Zum 30. Todestag von Hans Blumenberg blickt David Bayer auf einen Philosophen, der die Theologie bis heute herausfordert. Eine provozierende Erkundung zwischen menschlicher Selbstbehauptung und Gottestod.

Erste biographische Notizen

Der Name Hans Blumenberg steht zweifelsohne für einen der bedeutendsten deutschen Philosophen des 20. Jahrhunderts. Geboren am 13. Juli 1920 in Lübeck, wuchs er in einer Zeit tiefgreifender Umbrüche auf. Katholisch sozialisiert entscheidet sich Blumenberg nach seinem Abitur 1939 für ein Theologiestudium. Aufgrund seiner jüdischen Herkunft mütterlicherseits war Blumenberg während des Nationalsozialismus massiven Repressionen ausgesetzt: er musste sein Studium abbrechen, wurde zum Arbeitsdienst gezwungen und sich zeitweise sogar verstecken – die akademische Karriere schien beendet. Er überlebte den Krieg und nahm nach 1945 sein Studium wieder auf. Allerdings studierte er fortan Philosophie, Germanistik und Klassische Philologie in Hamburg. 1947 wurde er schließlich an der Universität Kiel zum Doktor der Philosophie promoviert und habilitierte sich drei Jahre später. 1958 erfolgte dann der Ruf als Professor an die Universität Gießen. Nach einer weiteren Professur in Bochum wechselte er 1970 nach Münster und wurde dort 1985 emeritiert. Blumenberg starb schließlich am 28. März 1996 im Münsterland. Sein 30. Todestag ist deshalb eine gute Gelegenheit, auch aus theologischer Perspektive auf das Werk eines der bedeutendsten Philosophen des letzten Jahrhunderts zurückzublicken.

Möglicherweise hat Blumenberg zudem die gewichtigsten Provokationen gesetzt, denen sich die Theologie ausgesetzt sehen sollte.

Von Metaphern, Himmelskörpern und dem Menschen: Blumenbergs Themenspektrum

Das Themenspektrum von Blumenbergs Philosophie ist gewaltig und äußerst komplex.1 Seine Dissertation (1947) verfasste er über die mittelalterliche Ontologie, in seiner Habilitation (1950) setzte er sich mit Husserl und Heidegger auseinander. Bald darauf folgten Publikationen zu Funktionen von Metaphern, Untersuchungen zu Kopernikus, der Kosmologie, der Genese der Neuzeit und Beiträge zur Anthropologie. Eines seiner bedeutendsten Werke ist Die Legitimität der Neuzeit (1966). Hier setzt sich Blumenberg mit dem vielfach diskutierten Begriff ‚Säkularisierung‘ auseinander und beschreibt die Neuzeit als eigenständige Epoche der Selbstbehauptung des Menschen gegen niemand geringeren als Gott. Er schreibt dazu: „Der in der Verborgenheit Gottes seiner metaphysischen Garantien für die Welt beraubte Mensch konstituiert sich eine Gegenwelt von elementarer Rationalität und Verfügbarkeit“2. Damit weist er eine Kontinuität zwischen der Theologie des Mittelalters und der Neuzeit zurück und betont die Eigenständigkeit und Unabhängigkeit der Neuzeit, die gerade keine Transformation religiöser Begriffe in einen säkularen Kontext ist. Die Neuzeit beginnt mit dem rationalen Menschen und seinem „Selbstbewusstsein von seinen theologischen Voraussetzungen“3, das zu Kants „transzendentale[r] Selbstkritik der Vernunft“4 führt. Blumenbergs Ausführungen sind in der Philosophie zahlreich diskutiert und rezipiert worden. Blickt man jedoch in die theologische Fachwelt, so findet sich eine deutlich geringere Anzahl an Publikationen, die sich systematisch mit Blumenbergs Texten auseinandersetzen. Verwunderlich erscheint diese Tatsache vor allem bezogen auf die Matthäuspassion (1988). Denn: Blumenberg hat in seinem Spätwerk den Gottesbegriff verabschiedet – die Frage lautet dann: sollte Blumenberg richtig liegen, wäre dies damit nicht der endgültige Tod Gottes?

Anders gefragt: Wie kann die Theologie angesichts Blumenbergs scharfer Kritik überhaupt noch an einem Gott festhalten, von dem sie nicht weiß, ob dieser überhaupt existiert?

