Ein Tag nach dem feministischen Kampftag fragen wir weiter: Wem gehört eigentlich die Bibel? Populist*innen und Konservative berufen sich oft auf sie, um Heteronormativität zu verteidigen und Queerfeindlichkeit zu legitimieren. Laura Mayer zeigt dagegen, wie sich die Schöpfungserzählung auch anders lesen lässt: als Geschichte von Vielfalt und Gottes liebevoller Perspektive auf alle Menschen.

Fundamentalistische Populist*innen und Konservative begründen heteronormative Vorstellungen und Vorbehalte bis Feindlichkeit gegenüber queeren Menschen unter anderem mit dem Bibelvers Gen 1,27. Dabei schließt dieser queere Menschen keinesfalls aus.

Wer einen Bibeltext liest, sollte mit bedenken, in welcher Zeit und Gesellschaft und mit welchem Ziel dieser entstanden ist und welche Textsorte vorliegt. Die Schöpfungsgeschichte ist ein Loblied der von Gott hervorgebrachten Vielfalt. Hier werden keine Geschlechterdefinitionen und auch keine Anleitung zur Ehe grundgelegt.

Zeit und Kontext der Bibel ernst nehmen

Wer aus Genesis eine gottgewollte, unveränderliche Ordnung herausliest, nimmt die Freiheit Gottes und die der Menschen nicht ernst. Der Mensch habe Gottes Schöpfung nicht komplett durchschaut. Es bleibe Gott offen, ob und wann was offenbart werde, so der Alttestamentler Thomas Hieke.1

Der Mensch ist in Freiheit geschaffen und mit Vernunft begabt, sodass er zum Denken – auch bei der Bibellektüre – aufgefordert ist.  Der Text ist auf dem Kenntnisstand der damaligen Zeit. Wer ihn heute liest, muss die wissenschaftlichen Erkenntnisse2, die in der Zwischenzeit gewonnen wurden, miteinbeziehen. Doch schon die reine Textanalyse erweist sich deutlich offener, als es das römische Lehramt darstellt.

Gen 1,27: Mehr als männlich und weiblich

Gen 1,27: Gott erschuf den Menschen als sein Bild, als Bild Gottes erschuf er ihn. Männlich und weiblich erschuf er sie.

Zunächst einmal halten wir fest, dass alle Menschen Gottes Ebenbild sind. Im Folgesatz werden die Adjektive männlich und weiblich genannt. Der Text ist hier für seine Entstehungszeit revolutionär, denn er spricht Frauen wie Männern die gleiche Würde zu. In der damaligen patriarchalen Gesellschaft waren Frauen den Männern untergeordnet. Es ist bedeutsam, dass alle Menschen gleichwertig Gott in der Welt vergegenwärtigen und als Repräsentant*in Verantwortung für die Schöpfung tragen.

Die hebräischen Adjektive männlich (זָכָר zāḵār) und weiblich (נְקֵבָה nəqēvāh) unterscheiden sich deutlich von den Worten Mann (אִישׁ ʾīš) und Frau (אִשָּׁה ʾiššāh). Sie werden nicht einzelnen Personen, sondern der Menschheit zugesprochen. Daher deuten sie auf zwei Pole hin, zwischen denen sich ein Feld eröffnet für alle Facetten.

So wie die Pole Tag und Nacht (Himmel und Erde, Wasser und Land, etc.) im Text zuvor genannt werden, ist auch das Morgengrauen und die Dämmerung von Gott geschaffen.3 Das heißt auch, alle Menschen zwischen (und außerhalb!) den Polen männlich und weiblich sind Teil der Schöpfung.

Eine weitere Lesart versteht den Numeruswechsel bezogen auf den Menschen (ihn…sie אָדָם ʾādām) im Vers so, dass Gott jeden Menschen männlich und weiblich schuf. Das ergibt in Verbindung mit dem Gedanken des Menschen als Abbild Gottes Sinn, da Gott nicht auf zwei Geschlechter begrenzt werden kann. So wären wir hier dem bipolaren Geschlechterverständnis wesentlich näher als dem binären.4

Die Bibel denkt in der Urgeschichte über Menschen und ihre Rollen nach. In der Schöpfungserzählung geschieht noch keine Reflexion über sexuelle Identität, wie wir sie heute kennen. Die Verfassenden des Textes wollten keine Menschen ausschließen, sie hatten lediglich die statistische Häufigkeit vor Augen: Mann und Frau zeugen Kinder.5

