Sie gehören zum Inventar des kulturellen Gedächtnisses: Meister Eder und der Pumuckl. Patrick Lindermüller macht sich in den neu produzierten Folgen auf die Suche nach theologischen Potenzialen.
Ein Blick in die TV-Programme zeigt, dass die Weihnachtszeit im Fernsehen seit Jahrzehnten von wiederkehrenden Filmklassikern geprägt ist. Formate wie Sissi, Märchenfilme wie Drei Haselnüsse für Aschenbrödel oder große Hollywoodproduktionen gehören fest zur etablierten Feiertagskultur. Seit zwei Jahren ist ein weiteres Format hinzugetreten: neue Folgen des Kinderserienklassikers Pumuckl.
Die Figur geht auf die Autorin Ellis Kaut zurück. Meister Eder und sein Pumuckl erschien zunächst 1962 als Hörspiel und wurde später zu einer Buchreihe ausgearbeitet. Zwischen 1982 und 1988 folgten Verfilmungen, die den Pumuckl nachhaltig im kulturellen Gedächtnis verankerten. Seit Weihnachten 2023 wurden 20 neue Folgen ausgestrahlt.1
In den neuen Produktionen übernimmt Florian Brückner die Rolle des Eder, fiktional als Neffe des ursprünglichen Meister Eder (Gustl Bayrhammer), der die Werkstatt seines Onkels weiterführt. Die Stimme des Pumuckl stammt von Maxi Schafroth (u. a. Nockherberg, extra 3) und wurde mithilfe von KI so bearbeitet, dass sie an die ikonische Stimme von Hans Clarin erinnert. Damit erweist sich das Format erneut als anschlussfähig an Feiertage und familiäre Rezeptionssituationen.2
Pumuckl als Gegenstand der Theologie?
Der theologische Zugang zu Pumuckl eröffnete sich mir allerdings nicht an Weihnachten, sondern durch eine Osterpredigt, deren Gegenstand die Folge Der alte Eder war. In dieser Episode wird Pumuckl bewusst, dass der alte Meister Eder verstorben ist, ohne den Tod jedoch wirklich begreifen zu können. Florian Eder hilft ihm, Trauer und Tod einzuordnen. Gemeinsam verabschieden sie sich ein letztes Mal, allerdings auf die Weise Pumuckls. An diese Erzählung knüpfte die Predigt an. Sie griff Pumuckls Frage auf, ob der Tod denn ein Ende habe, da dieser ja ‚scheußlich langweilig‘ sein müsse. Aus christlicher Perspektive wird diese Frage durch Ostern beantwortet: Das Totsein hat ein Ende.3
Ausgehend davon entstand die Idee, Pumuckl systematisch mit der Theologie ins Gespräch zu bringen. Im Folgenden sollen daher drei Linien herausgearbeitet werden, inwiefern Pumuckl als Figur für Theologie und Ethik fruchtbar ist. Dabei wird deutlich, dass er mehr ist als bloße „klamaukige Kinderunterhaltung“4.
Hermeneutik und Kritik: Ein Antidot gegen blinden Gehorsam
Pumuckl hinterfragt konsequent eine ‚bürgerliche‘ Standardmoral. Er erscheint als widerständige Figur gegenüber Konventionen und konventioneller Moral und insistiert auf dem Warum hinter jeder Normierung und jedem Auftrag.5
Exemplarisch zeigt sich dies in der Folge Pumuckl und die Spinne. In dieser erscheint Eders Jugendliebe Franziska in der Werkstatt. Als Eder sich mit ihr trifft, versucht er, den eifernden Pumuckl mit Schokolade zu besänftigen. Als jedoch eine Spinne auftaucht, gerät Pumuckl in Angst, benötigt Eders Hilfe und durchbricht dabei alle geltenden Konventionen.6
Mit solchem Handeln geht es Pumuckl allerdings nicht um Zerstörung von etwas, sondern um den Widerstand gegen eine Ordnung, deren Sinn allein im Gehorsam besteht: „Jenes bürgerliche Ideal, das Nützlichkeit zur Zierde erhebt und Fleiß zum Schmuck, ist nicht des Kobolds Welt.“7 Entsprechend erklärt sich auch Pumuckls Abneigung gegenüber Heinzelmännchen und Gartenzwergen, die eben diese Werte verkörpern.
