In der Jugendkirche JONA erleben Jugendliche Kirche anders: offen, kreativ und nah an ihrem Leben. Im Interview erzählt Leiterin Julia Koik, wie im Schülercafé, bei Projekttagen oder ungewöhnlichen Gottesdiensten Räume entstehen, in denen junge Menschen Gemeinschaft, Orientierung und Spiritualität entdecken können. Ein Gespräch über Vertrauen, neue Formen von Glauben und die Frage, wie Jugendarbeit die Kirche verändern kann.

Zum Hintergrund

Julia Koik ist Sozialpädagogin und leitet die katholische Jugendkirche JONA in Frankfurt am Main gemeinsam mit Pfarrer Werner Otto, der JONA vor über 20 Jahren gegründet hat. Die Jugendkirche bietet ein breites Spektrum an Angeboten. Dazu gehören das Schülercafé ORCA, das sich direkt vor der Kirche befindet sowie die schulnahe Jugendarbeit mit Projekttagen für Schulklassen, Tagen der Orientierung und Klassengemeinschaftsseminaren. Weitere Schwerpunkte sind Freizeiten, Workshops, spirituelle und kirchenraumpädagogische Veranstaltungen sowie Jugendgottesdienste. JONA unterstützt zudem die Frankfurter Pfarreien in ihrer Arbeit. Die Angebote richten sich an Jugendliche ab 14 Jahren unabhängig von ihrer Konfession. Die Jugendkirche schafft Räume, in denen Jugendliche ihre Persönlichkeit entwickeln können, Gemeinschaft erleben, sich sozial engagieren und Erfahrungen mit Spiritualität und Glaube machen können.

Die Jugendkirche JONA gilt als ein Ort, an dem junge Menschen Kirche anders erleben können. Was macht aus Deiner Sicht die besondere Atmosphäre und Ausrichtung von JONA aus?

Ich würde sagen:

JONA ist sehr persönlich. Bei JONA macht Kirche Spaß.

JONA bringt die Jugendlichen in ihrem Leben weiter.

JONA entspannt. Und JONA überrascht.

Was meinst du damit konkret?

Sehr persönlich sind wir im Schülercafé ORCA für die jungen Leute da. Wir möchten, dass sie sich bei uns gut aufgehoben und willkommen fühlen – jede und jeder ist bei uns willkommen. Das Schülercafé ist unser niedrigschwelliges Angebot. Viele Jugendliche, die vorbeikommen, wissen zunächst gar nicht, dass es sich um ein kirchliches Angebot handelt. Wir sind für die jungen Menschen da, ohne uns aufzudrängen und bieten einen modernen, gemütlichen Ort, wo man mit Freunden oder allein Pause machen, auftanken kann und immer jemanden aus dem Team mit offenem Ohr findet.

Einige Jugendliche nennen das Café sogar ihr „zweites Zuhause“.

Überraschend sind wir, wenn wir Kirche ein frisches Gesicht geben. Ein Beispiel ist unsere Projektwoche „Glück haben – glücklich sein!?“ im Kirchenraum, zu dem wir Schulklassen eingeladen haben. Die Jugendlichen staunten nicht schlecht, als sie in die Kirche kamen und dort den Kirchenraum als ein großes Casino entdeckten – Kronleuchter und eine Bar mit Drinks inklusive. An verschiedenen Stationen konnten sie sich spielerisch mit dem Thema Glück auseinandersetzen und dabei eigene Erfahrungen reflektieren. Unsere Angebote haben oft etwas Lockeres, Spielerisches aber zugleich auch echten Tiefgang.

Und ich sagte ja, wir bringen jeden einzelnen ganz persönlich weiter. Das passiert besonders bei den Tagen der Orientierung. Hier bringen die Jugendlichen ihre eigenen Themen mit, die sie beschäftigen und dürfen selbst auswählen, mit welcher Methode sie sich mit dem Thema auseinandersetzen wollen. Wir schauen genau auf die Lebenswelt der Jugendlichen und auf das, was sie beschäftigt. Mancher mag sich zum Beispiel innerhalb einer Gesprächsrunde zu den Themen austauschen – eine andere kreativ eine Collage gestalten. Wir hören zu, fragen nach und möchten, dass die Jugendlichen für sich selbst und ihr Leben neue Impulse und etwas Bereicherndes mitnehmen. Das funktioniert mit einer guten Beziehungsarbeit und in einer offenen Atmosphäre.

Auch unsere Jugendgottesdienste greifen die Lebenswelt der Jugendlichen auf. Der nächste Gottesdienst ist in Planung und wird ein Experiment sein: Elektrobeats und eine anschließende Party erwarten die jungen Besucher*innen. Zu Gast wird an dem Abend ein DJ sein, der auflegt. Gut besucht sind aber auch unsere Taizé-Gottesdienste, die eher einen meditativen Charakter haben. Das Bedürfnis nach Ruhe und Entspannung im stressigen Schulalltag ist auf jeden Fall auch da.

