Wissenschaft, sich mit ihren sozialen und politischen Problemen sowie den Umweltauswirkungen eingehend auseinanderzusetzen, „to better understand and enlighten what is happening“, um darauf aufbauend konkrete Handlungen für die Bewahrung unseres „common home“ setzen zu können. Sein eigenes Engagement und auch das seiner Frau speise sich dabei aus ihrer Liebe für Gott und die Menschheit.

Ano ang papel ng Teyolohiya?

Die Einübung einer eben solchen globalen Verbundenheit im Menschsein – „Das ist mein Gebot, dass ihr einander liebt, so wie ich euch geliebt habe“ (Joh 15,12) – war dabei vielleicht mit der bedeutendste Bestandteil der Exkursion. Ganz im Sinne des Schlussteils von Dilexit Nos: „Denn, wenn wir aus dieser Liebe schöpfen, werden wir fähig, geschwisterliche Bande zu knüpfen, die Würde jedes Menschen anzuerkennen und zusammen für unser gemeinsames Haus Sorge zu tragen.“ (DN 217)

Diese geschwisterlichen Bande und die Erfahrung globaler Solidarität stellen den gemeinsamen Grund dar, von dem aus sich in einem fortwährenden Prozess in sozialer und ökologischer Not, inmitten der Veränderungen der modernen Welt, sowohl in Südostasien als auch in Europa, die eine Frage stellt: Ano ang papel ng Teyolohiya? – Welche Rolle kommt der Theologie zu?

Diese muss im jeweiligen Kontext immer wieder neu gestellt werden. Zentral ist dabei die Ausrichtung und Positionalität der Theologie selbst.

Der Austausch und die Exposure während der Exkursion machten deutlich, dass es zum einen eine Theologie braucht, die aktiv ist und hinausgeht – wie die Studierenden des ICTC in die Inserted Communities. Eine Theologie, die, zum zweiten, wie die Theology of Struggle die Lebensrealitäten der Menschen ernstnimmt, eine die, zum dritten, im Sinne integraler Ökologie Umwelt- und Sozialfragen ganzheitlich betrachtet und eine die, zum vierten, im Sinne kontextueller Theologie fortwährend und global im Austausch bleibt – in einem Geist, sandiwaan.

Hashtag der Woche: #sandiwaan


Beitragsbild: Clemens Wagner

1 Inserted Communities sind kleine Ordensgemeinschaften in vulnerablen Gegenden.

2 Bündnis Entwicklung Hilft und Institut für Friedenssicherungsrecht und Humanitäres Völkerrecht (IFHV), WorldRiskReport 2025 (Berlin: Bündnis Entwicklung Hilft, 2025).

3 Zur Korruption bei Schutzbauten siehe auch: Sebastian Strangio, „Hundreds of Thousands Rally Against Corruption in the Philippines.“ The Diplomat, 17. November 2025, https://www.proquest.com/docview/3272288261.

4 Basic Statistics 2025 (Asian Development Bank, 2025): 1, https://doi.org/10.22617/ARM250148-2

5 Lisa Asedillo, „The Theology of Struggle: Critiques of Church and Society in the Philippines (1970s-1990s)“, Indonesian Journal of Theology 9 (2021): 70, https://doi.org/10.46567/ijt.v9i1.187.

6 Zum Thema der „Erbdemokratie“ siehe auch: James Loxton, „Hereditary Democracy“, Journal of Democracy 35, Nr. 3 (2024): 146–59, https://doi.org/10.1353/jod.2024.a930433.

7 Zur politischen Rolle der Kirche während und nach der Revolution siehe auch: Deirdre de la Cruz, Liana Chua, Joanna Cook, Nicholas Long und Lee Wilson, “From the Power of Prayer to Prayer Power: On Religion and Revolt in the Modern Philippines,” In Southeast Asian Perspectives on Power, 1st ed. (United Kingdom: Routledge, 2012): 165–80, https://doi.org/10.4324/9780203123126-12.

clemens wagner

hat das Bachelorstudium B.Sc. Geographie in Wien und London absolviert und studiert derzeit im letzten Semester den Bachelor Lehramt Katholische Theologie und Geographie und wirtschaftliche Bildung. Er besitzt ein besonderes Forschungsinteresse an Umwelttheologie, welches er ab Oktober 2026 in einem Master an der Universität Oxford ausbauen darf.

2 Replies to “Sandiwaan – to be in one spirit

  1. Danke!
    Als junge Pastoralreferentin war ich 1986 mit MISSIO München 4 Wochen lang auf Exposure auf den Philippinen. Wir waren im Süden in Ipil, in Manila im Slum und in einer Freihandelszone, in der Waren für QUELLE priduziert wurden.
    Mich hat diese Verbindung zur Realität sehr geprägt und meine Weltsicht und den Blick auf Kirche sehr geöffnet.
    Ich kann die Erfahrungen sehr gut nachvollziehen.
    Alles Gute weiterhin!
    Marille Pilger

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