An dieser Stelle lässt sich eine Verbindung zu Erich Fromms Konzept des ‚autoritären Gewissens‘ herstellen. Pumuckl verweigert sich dieser Form innerer Unterwerfung. Fromm zufolge bedeutet deren Akzeptanz nicht nur den Verlust eigener Freiheit, sondern begünstigt auch blinde Flecken gegenüber Machtmissbrauch und Unrecht. Sie schafft damit die Voraussetzungen für Unterdrückung und gesellschaftliches Unheil.8
Ethik: Beziehung schafft Wirklichkeit
Pumuckls Sichtbarwerden für ‚beide‘ Eder durch das Klebenbleiben des Kobolds am Leimtopf markiert einen Initialmoment der Beziehungsstiftung – sowohl in der Ursprungsfolge der älteren Episoden als auch in der ersten Folge der neuen Staffel. Diese Sichtbarkeit bleibt bestehen, insofern eine Beziehung besteht.
Damit vermittelt die Serie einen grundlegenden Gedanken: Wirklichkeit konstituiert sich relational. Beziehung wirkt weltkonstituierend und eröffnet ein jeweils neues Verhältnis zur Welt. Was in der Serie narrativ entfaltet wird, gilt auch für die Gott-Mensch-Beziehung, die sich im Glauben manifestiert, ebenso wie für zwischenmenschliche Beziehungen. Diese sind geprägt von beziehungsstiftenden Faktoren wie Respekt, Vertrauen und Fürsorge, können jedoch ebenso von negativen Wirkmächten wie Eifersucht und Manipulation bestimmt sein. Alle sind Beziehungsfunktionen. Erst durch sie entsteht für den Menschen fortwährend sich wandelnde Wirklichkeit.9
Dieser Zusammenhang zeigt sich zum Beispiel in der Folge Pumuckl und das Geräusch. Darin versucht Pumuckl ein rätselhaftes Geräusch im Innenhof aufzuklären, und sperrt sich dabei gemeinsam mit Eder im Heizungskeller ein. Erst durch Eders Zuspruch und das Ermutigen gelingt es Pumuckl, beide aus der Situation zu befreien. Eders Zuspruch verändert Pumuckls Blick auf sich selbst, seine Wirklichkeit seiner selbst – und dadurch auch die gemeinsame Wirklichkeit für beide. Sie kommen wieder frei.10
Religionspädagogik: Narrative Identifikations- und Lernfigur
Pumuckl handelt in kindertypischer Weise: „spontan und impulsiv-emotional, macht Quatsch und stellt Dinge an“11. Im Verlauf der Geschichten wird er jedoch durch Meister Eder geduldig und achtsam sozialisiert. Kinder können diesen Prozess stellvertretend mitvollziehen und – abhängig von Alter und Entwicklungsstand – eigene Positionen entwickeln. Exemplarisch äußert der neunjährige Tom in einer Studienbefragung: „Ich mochte ihn, weil er ein bisschen so wie ich war.“12
Diese Identifikationsmöglichkeit eröffnet vielfältige Kompetenzförderungen. Zunächst werden ethische Kompetenzen angesprochen: Kinder knüpfen an normierte Alltagserfahrungen an, erkennen Grenzüberschreitungen und erleben im Dialog zwischen Pumuckl und Eder ein gemeinsames Austarieren moralischer Fragen. Darüber hinaus werden ästhetische Kompetenzen gefördert. Die Unsichtbarkeit Pumuckls lädt zum Tagträumen ein und regt Fantasie sowie Kreativität an. Besonders relevant ist hierbei die Verbindung von Trickfilm- und Realfilm-Elementen, die den Reiz und die imaginative Offenheit der Pumuckl-Folgen verstärkt. Abschließend werden auch soziale Kompetenzen gestärkt.
