Wenn theologische Fragen im Zapfsäulendunst aufziehen: Christoph Naglmeier-Rembeck erkundet, wie Tankstellen zu Orten theologischer Reflexionen werden und regt an, entgegen der Hypernormalisierung „das Danach“ in den Blick zu nehmen.
Das Tanken steht sinnbildlich für die wohl größte Herausforderung des 21. Jahrhunderts: die Aufgabe, die eigene Lebensgrundlage nicht länger zu verbrennen. Jährlich werden in Deutschland 50 Millionen Tonnen Kraftstoff aus fossilen Quellen verbraucht, was zur Folge hat, dass sich das Klima erhitzt und Giftstoffe in die Körper von Lebewesen gelangen. Trotzdem liegt der Anteil reiner Elektroautos bei Neuzulassungen in Deutschland bei nur 19 Prozent. Dass es auch anders geht, zeigt Norwegen mit einer Quote von 96 Prozent.1
Tanken als Ausdruck der Weltreichweitenvergrößerung
So bleiben Tankstellen hierzulande als Nachfüllstationen fossiler Brennstoffe weiterhin zentral für das moderne Versprechen der „Weltreichweitenvergrößerung“,2 welches sich der Mensch in der Moderne selbst gegeben hat. Hartmut Rosa sieht darin den „kategorischen Imperativ der Moderne: Handle jederzeit so, dass deine Weltreichweite größer wird. Dies erfolgt durch die Vermehrung von Gütern, Kontakten und Optionen.“3 Das scheinbare Einlösen dieses Versprechens geschieht jedoch auf Kosten der Natur, deren Ressourcen im menschlichen Verfügungsanspruch über die Erde ausgeschöpft werden. Ein Herrschaftsanspruch, der nicht im Einklang mit dem biblischen Schöpfungsbewahrungsauftrag steht, den Gott an die Menschen richtet.4 Spätestens seit dem Bericht des Club of Rome von 1972 wissen wir, dass die Gleichung Raubbau an der Natur = mehr Freiheitsgewinn für die Menschheit nicht aufgeht.
Wie gehen wir damit um, dass der Drang nach Weltreichweitenvergrößerung nun mit seinen eigenen zerstörerischen Folgen konfrontiert wird? Vieles spricht dafür, dass wir uns in einem Zustand der Hypernormalisierung befinden.
Alles ganz (hyper)normal hier
Prinzipiell steht allen das Wissen zur Verfügung, dass es so nicht weitergehen kann. Und trotzdem wird weitergemacht. Kollektive Verdrängung als Lebensmodus. So ähnlich beschreibt der russisch-amerikanische Sozialwissenschaftler Alexei Yurchak den Zustand der späten Sowjetunion:5 Einer übergroßen Mehrheit der Menschen war bewusst, dass ihnen die politische Führung kein realistisches Bild vermittelte. Trotzdem handelten die Menschen jedoch weiter, als sei alles intakt. Obwohl vielen klar war, dass das System faktisch nicht mehr funktionierte und sie wussten, dass auch viele andere dieses Wissen teilten, hielten sie an den gewohnten Routinen fest. Nach außen entstand so der Eindruck einer fortbestehenden Normalität, obwohl die gesellschaftspolitischen Grundlagen längst erodiert waren.
Übertragen auf unsere Zeit lässt sich dieser Begriff einer Hypernormalisierung neu lesen. Die Informationen sind da, für alle zugänglich. Und gleichzeitig werden Entscheidungen getroffen, die notwendiges Handeln verzögern oder blockieren: Das geplante EU-weite Verbot von Verbrennungsmotoren wird permanent in Frage gestellt und verschoben, in den USA gilt CO2 dank Donald Trump offiziell nicht mehr als Schadstoff und Jahr für Jahr scheitern die Vereinten Nationen bei den Klimakonferenzen an dem Versuch, substanzielle Fortschritte in der globalen Klimapolitik herbeizuführen. Eines jedoch ist sicher: Allen Normalitätsbemühungen zum Trotz ist der finale Akt der Hypernormalisierung der Zusammenbruch.
