Wer möchte schon schwach, verletzlich sein? Dieser Frage stand angesichts einer Vielzahl unterschiedlicher Krisen und Herausforderungen sowie dem damit verbundenem Wunsch nach Kontrolle und Stabilität im Mittelpunkt der diesjährigen Österreichischen Pastoraltagung. Die Religionspädagogin und Spoken Word Künstlerin Helene Ziegler gibt Einblick zu den Fragen der Tagung und dem von ihr dafür verfassten lyrischen Mundarttext.

„Haben wir etwas unterlassen?“ Diese Frage stellte eine Teilnehmerin bei der österreichischen Pastoraltagung, die von 08.-10. Jänner in Salzburg stattfand. Die jährliche Tagung stand 2026 unter einem weihnachtlichen Stern, nicht zuletzt wegen dem Datum ihrer Austragung, das liturgisch noch in der Weihnachtszeit lag. Anschluss an das Fest der Geburt Christi bot vor allem das Tagungsthema: „verletzlich – berührbar: Christliche Perspektiven zur Verwundbarkeit“.1 Denn Gott hat sich durch seine Menschwerdung verletzlich und berührbar gemacht.

„Haben wir etwas unterlassen?“ Die Frage schloss an den Vortrag der systematischen Theologin Michaela Quast-Neulinger über Politische Theologie an. In ihrem Vortrag führte sie eine Gegenwartsanalyse mit folgenden Schlagwörter durch: Nationalismus, Technofaschismus, Trump. Die Mächtigen unserer Welt, die sie zusammenfasst als „ideologisch motivierte Autodidakten“. Quast-Neulinger bejahte die Frage nicht, aber betonte, dass wir als Christ*innen nicht in einer Schockstarre verharren dürften und auf eine politische Theologie aufbauen müssten, die Verwundbarkeit als Grundlage von Empathie, Solidarität und demokratischer Verantwortung verstehe. Alles richtig. Dennoch bliebt die Frage und der Impuls zur Antwort im Raum: Ja, wir haben etwas unterlassen. Als Menschen. Als Kirche. Als Christ*innen, die in der Nachfolge des menschgewordenen Gottes zur Nächstenliebe berufen sind. Erst kürzlich feierten wir Weihnachten, das 2025. Jubiläum der Menschwerdung Gottes und dennoch leben Menschen weltweit in Armut, sind von Kriegen und bewaffneten Konflikten betroffen. Einige werden mehr als andere verwundbar gemacht. Das neue Jahr hat kaum begonnen und schon gibt es zwei Femizide innerhalb von zwei Wochen in Österreich, zwei erfrorene Obdachlose in Wien, …the list goes on. Zurück bleibt die Frage wie wir mit der menschlichen Verwundbarkeit und dem christlichen Auftrag, diese zu schützen, umgehen.

Weihnachten als Wundwerdung

Die Frage nach dem Verwundbarwerden Gottes durch seine Menschwerdung an Weihnachten stand im Mittelpunkt meines für die Pastoraltagung verfassten lyrischen Mundartextes. Bezugspunkt dafür stellten die Überlegungen der Fundamentaltheologin Hildegund Keul dar. Die besondere Verbindung des Christentums zur Vulnerabilität, zeige sich besonders in den Festen Weihnachten, Ostern und Pfingsten. Keul beschreibt diese Feste als leidenschaftliche Hingabe und Wagnis der Verwundbarkeit.2 „Mit der Geburt des Kindes in der Krippe geht Gott selbst das Wagnis der Verwundbarkeit ein. In einer gewagten Gabe seiner selbst stellt er sich den körperlichen, sozialen, kulturellen und religiösen Verletzungen des menschlichen Lebens.“3

Ein Gott, der Mensch wird, unterbricht eine Welt der Gewalt, in der Allmacht und Unverwundbarkeit hohe Ideale sind. Keul meint, dass Schutz teilweise nötig sei, in Verwundbarkeit letztlich aber ein Potential liege und eine Macht aus ihr entstehen kann.4

Auf der Tagung sprach der Psychiater und Psychotherapeut Reinhard Haller. Er benannte solche Verwundungen als Kränkungen, Mikrotraumata, die klein sind, aber häufig vorkommen. Wissenschaftlich spielen diese Mikrotraumata laut Haller kaum eine Rolle, obwohl sie eine „psychologische Weltmacht“ seien. Aber Kränkungen könnten, so sie reflektiert werden, zu einem vertieften Selbst- und Weltverständnis führen. Denn uns kränke nur, was einen wahren Kern hat und uns nahe geht.

Ein Höhepunkt christlicher Verwundbarkeit ist wohl Jesu Ausruf am Kreuz „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ (Mk 15,34) Kardinal Timothy Radcliffe, ebenfalls Referent der Tagung, deutete die fehlende Antwort Gottes als seine Nähe: „Der Vater sagt nichts, weil er nahe ist.“

Bevor Ostern werden kann, ist Karfreitag ein notwendiger Zwischenschritt. „Die Lebenskunst der Auferstehung ist nicht zu haben ohne das Ringen mit Kräften, die in den Tod hineinziehen. (…) Sie ist nicht zu haben ohne das Wagnis der Verwundbarkeit, das Jesus Christus eingeht – bis in den Tod am Kreuz.“5, so Keul.