Welche Themen und Fragen bringen junge Menschen aktuell mit, wenn sie zu JONA kommen – und was sagt das über ihr Verhältnis zu Kirche und Glauben?

Themen, die bei Projekttagen oder Tagen der Orientierung immer wieder gefragt sind, betreffen den eigenen Lebensweg, Werte, Zukunft und Ziele. Auch zwischenmenschliche Fragen stehen im Mittelpunkt:

Wie gestalte ich Beziehungen, Freundschaften oder löse Konflikte? Immer öfter beschäftigen Jugendliche auch Fragen zur psychischen Gesundheit. Für diese Themen brauchen sie einen vertrauensvollen Rahmen, in dem sie sich öffnen und austauschen können.

Viele Jugendliche sind neugierig auf Glauben und Spiritualität. „Bei JONA kann ich einfach ausprobieren, was Glaube für mich bedeutet“, höre ich oft. Dazu fällt mir unser Projekt „Experiment Beten“ ein. Hier können die Jugendlichen verschiedene Formen des Gebets kennenlernen. Im Kirchenraum findet man beispielsweise ein großes, begehbares Labyrinth. Dort kann man mit langsamen Schritten den Weg gehen, dabei einen meditativen Text lesen und bestenfalls nicht nur zur Mitte des Labyrinths, sondern auch zur eigenen Mitte kommen. Dann gibt es noch die Möglichkeit, mal den Rosenkranz zu beten, ein eigenes Gebet zu schreiben und das symbolisch in den Himmel zu schicken und vieles mehr. Wir gehen anfangs mit den Jugendlichen ins Gespräch und fragen sie, welche Erfahrungen sie bereits mit dem Beten gemacht haben – ob sie vielleicht auch schon mal einen „heiligen, ganz besonderen Moment“ erlebt haben. Die Erfahrungen sind immer ganz unterschiedlich, aber die Offenheit gegenüber dem Ausprobieren ist groß. Häufig bleibt es beim einmaligen Kontakt mit JONA im Rahmen eines Schulprojekts – selten kommt jemand später zu einem Jugendgottesdienst oder so. Es sei denn, es gab vorher schon Berührungspunkte mit dem Thema durch die eigene Sozialisation – die Jugendlichen hatten zum Beispiel über ihre Familie schon positive Erlebnisse mit Kirche. Dann erleben sie Jugendkirche als einen neuen, für sie ansprechenden Ort, und kommen manchmal wieder.

Inwiefern verändert Jugendarbeit auch die Kirche selbst?

Jugendarbeit bringt frische Perspektiven, kreative Ideen und neue Formate. Ich merke, wie sie mich selbst auch manchmal herausfordert: Welche Sprache und Themen passen? Welche Formate erreichen Jugendliche? Wie kann man Kirche und Glaube gut an den jungen Menschen bringen? Es macht mir super viel Spaß mit dem Team aus Hauptamtlichen und unseren Ehrenamtlichen Neues zu gestalten, zu experimentieren und Jugendliche manchmal zu hören, die sagen: „Boah, so cool kann Kirche sein?!“ Dann bin ich immer etwas stolz auf unsere Arbeit. Und ich bin stolz, wenn wir Anfragen von Besuchergruppen bekommen, die JONA und unsere Arbeit kennenlernen möchten. Ab und zu sind das auch Kolleginnen und Kollegen, die in einer anderen Stadt arbeiten und sich von uns inspirieren lassen wollen.

Ich finde, dass Kirche wirklich offen sein sollte für die Menschen – so, wie sie sind, und für das, was sie bewegt.

Dieses freundliche, lebensbejahende, aber auch unaufdringliche Willkommen sein macht es auch aus. Was das angeht, kann Jugendarbeit wirklich oft Vorbild sein und Kirche verändern.

Welche Rolle spielen Beteiligung und Mitbestimmung junger Menschen im Konzept von JONA?

Wir wollen junge Menschen bei JONA so viel wie möglich miteinbeziehen und an Planungen und Durchführung von Projekten und Aktionen beteiligen. Auch um die Vision der Jugendkirche weiterzuentwickeln ist es von großem Vorteil, wenn die direkte Perspektive und der Blick der Zielgruppe miteinfließt. Wir haben das Glück, dass wir zwei Stellen für ein Freiwilliges Soziales Jahr anbieten können und dadurch immer zwei junge Erwachsene im Team haben, die die Arbeit im hauptamtlichen Team mitgestalten. Dazu hat JONA eine „Community“ aus über zwanzig aktiven Ehrenamtlichen – im Alter zwischen 18 und Ü30 – die uns in der Arbeit unterstützen und auch Impulse geben. Und im Schülercafé ORCA gibt es Schüler*innen einer benachbarten Schule, die durch das Unterrichtsfach Verantwortung im Schülercafé für eine gewisse Zeit mitarbeiten. Wir sind also im Arbeitsalltag eng verzahnt mit der Zielgruppe. Da findet Mitbestimmung sozusagen ganz nebenbei statt.

