Orte des Machtmissbrauchs sind zahlreich, wie aktuelle Studien belegen. Dass auch die deutsche Hochschullandschaft dazugehört, wird jedoch noch immer selten thematisiert. Lisa Niendorf widmet sich diesem toten Winkel in „UNIversal gescheitert?“ und zeichnet ein umfassendes Bild. In ihrer Rezension gibt Judith König einen prägnanten Einblick in die zentralen Befunde.
Sind wir als Mitglieder der Hochschulgemeinschaften in Deutschland gescheitert? Vielleicht sogar umfassend und universal?
Lisa Niendorfs Buch ist nichts für schwache Nerven und es ist auch keine Entspannungslektüre – zumindest dann nicht, wenn man selbst Teil des Systems Wissenschaft ist und mit einem möglichst ehrlichen, reflektierten und selbstkritischen Blick auf die Themen Machtmissbrauch, Leistungsdruck und Ausbeutung schauen will, die Niendorf im Untertitel als zentralen Fokus ihres Buches markiert. UNIversal gescheitert? ist ein herausforderndes Buch – und deshalb lesenswert.
Allerdings: First things first. Ich sollte mich vorstellen. Am Anfang dieser Buchbesprechung muss ein kleiner Absatz zu meiner eigenen Position im System Wissenschaft stehen, weil alles andere Niendorfs Buch nicht gerecht würde. Dieser kurze Absatz ist nötig, damit Sie, geschätzte Leser*innen, wissen, aus welcher Perspektive ich schreibe und rezensiere.
Check your privileges…
Ebenso wie Niendorf bin ich Teil des wissenschaftlichen Mittelbaus und arbeite seit mehreren Jahren (in meinem Fall: seit 2017) an einer deutschen Universität. Dazu gehören Forschung, Lehre und akademische Selbstverwaltung. Anders als Niendorf habe ich aber keinen unbefristeten Arbeitsvertrag, sondern stehe in einem befristeten Dienstverhältnis mit dem Freistaat Bayern als akademische Rätin auf Zeit, bin also für einen begrenzten Zeitraum Beamtin. Mein Blick auf die Themen Machtmissbrauch und Hochschule ist außerdem geprägt durch die Mitarbeit im Forschungsprojekt Missbrauchsmuster (www.missbrauchsmuster.de) und mein Amt in der Gleichstellungsarbeit an der Universität Regensburg.
Warum das wichtig ist? Weil „alles […] miteinander verbunden“ ist (19). Schulbildung und Wissenschaftssystem, befristete Arbeitsverträge in der „Quabbelzierungsphase“1(104) und Machtmissbrauch, die eigenen Privilegien und/oder Diskriminierungserfahrungen und die Kultur an deutschen Hochschulen und Universitäten.
Und damit sind wir auch schon mitten im Thema. Niendorfs erklärtes Ziel ist es, „Diskussionen anzustoßen und Räume für Wachstum zu schaffen.“ Sie schreibt: „ich [möchte] meine Sichtbarkeit, meine Reichweite, meinen Mut und meine Wut nutzen, um etwas lesbar zu machen, was zwar viele längst wissen und was doch im Dunkeln bleibt, weil die Angst vor den Konsequenzen größer ist als die Hoffnung auf Veränderung.“ (11–12) Es geht um Hochschule, Macht, Abhängigkeit und Missbrauch.
Räume öffnen statt Türen schließen
Niendorf bespricht diese Themen in einer Sprache, die bewusst einfach ist und möglichst wenige wissenschaftliche Fachbegriffe verwendet. Rahner’sche Schachtelsätze oder Spezialvokabular sucht man vergeblich. Das ist nicht nur eine bewusste politische Entscheidung Niendorfs, sondern größtenteils erfrischend, wenn auch gelegentlich komplexitätsreduzierend (der*die geneigte Leser*in sieht: Niendorfs Sprache habe ich mir nicht ganz zu eigen gemacht…). Immer wieder finden sich zudem kurze abgesetzte Erklärungen, die dort eingefügt werden, wo Fachbegriffe nötig sind. Spannenderweise erklärt Niendorf sowohl Begriffe aus der Wissenschafts-Bubble (z.B. Post-Doc, akademischer Mittelbau oder Nachwuchsgruppenleitung; 93 und 100–102) als auch solche, die für diskriminierungssensible Forschung wichtig sind (z.B. BIPoC, Klassismus, Patriarchat oder Queer; 15, 86, 164, 223–224). Niendorf wird dadurch ihrem eigenen Anspruch gerecht, das Thema Machtmissbrauch im Hochschulsystem durch gut verständliche Sprache möglichst vielen Menschen zugänglich zu machen. Oder wie sie es sagt: „Mit diesem Buch will ich keine Tür zumachen. Ich will Räume öffnen, und ich habe Stühle für alle dabei. Und Kuchen.“ (12)
Ein wilder Ritt
Diesen metaphorischen Kuchen kann man als Leser*in des Buches dann auch brauchen, es folgt nämlich ein wilder – wenn auch gut begleiteter – Ritt durch die Themen deutsches Hochschul- und Universitätssystem, neoliberale Hochschulpolitik, Exzellenzstrategien, Drittmittelwesen, Befristung von Wissenschaftler*innen in der „Qualifikathiongsphase“ (101), (sexualisierter) Machtmissbrauch und struktureller Rassismus an den Hochschulen und Universitäten. Niendorf beschreibt dabei komplexe Sachverhalte stets möglichst einfach, dennoch mit Bezug auf die aktuelle Studienlage. Sie berichtet aus ihrer eigenen Tätigkeit im deutschen Universitätssystem, lässt andere Betroffene zu Wort kommen und nutzt dabei ihre zahlreichen Follower*innen auf Social Media. Und sie beendet jedes Kapitel mit Ideen, Vorschlägen, Ratschlägen und Forderungen, die klar machen, was sich ändern muss und auch, was sich ändern kann.
