Simon Jäger irritiert bewusst: Was hat die französische Mystikerin Madeleine Delbrêl mit dem synodalen Kirchenbild von Papst Franziskus zu tun? Zwischen gelebtem Glauben im atheistischen Umfeld und kirchlichen Reformvorstellungen spannt er überraschende Verbindungslinien und fragt zugleich, wie wichtig unsere Bilder von Kirche eigentlich sind.
Mit dieser Überschrift möchte ich bewusst irritieren. Wer sich vor Augen führt, wie die französische Mystikerin und Sozialarbeiterin Madeleine Delbrêl mit ihrer kreativen Art und Weise ihr christliches Leben inmitten eines atheistischen Umfelds gestaltete, wird zumindest nicht in erster Linie an das synodale Kirchenbild des verstorbenen Papst Franziskus denken. Dass dazwischen jedoch Verbindungslinien bestehen, wenngleich sie als Katholikin vor dem Zweiten Vatikanischen Konzil in gänzlich anderen Vorstellungen und Bildern dachte und wie wichtig oder vielleicht auch nicht Kirchenbilder sind, das möchte dieser Essay darstellen und durchdenken.
Madeleine von der Kirche – eine spannungsvolle Beziehung
Madeleine Delbrêl verstand sich selbst als Konvertitin.1 Nachdem sie in einem religiös-indifferenten Elternhaus aufgewachsen war und sich als Jugendliche zu einem intellektuell geprägten Atheismus bekannte, erlebte sie 1924 ein Bekehrungserlebnis, als sie sich Gott im Gebet anvertraute und in ihm ein personales Du erkannte.2 Diese Erfahrung, die sie als gänzlich unverschuldetes und völlig freies Geschenk betrachtete, prägte auch ihr Kirchenverständnis: Die Kirche war für sie von ihrer Bekehrung an nicht mehr von ihrem Glauben an den lebendigen Gott zu trennen.3 Dies wird insbesondere deutlich, wenn man sie in den Konflikten um die Mission de France betrachtet. Diese hatte sich 1943 als Reaktion auf den fortgeschrittenen Grad der Säkularisierung vorwiegend unter den Arbeiter:innen gebildet und nahm sich durch ihre Mitglieder Priester, Ordensleute und Laien der Seelsorge in den Industriestädten an.4 Später würden viele ihrer Mitglieder beginnen, selbst in den Fabriken zu arbeiten. Zu dieser Zeit lebte Madeleine Delbrêl bereits seit 10 Jahren als Sozialarbeiterin in der Industriestadt Ivry-sur-Seine, die eine Hochburg der Kommunistischen Partei Frankreichs war. Sie begrüßte die Aufbrüche der Mission de France sehr, da sie ihre Berufung darin erkannte, an der Seite von Menschen, die nicht an Gott glauben, ein Leben nach dem Evangelium zu führen. So avancierte sie rasch zu einer gefragten Gesprächspartnerin, aber auch Freundin der Mission.5
Entsprechend litt sie unter den Konflikten zwischen Mission und römischer Hierarchie. Letztere beäugte die Bewegung aus Furcht vor dem Kommunismus kritisch. Die 1950er Jahre waren geprägt von einer zunehmenden Einschränkung der Mission bis zum gänzlichen Verbot der Fabrikarbeit für Priester 1958, das bei vielen Mitgliedern eine existenzielle Krise auslöste.6 Madeleine Delbrêl reagierte auf diese Krise, die sie persönlich mitbetraf, mit einer Einheitsmission. Aufgrund ihrer persönlichen Originalität, aber auch der ihrer Lebensform hatte sie in beeindruckendem Ausmaß Kontakte zur kirchlichen Hierarchie sowohl in Paris als auch in Rom geknüpft.7 Dort stand sie leidenschaftlich für das Anliegen der Mission ein, während sie gleichzeitig die Mitglieder derselben auf Fehlentscheidungen, falsche Voraussetzungen und Herangehensweisen hinwies. Madeleine Delbrêl befand sich bewusst zwischen den Stühlen, was sie sehr angreifbar machte.8
Warum also distanzierte sich Delbrêl nicht – wie erhebliche Teile der Mission de France – von der Kirche und versuchte, ihre Berufung unabhängig von dieser zu leben? Ihr Glauben und ihr Kirchenverständnis hinderten sie daran.9
Die Kirche als mystischer Leib
1943 erschien die Enzyklika von Pius XII. Mystici Corporis.10 Sie stellt eine der letzten großen Verlautbarungen des Lehramts zur Ekklesiologie vor dem Zweiten Vatikanischen Konzil dar und begriff die Kirche gemäß der deuteropaulinischen Tradition als mystischen Leib Christi, in dem der kirchlichen Hierarchie, insbesondere dem Papst, eine übergeordnete Rolle zugemessen wird.11 Laien sind als Teil am Leib lediglich eine „hilfreiche Hand“12 bei der Ausbreitung des Reiches Gottes. Darüber hinaus beschreibt Pius XII. in Anlehnung an die Lehrentwicklung des 19. Jahrhunderts die Kirche nochmals als „vollkommene Gesellschaft“13. Eine solche Kirche, wenngleich der Ausbreitung des Reiches Gottes verpflichtet, findet in der übrigen Gesellschaft nichts, was ihr zuträglich ist. Erstaunlich ist, dass Madeleine Delbrêl, die auf den Straßen der Welt Gott fand, die ihre kommunistischen Freund:innen und Mitbürger:innen aufgrund ihrer positiven Eigenschaften schätzte und von ihnen lernte, sich in ihrem Verständnis der Kirche nicht weit von der Enzyklika entfernt befindet.