Fruchtbarkeit weiter gedacht

Beim Blick in den Text fällt auf, dass Gott zunächst alle Menschen nach seinem*ihrem Bild schuf und ihnen die Schöpfung anvertrauen möchte (Gen 1,26). Gott segnet alle und fügt erst dann die Einladung zur Fortpflanzung hinzu.6 Hier ist zunächst festzuhalten, dass die Bibel Sex nicht auf Fortpflanzung eng führt. Im Hohelied wird die (erotische) Liebe und deren körperliches Erleben als Vorgeschmack auf das Paradies (Hld 8,6) und eine gleichberechtige Beziehung als Weg zu Gott (Hld 7,11) bezeichnet. Zweitens zeigt sich Gottes Gegenwart auch bei biblischen Paaren, die lange kinderlos bleiben.7 Drittens lässt sich Fruchtbarkeit heute weiter verstehen als nur im biologischen Sinn, sie kann ebenso einen Beitrag zum Gemeinwohl oder Umweltschutz einschließen.

Gottes Liebe für alle Menschen

Ein zentrales Motiv der Bibel ist die Befreiung der Menschen. Einen Höhepunkt dieser erlebten Befreiung durch Gott drückt Paulus im Galaterbrief aus:

Denn ihr alle, die ihr auf Christus getauft seid, habt Christus angezogen. Es gibt nicht mehr Juden und Griechen, nicht Sklaven und Freie, nicht männlich und weiblich; denn ihr alle seid einer in Christus Jesus (Gal 3,27-28).

Diese Aussage ist wahnsinnig stark, denn zwischen den genannten Personengruppen klafften in Paulus‘ Kontext – der Antike – riesige Standesunterschiede. Der Glaube an Jesus tilge, so Paulus, diese Statusunterschiede und mache alle gleichberechtigt. Dafür haben sich die ersten Christ*innen eingesetzt.

In der Bibel begegnen wir einem Ich-bin-da Gott, der für die Menschen das Leben in Fülle möchte und dessen größte Stärke die Liebe ist.8

Hashtag der Woche: #Vielfaltvor


(Beitragsbild: @Alexander Grey via Unsplash)

1 Vgl. Hieke, Thomas: Leben – Liebe – Vielfalt, in: Sichtbar anerkannt. Vielfalt sexueller Identitäten. Freiburg Herder 2025. S. 30.

2 Humanwissenschaften gehen nicht mehr von einem binären Geschlechterverständnis (es gibt nur Mann und Frau), sondern von einem bipolaren aus. Das heißt, zwischen den Polen männlich und weiblich (und außerhalb) gibt es ein buntes Spektrum. Vgl. Hieke, Thomas: Leben – Liebe – Vielfalt, S. 30.

3 Vgl. Werner, Gunda in Anlehnung an Irmtraud Fischer in: Vielfältig geschaffen und geliebt, in: Sichtbar anerkannt. Vielfalt sexueller Identitäten. Freiburg Herder 2025. S. 35.

4 Der rabbinische Lehrer Jirmeja ben Leazar, der im bedeutenden Midrasch Bereschit Rabba (8,1) das erste Buch der Tora auslegt, übersetzt Gen 1,27 folgendermaßen: Als der Heilige, der gesegnet ist, den ersten Menschen schuf, androgynos schuf er ihn, denn es ist gesagt: männlich und weiblich schuf er sie. Vgl. virtuelle Ausstellung G*tt w/m/d des BIMU Frankfurt https://www.bibelhaus-frankfurt.de/de/ausstellungen/virtuelle-ausstellung und S.129 im Ausstellungskatalog.
Vgl. Großmann, Hans-Christoph: Gen 1,27 und das binäre Geschlechterverständnis, in BloKK des Zentrums für Komparative Theologie und Kulturwissenschaften. https://blogs.uni-paderborn.de/zekkblog/2024/02/23/genesis-1-27-und-das-binaere-geschlechterverstaendnis/

5 Vgl. Hieke, Thomas: Leben – Liebe – Vielfalt, S. 31.

6 Vgl. Meemann, Laura: Mensch ist viele Geschlechter, https://www.feinschwarz.net/mensch-ist-viele-geschlechter/

7 Vgl. Hieke, Thomas: Leben – Liebe – Vielfalt, S. 31, 34.

8 Vgl. z.B. Ex 3,1-17; Lev 18,5; Joh 10,10; Mt 22,37-39; Mk 12,29-31; Lk 10,27; 1 Kor 13,13.

Der Text erschien in einer ähnlichen Version in diesem Unterrichtsmaterial: irp.aktuell 42: Geschlechtsidentität und queere Theologie 

laura mayer

beschäftigte sich in ihrem Studium mit Franzbrötchen, christlicher Sozialethik und Moosen. Heute ist sie Gymnasiallehrerin und Referentin am Institut für Religionspädagogik Freiburg.

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