Am vergangenen Wochenende ging in Stuttgart die sechste Synodalversammlung der römisch-katholischen Kirche in Deutschland zu Ende. Viola Kohlberger ermöglicht y-nachten.de eine Rückschau mit Blick auf die Frage, warum Kirche kein Schutzraum ist.
Gut sechs Jahre sind seit dem Start des Synodalen Weges vergangen – Zeit für eine Rückschau. Hier soll es um das allgemeine Engagement von den jungen Synodalen unter 35 Jahren gehen, nicht um die inhaltlichen Diskussionen und Beschlüsse auf dem Synodalen Weg oder deren Umsetzung in denen einzelnen Bistümern. Dazu wurde an anderer Stelle schon viel geschrieben.
Ich hatte mich im Herbst 2019 beim Bund der Deutschen Katholischen Jugend (BDKJ) beworben und wurde gemeinsam mit 14 anderen ausgewählt, die Perspektive junger Menschen mit in den Prozess einzubringen. Kurze Zeit später, im Januar 2020, fuhr ich zur ersten Synodalversammlung nach Frankfurt. Ich kannte kaum jemanden, hatte keine Ahnung was auf mich zukommt. In der Ausschreibung des BDKJ war als Voraussetzung gestanden, man solle sich bewusst sein, dass man als Mitglied der Synodalversammlung automatisch in der Öffentlichkeit stehen würde und die vier Versammlungstermine bis Ende 2021 (dem ursprünglichen Prozessende) blocken. Ich hatte beides maßlos unterschätzt, sowohl den zeitlichen Einsatz als auch den Bekanntheitsgrad, den ich während des Synodalen Weges erreichen sollte.
Mit großer Dankbarkeit blicke ich zurück auf die Begegnungen, die ich mit Menschen innerhalb und außerhalb der Synodalversammlung hatte. Daraus sind teilweise echte Freund*innenschaften erwachsen, gerade mit einigen der Jungen Synodalen.
Manchmal benennen wir das, was wir gemeinsam auf dem Synodalen Weg erlebt haben, manchmal sogar als „trauma bonding“. Wir haben zusammen gelitten, unseren Schmerz geteilt und den der anderen so gut es möglich war mitgetragen. Wir alle haben unfassbar viel Energie, Zeit und Gedanken in diesen Prozess gesteckt und uns dabei verletzlich gemacht. Einige von uns wurden auf diesem Weg verletzt und die Wunden sind noch längst nicht alle verheilt. Manche heilen vielleicht nie mehr.
Wir haben uns dafür eingesetzt, dass sich die Strukturen der römisch-katholischen Kirche ändern und die kirchlichen Räume dadurch zu safer spaces werden können. Maßgeblich geprägt wurde unser Handeln durch die Ergebnisse der MHG-Studie und die in ihr benannten Risikofaktoren für Machtmissbrauch: Intransparenz, Abhängigkeiten, Frauen- und Queerfeindlichkeit, Klerikalismus. Diese Faktoren wollten wir minimieren und gleichzeitig kamen die meisten davon auch auf den Synodalversammlungen zum Vorschein. Obwohl klar war, dass marginalisierte Menschen und Betroffene von Machtmissbrauch bei den Treffen des Synodalen Weges anwesend sein würden, hatten die Verantwortlichen weder ein Schutzkonzept noch unabhängige Ansprechpersonen oder ausgewiesene Rückzugsräume bereit gestellt.
Rückblickend habe ich mir oft die Frage gestellt, wie wir jungen Menschen besser hätten geschützt werden können auf diesem Weg. Die vielbeschworene Augenhöhe unter den Synodalen ist Augenwischerei, weil dadurch zum Beispiel das strukturelle Ungleichgewicht untereinander verschleiert wird.
Gerade wer Theologie studiert oder sich darin promoviert, sitzt wahrscheinlich mit seinen aktuellen oder zukünftigen Chef*innen oder Betreuer*innen in einem Raum und soll gleichberechtigt mit ihnen diskutieren und zusammenarbeiten. Ein paar der Nachwuchswissenschaftler*innen beim Synodalen Weg enthielten sich als Schutz für ihre Uni-Karriere beispielsweise bei den namentlichen Abstimmungen und achteten sehr genau auf den Wortlaut ihrer Beiträge.