Auch Delbrêl verstand die Kirche wesentlich als mystischen Leib Christi und die Hierarchie als das Gehirn.14 Dies erscheint insbesondere mit einer nachkonziliaren Brille sehr abstrus und gerade das Verständnis der Kirche als societas perfecta lässt die Frage aufkommen, warum sie ein Leben außerhalb kirchlicher Milieus suchte. Madeleine Delbrêl, die stets betonte, keine Theologin zu sein, akzentuierte das Bild vom mystischen Leib, indem sie Christus entgegen des deuteropaulinischen und in der Enzyklika verwendeten Bildes nicht als Haupt der Kirche verstand, sondern den gesamten Leib als „christus totus“15, der in der Zeit gegenwärtige und ganze Christus.16 Die Kirche wiederum bildet in diesem Verständnis seinen mystischen Leib, indem jede:r, wie in einem lebendigen Organismus, die entsprechenden Funktionen übernimmt.17 Mithin kann Madeleine Delbrêl eine eigene Berufung aller Getauften und nicht nur der Hierarchie annehmen.18 Die Hierarchie bezeichnet sie als „Gehirn“19, nicht jedoch aufgrund ihrer Autorität, sondern aufgrund ihrer Funktion.20 Die Hierarchie besitzt für Madeleine Delbrêl keine höhere Würde als die anderen Glieder.21 Im Gegenteil betont sie, dass die Hierarchie als Gehirn den Gliedern bedarf, um Sinnesreize zu verarbeiten. Daraus erwächst die Aufgabe der Laien, das in der Welt erfahrene an sie weiterzugeben.22
Gerade dieses organische Verständnis, die Weitergabe der Sinneseindrücke an das Gehirn, das diese wiederum verarbeitet und entsprechend reagiert, erinnert an die Vorstellungen Papst Franziskus‘, womit die berechtigte Frage zu stellen ist, ob die Erfahrungen, die Christ:innen tagtäglich in Begegnung mit der Welt machen schon ausreichend an das Gehirn weitergegeben und von diesem ernsthaft verarbeitet werden.
Jedoch wäre es abwegig, wie mit dem provozierenden Titel intendiert, Madeleine Delbrêl als Vordenkerin von Synodalität zu verstehen, als einer Form von Kirche, die sich im gemeinsamen Unterwegssein sowie aufeinander und auf den Heiligen Geist hörend verwirklicht. Delbrêl ist eine Person ihrer Zeit, die in ihren Paradigmen denkt und sich, meiner Interpretation nach, auch damit abfinden würde, nur ein kleiner Finger am Leib der Kirche zu sein, wenn es dem Willen Gottes entspricht. Und dennoch lebte sie Kirche auf Augenhöhe, fand Gott draußen auf der Straße und sah in ihren kommunistischen Freund:innen und Mitbürger:innen nicht nur hoffnungslos Verirrte. Vielmehr bringt mich dieser Essay zu dem Urteil, das Kirchenbilder nicht von wesentlicher Bedeutung für die Gestaltung eines christlichen Lebens sein müssen. Sie können Orientierung schenken, doch ohne gelebten Glauben und Praxis bleiben sie leer und statisch.
Madeleine Delbrêl beweist, dass sie trotz eines stark vorkonziliar geprägten Kirchenbildes ein ganz eigenes Kirche-sein lebt. Eines, das in der Kirche Christus selbst erkennt, der in der gegenwärtigen Welt durch seine Glieder gegenwärtig und wirksam sein möchte.
Hashtag der Woche: #Kirchenbilder
(Beitragsbild: @Louis moncouyoux via Unsplash)
1 Vgl. Delbrêl, Madeleine (1975) Wir Nachbarn der Kommunisten. Herausgeber: Hans Urs von Balthasar. Einsiedeln: Johannes Verlag. 25. Im Folgenden: NK.
2 Vgl. De Boismarmin, Christine (1986) Madeleine Delbrêl: Ein Leben unter Menschen, die Christus nicht kennen. München: Verlag Neue Stadt. 24.25. Im Folgenden: MD.
3 Vgl. NK. 25.
4 Vgl. MD. 69.
5 Vgl. ebd. 71.
6 Vgl. MD. 154.
7 Vgl. ebd. 95.96.
8 Vgl. ebd.
9 Vgl. NK. 119.
10 Vgl. Boehme, Katja (1997) Gott aussäen: Zur Theologie der weltoffenen Spiritualität bei Madeleine Delbrêl. Würzburg: Echter Verlag. 231.
11 Vgl. Pius XII. (1943) Enzyklika Mystici Corporis. https://www.vatican.va/content/pius-xii/de/encyclicals/documents/hf_p-xii_enc_29061943_mystici-corporis-christi.html abgerufen am 13.03.2026
12 Ebd.
13 Ebd.
14 Vgl. Boehme (1997) 234.
15 NK. 93.
16 Vgl. Boehme (1997) 231.
17 Vgl. ebd. 234.
18 Vgl. ebd.
19 NK. 113.
20 Vgl. ebd.
21 Vgl. Boehme. (1997) 237.
22 Vgl. ebd.