Kunst als Ort der Resonanz

Kunst kann bei Verwundungen helfen und Heilung fördern, wie auch die WHO hervorhebt: „Art can help us to emotionally navigate the journey of battling an illness or injury, to process difficult emotions in times of emergency and challenging events. The creation and enjoyment of the arts helps promote holistic wellness and can be a motivating factor in recovery.“6

Dabei agiert Kunst nicht als Pflaster auf der Wunde, sondern als Resonanzraum. Gerade wenn in Krisensituationen die individuelle Sprachfähigkeit fehlt, kann Kunst in Form von Lyrik helfen. Die Brücke zwischen Kunst und Religion kann an vielen Stellen geschlagen werden, so beschreibt etwa Gerd Theißen solidarische und ästhetische Resonanzerfahrungen als Aspekte religiöser Erfahrung.7

Mein auf der Tagung vorgetragener Text sollte zu konkreten Szenen der Verwundbarkeit einen Resonanzraum eröffnen: die Wunden körperlicher Verletzung, die Wunden des Verletzens anderer, die Wunden des Verletztseins an der Welt und an einem abwesenden Gott.

„Du gehst söwa des ‚Wagnis der Verwundbarkeit‘ ei,
sau leiwand so weit
danke dir, geil!
Damit bringst du theoretisch a Heil
Vo Sünde, Verwundung,
oi dem Scheiß.

Owa de facto?
Wonn fongst du mit deine Wunder o?
Gonz praktisch, real,
Herr Gott, du bist iangwia immer drei Tog zspat!

Steh und schau ku i söwa a
owa Retten mi hoid nid,
in mein Oitiog gspia i nid,
dass dei Bua – sotreologisch – für mi gstoam is.

Es mocht mi nid heil
zu wissen, dass de MACHT des Todes besiegt is
wenn da Tod söwa trotzdem nid dahi is.“8

Brücke zur Praxis

Dass Christ*in-Sein letztlich Handeln erfordert, wurde auf der Tagung durch viele Verbindungen zur Praxis deutlich. Wie geht man pastoral mit Wunden um? Dazu referierten etwa Vertreter*innen der Hosi9 und Regenbogenpastroral, der Notfallseelsorge, der Gefängnisseelsorge, der Männerberatung, aber auch der Stabsstelle für Prävention von Missbrauch und Gewalt. Verwundbarkeit ist aber nicht nur negativ, sondern auch eine Ressource der Menschlichkeit. Dafür muss sie aber sichtbar gemacht werden.

Wundschau – Der ungläubige Thomas

Die Bedeutung von Verwundbarkeit und dem offenlegen unserer Wunden wird nicht zu Letzt durch die Begegnung von Thomas und dem auferstandenen Jesus deutlich: „Wenn ich nicht das Mal der Nägel an seinen Händen sehe und wenn ich meinen Finger nicht in das Mal der Nägel und meine Hand nicht in seine Seite lege, glaube ich nicht.“ (Joh 20,25) – Der „ungläubige“ Thomas will die WUNDEN von Jesus sehen. Nicht die Heilung, nicht die Auferstehung. Die Wunden. Vielleicht geht es manchmal nur darum, dass und ob jemand seine Wunden herzeigt. Vielleicht bringt das Herzeigen von Wunden manchmal schon die (Grab)steine ins Rollen.

Hashtag der Woche: #verwundbarkeit


Beitragsbild: Tagungsprogramm @Helene Ziegler

1 https://www.pastoral.at/sterreichische-pastoraltagung-2026-zum-thema-verwundbarkeit

2 Vgl. Hildegund Keul, Verwundbar sein. Vulnerabilität und die Kostbarkeit des Lebens, Ostfildern 2021, 15.

3 Ebd., 19.

4 Vgl. Ebd., 20.

5 Ebd., 37.

6 https://www.who.int/initiatives/arts-and-health“>https://www.who.int/initiatives/arts-and-health

7 Vgl. Gerd Theißen, Argumente für einen kritischen Glauben. Oder: Was hält der Religionskritik stand?, München31988.

8 Der vollständige Text erscheint im Tagungsband. Folgende Übersetzung des Textausschnitts ins Hochdeutsche stammt ebenfalls von Helene Ziegler: „Du gehst selber das ‚Wagnis der Verwundbarkeit‘ ein, / sehr super so weit / danke dir, geil! // Damit bringst du theoretisch auch Heil / von Sünde, Verwundung, / all dem Scheiß. // Aber de facto? / Wann fängst du mit deinen Wundern an? / Ganz praktisch real, // Herr Gott, du kommst irgendwie immer drei Tage zu spät! // Stehen und Schauen kann ich selber auch / aber retten mich halt nicht / in meinem Alltag spür ich nicht, / dass dein Sohn – soteriologisch – für mich gestorben ist. // Es macht mich nicht heil, / zu wissen, dass die MACHT des Todes besiegt ist, / wenn der Tod selber trotzdem nicht weg ist.“

9 Homosexuele Initiative(n): politische Interessenvertretung von LGBTIQ+-Personen in Österreich

helene ziegler

studierte katholische Religionspädagogik und aktuell den Master Theologische Spezialisierung an der Universität Wien. Sie schreibt Mundartdichtung seit über 10 Jahren und war als Spoken Word Künstlerin auf Bühnen im gesamten deutschsprachigen Raum. Wissenschaftlich befasst sich vor allem mit der Verbindung von Religion und Kunst und der Poesie als theologisches Potential.

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