Tankstelle als moderner Mythos
Wir wissen, dass etwas ans Ende kommt. Wir verdrängen es. Und irgendwann bricht die Illusion doch in sich zusammen. Mit der Moderne einher geht der Anspruch der Verfügbarkeit: Die Zusicherung, dass alles jederzeit in Reichweite und abrufbar ist. Die Tankstelle ist einer der Orte, an denen dieser Anspruch bis in seine Überdrehtheit hinein sichtbar wird. Justina Schreiber beschreibt das in einem Podcast so:6
„In Tankstellen mit Supermarktsortiment scheint ungebremster Dauerkonsum möglich, man holt sich spontan mal eben ein paar Bier, die schwangere Freundin hat mitten in der Nacht plötzlich Lust auf Eiscreme bekommen oder das Klopapier ist ausgegangen. Schnell zur Tanke. Und wenn es sein muss, im Hausschuh.“
Ins Auto steigen, losfahren: Fest eingraviert in das Idealbild des modernen Freiheitsversprechens. Die Tankstelle steht für die Verheißung, „in die große weite Welt aufzubrechen, aber eben auch dafür, dass man so ganz aus der Zivilisation eben doch nicht ausbrechen kann, weil es immer wieder Ressourcen braucht. Die Tankstelle zeigt, dass dieser Traum von der Wildnis und vom Leben in der totalen Autonomie, abseits der Gesellschaft, dass das eine Illusion ist.“
Die Tankstelle zeigt die Grenzen dieses Narrativs. Denn diese Art von Freiheit lebt von Ressourcen, von der Existenz einer massiven, fossilen Infrastruktur. Die Tankstelle erinnert daran, dass der Traum von totaler Freiheit eine Illusion ist. Die Literaturwissenschaftlerin Christine Lötscher betont, dass der Mythos Tankstelle die Schattenseiten vergoldet. Der Ort erscheint filmisch, popkulturell aufgeladen, ein Setting voller Verheißung. Die Tankstelle ist ein Brennpunkt des spätmodernen Paradoxons: dass wir alles verfügbar halten wollen, obwohl wir längst wissen, dass genau dieses Verfügbarmachen die Welt über ihre Belastungsgrenzen führt.
Was hat das mit Theologie zu tun?
Vor diesem Hintergrund lädt der Mythos Tankstelle dazu ein, ihn theologisch zu lesen. Folgende Aspekte treten dabei hervor:
Tankstellen sind Orte fester, ritueller Abläufe: Nochmal die Literaturwissenschaftlerin Lötscher: „Die Abläufe an einer Tankstelle, die sind so vorgegeben, wie es ja an wenigen Orten der Fall ist. Es gibt ganz bestimmte Wege, die man gehen kann, vom Auto bis zur Kasse und von der Kasse zur Toilette oder zur Bar, wenn es noch eine gibt. Das ist sehr funktional. Alle wissen, wo es langgeht.“ Diese Beschreibung erinnert an die Riten der Liturgie, das vorgegeben Muster an Sicherheiten, alles funktioniert auf Grund des Vor-Ort-Seins hin: das Tanken bzw. den Gottesdienst.
Das Schicksal vieler Tankstellen ähnelt dem vieler Kirchengebäude: „Tankstellen kämpfen seit Ende der 1970er-Jahre um ihr Überleben. Seither hat sich der Bestand auf ein Drittel reduziert. Knapp 15.000 gibt es noch in Deutschland. Die verlassenen kleinen Tankstellen, die auf dem Land vor sich hinrotten, erzählen von geplatzten Träumen und Hoffnungen, die sich nicht erfüllten. Von den alten Tanks, dem Sondermüll in der Erde, lieber gar nicht zu reden.“
Tankstellen können Orte der beobachtenden Begegnung sein: Pastoral und pastoraltheologische Literatur arbeitet gerne mit Motiven der Begegnung auf Augenhöhe, der Begegnung als erster Schritt des gegenseitigen Kennenlernes und der Evangelisierung. Dieser Modus pastoraler Kontaktaufnahme ist hier nicht gemeint. Dafür ist der Ort häufig zu sehr von der Flüchtigkeit und Anonymität geprägt: „Tankstellen sind Durchgangsstationen, anonyme Orte des flüchtigen, eher zufälligen Aufenthalts. Laut Google beträgt die durchschnittliche Verweildauer an Straßentankstellen fünf bis zehn Minuten.“ Es handelt sich also vielmehr um die Möglichkeit des beobachtenden Begegnens. Wer wissen will, mit wem man sich eigentlich so auf dieser Welt tummelt, Stichwort Unbubbling, dem seien Tankstellen empfohlen:
„Die Tankstelle bietet eine gute Bühne und zugleich Platz für Zuschauer. Auf dem Land siehst du schon von weitem, wer da wie cool mit welcher Maschine anrollt oder ob vielleicht eine Witzfigur mit leerem Kanister in der Hand die staubige Straße entlang hastet […]. Eine Tankstelle ist ein Ort, an dem man ohne viel erklären zu müssen, die verschiedensten Menschen zusammenbringen kann. Die sind unterwegs, ein Anwalt, eine Ärztin, eine Kindergärtnerin, ein Verbrecher. Das ist kein Problem, Leute aus ganz unterschiedlichen Zusammenhängen zusammenkommen zu lassen. Ein tolles Setting eigentlich. Alt und jung, arm und reich. Veganerinnen und Fleischesser, Biedermänner und Brandstifterinnen. An Tankstellen kreuzen sich ihre Wege, ohne dass sie miteinander ins Gespräch kommen müssen.“
Sp(i)rit tanken als ambivalente Praktik(en): Das Tanken von fossilen Brennstoffen ist für viele Menschen notwendig, um ihren Alltag zu bewältigen und den Verpflichtungen im Jetzt-Zustand der Welt nachzukommen – und sorgt doch zugleich dafür, dass sich dieser fortwährend verschlechtert. Zugespitzt formuliert: Das Tanken erweitert den persönlichen Handlungsspielraum, während Spielräume künftige Generationen zerstört werden. Ebenso bleibt Spirit tanken ambig. Menschen brauchen Unterbrechungen, Möglichkeiten des Zu-sich-selbst-findens, Räume für Spiritualität. Gleichzeitig ist bekannt, dass religiöse und spirituelle Gemeinschaften missbrauchsanfällige und damit potenziell vulnerante Strukturen hervorbringen können. So entsteht ein komplexes Bild: Sp(i)rit tanken ermöglicht und verunmöglicht, erweitert und zerstört Horizonte.
