Die feministischen Kämpfe gegen das Patriarchat werden von rechten Influencern, die eine autoritäre Männerpolitik propagieren, in den Sozialen Medien korrumpiert. Ansätze einer progressiven Männerarbeit versuchen dem ein reflektiertes Männlichkeitsbild entgegenzustellen. Benedikt Rediker stellt uns diese näher vor.

Manchmal genügt ein einfacher Blick in die Statistik: Circa 75 Prozent aller Fälle von häuslicher Gewalt wird von Männern begangen.1 Männer verantworten etwa 80 bis 90 Prozent der sexuellen Gewalt an Kinder und Jugendlichen.2 Rund 80 Prozent der gerichtlich verurteilten Personen in Deutschland sind Männer.3 Männer verursachen doppelt so viele Unfälle wie Frauen.4 Sie gehen wesentlich seltener zu Ärzt*innen5 und begehen etwa dreimal so oft Suizid.6 Die Auflistung ließe sich beliebig verlängern und sie lässt eigentlich nur einen Schluss zu: Das Patriarchat, die jahrhunderteprägende Vorstellung einer auf männlicher Dominanz und Souveränität beruhenden Weltordnung, hat ausgedient. Es unterdrückt, macht krank, verletzt und tötet. Darunter leiden vor allem Frauen und TIN*-Personen7.

Aber auch Männer würden gesünder, länger und vermutlich auch glücklicher leben, wenn man sich endlich von dieser Ideologie verabschieden würde. Und doch spricht weltpolitisch derzeit wenig dafür, dass das Patriarchat dem Untergang geweiht ist.

Im Gegenteil: Das weltweite Erstarken reaktionärer, autoritärer Strömungen geht Hand in Hand mit einer patriarchal geprägten Vorstellung von Männlichkeit. Alpha-Männer wie Donald Trump und Wladimir Putin dominieren die Weltpolitik und in der sogenannten Mannosphäre8 tummeln sich maskulinistische Hassprediger, die verunsicherte Männer zum Kampf gegen Feminismen, Frauen und TIN*-Personen aufrufen. Um es mit den Worten der Journalistin Susanne Kaiser zu sagen: „Der autoritäre Backlash“, der allerorts zu beobachten ist, „ist männlich“9.

Anti-Feminismus und Misogynie in der Mannosphäre 

Die Gründe für diesen Backlash sind komplex und nicht leicht auf einen Nenner zu bringen. Deutlich wird jedoch: Die oftmals diagnostizierte „Krise des Mannes“ ist ein zutiefst schillernder Begriff, der in unserer Gesellschaft diametral entgegengesetzte Deutungen erfährt: Während die feministische Kritik die Ursache des Problems in der patriarchalen Struktur unserer Gesellschaft ausmacht und demnach für eine Überwindung des Patriarchats kämpft, deuten die Prediger der Mannosphäre die „Krise des Mannes“ primär als Konsequenz einer als illegitim abgelehnten Zunahme weiblicher Machtansprüche.10 Aus ihrer Sicht ist es gerade der Feminismus bzw. die durch feministische Kritik mitbeförderte Zunahme weiblicher Einflussnahme auf gesellschaftspolitischer Ebene, die dem Mann sein von Natur aus gegebenes Recht auf Dominanz und Herrschaft genommen und ihn deshalb in eine tiefe Krise gestürzt habe. Der derart in seiner Identität gekränkte Mann muss deshalb, so die Idee, mit Hilfe einer grotesken Ermächtigungs-Strategie zum Kampf gegen den Feminismus ermutigt werden. Ziel ist es, seine wahre männliche Identität zurückzuerlangen. Und diese beruht zu einem wesentlichen Teil auf der Beherrschung von Frauen. Anti-Feminismus, Misogynie und Sexismus sind das fatale Ergebnis dieser Strategie.

Progressive Männerarbeit: Eine Antwort auf den autoritären Maskulinismus!?

Was lässt sich diesen Entwicklungen entgegensetzen?

Offensichtlich ist, dass feministische Kämpfe gegen das Patriarchat nicht ohne die Beteiligung von Männern gelingen können. Und zwar von Männern, die dem autoritären Maskulinismus ein anderes, reflektiertes Verständnis von Männlichkeit entgegensetzen.