Die Beziehung zwischen Eder und Pumuckl fungiert als safe space, innerhalb dessen kindliche Entwicklung möglich wird und der als Schablone für eigene Beziehungserfahrungen dienen kann.13
Exemplarisch verdeutlicht dies die Folge Der verflixte Kaugummi: Das kleine Mädchen Charly beauftragt Eder, auf ihre Puppe aufzupassen. Als Pumuckl allein mit der Puppe Zeit verbringt, kommt es zu einem Missgeschick: Kaugummi verfängt sich im Haar. Der Versuch, das Problem zu vertuschen, verschärft die Situation zunehmend. Schließlich muss Pumuckl erkennen, dass Ehrlichkeit der bessere Weg ist.14
Pumuckl – mehr als Klamauk
Wie sich zeigt, bietet Pumuckl weit mehr als bloßen Klamauk. Er ist in einer Reihe mit Figuren wie Michel aus Lönneberga oder Pippi Langstrumpf zu sehen, die sich durch ihre Kantigkeit, Regelüberschreitungen und Widerständigkeit gegenüber adulten Ordnungen auszeichnen. Gerade diese Eigenschaften eröffnen ein erhebliches ethisches und pädagogisches Potenzial.15
In der Auseinandersetzung mit solchen Figuren können Kinder, Jugendliche wie auch Erwachsene produktiv über Normen, Verantwortung, Schuld und Vergebung ins Gespräch kommen. Die erzählerische Distanz ermöglicht es, moralische Konflikte nicht abstrakt, sondern lebensnah und identifikatorisch zu verhandeln.16
Gerade dies sollte für Ethik und Theologie ein ausdrücklicher Impuls sein, sich solchen Figuren zuzuwenden. Sie bieten die Möglichkeit, als christliche Theolog:innen – durch die Brille der Frohen Botschaft – gemeinsam mit ihnen nach dem Menschsein zu fragen: nach gelingenden Beziehungen und nach dem Umgang mit Fehlern.
Hashtag der Woche: #Klabautertheologie
(Beitragsbild @Martinus KE / Wikimedia Commons)
1 Darüber hinaus eroberte der Kobold im Herbst 2025 auch die Kinoleinwand – sehr sehenswert (Regie: Marcus H. Rosenmüller, Drehbuch: Matthias Pacht und Korbinian Dufter)!
2 Vgl. Wintermayr, Arabella: Lob des Ungehorsams. Neuer Pumuckl-Film (29.10.2025), abgerufen unter: https://taz.de/Neuer-Pumuckl-Film/!6116989/, abgerufen am 21.01.2026, 09.25 Uhr.
3 Vgl. Bolkart, Ludwig: Osterpredigt 2024; vgl. RTL: Neue Geschichten vom Pumuckl, abgerufen unter: https://plus.rtl.de/video-tv/serien/neue-geschichten-vom-pumuckl-895092, abgerufen am 21.01.2026, 09.30 Uhr.
4 Wintermayr, Arabella: Lob des Ungehorsams.
5 Vgl. Wintermayr, Arabella: Lob des Ungehorsams.
6 Vgl. RTL: Neue Geschichten vom Pumuckl.
7 Wintermayr, Arabella: Lob des Ungehorsams.
8 Vgl. Wintermayr, Arabella: Lob des Ungehorsams.
9 Vgl. Holler, Andrea: ‚Da muss ja der Bauch mitdenken, weil im Kopf gar nicht so viel Platz ist‘. Was Pumuckl zum Klassiker macht, in: Televizion (Nr. 28/2), München 2015, S. 84f.
10 Vgl. RTL: Neue Geschichten vom Pumuckl.
11 Holler, Andrea: ‚Da muss ja der Bauch mitdenken, weil im Kopf gar nicht so viel Platz ist‘, S. 83.
12 Holler, Andrea: ‚Da muss ja der Bauch mitdenken, weil im Kopf gar nicht so viel Platz ist‘, S. 83, zum Absatz vgl. S. 84f.
13 Vgl. Holler, Andrea: ‚Da muss ja der Bauch mitdenken, weil im Kopf gar nicht so viel Platz ist‘, S. 81, 83-85.
14 Vgl. RTL: Neue Geschichten vom Pumuckl.
15 Vgl. Wintermayr, Arabella: Lob des Ungehorsams.
16 Vgl. Holler, Andrea: ‚Da muss ja der Bauch mitdenken, weil im Kopf gar nicht so viel Platz ist‘, S. 85.