Denn: „Hochschule und Wissenschaft sind nicht nur Reproduktionsmaschinen des Status quo, sondern auch Möglichkeitsräume. Räume, in denen wir lernen können, uns anders zu begegnen, Verantwortung neu zu verteilen, Wissen anders zu verhandeln – und damit auch andere Zukünfte zu entwickeln.“ (39)
Man merkt bei der Lektüre, dass Lisa Niendorf, die als @FrauForschung unter anderem auf Instagram und TikTok aktiv ist, Wissenschaftskommunikation kann. Jede*r, der*die schon einmal ernsthaft versucht hat, komplexe Themen sinnvoll zu elementarisieren, weiß, wie schwierig das ist.
Unbequem, charmant und humorvoll
Das Spannende an Niendorfs Buch ist dementsprechend nicht eine revolutionäre Erkenntnis oder ganz neue Einsichten (zumindest wohl für diejenigen nicht, die sich mit dem Thema Macht, Missbrauch und Hochschule schon vor der Lektüre beschäftigt haben). Das Spannende ist vielmehr Niendorfs klarer Blick und ihr Talent, auch unbequeme Dinge sprachlich präzise auf den Punkt zu bringen. Nicht mit allen Analysen Niendorfs bin ich einverstanden. Nicht alles, was sie schreibt, lässt sich auf alle wissenschaftlichen Fächer gleichermaßen übertragen. Aber es ist eben auch hilfreich, Unbequemes ins Gesicht gesagt (oder geschrieben) zu bekommen. Vor allem, wenn es so charmant und humorvoll geschrieben wird wie von Lisa Niendorf.
Ein paar Kostproben:
Dieses Buch dreht sich „um das Lern- und Arbeitsumfeld von Millionen von (jungen) Menschen. Dort, wo gelernt, gelehrt, geforscht, diskriminiert und Macht missbraucht wird. Dort wo Wissen produziert, vermittelt, legitimiert, begrenzt und auch ausgeschlossen wird. […] Wo Hoffnung und Ausbeutung dicht beieinanderliegen. Willkommen im Wissenschafts- und Hochschulsystem!“ (9)
„Die Seltenheit meiner unbefristeten Stelle als unpromovierte Frau ist gleichzusetzen mit einem Shiny Glurak. Ihr wisst, was das bedeutet. Für die, die ohne Pokémon aufgewachsen sind: Ich bin eine von drei Prozent.“ (94)
„Falls ihr den Arbeitnehmer:innenschutz und die Fürsorgepflicht der Vorgesetzten gefunden habt, sagt mir bitte Bescheid. Die werden seit einigen Jahren vermisst.“ (109)
Bin ich Teil des Problems oder der Lösung – oder beides?
Ja, das tut weh. Und gerade das letzte Zitat ist ein gutes Beispiel für das, was UNIversal gescheitert? kann: Es benennt systemische Probleme und individuelle Verantwortung gleichermaßen. Denn der obige Satz ist wahr, obwohl es selbstverständlich auch im System Hochschule Vorgesetzte gibt, die mit ihrer Macht verantwortungsvoll umgehen und für die Fürsorgepflicht kein Fremdwort ist.
Die Lektüre von UNIversal gescheitert? regt also an. Sie regt an, weil sie unbequem ist. Immer wieder habe ich mich beim Lesen gefragt: Wo bin in dieser Gemengelage eigentlich ich? Wofür trage ich in dieser Konstellation Verantwortung? Bin ich Teil des Problems oder der Lösung – oder beides? Wie kann ich Sorge dafür tragen, dass meine Universität ein sichererer, diskriminierungsfreierer, diversitätssensiblerer Ort wird, an dem Menschen wertgeschätzt werden und nicht nur ihre Leistungen?
Die Lektüre von UNIversal gescheitert? sei allen empfohlen, die sich diese Fragen ebenfalls stellen wollen. Sie sei allen empfohlen, die zusätzlich viele gute Ideen von vielen klugen Menschen zur Problemlösung im handlichen Taschenbuch-Format schätzen. Und ebenso allen, die sich an der ungewöhnlichen und manchmal durchaus provokanten Darstellungsform Niendorfs reiben möchten – und dadurch in der eigenen Argumentation besser, präziser, genauer werden wollen.
Das Schlusswort sei Lisa Niendorf selbst überlassen. Denn in Bezug auf Machtmissbrauch und Hochschule gilt:
„Beleglage eindeutig. Handlungsempfehlung dringend. Packen wa’s?“ (258)
Hashtag der Woche: #MachtMissbraucht
(Beitragsbild: @Drahomír Hugo Posteby-Mach)
1 Lisa Niendorf schreibt absichtlich – mit Bezug auf Tara-Louise Wittwer – „Qualifikation/Qualifizierung“ (und alle damit verbundenen Adjektive und Verben) genau einmal richtig, und zwar bei der ersten Erwähnung (98). Ziel ist es, darauf hinzuweisen, dass im Kontext Wissenschaft und Machtmissbrauch „Qualifikation“ als beinahe unbegrenztes (Schein-)Argument eingesetzt wird, um Befristungen und starre Hierarchien zu rechtfertigen.