Einen Weg in diese Richtung gehen Initiativen, die ich im Folgenden unter dem Begriff der progressiven Männerarbeit11 zusammenfassen möchte. Unter diesem Begriff lassen sich verschiedene Initiativen und Angebote im Bereich der Männer-, Jungen- und Väterarbeit subsumieren, wie sie z. B. unter dem Dachverband Bundesforum Männer12 oder männer.ch13 vereint sind. Im fundamentalen Gegensatz zu den maskulinistischen Angeboten aus der Mannosphäre gehen die hier versammelten Ansätze davon aus, dass Geschlechternormen sozial konstruiert und somit wandel- und veränderbar sind. Mit dem Feminismus teilen sie zudem die Überzeugung, dass nur mit der Überwindung des Patriarchats eine umfassende Geschlechtergerechtigkeit für alle Geschlechter realisiert werden kann. Das übergeordnete Ziel einer Geschlechtergerechtigkeit für alle impliziert dabei sowohl den männlichen Einsatz für Frauen- und TIN*-Personenrechte als auch die Benennung und konstruktive Bearbeitung spezifisch männlicher Anliegen und Verletzungen.14

Männerarbeit zwischen Depowerment und Empowerment

Um das Anliegen einer Geschlechtergerechtigkeit für alle zu erfüllen, versuchen Ansätze progressiver Männerarbeit Männer dafür zu gewinnen, den Kampf gegen das Patriarchat aus einer spezifisch männlichen Perspektive aufzunehmen. Dies setzt ein genau auszutarierendes Verhältnis von Empowerment und Depowerment voraus.

Ein Depowerment ist unumgänglich, da ohne die Abgabe und Begrenzung männlicher Macht und Privilegien das Patriarchat nicht überwunden werden kann.

Aus diesem Grund wird das geschlechterpolitische Grundanliegen progressiver Männerarbeit in der Forschung auch als eine „Politik der Deprivilegierung“15 beschrieben. Ein derartiges Depowerment sollte allerdings durch eine spezifische Form des Empowerments ergänzt werden. Das mag zunächst verwundern. Sollte der Begriff des Empowerments nicht vielmehr Frauen, TIN*-Personen und anderen unterprivilegierten Gesellschaftsgruppen vorbehalten sein? In der Tat müssen hier zwei verschiedene Sinndimensionen des Empowerment-Begriffs unterschieden werden:16 Bei Frauen und TIN*-Personen zielt der Begriff zunächst einmal auf eine politisch motivierte Ermächtigungsstrategie. Es geht um den Kampf für Frauen- und TIN*-Personenrechte, den Einsatz für höhere politische Mitbestimmung und gesellschaftliche Gleichstellung sowie das Sichtbarmachen von geschlechtsspezifischen Diskriminierungserfahrungen. In dieser politischen Sinndimension lässt sich der Begriff in nur sehr begrenztem Maße auf die Situation von Männern anwenden. Denn Männer sind in höchstem Maß gesellschaftlich privilegiert und machen nur in äußerst seltenen Fällen Diskriminierungserfahrungen aufgrund ihres Geschlechts. Allerdings besitzt der Empowerment-Begriff neben seiner politischen auch eine psychosoziale Sinndimension. Er beschreibt hier die persönliche Ermächtigung zu einer selbstverantwortlichen Lebens- und Alltagsgestaltung. In dieser Hinsicht ist für alle Geschlechter von Bedeutung und gerade für die Männerarbeit von großer Relevanz: Denn die kritische Reflexion und Abgabe von Privilegien, die von Männern im Rahmen der Männerarbeit erwartet wird, stellt einen herausfordernden, mitunter schmerzhaften persönlichen Prozess dar, der einer sorgsamen Begleitung bedarf. Darüber hinaus gilt es zu berücksichtigen, dass bestimmte Rollenbilder patriarchaler Männlichkeit auch Männer zumindest teilweise unter Druck setzen können. Eine ermutigende Unterstützung von außen kann betroffenen Männern helfen, in einen kritisch-konstruktiven Umgang mit diesen Anforderungen zu treten.

