Ostern verkündet Hoffnung – doch was bedeutet leibliche Auferstehung in einer Welt, die von normativen Körperbildern geprägt ist? Barbara Engelmann fragt nach möglichen ableistischen Fortschreibungen und denkt über eine Vision eines inklusiven Gottesreiches nach.
Das Osterfest ist das christliche Symbol der Hoffnung. Es versinnbildlicht die Zuversicht, dass der Tod nicht das letzte Wort hat, dass wir wie Christus selbst auferstehen werden und dass sich ebendiese Auferstehung nicht in einer rein geistigen Existenz erschöpft, sondern sich leiblich vollzieht.
Auferstehung als Hoffnung auf verkörperte Kontinuität
Der christliche Glaube unterstreicht also die Relevanz menschlicher Verkörperung, indem er an Ostern immer wieder neu die Hoffnung verkündet, dass wir alle leiblich auferstehen werden und auf diese Weise unsere verkörperte Individualität und unsere leiblich gemachten Erfahrungen in irgendeiner Form bestehen bleiben. Gerade hierin liegt in meinen Augen die tröstliche Kraft, das geradezu revolutionäre Moment der Erkenntnis, dass das Grab Jesu Christi wirklich leer ist.
Zugleich scheint die Hoffnung auf leibliche Auferstehung nicht frei von problematischen Implikationen zu sein. Denn ebenso wie die Überwindung von Tod, Unheil und Gottesferne als common sense eschatologischer Überlegungen betrachtet werden können, erweist sich auch die implizite Vorstellung einer „Überwindung“ von Behinderung zugunsten normativer Körpervorstellungen als weithin geteilte Annahme theologischer Reflexion. Ableismus, also das diskriminierende Denk- und Handlungssystem, das die Verkörperung und die Fähigkeiten von nicht-behinderten Menschen stillschweigend zum gesellschaftlichen Maßstab erhebt,1 scheint folglich auch in unseren Theologien fortzubestehen.
Ableismus in eschatologischen Körpervorstellungen
Zurückführen lässt sich das unter anderem auf den Umstand, dass sich gesamtgesellschaftlich, wie auch theologisch, hartnäckig eine Perspektive auf Behinderung hält, die aus dem sogenannten „medizinischen Modell“ hervorgegangen ist. Dieses Modell versteht Behinderung primär als Defizit, als individuelles Problem und als Abweichung von einem vermeintlich „natürlichen“ Körperideal.2 Doch dieser sogenannte Normkörper ist, wie so vieles, was uns als „natürlich“ erscheinen mag, keineswegs eine vordiskursive Gegebenheit, sondern vielmehr das Ergebnis historischer und kultureller Prozesse – insbesondere der medizinischen Vermessungs- und Klassifikationspraktiken des 19. Jahrhunderts. In diesen Diskursen wurde eine auf Produktivität ausgerichtete Körpernorm konstruiert, die sich durch die Eigenschaften „weiß“, männlich, heterosexuell und nicht-behindert auszeichnet und die darüber hinaus alle Abweichungen systematisch als defizitär definiert.3
Dieses normative Körperideal entfaltet seine Wirkkraft, bis in die Theologie hinein. Es zeigt sich darin, dass der aus Palästina stammende Jesus in künstlerischen Darstellungen „weiß“ und blond inszeniert wird. Es findet sich wieder in einem substanzontologischen Geschlechterverständnis, das das Ereignis der Menschwerdung Gottes auf seine bloße Mannwerdung reduziert.
Und schließlich zeigt es sich auch in unseren Vorstellungen vom Eschaton, in denen die leibliche Auferstehung eine Angleichung (oder vielmehr eine zwanghafte „Normalisierung“) an eben diesen Normkörper mit sich bringt. Behinderung erscheint in solchen Konzepten dann als etwas Vorläufiges und Defizitäres, das im Eschaton vermeintlich „überwunden“ oder „geheilt“ werden muss.
Wie solche theologischen Annahmen auf Menschen mit eigener Behinderungserfahrung wirken können, hat besonders eindrücklich die US-amerikanische Theologin Nancy Eiesland herausgestellt. In ihrem Artikel Dem behinderten Gott begegnen berichtet sie davon, dass sie von Mitchrist:innen häufig mit der folgenden, vermeintlich wohlwollenden Aussage konfrontiert wurde: „Sorge dich nicht um deine Schmerzen und dein Leiden hier, im Himmel wirst du gesund gemacht werden.“4
Diese Äußerung kann als ein Paradebeispiel für (christlichen) Ableismus gelten, denn sie begeht einerseits einen unzulässigen Fehlschluss, indem sie Behinderung automatisch mit Leid gleichsetzt und zudem als Gegenteil von Gesundheit begreift. Andererseits zeigt sie auf, dass die Angleichung an bestehende normative Körpervorstellungen als scheinbar wünschenswert erachtet wird. Solche Formulierungen mögen zwar häufig ohne böse Absichten geäußert werden, dies schützt jedoch nicht davor, dass sie nicht dennoch verletzend und diskriminierend sind. Was der oder die Sprecher:in hier gegenüber Eiesland (gar nicht mal so) implizit sagt, lässt sich im Grunde wie folgt übersetzen: So wie du gerade bist, musst du nicht bleiben, denn im Himmel wirst auch du so sein wie wir anderen, die Nicht-Behinderten, die vermeintlich „Normalen“.
