Gerade ist Fasten nahezu überall präsent. Doch während vor allem über westliche Fastentraditionen und Ramadan gesprochen wird, bleiben Traditionen wie die der syrisch-orthodoxen Kirche oft unsichtbar. Sandra Aras fragt: Wer wird mitgedacht, wenn wir von religiöser Vielfalt sprechen?

Es ist 2026 – und überall höre und lese ich es: Fasten ist wieder ein Trend. Unabhängig davon, ob man religiös ist oder sich keiner Religion zugehörig fühlt. Eine Umfrage der Forsa im Auftrag der DAK zeigt, dass 85 Prozent der unter 30-Jährigen bewussten Verzicht auf Genussmittel und Konsumgüter für sinnvoll halten.1 Fasten sei gut für die Gesundheit, es stärke den Geist, helfe dabei, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren. Alles werde einen Gang heruntergeschaltet.

Mehr als Verzicht: Fasten in der syrisch-orthodoxen Tradition

In der syrisch-orthodoxen Tradition ist Fasten mehr als bewusster Verzicht. In der Großen Fastenzeit wird bis heute das Gebet des heiligen Ephrem der Syrer gesprochen:

„Herr und Gebieter meines Lebens, gib mir nicht den Geist des Müßiggangs, des Verzagens, der Herrschsucht und der Geschwätzigkeit. Schenke mir vielmehr den Geist der Keuschheit, der Demut, der Geduld und der Liebe.“2

Fasten bedeutet hier nicht nur, etwas wegzulassen, sondern sich innerlich neu auszurichten.

Fasten verbindet – doch wer wird mitgedacht?

Derzeit ist das Fasten öffentlich besonders präsent. In diesem Jahr fallen die christliche Fastenzeit und der Ramadan nahezu zeitgleich. In den sozialen Medien und der öffentlichen Berichterstattung wird dies als starkes Zeichen für den interreligiösen Dialog gewertet. Gemeinsamkeiten werden betont, Parallelen hervorgehoben. Und das ist gut so: Fasten verbindet. Es öffnet Räume für Gespräche. Es schafft Bewusstsein für das Wesentliche.

Und doch hat mich beim Lesen und Scrollen etwas irritiert: Es geht fast ausschließlich um die sogenannten Großkirchen. Deren Feste werden angekündigt, deren Traditionen erklärt. Kaum Erwähnung finden marginalisierte Gruppen wie etwa die syrisch-orthodoxe Kirche – oder andere orthodoxe Kirchen, die ebenfalls jahrhundertealte Fastentraditionen pflegen.

In der orthodoxen Kirche ist Fasten kein Randthema. Es strukturiert das Kirchenjahr. Gefastet wird nicht nur vor Ostern, sondern regelmäßig mittwochs und freitags, vor großen Festen und auch im Ninive-Fasten, das in der syrisch-orthodoxen Tradition bis heute lebendig ist. Als jemand, die in dieser Praxis aufgewachsen ist, beobachte ich mit viel Interesse, wie das Fasten nun auch in der westlichen Gesellschaft neue Aufmerksamkeit erhält.

Aber Aufmerksamkeit ist offenbar nicht gleichbedeutend mit Sichtbarkeit für alle.

(Un-)Sichtbarkeit des orthodoxen Christentums

Nun könnte man einwenden: Man kann nicht jede Konfession in jedem Beitrag erwähnen. Das stimmt. Doch wenn bestimmte Kirchen regelmäßig nicht mitgedacht werden, entsteht ein Muster. Und dieses Muster betrifft häufig Minderheiten.

Etwa 3,8 Millionen orthodoxe Christ*innen3 leben in Deutschland. Genug, um Kirchen zu füllen, Gemeinden zu prägen und religiöses Leben mitzugestalten. Und doch zu wenig, um im öffentlichen Diskurs selbstverständlich mitzuklingen?

Diese Unsichtbarkeit zeigt sich nicht nur in Social-Media-Posts. Sie zeigt sich auch strukturell. Orthodoxe Theologiestudierende, die in Deutschland Lehramt studieren, erhalten keine reguläre Lehrerlaubnis. In ökumenischen oder kirchlichen Einrichtungen sind Leitungspositionen faktisch oft an bestimmte konfessionelle Zugehörigkeiten gebunden. Berufliche Perspektiven sind nicht selten mit einem Konfessionswechsel verknüpft.

So entsteht eine Situation, in der Menschen, die ohnehin einer Minderheit angehören, zwischen beruflicher Zukunft und konfessioneller Zugehörigkeit abwägen müssen. Und Konfessionen, die in ihrer Existenz ohnehin unter Druck stehen, verlieren weiter Mitglieder.