Natürlich ist Mitbestimmung auch eine Frage von Kapazitäten – sie erfordert Zeit und Begleitung. In den ersten Jahren des Bestehens der Jugendkirche haben wir große Projekte über Wochen intensiv mit Jugendlichen zusammen geplant und durchgeführt. Die haben viel und gerne ihre Freizeit reingesteckt. Das ist so schon lange nicht mehr möglich. Die Jugendlichen haben in ihrer Freizeit durch Lernen und andere Aktivitäten mehr als früher zu tun. Im Rahmen eines Unterrichtsprojekts geht das aber.

Viele junge Menschen stehen der Katholischen Kirche kritisch oder distanziert gegenüber. Wie gehst Du mit dieser Spannung um?

Ein Vorteil unserer Angebote ist, dass manche Jugendlichen erst im Nachhinein erfahren, dass JONA zur katholischen Kirche gehört. Sie kommen unvoreingenommen und sind oft überrascht, dass es hier anders ist, als sie Kirche bisher erlebt haben. Es ist nicht selten, dass wir zum Beispiel auch Schulleitungen und Lehrer*innen erklären müssen, dass unsere Angebote wirklich offen für alle sind, Glaube ein Thema sein kann aber nicht muss und wir nicht das Ziel haben, junge Menschen zu bekehren.

 Wenn Du an die Zukunft von Kirche denkst – was kann JONA anbieten?

Wie ich eben schon gesagt habe, können wir bei JONA nie stehen bleiben. Sonst kommen die Jugendlichen nicht mehr. Wir müssen immer mit der Zeit gehen – immer Neues anbieten, um relevant zu bleiben. Wir setzen nicht bei uns an, sondern bei den Jugendlichen, wenn wir ein Angebot planen. Und bleiben dabei den christlichen Werten treu.

Den Kern von Kirche zu bewahren, aber die Sprache und den Habitus der Jetzt-Zeit zu verkörpern – vielleicht kann so JONA etwas beitragen zur Zukunft der Kirche.

Was gibt Dir Hoffnung – und wo siehst Du Herausforderungen?

Eine Herausforderung ist momentan, dass das Bistum in massiven Sparprozessen steckt und wir abwarten müssen, was das für JONA bedeuten wird. Wir könnten unsere Arbeit aufgrund der hohen Nachfrage natürlich noch ausbauen, aber gerade sind viele Fragezeichen im Raum. Um große Zukunftspläne zu schmieden, die mehr Ressourcen als aktuell bräuchten, ist gerade nicht der richtige Zeitpunkt.

Hoffnung geben mir die jungen Menschen selbst: ihre Freude, die Angebote von JONA zu nutzen und sich auf einem Teil ihres Lebensweges von uns begleiten zu lassen. Wir haben ja im letzten Jahr unser 20-jähriges Jubiläum gefeiert und da kamen über hundert Menschen zum Feiern aus nah und fern – um sich wiederzusehen und in Erinnerungen zu schwelgen. Einige davon waren mal als Jugendliche bei uns und sind uns dann als ehrenamtliche Teamer*innen treu geblieben, stehen jetzt mitten im Leben mit Beruf und Familie und sind dankbar für die prägende Zeit bei JONA. Der Kontakt zu JONA ist ihnen immer noch wichtig. Wir haben Stimmen bei den Gästen auf der Feier eingefangen, was die Jugendkirche ganz persönlich für sie ausmacht. Einige haben tolle Freunde gefunden oder sogar die große Liebe. Weitere schöne Zitate sind:

„Ich bin dankbar für die Zeit, in der ich gelernt habe, wie Miteinander funktioniert.“

„Danke für das Selbstbewusstsein, das durch meine ehrenamtliche Tätigkeit bei JONA gestärkt wurde.“ „Danke für erlebte spirituelle Tiefe.“

„Danke für die Begleitung und Orientierung in meinem Leben.“

Wenn ich so etwas höre oder lese, dann gibt mir das sehr viel Hoffnung für alles, was da kommt.

Das Interview führte Lia Alessandro.

Hashtag der Woche: #JONAJugendkirche


(Beitragsbild: @Nicolas Lobos)

 

Jugendkirche JONA

 

One Reply to “Interview mit der Jugendkirche JONA in Frankfurt am Main”

  1. Die Jugend ist die Zukunft. Also ist es wichtig, was wir unseren Jugendlichen vermitteln. Die Ausgestaltung einer technisch dominierten Welt soll kritisch begleitet werden. Jugendliche müssen lernen Hypes von dauerhaften Werten zu unterscheiden. Vorbilder sind selbstverständlich in diesem Zusammenhang wichtig.

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