Kann man ein Buch de-publizieren? Die Deutsche Bibelgesellschaft machte es 2025 vor und rief die Kinderbibel „Der Löwe von Juda“ nach einiger Kritik zurück. Warum das Vorgehen sinnvoll war und was diese Kinderbibel mit Superhelden zu tun hat, ergründet Phillip Angelina für y-nachten.de.
Im Dezember 2025 depublizierte die Deutsche Bibelgesellschaft die Kinderbibel „Der Löwe von Juda“. Hierzu sagt die Bibelgesellschaft im Dezember 2025 in ihrer Mitteilung zur Depublikation:
»Bestimmte Passagen zeigten sich als problematisch im Blick auf den jüdisch-christlichen Dialog. Dazu kam Kritik an der stereotypen Darstellung von Geschlechterrollen und der Visualisierung von Gewalt.«
Dies war meines Erachtens ein wichtiger und notwendiger Schritt. Drei Kritikpunkte scheinen besonders relevant:
- Eine problematische Bewertung der Hebräischen Bibel sowie des mosaischen Gesetzes. Dies zeigt sich darin, dass in der Kinderbibel die hebräischen Texte konsequent auf Jesus hingedeutet werden. Die Konsequenz daraus ist eine falsche Gegenüberstellung von Hebräischer Bibel und dem christlichen Neuen Testament.
- Die stereotype und idealtypische Darstellung der Geschlechter, in der Frauen entweder als zierliche Mütter oder als Verführerinnen portraitiert sind. Männer sind muskulös und sehen so aus, als könnten sie es mit Captain America im Kampf aufnehmen.
- Gewalt wird in „der Löwe von Juda“ durchgehend in einen heroischen Kontext gestellt. Die Helden Gottes kämpfen kriegerisch gegen die Feinde der Hebräer bzw. Gottes. Dabei wird die kritische Auseinandersetzung mit Gewalt innerhalb der Hebräischen Bibel nicht erwähnt.1
Doch welche Konsequenzen birgt eine solche Superheldenlogik? Wie bereits erwähnt sind die männlich gelesenen Tiere allesamt muskulös und erinnern stark an Gym-Bros. Die Bilder, die besonders eindrücklich bleiben, sind diejenigen, welche die Landnahme-Geschichten mit Josua und Kaleb darstellen. Josua wird als bunter Wolf und Kaleb als kanaanäischer Hund dargestellt. Sie kämpfen sich wie die Marvel-Avengers durch Horden von Feinden und Monstern.2 Weshalb diese Darstellung der biblischen Geschichten meines Erachtens schwierig und deshalb abzulehnen ist, möchte ich an drei wichtigen Punkten erklären: die Thematik biblischer Gewalt, den Mythos der erlösenden Gewalt sowie die theologischen Konsequenzen, die ein solches Männlichkeitsbild impliziert.
„Nicht Frieden, sondern Schwert!?“
Jürgen Ebach, emeritierter Professor für Exegese und Theologie des Alten Testaments, hielt am zweiten Ökumenischen Kirchentag in München 2010 einen Vortrag mit dem Titel Nicht Frieden, sondern Schwert!?.3 In diesem Vortrag hält Ebach fest, dass Gewalt in der Bibel vorkommt, da sie eine historische Realität war und bis heute ist.4 Die biblischen Geschichten bilden diese ab, da Gewalt den Menschen widerfahren ist. Es ist weniger eine normative Grundierung für menschliches Handeln als stärker das Ringen im Umgang mit Gewalt.5 Jeder Mensch steht in der Gefahr, sowohl Täter als auch Opfer von Gewalt zu werden – es ist ein ambivalentes menschliches Verhalten.6 Deswegen gibt es in den biblischen Texten, Hebräische Bibel sowie Neue Testament, eine Polyphonie von Gewaltdarstellungen sowie deren Bewertung. Die biblischen Texte legen Gewalt als eine menschliche Realität offen und hinterfragen somit auch den Mythos der erlösenden Gewalt7, der davon ausgeht, dass Gewalt als einziges Mittel gegen Gewalt angemessen sei.
»Er verankert den Glauben, dass Gewalt rettet, dass Krieg Frieden bringt, dass Macht Recht schafft.«8
Gottes Revolverhelden
Die Darstellungen der biblischen Charaktere als Superhelden hinterlassen das Bild von Gottes Revolverhelden, die durch das Schwert an ihr Recht kommen.9 Hierbei geht es mir eben nicht um eine Forderung, Gewalt aus Kinderbibeln zu verdrängen, es geht um den Umgang damit. Es ist wichtig, solche Passagen in einem größeren Kontext zu stellen.10 Eine Vereindeutigung von biblischer Gewalt hinterlässt den Eindruck, dass jedwede Form von Gewalt legitimiert sei, solange Gott diese legitimiere. Eine Lerngeschichte Gottes mit dem Menschen in Bezug auf Gewalt wird ausgeblendet.11 Zudem wird auch ausgeblendet, dass selbst in den Urgeschichten der Bibel, Gott Frieden unter den Menschen stiften möchte.12
Einfluss kultureller Vorstellungen
Die US-amerikanische Historikerin Kristin Kobe Du Mez fragt in ihrem Buch „Jesus and John Wyne“ danach, welche Konsequenzen ein propagiertes militantes Männlichkeitsbild, das sich auf Militarismus und Bestätigung patriarchaler Strukturen stützt, erfährt.13 Sie sieht hierin einen Einfluss kultureller Vorstellungen, im Speziellen geprägt von John Wayne, projiziert auf die biblischen Texte. Dies hat zur Folge, dass Jungs lernen, dass Waffengewalt etwas Positives sei und sedimentiert klassische Gendernormen, in denen kein Platz für Sanftheit und Friedfertigkeit bleibt.14 Mit Blick auf den US-amerikanischen Evangelikalismus kommt sie zu dem Schluss:
»For conservative white evangelicals, the ‚good news‘ of the Christian gospel has become inextricably linked to a staunch commitment to patriarchal authority, gender difference, and Christian nationalism, and all of these are intertwined with white racial identity.«15
Ein Bewusstsein für die Story
Das ist genau der Punkt der Superheldenlogik: Der Mythos der erlösenden Gewalt führt zu einem Denken, welches Nationalismus sowie das Recht des Stärkeren propagiert.16 Zugleich wird eben nicht ein biblisches, sondern ein modernes Bild von Männlichkeit dargestellt, das auf Grundlage von biblischen Texten zu hinterfragen ist. Bereits im vierten Kapitel in Genesis wird die zerstörerische Kraft von Gewalt vor Augen geführt.17 Deshalb ist es umso wichtiger, dass eine Kinderbibel die Spannungen von Gewalt in der Bibel pädagogisch aufarbeitet und sich bewusst macht, welche Story sie eigentlich erzählt.
Hashtag der Woche: #bibleheroes
1 Vgl. Angelina 2026
2 Vgl. Angelina 2026
3 Vgl. Ebach 2010
4 Vgl. Ebach 2010, S. 3
5 Vgl. Ebach 2010, S. 3-17.
6 Vgl. Bezold 2021
7 Vgl. Ebach 2010, S. 7ff.
8 Wink 2014, S. 54
9 Vgl. Wink 2014, S. 54
10 Vgl. Ebach 2010
11 Vgl. Ebach 2010
12 Vgl. Zeyher-Quattlender 2025
13 Vgl. Kobes Du Mez 2020
14 Vgl. Kobes Du Mez 2020, S. 298ff.
15 Kobes Du Mez 2020, S. 6
16 Vgl. Wink 2014, 62
17 Vgl. Ebach 2010 und Bezold 2021
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