Begrenzen, Unterstützen, Öffnen: Die drei Modi der progressiven Männerarbeit

Um eine ausgewogene Verhältnisbestimmung von Depowerment und Empowerment in der Männerarbeit zu gewährleisten, lassen sich mit Markus Theunert und Matthias Luterbach drei wechselseitig aufeinander bezogene Formen der Hilfestellung unterscheiden:  Begrenzen, Unterstützen und Öffnen.17 Das Begrenzen zielt primär auf die Depowerment-Dimension. Hier geht es darum, herauszuarbeiten, wo Männer von Privilegien zehren, die ihnen oftmals gar nicht bewusst sind, und wo sie – ob gewollt oder nicht – die Grenzen anderer überschreiten. Zu fragen wäre hier z. B.: Wo hat man dir in letzter Zeit einmal ungefragt Kompetenz unterstellt, nur weil du ein Mann bist? Gab es Situationen, in denen du deine Emotionen nicht im Griff hattest? Wo du die Grenzen anderer verletzt hast? Wo hast du eventuell Frauen belehrt, anstatt ihnen zuzuhören? Wo hast du dich in der letzten Zeit aktiv, sei es privat oder politisch, für mehr Gleichstellung eingesetzt? Im Gegensatz zum Begrenzen betont das Unterstützen stärker, wo Männer durch patriarchale Rollenbilder vor persönliche Herausforderungen gestellt werden können. Zu fragen wäre hier z. B.: Macht es dir manchmal Druck, dass viele von dir beruflichen Erfolg erwarten? Hast du gelegentlich das Gefühl, dass du keine Schwächen zeigen darfst und dass du alles mit dir selber ausmachen solltest? Fühlst du dich manchmal einsam, weil du dich nicht traust, dich anderen emotional zu öffnen? Das Öffnen zielt dann schließlich auf das letzte, transformative Ziel der Männerarbeit ab. Wenn ich eingesehen habe, dass die patriarchalen Normen schädlich für mich und meine Umwelt sind, wie möchte ich mich dann als Mann verstehen? Oftmals werden hier alternative Konzepte von Männlichkeit ins Feld geführt, wie das der fürsorgenden Männlichkeit (Caring Masculinities). Bei diesem Konzept geht es nicht nur um eine höhere Beteiligung von Männern an klassischer Care-Arbeit, sondern ganz grundsätzlich um das Erlernen einer inneren Haltung der Fürsorglichkeit, die der patriarchalen Vorstellung männlicher Dominanz entgegengestellt wird.18 Zugleich gilt es im Blick zu behalten, dass auch ein derartiges Konzept deutungsoffen ist und nur eines von vielen möglichen Konzepten einer nachhaltigen Männlichkeit darstellt.

Eine möglichst große Vielfalt an konkreten Angeboten

Bei den obigen Punkten handelt es sich natürlich nur um einen formalen Orientierungsrahmen. Er muss durch konkrete Projekte gefüllt und stets neu in der Praxis bewährt werden. Dies kann durch eine Vielzahl verschiedener Angebote und Initiativen geschehen: Zu nennen sind hier zum einen spezifisch auf Männer ausgerichtete Beratungsangebote, wie sie z. B. im Beratungsnetzwerk „Echte Männer reden“19 etabliert wurden.

Darüber hinaus bedarf es einer reflektierten Jungenarbeit an Kindergärten und Schulen, um Jungen und junge Männer frühzeitig in einen konstruktiv-kritischen Reflexionsprozess über die patriarchalen Gesellschaftsstrukturen zu versetzen, durch die sie als Jungen und Männer unausweichlich geprägt werden.

Auch der Aufbau einer breitangelegten Väterarbeit stellt einen wichtigen Baustein dar. Und natürlich geht es einer progressiven Männerarbeit auch darum, Männer dazu aufzufordern, sich aktiv am politischen Kampf für die Gleichstellung aller Geschlechter zu beteiligen. Bei allen Angeboten bedarf es eines stetigen Austausches mit den neuesten Forschungsergebnissen der Gender Studies und hier insbesondere den (Kritischen) Männlichkeitsstudien.

Progressive Männerarbeit im Patriarchat: Chancen und bleibende Spannungen

Die oben genannten Angebote können ein erster Schritt sein, auch Männer durch professionelle Begleitung für das Ziel einer universalen Geschlechtergerechtigkeit zu sensibilisieren. Die größte Herausforderung besteht jedoch darin, dass Theorie und Wirklichkeit, wie so oft, nicht deckungsgleich sind. Denn der angezielte Prozess einer Öffnung auf neue, nachhaltigere Männlichkeitskonzepte muss in einer Gesellschaft angestoßen werden, die nun einmal nach wie vor durch patriarchale Normen geprägt ist. Diese Ungleichzeitigkeit wird zwangsläufig zu Spannungen führen und alle Geschlechter vor erhebliche Herausforderungen stellen. Und dennoch: Es ist lohnend und bitter nötig, diesen Weg zu gehen. Auch dann, wenn er viel Geduld und einen langen Atem braucht.