Mir persönlich war immer bewusst, dass meine Äußerungen in der Versammlung, Interviews für Zeitungen oder Fernsehen, Positionierungen in den Sozialen Medien oder öffentliche Auseinandersetzung mit Bischöfen gegen mich verwendet werden können. Und letzten Endes passierte genau das ein Jahr nach der 5. Synodalversammlung – als Diözesanbischöfe, die mich persönlich nicht oder kaum kannten, über meine Kandidatur als geistliche Bundesleitung bei der Deutschen Pfadfinder*innenschaft St. Georg (DPSG) entschieden. Die Mehrheit von ihnen stimmte gegen mich, nachdem ich ein langes Bewerbungsgespräch mit dem Kontaktbischof der DPSG, Michael Gerber, geführt und sämtliche Bewerbungsunterlagen inklusive zahlreicher angeforderter Empfehlungsschreiben vorgelegt hatte. Offiziell gibt es bis heute keine Begründung für die Ablehnung und das willkürliche Verhalten der Bischöfe.
Ein Raum, in dem wir jungen Synodalen uns freier und selbstverständlicher bewegen und äußern konnten, waren die Sozialen Medien. Insbesondere Instagram verschaffte uns eine enorme Freiheit,
gerade weil wir im Gegensatz zu den Bischöfen ohne Medienteam und Pressesprecher*innen unterwegs waren und einfach die Inhalte teilen konnten, auf die wir Lust hatten. Teilweise waren wir aber auch erheblichem Hate ausgesetzt. Der BDKJ Bundesverband unterstützte uns im Umgang dabei, indem er z.B. eine Online-Schulung zu diesem Thema für uns organisierte. Im Januar 2021 hatten wir den Account @jung_synodal ins Leben gerufen und bespielten ihn vor allem rund um die Synodalversammlungen mit einem kleinen Redaktionsteam. Damit waren wir die erste Gruppe von Synodalen (nach dem @synofant), die einen Instagram-Account aufbauten, noch bevor es einen offiziellen Account gab. Letzterer war trotz hauptamtlicher Zuständigkeit kleiner als @jung_synodal und wurde aus finanziellen Gründen nach der 5. Synodalversammlung inaktiv gestellt. Mit über 4.500 Follower*innen (Stand Januar 2026) haben wir etwas mehr als die Hälfte der Follower der DBK und konnten mit unseren Reels, Posts und Stories allein in der letzten Woche etwa 17.500 Konten erreichen und wurden knapp 110.000-mal aufgerufen. Das ist viel für einen katholisch-kirchenpolitischen Account und zeugt für das große Interesse, das dem Synodalen Weg und dem Engagement für Reformen in der römisch-katholischen Kirche in Deutschland immer noch entgegengebracht wird.
Diese Vernetzung mit vielen Interessierten in den Sozialen Medien, mit anderen Synodalen bei den Versammlungen, mit den begleitenden Reformgruppen sowie mit den Teilnehmenden der zahlreichen Veranstaltungen, bei denen ich und die anderen Jungen Synodalen Vorträge und Workshops halten durften, bildete ein trag- und belastungsfähiges Fundament. Dieses half uns dabei, in den vergangenen sechs Jahren so viel Herzblut zu investieren, in einen Weg und eine Struktur, die sich kaum bis gar nicht bewegen lassen will. Aber eines können wir mit Stolz behaupten: Wir haben es versucht. Wir haben investiert, was wir konnten – oft über unsere Belastungsgrenzen hinaus. Wer jetzt noch weitermachen will, wird unterstützt. Aber für die meisten von uns, und auch für mich, ist es jetzt an der Zeit, den in der letzten Synodalversammlung vielbeschworenen Staffelstab weiterzugeben.
#SynodalerWeg
Beitragsbild: Synodaler Weg / Marko Orlovic
Frau Kohlberger, Ihren Bericht habe ich mit Interesse gelesen. Ich danke Ihnen für Ihre Arbeit, ebenso dass Sie ausgehalten haben bis zum Schluss. Ich habe auf INSTAGERAMM Ihren angegebenen Account aufgemacht. Ihre Kolleginnen und Kollegen haben eine Kirche beschrieben, wie ich sie mir auch träume. Aufgefallen ist mir dabei, dass jemand, die oder der erzählt hat, was sie oder er von der Kirche erwarten, im Vordergrund sass der Erzbischof von Berlin, der seinen Blick in eine völlig andere Richtung gewendet hat. Ob bewusst oder unbewusst – ein Bild mit einer Aussagekraft, das – leider – deutlich Ihre Äusserungen beschreiben.
Ihnen alles Gute. Mit einem Gruss vom Bodensee.
Erich Häring