Es überrascht in diesem Zusammenhang nicht, dass Eiesland diesen vermeintlich tröstlichen Zuspruch keineswegs als beruhigend, geschweige denn hoffnungsstiftend auffasst, sondern demgegenüber resümiert: „Als von Geburt an Behinderte begann ich zu glauben, dass ich mich im Himmel selbst nicht wiedererkennen würde und Gott mich vielleicht auch nicht.“5
Worauf Eiesland hier den Fokus lenkt, ist die Tatsache, dass Behinderungen aus der Perspektive von Menschen mit eigener Behinderungserfahrung keineswegs per se als störende Abweichung, als zu behebender Mangel verstanden werden, sondern dass körperliche „Normalität“ für jeden Menschen unterschiedlich aussieht. Für Eiesland wie für viele andere Menschen mit Behinderung ist diese daher nicht (oder zumindest nicht ausschließlich) als Einschränkung zu verstehen, sondern ein prägender, mitunter auch positiver und identitätsstiftender Bestandteil ihres Selbst.6 Wieso sollte, ja wie könnte Gott ein solches identitätsstiftendes Moment in eschatologischer Perspektive aufheben?
Für eine inklusive Theologie der Auferstehung
Keineswegs soll mit dieser Frage – quasi als reflexhafte Gegenposition – dafür plädiert werden, dass Behinderungen in eschatologischer Perspektive notwendigerweise und ausnahmslos fortbestehen müssen. Es soll auch nicht negiert werden, dass manche Menschen ihre Behinderungen durchaus als leidvoll erfahren, dass sie mit Schmerzen verbunden sein können oder dass ggf. der Wunsch besteht, körperlichen Normvorstellungen zu entsprechen. Die Deutung einer Behinderung als positiv, negativ, oder beides zugleich, kann einzig und allein als Selbstdeutung der jeweiligen Person mit Behinderung erfolgen.
Doch gerade vor dem Hintergrund der anthropologischen Bedeutung individueller Verkörperung, die in der christlichen Hoffnung auf eine explizit leibliche Auferstehung besonders pointiert zum Ausdruck kommt, gilt es, sich der vorschnellen und ableistischen Annahme zu entziehen, dass das historisch gewachsene, soziokulturelle Ideal der Nicht-Behinderung ein normativer Maßstab wäre, an dem Gott die Transformation des menschlichen Auferstehungsleibes ausrichtet.
Aufbauend auf dieser Erkenntnis wäre es wünschenswert, das heute gefeierte Fest der Auferstehung auch so zu verstehen, dass es die Möglichkeit offenhält, im Eschaton müssten nicht notwendigerweise Behinderungen überwunden werden, sondern vielmehr normative Körpervorstellungen, ableistische Denkweisen und behindernde Barrieren. Und ganz im Sinne präsentischer Eschatologie gilt es in diesem Zusammenhang auch die je eigene Verantwortung wahrzunehmen, um die Vorstellung eines solchen inklusiven Gottesreiches in Teilen auch schon im Hier und Jetzt zu realisieren. Wir können damit beginnen, wenn unsere eigenen theologischen Anthropologien verkörperte Differenzen mitdenken; wenn Gottesdienste konsequent inklusiv ausgerichtet werden; wenn wir unsere eigenen ableistische Sprech- und Denkweisen kritisch reflektieren und kontinuierlich abbauen – und vor allem, wenn wir anerkennen, dass die Perspektiven von Menschen mit Behinderung kein Randthema darstellen, sondern unverzichtbare Korrektive für eine gerechte und zukunftsfähige Theologie sind.
Hashtag der Woche: #Ableismus
(Beitragsbild: pixabay)
[1] Vgl. Christiane Hutson (2010): mehrdimensional verletzbar, 61f., in: Jutta Jacob/Swantje Köbsell/Eske Wollrad (Hg.), Gendering Disability.
[2] Vgl. Gisela Hermes (2006): Der Wissenschaftsansatz Disability Studies, 16-18, in: Gisela Hermes/Eckhard Rohrmann (Hg.), „Nichts über uns- ohne uns!“.
[3] Vgl. Imke Schmincke (2007): Außergewöhnliche Körper, 14-17, in: Torsten Junge/Imke Schmincke (Hg.), Marginalisierte Körper.
[4] Nancy L. Eiesland (2001): Dem behinderten Gott begegnen, 8, in: Stephan Leimgruber/Annebelle Pithan/Martin Spieckermann (Hg.), Der Mensch lebt nicht vom Brot allein.
[5] Ebd.
[6] Vgl. Maja I. Whitaker (2023): Perfect in Weakness, 79; ebd., 89.
Der Artikel hat mir sehr gut gefallen. Ein wirklich guter Denkanstoß zu Ostern.
Für mich eine völlig neue Idee / Perspektive.