Hashtag der Woche: #progressiveMännerarbeit


(Beitragsbild: @gayatrimalhotra)

1 https://www.frauenhauskoordinierung.de/aktuelles/detail/zahlen-haeusliche-gewalt-2024

2 https://www.aufarbeitungskommission.de/service-presse/service/glossar/taeter-und-taeterinnen/

3 https://de.statista.com/statistik/daten/studie/1068769/umfrage/rechtskraeftig-verurteilte-personen-in-deutschland-nach-geschlecht/

4 https://www.momentum-institut.at/news/unfaelle-maenner-verursachen-doppelt-so-viele-wie-frauen/

5 https://www.aerzteblatt.de/news/maenner-druecken-sich-haeufiger-vor-arztbesuch-f410327e-7f4c-4e47-bd46-92bd615c8067

6 https://www.destatis.de/DE/Themen/Gesellschaft-Umwelt/Gesundheit/Todesursachen/Tabellen/suizide.html

7 Sowohl die entsprechenden Statistiken als auch ein Großteil des Diskurses zur hier behandelten Frage setzen eine binäre Geschlechterordnung (Frau – Mann; weiblich – männlich) voraus. Um die Diskurse richtig zu rekonstruieren, lässt sich auch in diesem Artikel diese binäre Struktur nicht immer ganz vermeiden. Wo es möglich ist, werde ich diese Binarität jedoch zu durchbrechen versuchen und darauf aufmerksam machen, dass männliche Gewalt und Unterdrückung eben nicht nur Frauen, sondern auch TIN*-Personen trifft und auch der feministische Einsatz für Gleichstellung neben Frauenrechten auch Rechte für TIN*Personen umfassen muss.

8 https://www.dissens.de/projekte/aktuelle-projekte/extrem-rechte-maennlichkeitsangebote-und-die-mannosphaere

9 Susanne Kaiser, Politische Männlichkeit. Wie Incels, Fundamentalisten und Autoritäre für das Patriarchat mobilmachen, Berlin 2020, 237.

10 Vgl. zum Folgenden auch Kaiser, Politische Männlichkeit, 34–52.

11 Vgl. zum Begriff Markus Theunert/Matthias Luterbach, Mann sein …!? Geschlechterreflektiert mit Jungen, Männern und Vätern arbeiten. Ein Orientierungsrahmen für Fachleute, Weinheim 2021, 94–96. Die hier beschriebenen Ansätze werden darüber hinaus auch noch unter dem Begriff der „geschlechterreflektierten Männerarbeit“ und dem der „gleichstellungsorientierten Männerarbeit“ subsumiert.

12 https://bundesforum-maenner.de/

13 https://www.maenner.ch/

14 Vgl. hierzu das Konzept dreifacher Anwaltschaft progressiver Männerarbeit bei Theunert/Luterbach, Mann sein …!?, 95f.

15 Mara Kastein, Gleichstellungsorientierte Männerpolitik als Politik der Deprivilegierung. In: Sylka Scholz/Andreas Heilmann (Hg.), Caring Masculinities? Männlichkeiten in der Transformation kapitalistischer Wachstumsgesellschaften, München 2019, 159–172, hier: 165.

16 Vgl. für die folgende Differenzierung des Empowerment-Begriffs Norbert Herriger, Empowerment in der Sozialen Arbeit. Eine Einführung, 5., erweiterte und aktualisierte Auflage, Stuttgart 2014, 13–52.

17] Vgl. im Folgenden Theunert/Luterbach, Mann sein…!?, 100-121. Bei Theunert und Luterbach wird zuerst das Unterstützen und dann das Begrenzen erörtert. Ich habe diese Reihenfolge abgeändert, um den Depowerment-Aspekt stärker zu betonen. Allerdings muss mit Theunert und Luterbach betont werden, dass alle drei Schritte ohnehin als gleichzeitig zu vollziehende Momente zu verstehen sind.

18 Vgl. hierzu den Überblick, aber auch die Kritik am Konzept der Caring Masculinities in Sylka Scholz, Männlichkeitsforschung, Bielefeld 2025, 75–79.

19 https://echte-maenner-reden.de/

dr. benedikt rediker

nach dem Studium der Kath. Theologie, Philosophie und Anglistik in Freiburg und London hat er viele Jahre als Wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Systematischen Theologie an den Uni-versitäten Freiburg und Köln gearbeitet. Seit 2025 ist er Stellvertretender Referatsleiter des Referats Frauen – Männer – Gender der Erzdiözese Freiburg und hier u. a. für die Männerar-beit der Erzdiözese verantwortlich.

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