Vom gescheiterten Gott: Blumenbergs Destruktion der Theologie

Dass Blumenberg den Gottesbegriff in seinem Spätwerk derartig drastisch verabschieden wird, lässt sich aus seinen frühen Publikationen noch nicht so stark erkennen. Es sei nochmals daran erinnert, dass er tief religiös verwurzelt und katholisch sozialisiert war. Zudem kennt Blumenberg durch sein Theologiestudium die katholische Dogmatik sehr gut. In seinem frühen Kant-Aufsatz5 denkt Blumenberg, ausgehend von Kants praktischer Philosophie, über Gott und seine mögliche Wiederkehr angesichts von Nietzsches Proklamation des Gottestodes nach. Unter dem sichtlichen Einfluss seiner Habilitationsschrift spricht er sogar von der „Krise der Neuzeit“. Ein Gott, der sich der Welt zuwendet, ist philosophisch damit keineswegs ausgeschlossen. Diese Haltung Blumenbergs wird sich aber radikal ändern. Im Ausgang von seiner Beschäftigung mit der Neuzeit als eigenständige Epoche der Selbstbehauptung gegen Gott wandelt sich Blumenbergs Umgang mit dem Gottesbegriff. Dies kulminiert in seiner Matthäuspassion (1988). Blumenberg untersucht darin im engen Dialog mit Nietzsche, welche Bedeutung die Passion für nicht-christliche Hörer:innen noch haben kann. Dabei kommt er zum Entschluss, dass Gott durch seinen Tod am Kreuz in der Welt gescheitert ist. In der Gestalt des Menschensohnes hat sich Gott selbst verlassen. Gott entpuppt sich dabei als anthropologische Projektion.

Der Tod am Kreuz ist für Blumenberg kein notwendiges Sühneopfer, wie es die Theologie behauptet hat, sondern die bittere Realität einer Welt, in der die Allmacht scheitert, weil sie nicht existiert.

Gott hat sich, so Blumenberg, nicht für den Menschen geopfert, sondern musste von diesem geopfert werden, um sich selbst in der Welt zu behaupten. Gott musste somit rechtmäßig sterben, weil er allein mit seiner Allmacht für das Leid in der Welt verantwortlich ist. Blumenberg stellt deshalb aus einer nach-christlichen Perspektive fest: „Dieser Gott des Gekreuzigten ist es, den es nicht geben darf.“6 Damit verabschiedet Blumenberg den Gottesbegriff endgültig. Bemerkenswert ist, dass er die Theologie dabei von innen heraus dekonstruiert. Er zeigt in intensiven dogmengeschichtlichen Auseinandersetzungen, insbesondere mit der Erbsünde, dass die theologischen Argumente diesbezüglich in sich widersprüchlich sind. Für ihn ist klar: Es ist nicht auf die Erbsünde zurückzuführen, dass der Mensch sterblich ist, sondern Gott allein ist dafür verantwortlich. Das gesamte ‚klassische‘ dogmatische Gerüst aus Schöpfungstheologie, Soteriologie, Gnadenlehre und Eschatologie bricht in sich zusammen. Für nach-christliche Hörer:innen der Matthäuspassion gibt es keinen Gott mehr – es bleibt allein der Mensch, der sich selbst in der Welt behaupten muss. Nietzsche würde zustimmen: Gott ist tot!

Blumenbergs bleibende Provokationen

Blumenberg stellte schon zu Lebzeiten fest, was auch 30 Jahre nach seinem Tod noch gilt: „‚Welt‘ ist keine Konstante“7. Sofern dies auch auf theologisches Nachdenken zutrifft, wird ein produktiver Freiheitsraum eröffnet, der sich auf das autonome Denken verpflichtet.

Blumenberg ist und bleibt eine Herausforderung und durchaus auch eine theologische Provokation, die weder ignoriert werden kann noch ignoriert werden darf.

Am Ende hat es für Blumenberg keinen Gott mehr gegeben – er musste am Kreuz notwendig scheitern. Wer trotz dessen an einer möglichen Existenz Gottes und dessen Menschwerdung festhalten will, ist nun gezwungen, philosophisch vernünftige Gründe vorlegen zu müssen, ohne sich hinter dogmatischen Konstanten verstecken zu können, die Blumenberg in der Matthäuspassion schon längst von innen heraus aufgelöst hat. Das ist auch 30 Jahre nach seinem Tod Blumenbergs bleibendes Vermächtnis.

Hashtag der Woche: #Vermächtnis


(Beitragsbild: @olezhanjudivia via Unsplash)

1 Vgl. zur Einführung: Wetz, Franz Josef, Hans Blumenberg zur Einführung. 5. vollst. überarb. Aufl. Hamburg 2020.
2 Blumenberg, Hans, Die Legitimität der Neuzeit. Frankfurt 1966, 197 [Kursivierung; D.B.].
3 Blumenberg, Hans, Die kopernikanische Wende. Frankfurt 1965, 128.
4 Blumenberg, Hans, Säkularisierung und Selbstbehauptung. Frankfurt 1974, 251.
5 Vgl. Blumenberg, Hans, Kant und die Frage nach dem „gnädigen Gott“ (Studium generale Jg. 7 Heft 9, 1954), 554-570.
6 Blumenberg, Hans, Matthäuspassion. Frankfurt 1988, 70.
7 Blumenberg, Hans, Säkularisierung und Selbstbehauptung. Frankfurt 1974, 15.

david bayer

David Bayer studiert katholische Theologie und Latein an der Universität Freiburg und arbeitet als studentischer Mitarbeiter am Lehrstuhl für Fundamentaltheologie und Philosophische Anthropologie.

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