Vielleicht liegt hier die Pointe einer Tankstellentheologie: Dass sie dazu zwingt, die Gleichzeitigkeit von Ist-Zuständen und Soll-Utopien, von gegenwärtigen Verstrickungen einerseits und dem Wissen um die Kontingenz unseres Handelns andererseits auszuhalten. Eine andere Zukunft ist möglich – trotz der scheinbaren Notwendigkeiten im Hier & Jetzt.
Tankstellen sind Orte der Durchreise. Orte, an denen man selten verweilt und dennoch in prägnanter Weise mit der Wirklichkeit der Mitwelt in Berührung kommt, mit ihren Widersprüchen und Zumutungen.
Eine Theologie, die von solchen Orten lernt, wäre eine Theologie, die nicht vorschnell beruhigt. Eine, die Hypernormalisierung nicht einfach hinnimmt, sondern wahrnimmt und bewusst zum Thema macht. Eine, die fragt, was es heißt, in einer Welt zu leben, die sich selbst erschöpft, und welche Formen von Spiritualität unter diesen Bedingungen tatsächlich tragfähig sein können. Und schließlich eine Theologie, welche die Kontingenz der Art und Weise, wie die Welt aktuell funktioniert, stets mitbedenkt und überlegt, was irgendwann danach kommen könnte.
Hashtag der Woche: #Tankstellentheologie
(Beitragsbild: @Christ Divin Mpiaya via Unsplash)
1 ZDF heute, Norwegen nähert sich bei Elektroautos dem 100-Prozent-Ziel, online: https://www.zdfheute.de/wirtschaft/norwegen-elektroauto-zulassung-mobilitaet-100.html (zuletzt aufgerufen am 28.02.2026); NDR, FAQ: Die wichtigesten Antworten zum Tanken und das Klima, online: https://www.ndr.de/fernsehen/sendungen/panorama/archiv/2026/faq-die-wichtigsten-antworten-zum-tanken-und-klima,faq-klima-tanken-100.html (zuletzt aufgerufen am 01.03.2026).
2 Vgl. Rosa, Hartmut, Best Account. Skizze einer systematischen Theorie der modernen Gesellschaft, in: Ders./Reckwitz, Andreas, Spätmoderne in der Krise. Was leistet die Gesellschaftstheorie, Berlin 2021, 181-200.
3 Rosa, Hartmut, „Auf eine andere Art mit der Welt in Beziehung treten“ (Interview), online: https://www.ufz.de/index.php?de=47233 (zuletzt aufgerufen am 01.03.2026).
4 Vgl. Enxing, Julia. Und Gott sah, dass es schlecht war. Warum uns der christliche Glaube verpflichtet, die Schöpfung zu bewahren, München 2022, 20-48; Lienkamp, Andreas, Der missverstandene ‚Herrschaftsauftrag’. Biblische Impulse für eine christliche Schöpfungstheologie und Umweltethik (Osnabrücker Beiträge zur Theologie und Ethik 1), Osnabrück 2018.
5 Vgl. Yurchak, Alexei, Everything was Forever, Until it was No More: The Last Soviet Generation, New Yersey 2005.
6 Dieses, alle folgenden Zitate und weitere Bezugnahmen auf Personen sind folgendem Podcast zuzuordnen: „Die Tankstelle – stop and go“ von Justina Schreiber, online abrufbar unter: https://www.ardaudiothek.de/episode/urn:ard:episode:fd991713703f8d72/ (zuletzt aufgerufen am 24.02.2026). Ebenfalls großen Einfluss auf diesen Text hatte die Dokumentation „Tanken und das Klima – Verbrennen wir die Zukunft?“ (NDR), online abrufbar unter: https://www.ardmediathek.de/film/tanken-und-das-klima-verbrennen-wir-die-zukunft/Y3JpZDovL25kci5kZS80ODc4IGFhNzc0NzNhLTRkNzItNDZjOC04OGQ3LWMwMjAzM2RlOTFlZA (zuletzt aufgerufen am 24.02.2026).