Meine Erfahrung: Aufwachsen als syrisch-orthodoxe Christin

Ich schreibe das nicht aus theoretischer Distanz. Ich bin als syrisch-orthodoxe Christin in Deutschland aufgewachsen. Heute bin ich katholische Religionslehrerin. Ich bin konvertiert. Als Schülerin musste ich oft erklären, was das orthodoxe Christentum überhaupt ist. Später im Theologiestudium wiederholte sich diese Erfahrung gegenüber Kommiliton*innen, teilweise auch gegenüber Dozent*innen. Nicht selten hatte ich das Gefühl, meine Tradition zunächst legitimieren zu müssen, bevor ich inhaltlich mitdiskutieren konnte.

Heute unterrichte ich viele Kinder und Jugendliche, die verschiedenen orthodoxen Kirchen angehören – griechisch, serbisch, syrisch oder rumänisch. Und ich erlebe, dass auch sie sich erklären müssen. Dass sie zwar dazugehören, sich aber doch nicht selbstverständlich gemeint fühlen.

Religiöse Vielfalt ernst nehmen

Im aktuellen gesellschaftlichen Diskurs führen wir wichtige Debatten über strukturelle Sensibilität, über Marginalisierung und Minderheitenschutz. Wir bemühen uns, religiöse Vielfalt ernst zu nehmen.

Und dennoch frage ich mich: Wann wird auch die orthodoxe Kirche selbstverständlicher Teil dieser Gespräche? Wann wird sie nicht nur als kulturelle oder gar “exotische“ Besonderheit wahrgenommen, sondern als gleichberechtigte kirchliche Stimme?

Was wünsche ich mir?

Ich wünsche mir ganz klar, dass Minderheiten im öffentlichen Diskurs selbstverständlich mitgedacht werden. Dass Beiträge über das Fasten nicht nur die bekannten Mehrheitskirchen berücksichtigen. Dass Sichtbarkeit nicht vom Zufall abhängt. Manchmal würde vielleicht tatsächlich ein zusätzlicher „Slide“ reichen – nicht als symbolische Geste, sondern als Zeichen dafür, dass die religiöse Landschaft vielfältiger ist, als es auf den ersten Blick scheint.

Fasten bedeutet, den Blick zu schärfen. Vielleicht ist diese Zeit auch eine Einladung, genauer hinzusehen: Wer wird selbstverständlich erwähnt und wer bleibt unerwähnt? Für Minderheiten ist Sichtbarkeit keine Nebensache. Sie entscheidet darüber, ob Zugehörigkeit nur behauptet oder tatsächlich gelebt wird.

Hashtag der Woche: #Sichtbarkeit


(Beitragsbild: @Ratapan Anantawat via Unsplash)

1 https://www.zeit.de/news/2026-02/15/umfrage-mehrheit-der-jungen-menschen-findet-fasten-sinnvoll, zuletzt aufgerufen am 18.02.26.

2 https://dom-hl-michael.de/fastenzeit/#:~:text=Herr%20und%20Gebieter%20meines%20Lebens%2C%20Gib%20mir,zu%20sehen%20und%20meinen%20Bruder%20nicht%20zu, zuletzt aufgerufen am 18.02.26.

3 https://www.pro-medienmagazin.de/stetiger-anstieg-orthodoxer-christen-in-deutschland/, zuletzt aufgerufen am 03.03.26. Die Zahl wurde von der EKD statistisch erhoben und steigt stetig an.

sandra aras

ist katholische Religionslehrerin für die Sekundarstufen I und II. Sie studierte Katholische Theologie in Paderborn und arbeitete am Lehrstuhl für Kirchengeschichte. In ihren Abschlussarbeiten befasste sie sich mit dem syrisch-orthodoxen Christentum, insbesondere mit feministischen Perspektiven innerhalb der syrischen Theologie. Ihr Interesse gilt Fragen religiöser Identität und kirchlicher Sichtbarkeit in einer pluralen Gesellschaft.

2 Replies to “Fasten verbindet – doch wer wird mitgedacht?

  1. Vielen Dank für den wertvollen Beitrag! Ich freue mich, wenn marginalisierte Perspektiven in der Theologie mehr Gehör finden. Insbesondere wenn sie doch für die historischen Anfänge des Christentums so eine entscheidende Rolle spielen. Wie können wir sie heute so einfach vergessen und das Christentum ausschließlich westlich denken?

  2. Danke für diesen Beitrag. Als in meiner Grundschulklasse die Religionszugehörigkeit abgefragt wurde, um den Religionsunterricht zu organisieren, war eine griechisch-orthodoxe Mitschülerin dabei. Vorher hatte ich noch nichts von orthodoxen Christen gehört, aber bei uns war selbst Katholiken eine kleine Minderheit.

    Erst viel später habe ich gelernt, dass die orthodoxe(n) Kirche(n) nichts Exotisches ist bzw. sind, sondern genauso alt und ehrwürdig wie die katholische Kirche und im Osten der Standard. Aber dafür muss man sich damit beschäftigen. Aufgedrängt wird es einem nicht, obwohl die Amtskirchen in Deutschland eigentlich den Anspruch haben, Minderheiten zu unterstützen.

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